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Kapitel 2 - Selektionsmechanismen beim journalistischen Umgang mit Nachrichten

HM
by Hanna M.

Nachrichtenauswahl und das G-U-N-Prinzip

  • Sowohl die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (2002) als auch der Deutscher Presserat(2006) benennen bei den Grundsätzen der Nachrichtenauswahl das sogenannte G-U-N-Prinzip.

Dieses Prinzip beschreibt zentrale Nachrichtenfaktoren, die darüber entscheiden, ob ein Ereignis zur Nachricht wird oder nicht.


G = Gesprächswert

Ein Ereignis besitzt Gesprächswert, wenn:

  • darüber gesprochen wird,

  • diskutiert wird,

  • man sich darüber ärgert oder freut.

Ein hoher Gesprächswert liegt insbesondere dann vor, wenn folgende Faktoren zutreffen:

  • Außergewöhnlichkeit: Alltägliches ist keine Nachricht. Klassiker: „Hund beißt Mann“ → keine Nachricht „Mann beißt Hund“ → Nachricht

  • Personenbezug: Über bekannte Personen wird häufiger berichtet. Handlungen prominenter Personen haben einen höheren Nachrichtenwert als identische Handlungen unbekannter Personen.

  • Negativität „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.“ Je dramatischer oder schlimmer ein Ereignis, desto wahrscheinlicher wird darüber berichtet.

  • Nähe: Vor allem geografische Nähe erhöht den Nachrichtenwert. Ereignisse im eigenen Umfeld interessieren stärker als räumlich entfernte Geschehnisse.

U = Unterhaltung

Auch der Unterhaltungswert eines Ereignisses beeinflusst dessen Nachrichtenwert.

Ein Ereignis gilt als besonders nachrichtenwürdig, wenn es:

  • einen Bezug zur eigenen Lebenswelt hat,

  • überrascht,

  • verblüfft oder amüsiert.

Dabei spielt die Nähe zu:

  • eigenen Wünschen,

  • Sehnsüchten,

  • Alltagserfahrungen eine entscheidende Rolle.

Sogenannte Boulevardthemen (z. B. Sex and Crime) erzielen besonders hohe Aufmerksamkeit und sind vor allem für Medien wichtig, die stark vom Kioskverkauf abhängig sind.


N = Neuigkeit (oder Überraschung)

Ein Ereignis wird umso eher zur Nachricht, je:

  • unerwarteter

  • und ungewöhnlicher es eintritt.

Ein überraschendes Ereignis besitzt einen höheren Nachrichtenwert als routinemäßige oder regelmäßig stattfindende Ereignisse. Beispiel: Der Rücktritt einer Ministerin ist nachrichtenwürdiger als eine regelmäßig stattfindende Pressekonferenz.

Der kybernetische Ansatz

Der kybernetische Ansatz betrachtet Medien nicht primär als redaktionelle Organisationen, sondern als Unternehmen, die um ihr Überleben kämpfen.

Ein Medium wird hier verstanden als:

  • geschlossene Organisation,

  • funktionierend wie ein Organismus,

  • evolutionsfähig,

  • ständig gezwungen, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen.

Zentrale Annahme:

Nachrichtenselektion dient der Systemstabilisierung.

Medien als kybernetische Systeme

  • Jedes Medium handelt aus einem Überlebenstrieb heraus.

  • Nachrichtenauswahl wird abhängig von:

    • Zielgruppen,

    • Marktbedingungen,

    • wirtschaftlichem Erfolg.

Beispiel Zeitung:

  • Eine Zeitung muss ihre Zielgruppe zufriedenstellen, um Auflage, Einnahmen und damit ihr eigenes Überleben zu sichern.

Auch individuelle Interessen spielen hinein:

  • Mitarbeiter wollen ihren Arbeitsplatz sichern oder verbessern.

  • Sie handeln im Sinne des Unternehmens, um dessen Erfolg zu steigern.

➡️ Die Folge ist eine variable Nachrichtenauswahl:

  • Themen, die früher aussortiert wurden, können später relevant werden,

  • weil sich Lesergewohnheiten verändern.

Beispiel Hörfunk

Im Hörfunk zeigt sich der kybernetische Ansatz besonders deutlich:

  • Morgens und mittags werden selten „harte Themen“ gesendet.

