Kommunikation als Grundbedingung menschlichen Daseins
Der Mensch ist ein Sozialwesen und auf Kommunikation, insbesondere verbale Kommunikation, angewiesen.
Kommunikation ist eine „Grundbedingung menschlichen Daseins“ (Roland Burkart, 2013).
Ohne spezifisch menschliche Kommunikationsfähigkeit ist die Existenz des Menschen phylogenetisch (Artentwicklung) und ontogenetisch (Individualentwicklung) nicht denkbar (Joachim Vogt, 1979).
Kommunikation stellt eine evolutionär-kommunikative Errungenschaft dar, die den Menschen:
vom Tierreich (Anthropogenese)
und von subanimalen Lebensformen unterscheidet.
Ontologische Leitfrage: 👉 Welche Leistungen erbringt Kommunikation für die Persönlichkeitsgenese?
Grundlage menschlicher Kommunikation ist die Fähigkeit zur Bildung und Verwendung von Symbolen, insbesondere Sprache.
Menschen können:
Zeichen bewusst und zielgerichtet schaffen
und sie repräsentativ (als Bedeutungsträger) verwenden.
Diese Qualität wird als „symbolisch vermittelte Interaktion“ bezeichnet (Burkart, 2003).
Besonderheiten menschlicher Sprache:
Bezeichnungsleistung (Benennung der Welt)
sprachliche Selbstreflexivität
Fähigkeit zu Metasprache und Metakommunikation
Sprache, Evolution und Anthropogenese
Frage nach dem Stellenwert menschlicher Kommunikation im Verlauf der Anthropogenese und der Persönlichkeitsgenese.
Gesucht werden Selektionskriterien, die zur Ausbildung sprachlicher Fähigkeiten führten (Karl Soritsch, 1975).
Zentrale Annahmen:
Entwicklung unter Umweltdruck
Hauptmotivator: Wille zu leben bzw. zu überleben
Kommunikation diente u. a. zur:
Nahrungssuche
Errichtung von Unterkünften
Behandlung von Krankheiten
Planung zukünftigen Verhaltens (Feindabwehr, Wintervorsorge)
➡️ Nur der Mensch entwickelte:
begriffliches Denken
verbale Kommunikation
Wissensakkumulation in einer Sprache (Soritsch)
Sprache als Voraussetzung kultureller Evolution
Sprache ist nicht nur Ergebnis biologischer Evolution, sondern:
Voraussetzung für kulturelle Evolution (Burkart, 2003).
Mit der Sprache setzt eine Eigendynamik gezielter Umweltveränderung ein (Vogt, 1979).
Sprache ermöglicht:
hohe Abstraktionsniveaus
Entwicklung materieller Kultur
Entstehung menschlicher Gesellschaften (Soritsch, 1974).
Folgen sprachlicher Kommunikation:
Regelung sozialer Interaktionen
Entstehung von Normen und Werten
Ausbildung von Kultur
➡️ Mit Arnold Gehlen (1966):
Kultur ist ein anthropo-biologischer Begriff
Der Mensch ist von Natur aus ein Kulturwesen
Schrift als Erweiterung menschlicher Kommunikation
Schrift = optische Fixierung sprachlicher Laute zu einem Zeichensystem.
Eine der genialsten Erfindungen des Menschen.
Ermöglicht:
Speicherung von Kommunikationsinhalten
Mitteilung an räumlich und zeitlich Abwesende
nachhaltige Fixierung von Wissen und Kulturtraditionen (Hunziker, 1993)
1. Sachliche Dimension
Genauere Wiedergabe als mündliche Kommunikation
Reduktion subjektiver Verfälschung
Eingrenzung des Interpretationsspielraums
2. Zeitliche Dimension
Akkumulation großer Erfahrungsbestände
Nutzbarmachung für zukünftiges Handeln
3. Soziale Dimension
Zugang für beliebig viele, voneinander unabhängige Personen
Vermittlung von Wissen, Normen und Bildung
⚠️ Einschränkung:
Schrift ist nicht automatisch exakt → Möglichkeit „wirkungssicherer Fälschung“
Der Mensch kompensiert als „Mängelwesen“ seine geringe natürliche Überlebensfähigkeit durch:
Sprache
Schrift
Er schafft eine „künstliche Natur“ – seine menschliche Welt (Burkart, 2003).
