Wie wird Kindheit aus juristischer Perspektive definiert?
Kindheit wird als Status der Minderjährigkeit definiert.
Sie umfasst konkret die Altersphase zwischen 0 und 14 Jahren.
Zentrale Merkmale sind Unmündigkeit (zivil-/strafrechtlich), Unreife, Schutzbedürftigkeit und Entwicklungsnotwendigkeit.
Sie unterscheidet sich von der Jugend, die ebenfalls minderjährig ist, aber erweiterte Rechte hat.
Was kennzeichnet die anthropologisch-phänomenologische Perspektive (nach
Langeveld)?
Sie verzichtet auf Entwicklungsmodelle oder Stufeneinteilungen.
Stattdessen werden Ausdrucksformen von Kindern beobachtet, dokumentiert und interpretiert.
Beispiel: Interpretation von Fantasiegeschichten als Wahrnehmungsverarbeitung.
Vorteil: Geeignet für Kleinkindalter, wo Interviews methodisch begrenzt sind.
Was ist der Kern und die Kritik der entwicklungspsychologischen Perspektive?
Kern: Kindheit wird als Entwicklungsphase im Lebenslauf betrachtet. Fokus liegt auf psychologischen/neurologischen Spezifika (Wahrnehmung, Denken, Motorik).
Kritik/Grenze: Die rein biologisch-anthropologische Perspektive der Lebensstufen ist in ihrer Erklärungskraft eingeschränkt.
Neuere Entwicklung: „Entwicklungspsychologie der Lebensspanne" betrachtet Entwicklung als lebenslangen Prozess, nicht auf Kindheit beschränkt.
Wie definiert die sozialwissenschaftliche Perspektive Kindheit (Andresen & Diehm)?
Kinder werden als eigene soziale Gruppe betrachtet.
Kindheit ist eine „Lebenslage" mit dem „Sozialstatus Kind".
Fokus liegt auf gesellschaftlichen Bedingungen (Wirtschaft, Politik, Kultur), die die Vorstellung von Kindheit prägen.
10 Thesen zur Konzeptualisierung von Kindheit nach Datta (2003).
Kindheit als Lebensphase: Abgrenzbare Altersspanne.
Produkt der bürgerlichen Familie: Entstand im 18. Jh, mit dem Aufstieg der Kleinfamilie.
Globales Phänomen: Gibt es überall, unabhängig von kulturellen Definitionen.
Kindheit als Albtraum: Historisch oft verbunden mit Ausbeutung und Gewalt.
Kindheit als Klassen Kindheit: niedriger, Sozialstatus zu gesprochen bis zur Zeit der Industrialisierung.
Soziales Konstrukt: Produkt moderner Gesellschaften; dient der Unterscheidung zur „Erwachsenheit". (Weitere: Klassenkindheit, Verfalls-/Fortschrittsgeschichte, Institutionalisierte Kindheit, Verschwindende Kindheit, Kindheit in der Globalisierung)
Kindheit als Verfalls und Fortschrittsgeschichte: Geschichte der Kindheit lässt sich in verschiedenen Phasen gliedern. aus wissenschaftlicher oder alltagstheoretischer Perspektive
Institutionalisierte Kindheit: nicht erwachsen sein durch Implementierung verschiedener Einrichtungen institutionalisiert.
Verschwindende Kindheit: Kindheit verschwindet zunehmend gleiche Zugangsmöglichkeiten zu Ressourcen (Medien und Informationen)
Kindheit in der Globalisierung: Verschärfung, sozialer Ungleichheit und Spaltung. Zunehmende Angleichung der Lebenslage des Verhaltens der Bildung und des Konsumsvon Reichen und armen.
Wie lautet die umfassende Definition von Kindheit nach Liegle?
Kindheit ist ein komplexes Phänomen, bestimmt durch:
Biologische Dispositionen/Entwicklungsverläufe.
Selbst organisierte Lernprozesse.
Soziale Erfahrungen mit der Umwelt.
Gesellschaftliche/kulturelle Erwartungen.
Kernmerkmal: Die unauflösbare Ambivalenz (Spannung) zwischen Autonomie und Zugehörigkeit.
Was meint Philippe Ariès mit der „Entdeckung der Kindheit"?
Antwort: Ariès stellte fest, dass es Kindheit als eigenständigen Lebensabschnitt im Mittelalter nicht gab.