  • Ziel:

    • Hörer nicht zu schockieren,

    • Umschalten zu vermeiden,

    • Einschaltquoten stabil zu halten,

    • Werbepreise zu sichern.

➡️ Der Zeitpunkt der Nachrichtenübermittlung wirkt hier systemstabilisierend.

Konsequenzen des kybernetischen Ansatzes

  • Verantwortung wird weder:

    • dem Individuum,

    • noch der Gesellschaft zugeschrieben.

  • Entscheidende Rolle spielen:

    • Systemlogiken,

    • Produktionsroutinen,

    • Gruppen,

    • Anpassung an Umweltbedingungen.

Eine der ersten Forscherinnen dieses Ansatzes war Gertrude Joch Robinson.

US-Perspektiven auf Nachrichtenauswahl und -inhalte (Shoemaker & Reese, 1996)

In den USA ist die Problematik der Nachrichtenauswahl stärker mediensoziologisch und kommunikatorzentriert sowie praxisorientiert eingebettet. Shoemaker & Reese (1996) nennen mehrere Perspektiven:

  1. Spiegel-/Verzerrungsdebatte: Seit den 1930er-Jahren wird angenommen, Nachrichten reflektierten soziale Wirklichkeit relativ unverzerrt. Gegenargument: Nachrichten können Wirklichkeit in Richtung dominanter Werte bzw. Stereotype verzerren (z. B. im Umgang mit Minderheiten).

  2. „Social construction of reality“ (seit den 1980er-Jahren): Unterschieden werden soziale Wirklichkeit, mediale Wirklichkeit und individuell rekonstruierte mediale Wirklichkeit.

  3. Einfluss von Sozialisation, Einstellungen und Organisationsroutinen: Diese beeinflussen wesentlich Form und Inhalte der Nachrichten.

  4. Determinierung durch ökonomische, technische und politische Prozesse: Machtvolle Gatekeeper moderieren Nachrichtenauswahl nach politischen Interessen; die Problem- und Lösungsinterpretation beeinflusst eher Themen/Inhalte als den Beachtungsgrad der Meldung.

  5. Ideologische Funktionen von Nachrichten: Nachrichteninhalte sind Funktion ideologischer Positionen, fördern den status quo und können zur Herstellung „öffentlicher Hegemonie“ beitragen.

Diese kommunikatorzentrierten Ansätze führen in den 1970er-/1980er-Jahren zu vielen Studien zur Nachrichtenproduktion; in Deutschland legt Weischenberg entsprechende Studien zur journalistischen Aussagenproduktion vor.

Staab (1990): politische TV-Berichterstattung und Konflikte


—> nochmal nachlesen

Staab findet differenzierte Zusammenhänge je Berichterstattungsfeld:

  • Innenpolitische TV-Berichterstattung: Nur Kontroverse wirkt positiv auf den Umfang.

  • Internationale Politikberichterstattung: Möglicher Schaden und Etablierung der Themen wirken positiv auf den Umfang.

  • Nachrichten zu vier politischen Konflikten: Zusammenhang mit Umfang bei: Personalisierung, Reichweite, Kontroverse, möglicher Schaden, tatsächlicher Nutzen, tatsächlicher Schaden, Prominenz, Aggression, persönlicher Einfluss.

Abbildung 3 konkretisiert das für einzelne Themenfelder (x-Markierungen):

  • Kontroverse: Nationales; 35-Stunden-Woche; Spendenaffäre; Mittelamerika

  • Möglicher Schaden: Internationales; 35-Stunden-Woche; Spendenaffäre

  • Etablierung: Internationales

  • Personalisierung: 35-Stunden-Woche; Ausländer in der BRD

  • Tatsächlicher Nutzen: 35-Stunden-Woche

  • Tatsächlicher Schaden: 35-Stunden-Woche; Spendenaffäre

  • Prominenz: Spendenaffäre

  • Reichweite: Spendenaffäre

  • Aggression: Mittelamerika

  • Persönlicher Einfluss: Mittelamerika


  • Staab fasst zudem medienspezifische Unterschiede zusammen (Straßenverkaufszeitungen, Hörfunk, dpa-Basisdienst, Fernsehnachrichten).

