(Folie 18) Womit beschäftigt sich die Klinische Psychologie konkret?
Die Klinische Psychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie und befasst sich mit:
• Psychischen Störungen
• Psychischen Aspekten somatischer Erkrankungen
Im Speziellen untersucht sie:
• Deskription (Symptomatologie)
• Klassifikation & Diagnostik
• Verbreitung & Verlauf
• Ätiologie- und Bedingungsanalyse
• Gesundheitsförderung & Prävention
• Therapie & Rehabilitation
(Folie 19) Wann gilt ein Zustand laut DSM-5 als psychische Störung?
Eine psychische Störung ist ein Syndrom, das gekennzeichnet ist durch:
• Klinisch bedeutsame Störungen in
Kognitionen
Emotionsregulation
Verhalten
Diese beruhen auf dysfunktionalen psychologischen, biologischen oder entwicklungsbezogenen Prozessen.
Zusätzlich typisch:
• Leiden oder Beeinträchtigung in wichtigen Lebensbereichen
Wichtig:
• Normale Trauerreaktionen gelten nicht als Störung
• Sozial abweichendes Verhalten ist nur dann eine Störung, wenn eine Dysfunktion zugrunde liegt
(Folie 20 – Schaubild) Welche vier Merkmale definieren gemeinsam eine psychische Störung?
Eine psychische Störung liegt nur vor, wenn mehrere Merkmale gleichzeitig auftreten:
• Persönliches Leid
• Verletzen sozialer Normen
• Beeinträchtigung der Lebensführung (Behinderung)
• Dysfunktionales Verhalten
➡️ Alle vier Elemente sind im Diagramm als zusammenführend zur „Psychischen Störung“ dargestellt.
(Folie 21) Welche fünf Normalitätsbegriffe helfen zu definieren, was „normal“ ist?
Idealnorm
Statistische Norm
Soziale Norm
Subjektive Norm
Funktionale Norm
(Quelle: Berking & Rief, 2012)
(Folie 22) Was unterscheidet kategoriales von dimensionalem Störungsverständnis?
Kategoriales Verständnis
• Entweder gesund oder krank
• Grundlage aktueller Diagnosesysteme (ICD-10/11, DSM-5)
Dimensionales Verständnis
• Kontinuum zwischen gesund und krank
• Fließender Übergang
Auf der Folie grafisch als Linie zwischen „Gesund“ und „Krank“ dargestellt.
(Folie 23 – Modellgrafik) Warum ist das medizinische Krankheitsmodell bei psychischen Störungen begrenzt?
Das medizinische Modell folgt der Logik:
Ursache X → Krankheit Y → Lösung Z
(Beispiel: Streptokokken-Infektion → Mandelentzündung → Antibiotikum)
Problem bei psychischen Störungen:
• Oft keine einzelne Ursache
• Komplexe Bedingungsgefüge
→ Statt „Ursache“ spricht man von Bedingungen einer Störung
→ Bedingungsanalyse
(Folie 24) Welche vier Einflussbereiche wirken in allen Entwicklungsphasen psychischer Störungen?
In jeder Phase wirken:
• Biologische Faktoren
• Psychologische Faktoren
• Soziale Faktoren
• Ökologische Faktoren
Phasen laut Folie:
• Prä-/perinatale Phase
• Sozialisations-Entwicklungsphase
• Phase vor Ausbruch
• Phase nach Störungsausbruch
(Folie 25) Welche vier Entwicklungsphasen werden im Modell zur Entstehung psychischer Störungen unterschieden?
Die Tabelle unterscheidet vier Phasen:
Prä-, perinatale Phase (vor Geburt, Geburt)
Sozialisations-Entwicklungsphase (frühe Kindheit bis Erwachsenenalter)
Phase vor dem Ausbruch der Störung (Prodromalphase)
Phase nach Störungsausbruch
Zu jeder Phase werden biologische, psychologische, soziale und ökologische Faktoren aufgeführt.
(Quelle: Perrez & Baumann)
(Folie 26) Welche Einflussfaktoren können in der prä- und perinatalen Phase eine Rolle spielen?
Biologische Faktoren
• Genetische Faktoren
• Erkrankungen der Mutter während Schwangerschaft
• Geburtskomplikationen
Psychologische Faktoren
• Inakzeptanz der Mutterrolle
Soziale Faktoren
• Partnerschaftskonflikte
Ökologische Faktoren
• Radioaktive Belastung
(Folie 27) Welche Einflussfaktoren nennt die Folie für die Sozialisations-Entwicklungsphase?