Das Bewusstsein für die Besonderheiten dieser Lebensphase und der soziale Status "Kind" entstanden erst in der Neuzeit (ca. ab 1500).
Wie sah Kindheit im Mittelalter aus?
Kein Schutz-/Fürsorgestatus (außer Säuglinge).
Frühe Übernahme von Erwachsenenaufgaben (Arbeit).
Züchtigung zu Gehorsam, kaum emotionale Bindung oder pädagogische Förderung.
Zusammenleben in Wirtschaftsgemeinschaften statt emotionalen Kleinfamilien.
Welchen Einfluss hatte die Industrialisierung (19. Jh.) auf die Kindheit?
Schule: Institutionalisierung der Kindheit; Schule als separierter Lebensbereich zur Vorbereitung auf die Industriegesellschaft.
Bürgerliche Kleinfamilie: Entstehung der Familie als Ort emotionaler Bindung (statt nur Zweckgemeinschaft).
Wandel des Bildes: Kind nicht mehr nur Arbeitskraft, sondern schutzbedürftiges, liebenswertes Individuum.
Was versteht man unter der „Pädagogisierung" oder „Scholarisierung" der Kindheit?
Antwort: Die zunehmende Bedeutung von Erziehung und Schulbildung bis ins 20. Jahrhundert.
Verbunden mit der „Ent-Ökonomisierung": Bildungserwerb ersetzt Erziehung zur Arbeit.
Wichtiges Werk: Ellen Key „Das Jahrhundert des Kindes" (1902).
Wie veränderte sich die Kindheit im Nationalsozialismus?
Idealisierung der bürgerlichen Familie (Mutter = Fürsorge, Vater = Ernährer).
Instrumentalisierung durch den Staat (HJ, BDM), Verbot nicht-staatlicher Organisationen.
Einschränkung von Schutzrechten (z. B. Erwachsenenstrafrecht für Kinder).
Verlust des Status als „Schutz- und Schonraum".
Welche aktuellen Tendenzen der Kindheit gibt es seit Ende des 20. Jahrhunderts?
Reflexive Modernisierung: Hinterfragen und Anpassen pädagogischer Konzepte.
Nivellierung/Homogenisierung: Kindheiten werden ähnlicher (Schule, Medien, Konsum) über Schichtgrenzen hinweg.
Begriffe: „Airbag-Kindheit". „Konsumkindheit", „Mediatisierung".
Verrechtlichung: Stärkung der Kinderrechte (UN-Kinderrechtskonvention 1989), Fokus auf Mitbestimmung.
Warum entstand die „Soziologie der Kindheit"?
Sie entstand in Wiederspruch zu traditionellen Kinderwissenschaften (Entwicklungspsychologie), die das Kind oft nur als „werdenden Erwachsenen" sahen.
Ziel war ein Paradigmenwechsel: Kindheit als gesellschaftlich produziertes Phänomen zu verstehen.
Abkehr von der bloßen Betrachtung als „Schutzraum" hin zum Kind als sozialer Akteur.
Wie grenzt sich die Kindheitssoziologie von der klassischen Sozialisationsforschung ab?
Die Sozialisationsforschung fokussierte auf die Integration in die Gesellschaft und das „Werden" (Zukunft).
Die Kindheitssoziologie untersucht das „Sein" (Kindheit im Hier und Jetzt) und Kindheit als veränderbares Phänomen in Beziehung zu sozialen Verhältnissen.
Welche Impulse förderten die Entwicklung der Kindheitssoziologie?
Philippe Ariès („Kindheit als Produkt der Moderne").
Frauenforschung (Kritik an Herrschaftsverhältnissen).
Demokratisierungs- und antiautoritäre Bewegungen (Kinder als Subjekte).
Hinterfragen von Machtverhältnissen zwischen den Generationen,
Welche Forschungsmethoden und -schwerpunkte nutzt die Kindheitssoziologie?
Vorrangig ethnografische/beobachtende Forschung.
Fokus auf autonome Bestrebungen von Kindern, ihre Lebenswelt zu gestalten (Agency).
Themen: Generationenverhältnisse, Peer Groups, Medien, soziale Handlungslogiken.
Was unterscheidet den konstruktivistischen vom sozialstrukturellen Ansatz in der Kindheitssoziologie?
Konstruktivistisch: Kindheit ist nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert.