  • Diese Unterschiede werden als Ergebnis verschiedener Einflussgrößen beschrieben, die auf Gesellschafts-, Mediensystem-, Organisations- und Individualebene wirken.

  • Die jeweilige Kombination bestimmt, welche Aufmerksamkeitskriterien/Selektionsregeln in einem Medium maßgeblich sind und welchen Faktoren besondere Bedeutung zukommt.


Nachrichtenwerte in deutschen TV-Nachrichten (Ruhrmann et al. 2003)

  • In der (laut Text) bislang komplexesten empirischen Langzeitstudie zu Nachrichtenwerten in deutschen TV-Nachrichten analysieren Ruhrmann et al. (2003) erstmals den gesamten Nachrichtenprozess mithilfe eines analytischen Modells.

Dabei werden drei Perspektiven bzw. Datenquellen zusammengeführt:

  • Nachrichtenfaktoren der Journalisten (ermittelt durch Befragung)

  • Nachrichtenfaktoren der Nachrichten selbst (ermittelt durch Inhaltsanalysen)

  • Nachrichtenfaktoren der Rezipienten (ermittelt durch Befragungen mit Erinnerungsanalysen: „aided recall“und „unaided recall“)

Abbildung 4: Theoretisches Modell für die Analyse von Nachrichten (Ruhrmann et al., 2003, S. 15)



Die Abbildung visualisiert den Nachrichtenprozess als Zusammenspiel von Ereignissen, Journalisten, Nachrichten und Zuschauern:

  • Ereignisse bilden den Bezugspunkt, aus dem Journalisten auswählen.

  • Journalisten produzieren „Nachrichten“ und greifen dabei auf Nachrichtenfaktoren/-routinen zurück (diese beeinflussen also die Herstellung/Selektion).

  • Nachrichten stehen im Zentrum: Sie sind das Ergebnis journalistischer Verarbeitung.

  • Zuschauer nehmen Nachrichten wahr; auf ihrer Seite werden Nachrichtenfaktoren gewissermaßen (re)konstruiert (in der Grafik als „(re)konstruierte Nachrichtenfaktoren“ markiert).

  • Zusätzlich zeigt die Grafik, dass Wahrnehmungen vom Publikum wiederum in Beziehung zum Prozess stehen (die Öffentlichkeit/Publikumswahrnehmung ist also Teil des Gesamtzusammenhangs).

Die Kernaussage der Modelllogik (so wie sie im Text genutzt wird): Nachrichtenwerte lassen sich nicht nur „im Text“ oder „im Ereignis“ finden, sondern werden im Gesamtprozess sichtbar – bei Journalisten, im Nachrichtenprodukt und bei den Rezipienten.

Längsschnittanalyse 1992–2001: Themen und Nachrichtenfaktoren

Zusätzlich identifiziert die Forschergruppe um Georg Ruhrmann in einer breit angelegten Längsschnittanalyse (über 2.400 Meldungen aus Hauptnachrichtensendungen, Zeitraum 1992–2001) einen weiteren Nachrichtenfaktor:

  • „Visualität“ (verstanden als Visualisierung eines Nachrichtenthemas)

Inhaltliche Ergebnisse (Themenentwicklung)

  1. Es wird sichtbar, dass die Fernsehnachrichten seit 1992 einen Rückgang politischer Berichterstattung verzeichnen – besonders bei den privaten Sendern.

  2. Die Privaten orientieren sich stärker an „Human Touch“; Themen wie Personality oder Kriminalität nehmen zu.

Ergebnisse zur Entwicklung/Struktur der Nachrichtenfaktoren (Hauptnachrichten)

  1. Es zeigt sich eine zunehmend konfliktorientierte Darstellung, besonders in der internationalen Berichterstattung.

  2. Innenpolitische Ereignisse erhalten einen hohen Nachrichtenwert, wenn prominente oder einflussreiche Personen beteiligt sind.

  3. Insgesamt wird die Berichterstattung:

    • inhaltlich-thematisch differenzierter,

    • zugleich aber auch selektiver und dynamischer.


Fortsetzungsstudie / Inhaltsanalyse 2004: Visualität und „bildliche Darstellung von Emotionen“

Die Fortsetzungsstudie von Maier, Ruhrmann und Klietsch (2006; Ruhrmann 2006b) bestätigt im Wesentlichen die bisherigen Ergebnisse.

