Phänomenologie
richtet sich auf die subjektiven Erlebnisse, die objektiven Leistungen und die körperlichen Begleit- und Folgeerscheinungen psychischer Störungen.
Somatiker
die Auffassung, dass psychische Krankheiten hirnorganisch bedingt seien.
nosografische Krankheitslehre von Emil Kraepelin
der psychische Störungen systematisch klassifizierte. Dabei vernachlässigte Kraepelin allerdings die subjektive Dimension des Leidens, da er eine „objektive Psychopathologie“ anstrebte
Salutogenese
Mittelpunkt das „Kohärenzgefühl“ steht, also das Empfinden von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens. Dieses Konzept betont Autonomie, Selbstentfaltung und soziale Integration und steht dem Menschenbild der humanistischen Psychologie nahe. Es umfasst auch die Forschung zu Resilienz und Coping, also den Fähigkeiten zur Widerstandsfähigkeit und zur Krankheitsbewältigung.
Leib-Seele-Problem
Das Leib-Seele-Problem ist die philosophische Frage nach der Beziehung zwischen Körper (Leib/Materie) und Geist (Seele/Bewusstsein), also wie mentale Prozesse (Gedanken, Gefühle) mit dem physischen Gehirn zusammenhängen und ob sie fundamental verschieden oder nur unterschiedliche Aspekte derselben Substanz sind. Es gibt dualistische Lösungen (z. B. Descartes mit getrennten Einheiten) und monistische (z. B. Materialismus, Idealismus), die alles auf eine einzige Substanz reduzieren, sowie neuere Ansätze wie den Funktionalismus.
Hauptlösungsansätze
Dualismus (z. B. Descartes): Körper und Geist sind zwei getrennte Substanzen, die interagieren (oft über die Zirbeldrüse).
Monismus: Es gibt nur eine Substanz:
Materialismus/Physikalismus: Alles ist physisch; Geist ist ein Produkt des Gehirns (Identitätstheorie, Funktionalismus).
Idealismus: Alles ist geistig.
Panpsychismus: Geistige Eigenschaften sind fundamental in der Materie angelegt.
Funktionalismus: Der Geist ist wie Software, die auf der Hardware des Gehirns läuft.
„Ignoramus – Ignorabimus“ („Wir wissen es nicht – wir werden es nie wissen“).
modifiziertes Wechselwirkungsmodell.
dass psychische Prozesse als emergente Produkte spezieller neurophysiologischer Funktionen hervorgehen – vergleichbar mit dem elektromagnetischen Feld einer stromdurchflossenen Leitung. Diese Prozesse haben eine Scharnierfunktion zwischen Körper und Geist und können sogar rückwirkend über das Vegetativum Einfluss auf körperliche Vorgänge nehmen. Dennoch bleibt das Bindeglied zwischen den materiellen Mikroprozessen (elektrophysiologische und neurochemische Abläufe) und den immateriellen Phänomenen (Gedanken, Empfindungen, Vorstellungen) unbekannt.
Dieses ungelöste Rätsel wird als Qualia-Problem bezeichnet.
Konvergenztheorie
Konvergenztheorie besagt, dass sich die Entwicklung eines Menschen aus dem Zusammenspiel von Anlage (Genetik) und Umwelt (äußere Einflüsse) ergibt.
Der Satz
„Die genetischen Baupläne werden jedoch erst unter dem Einfluss externer Faktoren wie Sinnesreizen oder Sozialisation wirksam“ bedeutet:
Gene liefern nur eine Grundausstattung oder ein Potenzial.
Allein bestimmen sie noch nicht, wie sich ein Mensch tatsächlich entwickelt.
Erst durch äußere Einflüsse – z. B. Erziehung, Erfahrungen, Lernen, soziale Kontakte oder Sinneseindrücke – werden diese genetischen Möglichkeiten aktiviert, geformt oder auch begrenzt.
Epigenetische „Schalter“
Epigenetische „Schalter“ sind Mechanismen, die steuern, ob und wie stark Gene aktiv sind, ohne die DNA selbst zu verändern.
Kurz und klar:
Gene sind immer vorhanden, aber nicht alle sind ständig eingeschaltet.
Epigenetische Schalter entscheiden, welche Gene gelesen werden und welche „stumm“ bleiben.
Diese Schalter reagieren auf Umweltfaktoren wie:
Ernährung
Stress
Erziehung & Sozialisation
Lernen und Erfahrungen
Schadstoffe oder Bewegung
🔌 Metapher: Gene = Lampen Epigenetische Schalter = Lichtschalter Die Lampe ist da, aber erst der Schalter bestimmt, ob sie leuchtet.