➡️ Kommunikationswissenschaft:
gehört originär zu den Sozialwissenschaften
ist aufgrund der Omnipräsenz von Kommunikation inter- und transdisziplinär
Ontogenese, Lernen und Sozialität
Nach Jürgen Habermas (1973):
Der Mensch ist biologisch ein Nestflüchtler
kommt aber zu früh zur Welt → sekundärer Nesthocker
Säuglinge sind:
hilflos
kommunikations- und bewegungsunfähig
emotional und physisch abhängig
Besonderheit des Menschen:
keine Erbmotorik wie Tiere
sondern Erwerbsmotorik → Mensch als Lernwesen
Verhalten entsteht durch:
Auseinandersetzung mit der Umwelt
insbesondere mit anderen Menschen
Daraus entwickeln sich spezifische Kommunikationsformen
Ergebnis: Soziabilität
Definition Soziabilität (Jakob Wössner, 1970):
Möglichkeit, Fähigkeit und Notwendigkeit des Angewiesenseins auf andere
Medien als Lernressourcen
Medien (v. a. Massenmedien) bieten:
kostenpflichtige Dienstleistung zur lebenspraktischen Orientierung
Beispiel:
werdende Mutter lernt über Medien oder andere Mütter, wie Mutterschaft funktioniert
Medien vermitteln:
Wissen
Fähigkeiten
Handlungsorientierungen
Klaus Beck (2013):
Menschliche Kommunikation ist ein:
interaktiver
absichtsvoller
Zeichenprozess zwischen mindestens zwei Menschen, bei dem:
Signale materiell oder immateriell übermittelt werden
Bedeutungen sozial konstruiert werden
Sinn entsteht durch:
gemeinsames biologisches Erbe
Sozialisation und Enkulturation
gemeinsamen konventionalisierten Zeichenvorrat (Ikone, Symbole)
Kommunikationsformen
Interpersonale Kommunikation
Beide Kommunikanten:
sind räumlich anwesend
handeln intentional
wollen Verständigung erreichen
Mehr als zwei Beteiligte
Kommunikation:
konstituiert Gruppen und Organisationen
wird durch Strukturen und Hierarchien geprägt
reproduziert diese Strukturen
Gruppen/Organisationen = soziale Netzwerke
formelle und informelle Kommunikation
Gruppenspezifische Regeln:
Konformitätsdruck nach innen
kommunikative Abgrenzung nach außen
Netzwerkansatz:
Analyse nach Häufigkeit, Dauer, Themen, Partnerwahl etc. (Beck, 2013)
1.1 Das Arena-Modell der Öffentlichkeit
Chat GPT:
Das Arenenmodell der Öffentlichkeit (nach Gerhards & Neidhardt) sagt:
Öffentlichkeit ist kein einheitlicher Kommunikationsraum, sondern besteht aus mehreren Ebenen, auf denen unterschiedlich kommuniziert, selektiert und gehört wird.
Man kann sich Öffentlichkeit wie mehrere Bühnen (Arenen) vorstellen:
In jeder Arena sprechen wenige Akteure
Ein größeres Publikum entscheidet, ob das Gesagte relevant ist
Nicht jedes Thema schafft es in die nächste, größere Arena
Studienheft:
Gesellschaftliche Kommunikationsprozesse lassen sich auf drei Analyseebenen untersuchen:
Mikroebene (Individuen)
Mesoebene (Organisationen / Themenzusammenhänge)
Makroebene (Gesellschaft insgesamt)
Auf jeder dieser Ebenen konstituieren sich unterschiedliche Formen von Öffentlichkeit.
Diese Formen lassen sich mit dem Arenenmodell der Öffentlichkeit von Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt (1990) erklären.
Das Modell gilt in der deutschen Kommunikationswissenschaft als klassischer Ansatz.
Öffentlichkeit ist kein einheitlicher Kommunikationsraum.
Vielmehr existieren verschiedene Ebenen von Öffentlichkeit, die als geschichtete Pyramide gedacht werden können (Neidhardt, 1994).
Die drei Ebenen der Öffentlichkeit
Was ist das? Spontane, alltägliche öffentliche Kommunikation zwischen Individuen (situationsbezogen)
Beispiele:
Straße
Arbeitsplatz
Geringer Organisationsgrad
Was ist das? Öffentlichkeit, die sich um ein bestimmtes Thema oder innerhalb von Organisationen bildet.