Themenentwicklung (weiterer Trend)

  • Unpolitische Themen nehmen in den Hauptnachrichtensendungen noch weiter zu – jetzt nicht mehr nur bei den Privaten.

  • Internationale Politik (mit und ohne deutsche Beteiligung) wird nur noch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ungefähr auf einem ähnlichen Niveau wie 1991 berichtet.

  • Bei den privaten Anbietern wird dieser Themenbereich teilweise mehr als halbiert.

Nachrichtenfaktoren (2004 vs. 2001)

  • Visualität wird im Vergleich zu 2001 noch wichtiger.

  • Zusätzlich gewinnt die „bildliche Darstellung von Emotionen“ an Bedeutung.

Wichtig ist hier auch die Veränderung in der Erklärungsleistung:

  • 2004 lassen sich bei unpolitischen Themen erstmals Umfang, Platzierung und Ankündigung von Themen (diese drei Größen „machen den Nachrichtenwert aus“) auf Nachrichtenfaktoren zurückführen.

  • 2001 konnten Nachrichtenfaktoren den Nachrichtenwert statistisch nur bei internationalen Themen erklären.

Diese Befunde stützen (laut Text) erneut die Annahme einer Tendenz zur „Boulevardisierung“ (Krüger, 2001) in deutschen Fernsehnachrichten – insbesondere bei den privaten Sendern.


Der „Doppelcharakter“ der Nachrichtenfaktoren

  • Nach Eilders (1997) und Ruhrmann (2005b) besitzen Nachrichtenfaktoren einen theoretisch diskutierten Doppelcharakter:

1. Theoretische Perspektive

  • Nachrichtenfaktoren gelten als kognitiv wirksame Auswahlkriterien.

  • Sie lenken die Aufmerksamkeit von Individuen.

  • Vertreter dieser Sichtweise:

    • Walter Lippmann (1922/1998)

    • Östgaard (1965)

    • Johan Galtung & Ruge (1965)

2. Empirische Perspektive

  • In Studien werden Nachrichtenfaktoren als Merkmale bereits berichteter Ereignisse erhoben.

  • Implizite Annahme:

    • Nachrichtenfaktoren wirken als kognitive Selektionskriterien (Nachrichtenfaktoren sind gedankliche Auswahlregeln, mit denen entschieden wird, welche Ereignisse als berichtenswert wahrgenommen werden.)

    • Sie steuern journalistische Berichterstattung.


Fazit:

  • Gemessen werden damit nicht die selektiven Wahrnehmungsmechanismen selbst, sondern die Ergebnisse ihres Einflusses auf die Berichterstattung (z. B. bessere Platzierung, größerer Umfang).

  • Was sind „selektive Wahrnehmungsmechanismen“?

    Gemeint sind innere, kognitive Prozesse, zum Beispiel:

    • Wie Journalisten Ereignisse wahrnehmen

    • Welche Ereignisse ihnen auffallen

    • Welche sie als wichtig oder relevant einschätzen

    • Nach welchen Kriterien sie auswählen, worüber berichtet wird

  • Was wird in der Forschung tatsächlich gemessen?

    In Inhaltsanalysen wird nicht untersucht:

    • was Journalisten gedacht haben

    • wie sie Ereignisse wahrgenommen haben

    • welche inneren Kriterien sie angewendet haben

    Stattdessen misst man sichtbare Merkmale der Berichterstattung, z. B.:

    • Platzierung einer Meldung (Titel, Aufmacher, Randnotiz)

    • Umfang (Länge, Anzahl der Beiträge)

    • Häufigkeit oder Ankündigung


-> Gemessen werden nicht die kognitiven Selektionsprozesse, sondern deren sichtbare Resultate in der Berichterstattung.


  • Genau darin liegt der Kern der Kritik von Eilders:

    • Theorie behauptet kognitive Wirkung

    • Empirie misst mediale Darstellung


Trends der Nachrichtenforschung

Trends in der Nachrichtenforschung (Ruhrmann & Göbbel)

Ruhrmann & Göbbel (2007) fassen die bisherigen Erkenntnisse zu Entwicklung von Nachrichten und Nachrichtenforschung in neun Trends zusammen:


1. Kommerzialisierung der Nachrichtenproduktion

  • Die journalistische Nachrichtenproduktion, besonders im Fernsehen, ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark kommerzieller geworden.