Psychopathologische Symptome
diagnostische Bausteine verstanden. Sie stellen phänomenologisch unterscheidbare und operationalisierbare „Störungseinheiten“ dar, die beobachtet, sprachlich fixiert und beschrieben werden können
Entscheidend sind daher Ausgeprägtheit, Dauer, Häufigkeit und Verlauf der Symptome sowie ihre Auswirkungen auf die Lebensqualität.
Primär = krankheitsbedingt, unvermeidbar, diagnostisch zentral
Sekundär = Folgeerscheinungen, variabel, oft beeinflussbar
Besonders charakteristische Symptomverbände werden als Kern- oder Achsensyndrome bezeichnet, da sie regelmäßig bei bestimmten Störungen auftreten (z. B. Gedächtnisstörungen bei Demenzen). Andere Symptome, die nur gelegentlich hinzukommen, heißen Randsyndrome. Darüber hinaus gibt es Leitsymptome, die für eine bestimmte Störung besonders typisch sind (z. B. Wahngedanken bei Schizophrenie), sowie Zielsymptome, die vor allem in der Psychopharmakotherapie im Mittelpunkt stehen (z. B. Halluzinationen durch Antipsychotika behandelbar).
Ein Syndromwandel oder Syndrom-Shift
Syndromwandel / Syndrom-Shift = zeitliche Veränderung der dominierenden Symptome einer psychischen Störung bei gleichbleibender Grunderkrankung.
Grauzone subklinischer Befindlichkeitsstörungen
Nicht jede subjektive Belastung ist eine psychische Erkrankung.Diagnostik muss sorgfältig zwischen Krankheit, Risikozuständen und normalen Belastungsreaktionen unterscheiden – auch aus gesellschaftlicher Verantwortung.
Das bedeutet: Psychische Störungen entstehen nicht durch eine einzige Ursache, sondern durch das Zusammenwirken mehrerer Ebenen:
Biologisch: Gene, Neurotransmitter, Hirnstruktur, körperliche Erkrankungen
Psychologisch: Persönlichkeit, Denken, Emotionen, Bewältigungsstrategien
Sozial: Familie, Beziehungen, Stress, Arbeit, Kultur
➡️ Keine Ebene allein erklärt die Erkrankung vollständig.
Das ist der bekannteste Erklärungsrahmen dieses Ansatzes.
Vulnerabilität (Diathese): Eine Anfälligkeit oder Verwundbarkeit (z. B. genetisch, frühkindlich erworben)
Stress: Belastende Lebensereignisse oder chronische Anforderungen
👉 Eine psychische Störung entsteht, wenn Stress die individuelle Belastungsgrenze übersteigt.
🔧 Wichtig:
Hohe Vulnerabilität → wenig Stress reicht
Geringe Vulnerabilität → viel Stress nötig
Das Wort fasst zwei Dinge zusammen:
Ätiologie: Ursachen
Pathogenese: Entstehungs- und Entwicklungsprozess
➡️ Das Modell beschreibt also wie und warum psychische Störungen entstehen und sich entwickeln.
Ziel ist eine möglichst umfassende Erklärung der Ätiologie (Ursache), Pathogenese (Entstehung) und Pathoplastik (Ausgestaltung) der Störung.
Praecox-Gefühl
Das Praecox-Gefühl ist eine erfahrungsbasierte, intuitive Wahrnehmung im klinischen Kontakt mit schizophren Erkrankten, die subjektive diagnostische Sicherheit geben kann, aber immer durch objektive Kriterien abgesichert werden muss.
die affektive Resonanz
also das emotionale Mitschwingen mit dem Gegenüber, eine zentrale Rolle. Diese Fähigkeit, Gefühle anderer nachzuempfinden, basiert auf der Theory of Mind und wird vermutlich durch Spiegelneurone unterstützt. Sie sorgen dafür, dass mimische, gestische oder stimmliche Äußerungen in Sekundenbruchteilen unbewusst imitiert und damit empathisch nachvollzogen werden können.
Psychodynamisch entspricht dieser Vorgang dem Prozess der Mentalisierung, also der Fähigkeit, aus Verhalten auf Absichten und Befindlichkeiten zu schließen (Theory of Mind).
prosodischen Eigenschaften
Zur sprachlichen Kommunikation gehören nicht nur die gewählten Worte, sondern auch Merkmale wie Lautstärke, Tempo, Rhythmus, Sprechfluss, Pausen und Betonungen. Diese prosodischen Eigenschaften tragen wesentlich zum Verständnis bei, setzen jedoch eine intakte akustische Wahrnehmung voraus
kognitive Dissonanz
Kognitive Dissonanz bedeutet, dass eine Person innere Spannungen oder Unbehagen erlebt, wenn zwei oder mehrere Überzeugungen, Meinungen oder Wahrnehmungen miteinander in Konflikt stehen.