Veranstaltungen
Betriebe
Organisationen
Podiumsdiskussion zum Klimawandel
Fachkongress
Öffentlichkeit kann:
spontan entstehen oder
stark organisiert sein
👉 Nicht alles aus der Encounter-Ebene kommt hier an.
👉 Es findet bereits Selektion statt: Nur relevante Themen bleiben.
Was ist das? Öffentlichkeit, die dauerhaft über Massenmedien (klassisch oder digital) hergestellt wird.
Zeitungen, Nachrichtenportale
TV-Nachrichten
große Social-Media-Debatten mit Medienbezug
👉 Hier ist die Öffentlichkeit am größten, aber auch am selektivsten.
👉 Nur wenige Themen schaffen es bis hierhin.
Die Ebenen sind gleichzeitig Selektionsstufen:
Nur ein Bruchteil der Themen gelangt jeweils auf die nächsthöhere Ebene.
Themen werden auf jeder Ebene neu ausgewählt, verdichtet und verhandelt.
Arenen und Foren öffentlicher Kommunikation
Auf den Ebenen entstehen Foren öffentlicher Kommunikation:
themenbezogen
zeitlich unterschiedlich stabil
Diese Foren lassen sich als Arenen verstehen (Gerhards & Neidhardt, 1990).
Metapher der Arena:
Öffentlichkeit funktioniert wie eine Arena:
In der Arena: wenige Sprecher
Auf der Galerie: großes Publikum
Erfolg entscheidet das Publikum (Aufmerksamkeit, Zustimmung, Weiterverbreitung)
👉 Wer keine Aufmerksamkeit bekommt, verschwindet aus der Arena.
In der Realität existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Öffentlichkeiten.
Nach Ansgar Zerfaß (2004):
Öffentlichkeiten und Kommunikationsarenen sind gesellschaftlich ausdifferenzierte Sphären kommunikativen Handelns.
Sie liefern:
Orientierungsrahmen
Sinnbezüge
Rationalitätsvorstellungen für Kommunikation
➡️ Deshalb ist es sinnvoll, von „Öffentlichkeiten“ (Plural) zu sprechen.
Typen von Öffentlichkeiten
Betriebsöffentlichkeiten
Branchenöffentlichkeiten
wissenschaftliche Öffentlichkeiten
künstlerische Öffentlichkeiten
Merkmale:
vielfältig miteinander verschränkt
wechselseitig aufeinander bezogen
Kommunikationsarenen bilden empirische Rahmenbedingungen für Akteure.
= Wer sich öffentlich äußert, tut das nie im luftleeren Raum, sondern innerhalb bestimmter Regeln und Bedingungen, die schon da sind.
In einer Talkshow kannst du anders reden als
in einer Betriebsversammlung oder
auf Twitter
👉 Die Arena formt dein Handeln, nicht umgekehrt.
begrenzt das Themenspektrum
In der wissenschaftlichen Öffentlichkeit → Forschung, Theorien
In der Betriebsöffentlichkeit → Arbeitsabläufe, Ziele, Zahlen
In der gesellschaftspolitischen Öffentlichkeit → Gesetze, Wahlen, Krisen
Wenn du ein „unpassendes“ Thema einbringst, wird es:
ignoriert
abgelehnt
oder gar nicht zugelassen
weist spezifische Kommunikationsstrukturen auf
Jede Arena hat eigene Regeln, wie kommuniziert wird.
Arena
Kommunikationsstruktur
Wissenschaft
sachlich, belegt, langsam
Social Media
kurz, emotional, schnell
Politik
strategisch, öffentlichkeitsorientiert
ist durch bestimmte Akteurskonstellationen geprägt
In jeder Arena treten typische Akteure auf
Medienöffentlichkeit → Journalist:innen, Politiker:innen
Unternehmensarena → Management, Mitarbeitende
Kunstöffentlichkeit → Künstler:innen, Kritiker:innen
👉 Wer keinen Platz in der Akteurskonstellation hat, kommt kaum zu Wort.