2. Wandel des Fernsehens vom Kulturgut zur Dienstleistung

  • Fernsehen entwickelt sich – auch auf Druck der EU – teilweise

    • von einem Kulturgut

    • zu einer Dienstleistung.

3. Stärkere Zuschauer- und Konsumorientierung

  • Nachrichten richten sich zunehmend nach:

    • Service-Nutzen

    • Konsuminteressen

    • Erwartungen der Zuschauer

4. Zunehmende Konkurrenz und Aktualitätsdruck

  • Die Nachrichtenauswahl und -produktion ist geprägt von starker Konkurrenz.

  • Diese äußert sich in einem steigenden Aktualitätsdruck.

  • Bei gleichbleibenden oder sinkenden:

    • finanziellen

    • technischen

    • personellen Ressourcen entsteht ein Zwang zur schnellen Berichterstattung.


5. Dynamik, Komplexität und Vielfalt im dualen System

  • Nachrichten im dualen System sind formal und inhaltlich dynamischer, komplexer und vielfältiger geworden.


6. Quantitative und qualitative Ausweitung des Nachrichtenangebots

  • Das Nachrichtenangebot hat sich quantitativ und qualitativ vervielfältigt und thematisch stark differenziert.

7. Entpolitisierung von Fernsehnachrichten

  • Fernsehnachrichten sind insgesamt unpolitischer geworden, besonders bei großen und kleineren privaten Sendern.

  • Stattdessen gewinnen Human Touch und Angstthemen an Bedeutung, vor allem in wirtschaftlich benachteiligten Regionen (z. B. Ostdeutschland).

8. Bedeutungszuwachs bestimmter Nachrichtenfaktoren

  • Nachrichtenfaktoren wie Personalisierung, Konflikt, Gewalt/Aggression, Emotionen und Visualisierung steigern bei vielen Themen (inbesondere unpolitischen) den Beachtungsgrad und können unter bestimmten Bedingungen Depolitisierung verstärken.

9. Zusammenhang zwischen Nachrichten und gesellschaftlichem Wandel

  • Nachrichten repräsentieren den rapiden sozialen Wandel (Globalisierung, Ökonomisierung, Technisierung, Bürokratisierung, Individualisierung) und werden zugleich von diesen Trends in Form und Inhalt beeinflusst.


„News Bias“-Forschung: politisch und unpolitisch

Begriff und Ziel

Der englische Begriff „bias“ bedeutet u. a. Hang, Vorliebe oder Tendenz. Die News-Bias-Forschung untersucht:

  • Unausgewogenheiten,

  • Einseitigkeiten,

  • politische Tendenzen in der Medienberichterstattung sowie deren Ursachen.

Im Mittelpunkt steht der Zusammenhang zwischen:

  • den Einstellungen der Kommunikatoren

  • und ihrer Nachrichtenauswahl.

Die Forschung hat ihre Wurzeln in den USA der 1930er- und 1940er-Jahre.

Unpolitischer News Bias

Zu den unpolitischen Bias-Formen zählen u. a.:

  • Accuracy Bias (mangelnde Sorgfalt),

  • Racial Bias,

  • Crime Bias.

Politischer News Bias: frühe Studie

Eine der ersten Studien zum politischen Bias stammt von Malcolm W. Klein und Nathan Maccoby. Sie untersuchten die Berichterstattung im US-Präsidentenwahlkampf 1952.

Zentrale Befunde:

  • Pro-republikanische Medien berichteten häufiger über Eisenhower.

  • Pro-demokratische Medien stellten Stevenson stärker heraus.

  • Unterschiede zeigten sich in:

    • Aufmachung,

    • Platzierung,

    • Überschriftengröße,

    • Auswahl der Argumente.