Beispiel: Ein erfahrener Psychiater glaubt, dass ein bestimmtes Verhalten typisch für eine Störung ist, sieht aber bei einem neuen Patienten, dass es nicht exakt passt. Dieses Spannungsgefühl ist die Dissonanz.
Um diese Dissonanz zu reduzieren, neigen Menschen dazu, Informationen so zu interpretieren, dass sie ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen. Das kann dazu führen, dass:
Symptome über- oder unterbewertet werden
Fehleinschätzungen auftreten
Vorurteile oder stereotype Erwartungen die Diagnose beeinflussen
Im zitierten Text heißt es also: Selbst routinierte Diagnostiker dürfen sich nicht allein auf ihr „Gefühl“ oder ihre Erfahrung verlassen, weil kognitive Dissonanz unbewusst dazu führen kann, dass man Bestätigungen sucht und Widersprüchliches ignoriert.
Double-Bind-Theorie (Bateson)
Eine „Double-bind“-Situation entsteht, wenn eine Person widersprüchliche Botschaften gleichzeitig erhält, sodass jede Reaktion falsch erscheint.
Beispiel: Ein Kind bekommt die Botschaft „Sei selbstständig!“ und gleichzeitig „Tu nichts ohne uns zu fragen!“. Jede Handlung ist also „falsch“.
Bateson vermutete, dass dauerhafte Erfahrungen solcher Situationen in der Kindheit die Entwicklung von Schizophrenie begünstigen könnten.
Heute gilt diese Theorie nicht mehr als ausreichend, um Schizophrenie zu erklären, sie war aber ein wichtiger historischer Ansatz zur Verbindung von Kommunikation und Psychopathologie.
Relevanz für die klinische Praxis
Patienten mit psychischen Störungen, insbesondere Schizophrenie, haben häufig Schwierigkeiten, metaphorische, ironische oder mehrdeutige Aussagen korrekt zu interpretieren.
Ebenso können belehrende, moralisierende oder wertende Kommunikationsstile die Interaktion belasten und den Therapieprozess behindern.
Praktische Konsequenz
Therapeutische Kommunikation sollte klar, konsistent und direkt sein.
Ironie, Doppeldeutigkeiten oder implizite Erwartungen vermeiden, um Missverständnisse zu minimieren.
Präokkupation
Weitere Ursachen für Kommunikationsstörungen sind die geistige Abwesenheit der Untersuchenden
Kommunikationsmodell nach Hofstätter (1993)
Die Person oder Instanz, die eine Botschaft übermitteln möchte.
Hat eine Darstellungsintention: also die Absicht, etwas mitzuteilen.
Der Sender kodiert seine Absicht in Zeichen oder Signale, z. B. Wörter, Gesten, Mimik.
Dazu gehört die motorische Zeichenbildung (z. B. Sprechen, Schreiben, Gestikulieren).
Die Botschaft wird durch ein physikalisches Medium übertragen: Luft (Schallwellen), Schrift, Lichtsignale usw.
Hier kann Leitung im physischen Medium oder sensorische Zeichenerfassung beim Empfänger eine Rolle spielen.
Der Empfänger decodiert die Botschaft anhand gemeinsamer Sprache und Erfahrung.
Ziel ist die Orientierung: der Empfänger versteht die Absicht des Senders.
Ein übergreifendes Element, das sicherstellt, dass Sender und Empfänger dieselben Zeichen verstehen (z. B. Deutsch, Englisch, Körpersprache).
Zusatzhinweise aus der Grafik:
Motorische Zeichenbildung = alles, was der Sender aktiv produziert (z. B. Worte, Gesten).
Sensorische Zeichenerfassung = alles, was der Empfänger wahrnimmt (sehen, hören, fühlen).
Leitung im physischen Medium = der Weg, über den die Nachricht tatsächlich übertragen wird (Luft, Kabel, Bildschirm).
Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD).
Die OPD ist ein standardisiertes Verfahren, um psychische Störungen psychodynamisch zu erfassen.
Sie verbindet psychodynamische Theorie mit praktischer Diagnostik, also wie Symptome und Konflikte im Alltag erlebt und ausgedrückt werden.