Die 3 Bestimmungsfaktoren:
raum-zeitliche Ausdehnung
Gespräch auf der Straße → kurz & lokal
TV-Nachrichten → dauerhaft & überregional
potenzielle Mitgliederzahl
Wie viele Menschen können teilnehmen oder zuhören?
Teammeeting → wenige
Medienöffentlichkeit → Millionen
Verfügbarkeit bestimmter Medien
Welche Medien stehen zur Verfügung?
Interne Arena → Intranet, E-Mail
Gesellschaftspolitische Öffentlichkeit → TV, Presse, Social Media
➡️ Die gesellschaftspolitische Öffentlichkeit ist:
nur eine von vielen Öffentlichkeiten
aber die wichtigste hinsichtlich Reichweite, Themen und Medien (Zerfaß, 2004)
Mit Franzisca Weder (2007):
Öffentlichkeit kann als Netzwerk verstanden werden, das andere Interaktionsfelder überlagert.
Es existiert ein:
Geflecht überlappender Kommunikationsarenen
mit unterschiedlichen Kristallisationspunkten (Beispiel: Ein Skandal = Kristallisationspunkt→ Medien, Politik, Social Media greifen ihn auf
Öffentlichkeiten überlappen sich
Akteure bewegen sich zwischen Arenen
Themen wandern von einer Arena in die nächste
👉 Beispiel: Ein Thema beginnt:
privat → Encounter
wird Thema in einer Organisation
landet in den Medien
➡️ Gleichzeitig entstehen:
ein- und ausschließende Kommunikationsfelder
internes Öffentliches wird für Außenstehende zum Geheimnis (Zerfaß, 2004)
Rollen in Kommunikationsarenen
Nach Patrick Donges und Kurt Imhof (2001):
äußern sich öffentlich zu Themen
meist kollektive Akteure (Organisationen, Verbände, Parteien)
vor allem Journalist:innen
beobachten, wählen aus, kommentieren
verbinden Arenen miteinander
Beispiel: Eine Zeitung greift das Statement auf und berichtet darüber.
Adressat von Sprecher- und Vermittleräußerungen
schenkt Aufmerksamkeit
entscheidet über Relevanz
❗ Ohne Publikum keine Öffentlichkeit
keine klare Rollentrennung
jeder kann Sprecher oder Publikum sein
keine Vermittlerrolle
Rollen stärker ausgeprägt
Rollenwechsel seltener
stärkste Rollendifferenzierung
Journalisten = Vermittler
Publikum dauerhaft vorhanden
Erweiterung des Arenenmodells (Raupp)
Durch Globalisierung, Internet und Social Media veränderte sich Öffentlichkeit grundlegend.
Nach Juliane Raupp (2011):
Ebenen und Arenen sind durchlässiger
Rollen vielfältiger/flexibler
➡️ Notwendigkeit einer Aktualisierung des Modells.
Raupp verknüpft das Arenenmodell mit sozialen Netzwerktheorien.
Netzwerke bestehen aus:
Knotenpunkten (nodes)
Beziehungen (ties) unterschiedlicher Stärke und Richtung
Mikroebene (Encounter)
Netzwerke entstehen zunehmend:
über soziale Medien
z. B. Facebook
Individuen vernetzen sich über Social Media
Mesoebene (Organisationen)
Organisationen sind untereinander vernetzt, nicht isoliert
Makroebene (Gesellschaft)
Politik, Wirtschaft, Medien beeinflussen sich gegenseitig
Politik ist nicht mehr automatisch die wichtigste Arena
Zusätzlich existieren:
Beziehungen zwischen den Öffentlichkeitsebenen
Individuum ↔ Organisation (Raupp, 2011)
Das Arenenmodell beschreibt Öffentlichkeit als mehrstufiges, selektives und rollengebundenes Kommunikationssystem, das heute zunehmend netzwerkartig, durchlässig und dynamisch funktioniert.
1.2 Medien und Öffentlichkeit
Medien als Voraussetzung von Kommunikation
Grundsätzlich gilt: Jede Form von Kommunikation ist auf Medien angewiesen.
Medien sind dabei nicht nur technische Hilfsmittel, sondern erfüllen mehrere, miteinander verbundene Funktionen.
Medien haben fünf zentrale Eigenschaften:
Original: Medien transportieren Zeichensysteme mit unterschiedlicher Kapazität.