Methoden der News-Bias-Forschung

Es lassen sich zwei grundlegende Vorgehensweisen unterscheiden:

  1. Experimentelle Studien

    • Nachrichtenauswahl oder Berichterstattung wird simuliert

    • Journalisten oder andere Versuchspersonen treffen Entscheidungen

  2. Inhaltsanalysen

    • Analyse journalistischer Texte

    • häufig kombiniert mit Befragungen von Journalisten

    • Ziel: Zusammenhang zwischen politischer Einstellung von

      • Journalisten,

      • Verlegern,

      • Herausgebern und der Berichterstattung

Typische Untersuchungsanlässe:

  • politische Konflikte

  • Wahlkämpfe

Beispiel: Flegel & Chaffee

Ruth C. Flegel und Steven H. Chaffee kombinierten Inhaltsanalyse und Befragung:

  • Befragt wurden:

    • 9 Journalisten einer progressiven Zeitung

    • 8 Journalisten einer konservativen Zeitung

  • Themen: 13 Konfliktthemen

Ergebnisse:

  • Journalisten gaben an, Nachrichten nach Kriterien wie Relevanz oder lokale Nähe auszuwählen.

  • Gleichzeitig räumten sie ein, dass ihre eigene Meinung einen stärkeren Einfluss habe als:

    • vermutete Verlegermeinungen

    • vermutete Lesermeinungen.

  • Die Inhaltsanalyse bestätigte:

    • einen starken Einfluss der Journalistenmeinungen auf die Inhalte.

  • Nur bei progressiven Zeitungen ließen sich zusätzlich auch die vermuteten Verleger- oder Lesermeinungen in den Texten nachweisen.


Arten von Frames

Was sind Frames?

  • Frames = Interpretationsrahmen

  • Sie sind:

    • kognitive Strukturen

    • Bündel von Schemata

  • Frames stellen eine Verbindung zwischen dem Medium und seinem Inhalt (Darstellung) und dem Rezipienten (Schema) her.

  • Sie strukturieren die (wahrgenommene) Realität, indem sie:

    • Probleme definieren,

    • bewerten,

    • Ursachen zuschreiben

    • und ggf. Handlungsempfehlungen ableiten.

(vgl. Unz, 2008)



Arten von Frames

1) Media Frames

  • Entstehen durch:

    • journalistische Normen,

    • Selektion,

    • Hervorhebung oder Betonung bestimmter Realitätsausschnitte.

  • Die „Rahmung“ ergibt sich aus organisatorischen Festlegungen des Mediums.

  • Media Frames dienen der schnellen Identifikation und Klassifizierung von Informationen.

Drei Formen der Klassifizierung (am Beispiel sozialer Bewegungen):

a) Diagnostic Framing

  • Eine Situation wird als problematisch oder änderungswürdig dargestellt.

  • Gleichzeitig werden Verantwortliche bzw. Schuldige für den Zustand benannt.

  • Beispiel: Darstellung einer „Flüchtlingswelle“ als gesellschaftliches Problem.

b) Prognostic Framing

  • Neben der Problemursache werden Lösungen und Prognosen zur Behebung des Problems aufgezeigt.

  • Wichtig für Selbsterhalt und langfristigen Erfolg sozialer Bewegungen.

  • Beispiele:

    • Antidiskriminierungsgesetz

    • Gender-Richtlinien

c) Motivational Framing

  • Begründet, warum aktives Mitwirken an gesellschaftlichen Bewegungen notwendig ist.

  • Ziel: Sicherstellung von (ehrenamtlichem) Engagement.

  • Beispiel:

    • Moralisierung von Handlungsbedarf und -bereitschaft

    • besonders in der Weihnachtszeit oder bei Katastrophen.


2) Audience Frames

  • Audience Frames sind gespeicherte Ideengebilde beim Rezipienten.

  • Sie steuern die individuelle Informationsverarbeitung und wirken als Interpretationsraster.

  • Je früher diese Raster verinnerlicht werden:

    • desto schwieriger sind sie zu verändern

    • und an neue Realitäten anzupassen.


Gatekeeping im digitalen Zeitalter

Wandel des Gatekeeping

  • Im Zuge der weiteren Entwicklung digitaler Medien, insbesondere des Internets, verändert sich das Gatekeeping grundlegend.

  • Die frühere Deutungshoheit klassischer Medien im Sinne von „one to many“ wandelt sich zu einer Meinungsmacht vieler („many to many“).

  • Dieser Prozess wird als Demokratisierung der Medien beschrieben.

  • Dadurch wird ein Agenda-Setting von unten möglich.

Neue Akteure der Öffentlichkeit

  • Menschen schließen sich:

    • langfristig oder

    • temporär zu Interessensgruppen („Communities“) zusammen.