Die OPD untersucht verschiedene Ebenen, nicht nur Symptome:
Symptome / Syndrome / Störungen
Klassische psychische Auffälligkeiten, z. B. Ängste, Depressionen, Zwangshandlungen.
Anpassung und soziale Kompetenz
Wie gut die Person mit Anforderungen und sozialen Situationen umgehen kann.
Komorbidität
Welche weiteren psychischen oder körperlichen Erkrankungen vorhanden sind.
Resilienz und Risikofaktoren
Stärken und Schutzfaktoren vs. Faktoren, die psychische Probleme begünstigen.
Krankheitserleben → Wie erlebt die Person ihre Symptome?
Beziehung → Welche Beziehungsstile und Bindungsmuster zeigen sich?
Konflikte → Innere oder zwischenmenschliche Konflikte, die Symptome beeinflussen.
Struktur → Psychische Struktur, z. B. Selbst- und Objektwahrnehmung, Affektregulation.
Störungen → Spezifische psychische Störungen, die erkennbar sind.
Epikrise
Am Ende werden die Ergebnisse in einer Epikrise zusammengefasst. Diese umfasst die Angaben der Patientin oder des Patienten, die biografische Entwicklung, die Krankheitsanamnese, den psychopathologischen Befund, die Psychodynamik, die Diagnose und den Behandlungsplan.
Dazu wird eine Epikrise (vom griechischen epícrinein = urteilen) verfasst, die eine bewertende Zusammenfassung des Behandlungsergebnisses, prognostische Überlegungen sowie Empfehlungen für Nachbetreuung oder weiterführende Maßnahmen enthält.
Phrenologie von Gall
Charaktermerkmale aus der Schädelform abzuleiten versuchte
Paramimien
Allerdings können pathologische Störungen diesen Zusammenhang verfälschen. Bei hirnorganischen Erkrankungen kann es beispielsweise zu Paramimien kommen, also zu unpassenden mimischen Reaktionen wie Zwangslachen oder Zwangsweinen, die keine echten Emotionen ausdrücken. Solche Symptome gelten als motorische Automatismen und haben vor allem neurologische Relevanz.
behavioristischen SORCK-Schema
Reiz (S), Organismusvariablen (O), Reaktion (R), Konsequenz (C) und Kontingenz (K). Dabei werden sowohl Mikroebene (kognitive, emotionale und körperliche Symptome) als auch Makroebene (Lebenssituation, zeitliche Entwicklung, psychosoziale Faktoren) berücksichtigt. Die Verhaltenstherapie baut somit auf einem systematischen Modell auf, das durch Prozessdiagnostik kontinuierlich überprüft und angepasst wird.
S – Stimulus / Reiz
Alles, was eine Reaktion auslöst.
Kann extern sein (z. B. eine Situation, Geräusch, Person) oder intern (Gedanke, körperliches Symptom).
O – Organismusvariablen
Individuelle Faktoren, die die Reaktion beeinflussen.
Dazu gehören körperliche Faktoren, Emotionen, Gedanken, Temperament, frühere Erfahrungen.
R – Reaktion
Das beobachtbare Verhalten oder die körperliche/emotionale Reaktion auf den Reiz.
Auf Mikroebene: z. B. Zittern, Angst, Grübeln.
Auf Makroebene: z. B. Rückzug aus sozialen Situationen, Konflikte im Alltag.
C – Konsequenz
Was auf die Reaktion folgt, beeinflusst, ob das Verhalten verstärkt oder abgeschwächt wird.
Positive/negative Verstärkung, Bestrafung, kurzfristige Erleichterung etc.
K – Kontingenz
Das Verhältnis zwischen Reiz, Reaktion und Konsequenz.
Gibt an, wie zuverlässig oder regelmäßig ein Verhalten auf einen Reiz folgt.
Wichtig für die Planung von therapeutischen Interventionen.
Analyse: Mithilfe von SORCK werden problematische Verhaltensmuster systematisch untersucht.
Therapieplanung: Auf Basis der Analyse werden Verhaltensänderungen gezielt trainiert (z. B. Konfrontation, kognitive Umstrukturierung, Selbstkontrolle).
Prozessdiagnostik: Kontinuierliche Überprüfung, ob Interventionen wirken, und ggf. Anpassung der Therapie.