• Infektionen
• Kognitive Defizite
• Qualitativ ungenügende Interaktion mit Bindungspersonen
• Armut
• Fabrikabgase
(Folie 28) Welche Faktoren können in der Phase vor dem Ausbruch der Störung (Prodromalphase) wirken?
• Drogenkonsum
• Arbeitsüberlastung
• Partnerverlust
• Lärmbelästigung
(Folie 29) Welche Einflussfaktoren sind in der Phase nach Störungsausbruch bedeutsam?
• Inadäquate Medikation
• Coping-Defizite
• Familienatmosphäre gemäß Expressed Emotions
• Inadäquate Wohnverhältnisse
(Folie 30 – Modellgrafik) Welche Kernelemente umfasst das Bio-Psycho-Soziale Krankheitsmodell?
Das Modell (Engel, 1977) integriert:
In der Grafik zusätzlich eingebettet in:
• Umwelt
→ Gesundheit entsteht aus dem Zusammenspiel aller Ebenen.
(Folie 31 – Überblicksgrafik) Welche Modellperspektiven gibt es in der Klinischen Psychologie?
Die Grafik zeigt folgende Perspektiven:
• (Neuro-)biologische Perspektive
• Psychodynamische Perspektive
• Kognitiv-behaviorale Perspektive
• Humanistische Perspektive
• Systemische Perspektive
Übergeordnet:
• Integrative Perspektiven
Alle beziehen sich auf das Verständnis psychischer Störungen.
(Folie 32) Wie definiert Strotzka (1975) Psychotherapie?
Psychotherapie ist ein:
• Bewusster und geplanter interaktionaler Prozess
• Zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen
• Die im Konsens als behandlungsbedürftig gelten
Sie erfolgt:
• Mit psychologischen Mitteln
• In Richtung auf ein definiertes Ziel
• Mittels lehrbarer Techniken
• Auf Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens
In der Regel notwendig:
• Tragfähige emotionale Bindung
(Definition nach Strotzka, zitiert nach Hoyer & Knappe, 2020)
(Folie 33) Welche vier Kriterien kennzeichnen Psychotherapie?
Psychotherapie ist:
Ein geplanter zielorientierter Prozess
Eine Veränderung psychischer Prozesse mittels psychologischer Mittel auf theoretischer Grundlage
Interaktiv und mit emotionaler Komponente
Lehr- und lernbar
(Quelle: Hoyer & Knappe, 2020)
(Folie 34) Welche Ziele verfolgt Psychotherapie?
Ziele sind:
• Reduktion von Leiden
• Reduktion von Symptomatik
• Veränderung belastender oder gefährlicher Verhaltens-, Emotions- und Einstellungsmuster
• Entwicklung der Fähigkeit zur erfolgreichen Lebens- und Problembewältigung
(Folie 36) Wodurch unterscheidet sich professionelle Psychotherapie vom „guten Rat von nebenan“?
Professionelle Psychotherapie:
• Beruht auf wissenschaftlich begründbaren Entscheidungen
• Folgt einem Therapieplan mit klaren Therapiezielen
• Ist lernbar
• Baut auf Störungs- und Veränderungswissen auf
• Ist selbstkritisch (Evaluation des eigenen Vorgehens)
(Folie 38 – Zeitachse) Wie entwickelte sich das Verständnis psychischer Störungen historisch?
Die Zeitachse zeigt folgende Stationen:
• 460–370 v. Chr.
Einteilung in Manie, Melancholie, Phrenitis (Gehirnfieber)
Vier-Säfte-Lehre
• Mittelalter
Exorzismus, Inquisition
• 1243
Gründung des „Asyl“ St. Mary of Bethlehem
Zeit der „Irrenanstalten“
• 19. Jahrhundert
Biologische und genetische Ansätze
Biologische Behandlungen
• Josef Breuer (1842–1925)
Psychodynamische Ansätze
(Folie 39) Wer gelten als Gründerfiguren der Psychotherapie und wofür stehen sie?
• Sigmund Freud (1856–1939)
Psychoanalyse
• Lightner Witmer (1867–1956)
1897: „Clinical Psychology“
• Emil Kraepelin (1885–1926)
Krankheitslehre psychischer Störungen
• Iwan P. Pawlow (1849–1936)
Behaviorismus
(Folie 40) Welche Meilensteine prägten die Entwicklung der Psychotherapie im 20. und 21. Jahrhundert?