  • Auch Einzelpersonen besitzen heute die Möglichkeit,

    • Öffentlichkeit herzustellen

    • und Themen zu setzen – vergleichbar mit einem Medienkonzern.

Rolle digitaler Inhalte und Plattformen

  • Durch Audio- und/oder Videoblogs gelangen Themen in die Öffentlichkeit,

    • die nicht selten von klassischen Medien als Quelle der Berichterstattung genutzt werden.

  • Digitale Plattformen bieten Raum für kostenfreie Meinungsäußerung, z. B.:

    • Facebook

    • Twitter

    • YouTube

  • Einschränkung: Diese Meinungsfreiheit besteht nicht, wenn Plattformen in Diktaturen gesperrt sind.

Prominentes Beispiel

  • Ein bekanntes Beispiel ist der frühere US-Präsident Donald Trump.

  • Er nutzt Twitter-Einträge, um:

    • nicht über klassische Medien zu kommunizieren,

    • sondern seine Themen autark zu bestimmen.

  • Dieses Prinzip gilt grundsätzlich für jedermann:

    • Mit resonanzfähigen Informationen/Nachrichten kann jeder Aufmerksamkeit erzeugen.

Neue Probleme im digitalen Gatekeeping

  • Das digitale Zeitalter führt zu Unübersichtlichkeit:

    • Die Menge an Text-, Bild- und Video-Informationen ist extrem groß.

  • Dadurch steigt die Notwendigkeit der Selektion.

Suchmaschinen als neue Gatekeeper

  • Online-Suchmaschinen übernehmen die Rolle neuer Gatekeeper.

  • Die Reihenfolge der Suchtreffer basiert auf:

    • der Popularität von Websites

    • einem geheimen Algorithmus der Suchmaschinenanbieter

    • sowie einem „Klick-Ranking“ der User, das den Selektionsprozess mitbeeinflusst.

Glaubwürdigkeit und Medienkompetenz

  • Die Glaubwürdigkeit und Glaubhaftigkeit digitaler Informationen ist schwerer zu beurteilen.

  • Besonders Menschen mit gering ausgeprägter Medienkompetenz:

    • unterliegen einer erhöhten Manipulationsgefahr.


Lernkontrollfragen

Aufgabe 2.1

Wofür steht das Akronym „GUN-Prinzip“?

Das Akronym steht im Zusammenhang mit Grundsätzen für die Nachrichtenauswahl und verbindet die drei Worte:

  • G: für Gesprächswert (also eine Wert, den ein Ereignis hat, über das man spricht, diskutiert, sich ärgert oder sich freut),

  • U: für Unterhalt (ein Ereignis, das in Verbindung mit der eigenen Lebenswelt steht, das verblüfft oder amüsiert). Ausschlaggebend ist die Nähe zur eigenen Lebenssituation, den eigenen Wünschen und Sehnsüchten.

  • N: für Neuigkeit (bzw. Überraschung, je unerwarteter ein Ereignis eintritt, desto eher wird es zur Nachricht).


Aufgabe 2.2

Benennen Sie die wesentlichen Forschungsrichtungen zur Darstellung und Erläuterung der Nachrichtenauswahl.

  • Zu den wesentlichen Forschungsrichtungen zählen die Gatekeeperforschung, die Nachrichtenwertforschung, die News-Bias-Forschung und der Framing- Ansatz.

Aufgabe 2.3

Wodurch unterscheidet sich der Ansatz der Gatekeeper-Forschung von David M. White von nachfolgenden Schwerpunkten?

  • Leitender Gedanke war die Annahme, dass der Journalist nach subjektiven, individuellen Kriterien seine Entscheidung(en) trifft.

  • Dieser Persönlichkeitsansatz isolierte alle anderen denkbaren Faktoren bei der Gatekeepertätigkeit.

  • Man stellte einseitig auf eine Persönlichkeitspsychologie ab, die besagt, der Journalist arbeite mehr oder weniger allein.

Aufgabe 2.4

Welche Hypothesen zur Überprüfung der Wirkungsweise bei der journalistischen Nachrichtenvermittlung formulierten Galtung und Ruge?