Psychostatus
Das Ziel einer psychodiagnostischen Untersuchung besteht zunächst darin, einen psychopathologischen Befund, auch Psychostatus genannt, auf der Ebene der Symptome zu erstellen. Dabei werden sowohl die subjektiven Angaben der untersuchten Person über ihr Befinden als auch die objektiven Beobachtungen des Untersuchers gesammelt, geordnet und dokumentiert. Dies geschieht zunächst ohne tiefergehende Erklärungen, Mutmaßungen über Ursachen oder differenzialdiagnostische Überlegungen. Die so registrierten Besonderheiten stellen Bausteine der Diagnostik dar und beschreiben vor allem die relevanten psychischen Dimensionen.
Wenn zusätzlich körperliche Befunde erhoben werden, also der Somatostatus, müssen auch diese geordnet dokumentiert werden
psychopathologische Querschnittsbefund
besteht aus bestimmten Strukturelementen, nämlich den grundlegenden und komplexen psychischen Funktionen. Diese müssen systematisch abgefragt und mögliche Abweichungen dokumentiert werden. Die einfache Auflistung adjektivischer Beschreibungen dient dabei lediglich als Hilfsmittel zur Datensammlung und Kategorisierung. Für die Gesamtbewertung müssen jedoch auch situations- und personenbezogene Informationen mit einbezogen werden, insbesondere wenn psycho- oder soziodynamische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen.
Ein psychopathologischer Querschnittsbefund ist eine systematische Momentaufnahme des aktuellen psychischen Zustands einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt.
„Querschnitt“ bedeutet: Es wird nur der aktuelle Zustand erfasst, nicht die zeitliche Entwicklung.
Ziel ist es, ein objektives Bild der Symptome zu bekommen, das für Diagnose, Therapieplanung oder Verlaufskontrolle genutzt werden kann.
Katamnese
, bezeichnet die Verlaufsbeobachtung einer Erkrankung und dokumentiert, wie sich ein Krankheitsbild im Laufe der Zeit entwickelt, auf welche Weise es durch therapeutische Maßnahmen beeinflusst wurde und welche weiteren Schritte notwendig erscheinen. Sie ist für die Prognose von zentraler Bedeutung, da psychische Störungen häufig keine stabilen Zustände darstellen, sondern durch wechselnde Symptomverläufe und äußere Einflüsse geprägt sind. Die Katamnese ermöglicht Prognosen unterschiedlicher Reichweite, etwa als Streckenprognose, Langzeitprognose, Richtungsprognose oder soziale Prognose.
Halo-Effekt
dem eine positive oder negative Eigenschaft auf andere Merkmale übertragen wird. So werden sympathische Personen oft automatisch auch als intelligent oder freundlich wahrgenommen.
kognitive Dissonanzreduktion
Unpassende Beobachtungen werden ausgeblendet, um ein stimmiges Gesamtbild zu bewahren
Zentraltendenz
vagen, mittleren Bewertungen, um extreme Urteile zu vermeiden
Kontrasteffekt
Der Kontrasteffekt bezeichnet die systematische Überschätzung von Unterschieden, wenn zwei (oder mehr) Beobachtungen zeitlich direkt aufeinander folgen und miteinander verglichen werden.
Eine Bewertung wird nicht absolut, sondern relativ zur vorherigen Beobachtung vorgenommen.
Extreme Ausprägungen verstärken den Effekt besonders.
Nach einer sehr lauten Person wirkt eine normal sprechende Person plötzlich ungewöhnlich leise.
Nach einem sehr schlechten Referat erscheint ein durchschnittliches Referat überdurchschnittlich gut.
In der Diagnostik: Ein mäßig auffälliges Symptom wirkt stärker, wenn zuvor ein unauffälliger Fall beurteilt wurde – oder schwächer nach einem extremen Fall.
Kann zu Beurteilungsfehlern führen (z. B. in Tests, Gutachten, Prüfungen).
Deshalb wichtig:
standardisierte Kriterien
Pausen zwischen Bewertungen
Vergleich mit Normwerten, nicht mit der vorherigen Person
Rosenthal-Effekt
Vorurteile oder Erwartungen der Untersuchenden führen dazu, dass Informationen eher als Bestätigung statt als Widerlegung wahrgenommen werden.
Der Rosenthal-Effekt, auch Pygmalion-Effekt genannt, beschreibt, wie die Erwartungen einer Person (z.B. eines Versuchsleiters oder Lehrers) das Verhalten und die Leistung anderer beeinflussen, oft ohne deren Wissen, was zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung führt: Positive Erwartungen fördern bessere Leistungen, negative Erwartungen schlechtere.
Milde-Effekt
: Positive Voreingenommenheit kann durch persönliche Nähe zu milderen Urteilen führen (Milde-Effekt), während unbewusste Vorurteile negative Verzerrungen begünstigen.