Einfach gesagt: Medien sind Kanäle, über die Zeichen (Sprache, Bilder, Töne) übertragen werden.
Zeitung → Text + Bilder
Radio → Ton
Fernsehen → Bild + Ton
Social Media → Text, Bild, Video
👉 Medien ermöglichen Kommunikation über Distanz.
Original: Medien sind Organisationen, also zweckerfüllende Sozialsysteme.
Einfach gesagt: Medien sind nicht nur Technik, sondern auch Organisationen, z. B.:
Zeitungsverlage
Rundfunkanstalten
Medienunternehmen
👉 Ohne Organisationen würde Medientechnik nicht dauerhaft funktionieren.
Original: Medienkommunikation ist das Resultat von Herstellung, Bereitstellung und Empfang.
Einfach gesagt: Medien bestehen aus mehreren aufeinander abgestimmten Prozessen:
Inhalte werden produziert
Inhalte werden verbreitet
Inhalte werden rezeptiert (aufgenommen)
👉 Medien sind keine einfachen Werkzeuge, sondern komplexe Systeme.
Original: Medien wirken funktional wie dysfunktional in alle gesellschaftlichen Schichten hinein.
Einfach gesagt: Medien haben Auswirkungen auf die Gesellschaft – positive und negative.
Funktional (positiv):
Information
Orientierung
Integration
Dysfunktional (negativ):
Manipulation
Desinformation
Skandalisierung
👉 Medien verändern Gesellschaft, sie sind nicht neutral.
Original: Medien sind Teil des gesellschaftlichen Regelungssystems.
Einfach gesagt: Weil Medien so mächtig sind, werden sie:
rechtlich geregelt
gesellschaftlich kontrolliert
institutionell eingebunden
Pressefreiheit
Rundfunkgesetze
Pressekodex
👉 Medien sind fester Bestandteil gesellschaftlicher Ordnung.
Öffentlichkeit als Netzwerk kommunikativer Prozesse
Öffentlichkeit darf nicht gleichgesetzt werden mit:
dem öffentlichen Raum,
der gesamten Gesellschaft oder
allem, was veröffentlicht ist.
-> Öffentlichkeit ist kein Ort, sondern ein Prozess.
-> Öffentlichkeit ist ein Netzwerk kommunikativer Prozesse.
-> Es geht nicht um eine öffentliche Meinung, sondern um viele themenspezifische öffentliche Meinungen.
Nach Klaus Beck (2013) ist Öffentlichkeit:
ein mehrschichtiger Kommunikationsprozess, an dem Öffentlichkeitsakteure (Sprecher) und Medien maßgeblich beteiligt sind.
Öffentlichkeit bei Habermas
Auch Jürgen Habermas beschreibt Öffentlichkeit in demokratischen Rechtsstaaten ausdrücklich als Netzwerk.
Nach Habermas (1992):
werden in der Öffentlichkeit:
Inhalte,
Stellungnahmen und
Meinungen kommuniziert,
diese Kommunikationseinflüsse werden:
gefiltert
und synthetisiert,
sodass sie sich zu themenspezifisch gebündelten öffentlichen Meinungen verdichten.
Öffentlichkeit ist damit ein strukturierter Prozess der Meinungsbildung, nicht bloß ein Sammelbecken von Äußerungen.
Massenkommunikation: begriffliche Bestimmung
Definition Massenkommunikation nach Gerhard Maletzke (1963):
Massenkommunikation liegt vor, wenn Aussagen:
öffentlich sind → keine klar abgegrenzte Empfängergruppe
technisch vermittelt werden (über Medien)
indirekt erfolgen → räumliche und/oder zeitliche Distanz zwischen den Kommunikationspartnern,
einseitig sind → kein Rollenwechsel zwischen Sender und Empfänger
sich an ein disperses Publikum richten → räumlich verstreut, anonym und heterogen.
➡️ Massenkommunikation unterscheidet sich damit grundlegend von interpersonaler Kommunikation durch Öffentlichkeit, Technizität, Einseitigkeit und Publikumstyp.
Lernkontrollfragen
Aufgabe 1.1
Welche Bedeutung spielt Kommunikation bei der Persönlichkeitsgenese eines Menschen?
Die Persönlichkeitsgenese beschreibt den ontogenetischen Aspekt der Menschwerdung.