Sozialstrukturell: Fokus auf soziale Strukturen (Institutionen, Recht, Ökonomie), in die Kindheit eingebettet ist.
Beide betrachten das Generationenverhältnis als zentral.
Was ist ein Kritikpunkt an der Kindheitssoziologie?
Konstruktivistische Ansätze würden die materiellen und leiblichen Dimensionen des Aufwachsens (den Körper, biologische Reifung) nicht angemessen berücksichtigen.
Wie wird „Kindheitspädagogik" definiert und womit befasst sie sich?
Sie ist eine Teildisziplin der Erziehungswissenschaft.
Sie befasst sich mit Entwicklungs-, Erziehungs-, Sozialisations- und Bildungsprozessen in der Kindheit.
Sie umfasst Theorie und Empirie des erzieherischen Handelns, der Entwicklung und der (Selbst-)Bildung junger Kinder.
Sie ist nicht auf eine spezifische Einrichtungsart beschränkt, sondern umfasst alle Felder, in denen erzieherisches Handeln mit Kindern stattfindet.
Welche Altersspanne und welche Bereiche umfasst die Kindheitspädagogik im weiterei und engeren Sinn?
Umfassend: Von der Geburt bis zum Alter von zehn Jahren (Frühe Hilfen bis Grundschulalter).
Aktueller Fokus: Lebensspanne von der Geburt bis zum Eintritt in die Grundschule.
Verwandte Begriffe: Elementarpädagogik, Vorschulpädagogik, Early Childhood Education.
Wie wird der Begriff „Entwicklung" in der Kindheitspädagogik definiert?
Prozesse, durch die Kinder physische, kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten entfalten.
Beeinflusst durch genetische Anlagen, Umweltbedingungen und die Qualität der Betreuung.
Kinder lernen dabei durch Interaktion mit der Umwelt und Unterstützung durch Erwachsene.
Was versteht man unter dem Begriff „Betreuung" (Definition nach Helm/Schwertfeger)?
Betreuung umfasst die Sicherstellung des physischen Wohlbefindens sowie die Förderung der emotionalen und sozialen Entwicklunly.
Sie beinhaltet die Versorgung der Grundbedürfnisse und die Unterstützung der individuellen Entwicklung und sozialen Integration.
Wie wird „Erziehung* nach Sünkel definiert (bipolares Verständnis)?
Als eine bipolare Tätigkeit im Rahmen von Beziehungen, bestehend aus:
Vermittelnder Tätigkeit: Das intentionale (zielgerichtete) oder funktionale (unbeabsichtigte) Einwirken der Erziehenden.
Aneignender Tätigkeit: Die Aktivitäten des Lernens und der Selbstbildung durch das Kind
Was ist der Unterschied zwischen „intentionaler" und „funktionaler" Erziehung?
Intentionale Erziehung: Zielorientiertes, absichtsvolles Handeln.
Funktionale Erziehung: Spontanes, nicht-absichtsvoll erzieherisch wirkendes Verhalten oder Einflüsse durch arrangierte Umwelten (indirekte Erziehung)
Wie wird „Bildung" im Kontext der Kindheitspädagogik definiert (Fokus Humboldt/Liegle)?
Bildung ist „Selbstbildung": Eine aneignende Tätigkeit des Subjekts.
Das Subjekt setzt sich in ein Verhältnis zur Welt (Dinge, Personen) und zu sich selbst.
Besonders in frühen Jahren ein Produkt der Eigenaktivität (Wahrnehmung, Spiel, Erkundung).
Wie wird „Lernen" definiert und welche Wissensarten werden unterschieden?
Definition: Selektive Verarbeitung von Informationen und Erfahrungen, die an bereits Gelerntes anknüpft (Regelhaftigkeit).
Deklaratives Wissen: Faktenwissen, Begrifflichkeiten (sprachlich wiedergebbar).
Prozedurales Wissen: Handlungswissen, Wissen über Abläufe und Anwendungen
Was ist der „Situationsansatz" und was ist sein Hauptziel?
Ursprung: 1970er Jahre, Jürgen Zimmer (DJI).
Kern: Orientierung an der Lebenswelt der Kinder. Kinder sollen ihre aktuelle Lebenssituation verstehen und selbstbestimmt gestalten.