Der Milde-Effekt (auch Leniency-Effekt) ist ein Beurteilungsfehler, bei dem eine Person dazu neigt, andere durchweg zu wohlwollend zu beurteilen, indem sie negative Eigenschaften verharmlost, Fehler beschönigt oder zu gute Bewertungen vergibt, oft aus Angst vor Konflikten, um Motivation zu erhalten oder um als positiv wahrgenommen zu werden.
Aggravation
Übertreibung vorhandener, aber nicht schwerwiegender Symptome
meist das Ziel, bestimmte Vorteile oder Vergünstigungen zu erlangen, wie Schonung, Krankschreibung, finanzielle Leistungen, Strafmilderung oder auch verstärkte Zuwendung. Diese Vorteile werden als Krankheitsgewinn bezeichnet.
Münchhausen-Syndrom
eine extreme Form der Täuschung, bei der Betroffene absichtlich Symptome hervorrufen oder vortäuschen, häufig verbunden mit dramatisch ausgeschmückten Geschichten. Typisch ist die Suche nach wiederholten Krankenhausaufenthalten und die Bereitschaft, auch belastende Eingriffe in Kauf zu nehmen.
Eine besonders schwerwiegende Variante ist das Münchhausen-by-proxy-Syndrom, bei dem Eltern oder Erziehungsberechtigte Krankheitssymptome bei ihren Kindern vortäuschen oder hervorrufen – ein schwerer Fall von Kindesmisshandlung.
AMDP-System
Das AMDP-System als Dokumentationsstandard
Ein häufig verwendeter Standard zur strukturierten Erhebung psychischer Befunde ist das AMDP-System. Es umfasst insgesamt fünf zentrale Dokumentationssegmente:
Anamnese I: Soziodemografische Daten
Anamnese II: Angaben zu bedeutsamen Lebensereignissen
Anamnese III: Bisherige Krankheitsgeschichte
Psychischer Befund: Erfassung von rund 100 psychopathologischen Symptomen
Somatischer Befund: Erfassung von etwa 40 körperlichen Symptomen
Ergänzend dazu wird der Aufbau der Krankengeschichte, Vorbehandlungen, eine Zusammenfassung, eine prognostische Einschätzung, der Behandlungsplan sowie der Verlauf unter Therapie dokumentiert.
Syndromdiagnose
Dieses Vorgehen ist Teil einer mehrdimensionalen Diagnostik, bei der möglichst viele biologische, psychische und soziale Einflussfaktoren berücksichtigt werden. Diese Herangehensweise wird als Syndromdiagnose bezeichnet und gilt als klassisches Verfahren in der klinischen Psychiatrie und Psychotherapie.
Eine endgültige Diagnosesicherung kann häufig erst nach längerer Verlaufsbeobachtung erfolgen, da psychische Störungen dynamische Veränderungen zeigen. Dabei werden auch Remissionen (Rückbildungen der Symptome) und Rezidive (Rückfälle) in die Beurteilung einbezogen.
Erst die Zusammenführung (Synopsis) dieser beiden Perspektiven – der biografisch-historischen und der aktuellen – ermöglicht eine begründete Einschätzung, welche Störung am wahrscheinlichsten vorliegt.
syndromatologischen Diagnostik,
Beide Systeme basieren auf einer syndromatologischen Diagnostik, das heißt, sie ordnen Störungen nach beobachtbaren Symptomen und nicht nach deren Ursachen.
ICD-10 (bzw. künftig ICD-11) der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der American Psychiatric Association (APA)
Würzburger Schema
das psychische Störungen in drei Hauptgruppen einteilte:
organisch bedingte Erkrankungen,
reaktive (konfliktbedingte) Neurosen und Psychopathien,
endogene Psychosen (z. B. Schizophrenie, Zyklothymie). Diese Dreiteilung nach Ursachen (ätiopathogenetisch) wurde in ICD und DSM aufgegeben, die stattdessen rein deskriptiv-syndromatologisch aufgebaut sind.
Wachbewusstsein
Es ist gekennzeichnet durch kognitive Kontrollfähigkeit, die dem Menschen erlaubt, sich seiner selbst bewusst zu sein (Ich-Bewusstsein) und seine Aufmerksamkeit gezielt auf innere oder äußere Gegenstände zu richten (Gegenstandsbewusstsein).
Diese bewusste Steuerung ermöglicht reflektiertes Handeln und unterscheidet den Menschen von automatisierten oder unbewussten Prozessen.