  • Um ihre Wirkungsweise bei der journalistischen Nachrichtenvermittlung zu überprüfen, formulieren Galtung und Ruge die Additivitätshypothese (Nachrichtenfaktoren wirken additiv und komplementär; demnach ist die Chance für ein Ereignis, zur Nachricht zu werden, umso größer, je mehr Nachrichtenfaktoren auf ein Ereignis zutreffen),

  • die Komplementaritätshypothese (das Fehlen oder die zu geringen Ausprägungen von einem oder mehreren Nachrichtenfaktoren sollte dadurch auszugleichen sein, dass das betreffende Ereignis andere Kriterien umso stärker erfüllt)

  • und die Exklusionshypothese (wenn auf das Ereignis zu wenige oder gar keine Nachrichtenfaktoren zutreffen, dann wird nicht darüber berichtet).

Aufgabe 2.5

Was versteht man unter dem ‚Kausalmodell‘ in der Nachrichtenwertforschung?

  • Die Grundannahme lautet: Die spezifische Kombination und Ausprägung von Nachrichtenfaktoren, die ein Ereignis aufweist, bestimmt seinen Nachrichtenwert.

  • Diese Bedeutung kann wiederum an der Aufmerksamkeit (Platzierung, Länge des Beitrags usw.) gemessen werden, die Journalisten diesem Thema widmen.

  • Es wird also ein kausaler Zusammenhang zwischen den Nachrichtenfaktoren eines Ereignisses und seinem Nachrichtenwert angenommen.

Aufgabe 2.6

Was versteht man unter dem ‚Finalmodell‘ in der Nachrichtenwertforschung?

  • Die Grundannahme lautet: Die Nachrichtenfaktoren werden erst durch die journalistische Bearbeitung betont und so sichtbar.

  • Journalisten wählen Ereignisse und Meldungen nicht nur deshalb aus, weil sie bestimmte Eigenschaften (Nachrichtenfaktoren) besitzen, sie sprechen auch Ereignissen oder Meldungen, die sie aufgrund ihres instrumentellen Charakters auswählen, diese Eigenschaften erst zu oder heben sie besonders hervor.

  • Je stärker ein Journalist ein Ereignis herausstellen möchte, desto mehr Raum und Beachtung wird er einem Beitrag einräumen.

  • Um diese Entscheidung zu legitimieren, muss er entsprechend viele Nachrichtenfaktoren im Beitrag unterbringen.

Aufgabe 2.7

Benennen Sie Trends in der Nachrichtenforschung.

Ruhrmann und Göbbel fassen u.a. folgenden Trends zur Entwicklung der Nachrichtenforschung zusammen:

  • Trend der Kommerzialisierung,

  • politische Tendenzen der Regulierung,

  • service- und konsumbezogene Zuschauerorientierung,

  • gesteigerter Aktualitätsdruck,

  • „Human Touch“ und „Angstthemen“ werden wichtiger

Aufgabe 2.8

Was versteht man unter „News Bias“-Forschung?

  • Neben dem englischen Wort „news“ für Nachricht bedeutet „bias“ Hang, Vorliebe, Neigung oder auch Tendenz.

  • Die „News-Bias“-Forschung will Unausgewogenheiten, Einseitigkeiten und politische Tendenzen in der Medienberichterstattung messen sowie Aufschluss über deren Ursachen erlangen.

  • Im Vordergrund steht dabei der Zusammenhang zwischen den Einstellungen von Kommunikatoren und deren Nachrichtenauswahl.

  • Es wird zwischen unpolitischen und politischen News Bias unterschieden.

Aufgabe 2.9

Wodurch unterscheidet sich Media Frames von Audience Frames?

  • Media Frames entstehen durch journalistische Normen, Selektion, Hervorhebung oder Betonung bestimmter Ausschnitte der Realität durch die Medien.

    • Die ‚Rahmung‘ entsteht durch organisatorische Festlegungen des Mediums.

    • Die ‚frames‘ dienen zur schnellen Identifikation und Klassifizierung von Informationen.

  • Audience Frames stellen gespeicherte Ideengebilde beim Rezipienten dar, die die individuelle Informationsverarbeitung lenken, welche dann zu Interpretationsrastern werden.

  • Je früher man derartige ‚Raster‘ verinnerlicht hat, umso schwerer ist es, diese zu verändern bzw. an Realitäten anzupassen.


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Hanna M.

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