Ziel: Autonomie, Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein entwickeln. •
Lernen: Durch aktive Teilhabe am realen Leben („Lernen in Situationen")
Nenne die 5 zentralen Bereiche/Säulen des Situationsansatzes (nach Braches-Chyrek).
Lebensweltorientierung
Bildung
Partizipation
Gleichheit und Anerkennung von Verschiedenheit
Einheit von Inhalt und Form.
Was sind die Kernmerkmale der „Reggio-Pädagogik*?
Begründer: Loris Malaguzzi.
Bild vom Kind: „Das Kind hat hundert Sprachen" - es ist aktiver Konstrukteur seines Wissens.
Erzieher in: Begleiterin, Beobachterin, Dokumentatorin.
Raum: Gilt als „dritter Erzieher".
Methode: Projektarbeit basierend auf den Interessen der Kinder.
Nenne Vor- und Nachteile der Reggio-Pädagogik.
Vorteile: Förderung von Kreativität, Selbstständigkeit, sozialen Kompetenzen und individuelle Förderung
Nachteile: Hoher Personalaufwand, Kosten für Material/Raum, schwierige Umsetzung in großen Gruppen.
Was sind die 5 Grundgedanken der Montessori-Pädagogik?
Selbstständigkeit: „Hilf mir, es selbst zu tun".
Vorbereitete Umgebung: Auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt, regt zur Aktivität an.
Rolle der Lehrperson: Beobachter:in und Begleiterin (Passivität des Lehrers, damit Kind aktiv wird).
Friedenserziehung: Erziehung als Mittel zum Frieden.
Individuelle Entwicklung: Jedes Kind hat sein eigenes Tempo (Kind als Quelle, die entspringen will").
Was kennzeichnet den „Offenen Kindergarten"?
Auflösung fester Gruppenstrukturen zugunsten von Funktionsräumen oder freier Wahl [impliziert in 2098, 2100].
Prämissen: Kinder sind autonome Gestalter (wählen Spiel, Partner, Ort selbst), Partizipation bei Regeln und Alltagsgestaltung.
Ziel: Selbstbestimmung und soziales Miteinander.
Herausforderung: Erfordert ständige Reflexion und Teamabsprachen, die einzige Konstante ist die Veränderung.
Was sind die pädagogischen Ziele des Wald-/Naturkinbergartens?
Förderung von Motorik und Sinneserfahrungen in natürlicher Umgebung.
Sprachförderung (weniger Lärm fördert Kommunikation).
Sensibilisierung für ökologische Vorgänge und Jahreszeiten.
Ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen (ohne vorgefertigtes Spielzeug).
Grenzerfahrungen (Körper, Stille).
Was versteht man unter „Kultursensibler Kindheitspädagogik" und welche zwei Orientierungen gibt es?
Es geht um den reflektierten Umgang mit Vielfalt (Diversität) und Migration als Normalfall.
Autonomieorientierung: Kind wird begleitet, selbstständig und verantwortungsbewusst zu handeln.
Verbundenheitsorientierung: Berücksichtigung der Einbindung des Kindes in soziale, familiäre und kulturelle Gemeinschaften.
Was ist der „Early-Excellence-Ansatz"?
Ursprung: Großbritannien (Pen Green Centre, Margy Whalley).
Konzept: Öffnung der Kita zum Familienzentrum (Children-Center).
Kernaspekte: Niederschwellige Unterstützung für Familien, intensive Zusammenarbeit mit Eltern, Förderung der Betreuungsqualität, positive Grundhaltung („ethischer Code"). Elternbildung
Was bedeutet das Konzept der „Agency"?
Definition: Handlungsfähigkeit bzw. Handlungsmacht von Kindern.
Kern: Kinder werden als soziale Akteure und eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen, die ihre Lebenswelt aktiv mitgestalten (Ko-Konstrukteure).
Faktoren: Kinderrechte, aktive Sozialisation, aber auch Begrenzung durch strukturelle Rahmenbedingungen
Was versteht man unter „Child Well-Being"?
Ein mehrdimensionales Konzept des kindlichen Wohlbefikdens.
Umfasst nicht nur Entwicklung, sondern auch ökonomische, kulturelle, soziale und emotionale Lebensbedingungen.
Dimensionen: Partizipation, respektvolle Beziehungen, Zufriedenheit, Bedürfnisse (Freizeit/Rückzug), Gestaltung sozialer Beziehungen.
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