Das Wachbewusstsein und die damit verbundene Aufmerksamkeit beruhen auf neuronalen Synchronisationsprozessen, insbesondere im γ-Band (50–100 Hz). Diese werden vom aufsteigenden retikulären Aktivierungssystem (ARAS) in der Formatio reticularis des Stamm- und Mittelhirns gesteuert.
subliminale (unterschwellige) Wahrnehmungen
In der Psychoanalyse beschreibt das Unbewusste ein eigenes Gebiet verdrängter Triebimpulse, das dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist. Freud sah darin den zentralen Bereich der Triebdynamik, der sich über Traumdeutung, Hypnose und freies Assoziieren erschließen lässt.
Auch subliminale (unterschwellige) Wahrnehmungen fallen in diesen Bereich: Sie betreffen Reize, die zwar neurophysiologisch messbar, aber nicht bewusst erfassbar sind. Ein Reizeinstrom unterhalb von etwa 100 Bits pro Sekunde kann nicht bewusst registriert werden.
Prozessdiagnostik
Prozessdiagnostik ist die kontinuierliche Erfassung, Bewertung und Anpassung diagnostischer Annahmen und therapeutischer Maßnahmen im Verlauf einer Behandlung.
Überprüfen, ob Therapieziele erreicht werden
Erkennen von Veränderungen, Fortschritten oder Rückschritten
Frühzeitiges Anpassen von Interventionen
Vermeidung von ineffektiver oder schädlicher Behandlung
Vigilanz
die Fähigkeit zur dauerhaften Aufrechterhaltung von Wachheit und Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum. Sie beschreibt einen Zustand erhöhter Reaktionsbereitschaft, um relevante Umweltreize auch bei monotonen Bedingungen rasch wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren. Funktional gehört die Vigilanz zum Aufmerksamkeitsbereich.
Besonders relevant bei langandauernden, reizarmen Aufgaben (z. B. Autofahren, Überwachungstätigkeiten)
Abgrenzung:
Aufmerksamkeit = selektiv, kurzfristig
Vigilanz = anhaltend, global
Glasgow-Koma-Skala
Zur quantitativen Bewertung von Bewusstseinsstörungen nach Hirnschädigung wird häufig die Glasgow-Koma-Skala eingesetzt. Sie bewertet Augenöffnen, verbale Reaktionen und Motorik. Ein Wert unter 8 Punkten weist auf eine schwere Bewusstseinsstörung hin. Demgegenüber ist eine Ohnmacht (Synkope) nur ein kurzzeitiger, meist harmloser Bewusstseinsverlust.
Somnolenz
ist ein Zustand ausgeprägter Schläfrigkeit und liegt zwischen Benommenheit und Sopor. Sie ist nicht scharf von der Benommenheit abgrenzbar, geht jedoch mit stärkerer Bewusstseinseintrübung einher. Betroffene sind apathisch, willenlos und neigen zum Einschlafen, sobald keine Reize auf sie einwirken. Das Auffassungsvermögen und die Konzentrationsfähigkeit sind deutlich beeinträchtigt, die Orientierung ist unsicher.
Im Verhalten zeigen sich kaum spontane Äußerungen oder Bewegungen, jedoch treten Abwehr- oder Ausweichreaktionen auf, wenn körperliche Reize oder Schmerzen einwirken. Die Augen sind geschlossen, die Muskulatur erschlafft, während Eigen- und Fremdreflexe erhalten bleiben. Im EEG zeigt sich eine Verlangsamung der Hirnaktivität, typischerweise mit Theta-Wellen (4–8 Hz).
Typische Vorkommen der Somnolenz sind:
in tiefen Trancezuständen oder Hypnose,
bei hohem Fieber,
bei leichter bis mittlerer Intoxikation,
bei metabolischen Störungen (z. B. Leber- oder Nierenfunktionsstörungen),
nach schwereren Kopfverletzungen (Hirnprellung),
Locked-in-Syndrom
Vom Wachkoma abzugrenzen ist das Locked-in-Syndrom. Dabei sind die Betroffenen vollständig gelähmt, jedoch bei vollem Bewusstsein. Nur die Augenmuskulatur ist funktionsfähig, wodurch Kommunikation über Augenbewegungen oder Blinzeln möglich ist. Mithilfe moderner Technik wie Eye-Tracking kann eine Verständigung unterstützt werden.
Sopor
Der Sopor (vom lateinischen sopor = tiefer Schlaf) beschreibt einen Zustand, in dem nur noch auf starke Reize – insbesondere Schmerzreize – Reaktionen erfolgen. Die Betroffenen können nicht mehr geweckt werden, zeigen aber matte, ungezielte Abwehrbewegungen oder kurzzeitiges Blinzeln. Der Muskeltonus ist stark herabgesetzt, und die Atmung ist vertieft. Im EEG zeigt sich eine deutliche Verlangsamung der Aktivität, mit fortlaufender Theta-Aktivität. Eigen- und Fremdreflexe sind meist noch auslösbar.