Es geht also um die Entwicklung vom Säugling zum selbstbestimmten Individuum.
Humanspezifische Kommunikationsfähigkeit beruht v.a. auf der Möglichkeit zur Bildung und Verwendung von speziellen Symbolen: Sprache!
Die Tatsache, dass der Mensch Zeichen als Träger und Vermittler von Bedeutung nicht nur bewusst und zielgerichtet ‚schafft‘, sondern darüber auch noch in ihrer Repräsentationsfunktion verwenden kann, ist Voraussetzung für jene spezifisch menschliche Qualität von Kommunikation, welche als ‘symbolisch vermittelte Interaktion‚ begriffen und dargestellt ist.
Aufgabe 1.2
Inwiefern kompensiert der Mensch als ‚Mängelwesen‘ mittels Sprache und Schrift seine fehlende Überlebensfähigkeit in der Natur?
Der Mensch wird auch als ‚Nestflüchter‘ bezeichnet, was so viel bedeutet, dass er aus eigener Kraft und eigenem Willen nach der Geburt nicht überlebensfähig ist.
Er ist auf andere angewiesen, die ihn nicht nur am Leben erhalten, sondern auch Lebensweisen beibringen.
Der Mensch verändert die natürliche Natur, indem er eine künstliche Natur, seine menschliche Welt, schafft.
Durch Sprache und Schrift kann er sich Erfahrungswissen akkumulieren bzw. ortsungebunden aneignen und somit in der Natur überleben.
Aufgabe 1.3
Wodurch unterscheidet sich die ‚Face-to-Face-Kommunikation‚ und die ‚Gruppen- und Organisationskommunikation‘?
Bei der Face-to-Face-Kommunikation handeln beide Kommunikanten intentional und kommunikativ, also mit der Absicht, sich wechselseitig über etwas zu verständigen.
Das ist bei der „Gruppen- und Organisationskommunikation“ im Grunde ebenso.
Es erhöht sich allerdings die Anzahl der an der Kommunikation beteiligten Menschen.
In diesen Fällen leistet Kommunikation einen konstitutiven Beitrag für soziale Gruppen und Organisationen.
Gruppen und Organisationen können als soziale Netzwerke verstanden werden, die aus formellen und informellen Kommunikationen bestehen
Aufgabe 1.4
Welche Ebenen von Öffentlichkeit bilden das „Arena-Modell”?
Neidhardt stellt drei verschiedene Ebenen von Öffentlichkeit vor, die man sich als geschichtete Pyramide vorstellen kann:
1. Encounter-Öffentlichkeit: öffentliche Kommunikation findet zum Teil spontan statt, z. B. auf der Straße oder am Arbeitsplatz
2. Themen oder Organisationsöffentlichkeit: öffentliche Kommunikation findet im Rahmen thematisch zentrierter Interaktions- oder Verhandlungssysteme statt, etwa auf Veranstaltungen oder innerhalb von Betrieben. Die Öffentlichkeit kann dabei sowohl spontan entstehen als auch einen hohen Organisationsgrad besitzen.
3. Medienöffentlichkeit: öffentliche Kommunikation findet dauerhaft über Medien vermittelt statt.
Diese Ebenen sind gleichzeitig als Selektionsstufen zu verstehen: von jeder Ebene gelangt nur ein Bruchteil an Themen auf die nächst höhere Ebene und wird dort verhandelt.
Aufgabe 1.5
Warum ist das Internet lt. Definition nach Maletzke kein Massenmedium?
Maletzke definiert Massenkommunikation als „jene Form von Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich (also ohne begrenzte und personell definierte Empfängerschaft) durch technische Verbreitungsmittel (Medien) indirekt (also bei räumlicher oder zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz zwischen den Kommunikationspartnern) und einseitig (also ohne Rollenwechsel zwischen Aussagendem und Aufnehmendem) an ein disperses Publikum vermittelt werden“.
Beim Internet treffen zwei Kriterien nicht zu: ‚indirekt‘ und ‚einseitig‘, da das Internet ja gerade die direkte und beidseitige Kommunikation ermöglicht.
Beim Kriterium ‚disperses Publikum‘ könnte man zudem bezweifeln, ob Internetangebote nicht zielgruppenspezifischer sind.
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