Krashens 5 Hypothesen des Zweitspracherwerbs
1) Acquisition-Learning Hypothesis (‘Erwerbs-Lern-Hypothese'): Erwerben geschieht unbewusst und durch sinnvolle Kommunikation in der Zielsprache; Lernen ist bewusst und das Ergebnis formalen Unterrichts
2) Monitor Hypothesis (‘Monitor-Hypothese’): Gelernte Grammatik dient als Kontrollsystem für Korrektheit (wenn Zeit vorhanden und das Ziel eine fehlerfreie Nutzung der Sprache ist).
3) Natural Order Hypothesis (‘Hypothese der natürlichen Reihenfolge’): Grammatische Strukturen werden in einer typischen Abfolge erworben - unabhängig vom Unterricht.
4) Input Hypothesis (‘Input-Hypothese’): Fortschritt entsteht durch verstehbaren Input, der leicht über dem aktuellen Niveau liegt.
5) Affective Filter Hypothesis (Affektiver Filter-Hypothese): Motivation, Selbstvertrauen und geringe Angst senken den Filter – Input kann besser verarbeitet werden; Angst und Stress blockieren Erwerb.
Die Kontrastivhypothese
o Vergleicht L1 und L2 und geht davon aus, dass Strukturunterschiede
automatisch Lernschwierigkeiten verursachen und dadurch
prognostizierbar sind.
o Schwerpunkt liegt auf negativem Transfer (Interferenz), da L1-Einflüsse
meist über Fehler sichtbar werden; positiver Transfer bleibt oft unauffällig.
o Kritik: Sprachähnlichkeit verhindert nicht zwingend Schwierigkeiten,
zudem sind Fehler nicht immer eindeutig auf L1 zurückzuführen -->
begrenzte Erklärungskraft.
Die Identitätshypothese
o Fokus liegt weniger auf L1-L2-Unterschieden, sondern auf den Strukturen der Zielsprache, die einen universellen Spracherwerbsmechanismus aktivieren.
o Annahme: Erst- und Zweitspracherwerb verlaufen identisch bzw. Sehr ähnlich; Hinweise liefern ähnliche Lernerproduktionen in L1 und L2.
o Daraus folgt die Idee fester Entwicklungssequenzen: Sprachstrukturen werden in bestimmten, nicht variierbaren Entwicklungsschritten erworben (Etappen können ggf. übersprungen werden).
o Theoretische Stütze u. a. durch die Universalgrammatik (tiefe
Gemeinsamkeiten aller Sprachen)
o Kritik: Entwicklungssequenten betreffen nur wenige Strukturen; Befunde aus natürlichen Kontexten wurden teils unkritisch auf Unterricht übertragen; unterrichtliche Faktoren wurden unterschätzt.
Die Interlanguage-Hypothese
o Lerner entwickeln beim Fremdsprachenerwerb eine mentale
Zwischensprache (interlanguage), die systematisch, aber zugleich variabel und dynamisch ist. Erwerb verläuft also nicht zufällig, sondern in veränderlichen Entwicklungsschritten.
o Typisch sind Fossilisierungen: Die Zwischensprache kann auf einem bestimmten Niveau stehenbleiben oder sich sogar rückentwickeln.
o Zentrale Prozesse nach Selinker:
▪ Transfer (nicht nur aus der L1)
▪ Lehrinduzierter Transfer (Übergewicht von Formen durch Unterricht)
▪ Lernstrategien
▪ Kommunikationsstrategien
▪ Übergeneralisierung
o Bedeutung: stärkt den Fokus auf lernerseitige Strategien und Autonomie
(“Lernen lernen”)
o Kritik: Mentale Prozesse sind schwer empirisch zu erfassen (nur rekonstruierbar); zudem bleibt oft unklar, ob Fehler tatsächlich aus L1- Transfer stammen oder z.B. aus Planungs-/Produktionsproblemen.
Die Output-Hypothese
o Beim Fremdsprachenerwerb ist Output nicht nur wichtig für Kommunikation (Bedeutung aushandeln), sondern auch als Produkt des Lernprozesses, das Lernende analysieren und reflektieren können.
o Wenn Lernende die Möglichkeit haben, ihren Output kooperativ zu entwickeln, zu überarbeiten und zu korrigieren, verläuft Spracherwerb erfolgreicher.
o Empirische Studien von Swain (1995, 2000, 2005) stützen diese Annahme.
o Zentral sind dabei Reflexion, Aufmerksamkeitslenkung (noticing) und kognitive Strategien.
Die Interaktionshypothese
o Umgebungsfaktoren beeinflussen den Zweitspracherwerb; ihre Wirkung hängt aber stark von Aufmerksamkeit und Verarbeitungskapazitäten der Lernenden ab.
o Spracherwerb gelingt besonders gut durch Interaktion und die Aushandlung von Bedeutung (negotiation of meaning)
o Entscheidend ist dabei negatives Feedback (z. B.
Korrekturen/Rückmeldungen), das Lernende dazu bringt, ihre eigene Sprache zu analysieren und falsche Strukturen zu erkennen (”negative evidence”)
o Daraus folgt: Erfolgreicher Erwerb ist teilweise abhängig von
metasprachlicher Reflexion und vom qualitativen Feedback des
Gegenübers.
o Wenn trotz schwachem Feedback Erwerb gelingt, spricht dies für stärkere Bedeutung lernerinterer Faktoren.
Die Lehr-/Lernbarkeitshypothese
o Spracherwerb folgt festen Entwicklungssequenzen; Unterricht kann deren Reihenfolge nicht verändern oder umkehren.
o Unterricht ist nur dann wirksam, wenn er auf das nächste erreichbare Entwicklungsstadium zielt; zu schnelle Progression ist wenig erfolgsversprechend.
o Voraussetzung ist die mentale Bereitschaft des Lernenden, eine Struktur aufzunehmen und zu verarbeiten.
o Kritik: Entwicklungssequenzen sind empirisch nicht eindeutig belegt bzw. Noch zu wenig erforscht; Fokus liegt zu stark auf Form statt Bedeutung; außerdem können didaktische Progressionen durchaus hilfreich sein und Erwerb ermöglichen.
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