Typische Ursachen und Vorkommen des Sopor sind:
gesteigerter Hirndruck (z. B. durch Hirnödem, Hirnblutung oder -entzündung),
Schädel-Hirn-Trauma,
starke Intoxikation durch Alkohol, Drogen oder Medikamente,
ausgeprägte Stoffwechselstörungen,
nach epileptischen Anfällen.
Hypervigilität
Die Hypervigilität beschreibt das Gegenteil von Bewusstseinstrübung: Sie ist ein Zustand übermäßiger Wachheit und gesteigerter geistiger Aktivität. Betroffene erleben eine intensivere Aufmerksamkeit, eine verstärkte Wahrnehmung und haben das subjektive Gefühl, geistig leistungsfähiger zu sein
Sie nehmen ihre Sinneseindrücke schärfer wahr, fühlen sich emotional intensiver und berichten oft von einer verbesserten Erinnerung oder Konzentration. Diese wahrgenommene Leistungssteigerung lässt sich allerdings objektiv meist nicht nachweisen.
In manchen Fällen kann sich dieser Zustand zu einer Bewusstseinserweiterung entwickeln.
Die Hypervigilität wird daher auch als eine qualitative Bewusstseinsveränderung verstanden, die mit einem Übermaß an Wachheit einhergeht, während die Bewusstseinstrübungen (z. B. Benommenheit, Somnolenz, Koma) eine quantitative Abnahme der Bewusstseinshelligkeit darstellen.
Orientierungsstörung
Eine Orientierungsstörung zur eigenen Person bezeichnet eine Beeinträchtigung oder einen Verlust der Fähigkeit, sich an grundlegende persönliche Merkmale wie Name, Alter, Beruf oder zentrale biografische Ereignisse zu erinnern oder diese korrekt zu rekonstruieren. Diese Form der autopsychischen Desorientiertheit gilt neben der situativen Desorientierung als eine der schwerwiegendsten klinisch-psychopathologischen Störungen, da sie den Verlust der personalen Identität und der damit verbundenen unmittelbaren Lebensbezüge beinhaltet. In besonders ausgeprägten Fällen kann es sogar zum Vergessen der eigenen Lebensgeschichte kommen.
Während Desorganisiertheit eine Störung des Denkens und der Handlungsplanung betrifft, zeigt sich die Desorientierung durch Rat- und Hilflosigkeit, Unruhe, Ängstlichkeit, Verstörtheit oder auch Aggressivität.
amentiell-syndromale Zustandsbild der Verwirrtheit.
Dabei handelt es sich um einen Verlust des logischen Zusammenhangs von Gedanken (Inkohärenz), verbunden mit einer Unfähigkeit zu geordnetem, zielgerichtetem Denken (Zerfahrenheit) und häufig auch einer zusätzlichen Orientierungsstörung.
Raumagnosie
Die Raumagnosie beschreibt eine spezifische Störung der Raumorientierung. Trotz intaktem Sehvermögen können Betroffene die Größe eines Raumes nicht einschätzen oder Entfernungen und räumliche Tiefen nicht richtig wahrnehmen. Diese Störung wird auch als Raumblindheit bezeichnet.
disruptiven Zeitablauf
Von einem disruptiven Zeitablauf spricht man, wenn die zeitliche Kontinuität des Erlebens unterbrochen oder fragmentiert ist. Dies tritt auf:
bei fehlender Ich-Kontinuität,
im Alkohol- oder Drogenrausch,
bei akuten Psychosen,
oder bei akuten hirnorganischen Störungen (z. B. durch Schädel-Hirn-Trauma oder Blutung).
Das Erleben wirkt zerrissen, die Abfolge von Ereignissen ist nicht mehr nachvollziehbar, und die Einordnung in eine zeitliche Struktur geht verloren.
Fluktuation des Zeiterlebens
Eine fluktuierende Zeitwahrnehmung ist gekennzeichnet durch wechselnde subjektive Zeiterfahrungen – mal beschleunigt, mal verlangsamt. Sie kann auftreten:
bei Ich-Störungen,
bei chronischem Alkoholismus,
nach einer Hirnentzündung,
oder bei Schädigungen des Temporallappens, der eine zentrale Rolle im autobiografischen Gedächtnis und der zeitlichen Einordnung spielt.
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