• 1910
Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung
• 1917
Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
• 1949
Gründung des National Institute of Mental Health (USA)
• 1950er Jahre
Entwicklung der Verhaltenstherapie, Humanistischen Therapie, Systemischen Therapie
• 1999
Psychotherapeutengesetz in Deutschland
• 2019
Reform des Psychotherapeutengesetzes
(Folie 42) Welche grundlegenden Formate von Psychotherapie unterscheidet die Vorlesung?
Die Folie nennt folgende Unterscheidungen:
• Ambulant vs. stationär
(tagesklinisch häufig als Übergang)
• Einzel vs. Gruppe
• Kurz vs. lang
• Manualbasiert vs. individualisiert
• Face-to-face vs. virtuell
(Folie 43) Wie sind psychotherapeutische Settings als gestufte Behandlungsoptionen aufgebaut?
Die Folie zeigt eine Staffelung:
Selbsthilfe (z.B. Selbsthilfegruppen, Unterstützung durch Angehörige, Bibliotherapie, Kurse, Entspannungsübungen)
Hausärztliche psychosomatische Grundversorgung (stützende Gespräche, Beratung)
Ambulante Psychotherapie (eigene Praxis, Ambulanz)
Stationäre bzw. teilstationäre Behandlung (Psychiatrie, Psychosomatik, Rehabilitation)
(Folie 44) Was unterscheidet Verfahren, Methode und Technik?
Psychotherapeutisches Verfahren
• Umfassende Theorie zur Entstehung & Aufrechterhaltung von Krankheiten
• Behandlungsstrategien für breites Spektrum
Beispiel: Psychodynamische Psychotherapie
Psychotherapeutische Methode
• Theorie zur Entstehung & Behandlung einer bestimmten Störung
Beispiel: EMDR
Psychotherapeutische Technik
• Konkrete Vorgehensweise innerhalb von Verfahren/Methode
Beispiel: Übertragungsdeutung
(Folie 45) Wer regelt die berufsrechtliche und wer die sozialrechtliche Anerkennung psychotherapeutischer Verfahren?
Berufsrechtliche Anerkennung
• Geregelt durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP)
• Grundlage: Psychotherapeutengesetz (PsychThG)
• Legt fest, in welchen Verfahren ausgebildet & praktiziert werden darf
Sozialrechtliche Anerkennung
• Geregelt durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA)
• Entscheidet, welche Verfahren von gesetzlichen Krankenkassen vergütet werden
(Folie 46) Welche vier Kriterien gelten für die berufsrechtliche Anerkennung?
Kriterien:
Störungsrelevanz
Replizierbarkeit
Interne Validität
Externe Validität
(Folie 48) Welche vier Richtlinienverfahren sind aktuell berufsrechtlich und sozialrechtlich anerkannt?
Die aktuell anerkannten Richtlinienverfahren sind:
Analytische Psychotherapie
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
Verhaltenstherapie
Systemische Therapie
(Folie 50) Wie war die Ausbildung zur Psychotherapeut:in vor der Reform 2019 geregelt?
Grundlage: Psychotherapeutengesetz (PsychThG, seit 1999)
• Voraussetzung: Diplom/Master in Psychologie
Umfang: 4200 Stunden, davon:
• 600 h Theorie
• 600 h supervidierte Patientenbehandlungen
• 1200 h in psychiatrischer Einrichtung (PIA I)
• 600 h in psychiatrischer oder anderer Praxiseinrichtung (PIA II)
(Folie 51) Was kennzeichnet den „neuen“ Weg zum Beruf Psychotherapeut:in (PsychThG 2019)?
Nach Reform 2019:
• Studium:
Polyvalenter Bachelor Psychologie
Master Psychologie mit Schwerpunkt Klinische Psychologie & Psychotherapie
• Approbationsprüfung
• Danach:
5-jährige Weiterbildung zum/zur Fachpsychotherapeut:in
Vertiefungen:
• VT (Verhaltenstherapie)
• TP (Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie)
• ST (Systemische Therapie)
• AP (Analytische Psychotherapie)
(Folie 59) Worin unterscheiden sich Psycholog:innen und Psychologische Psychotherapeut:innen?
Psycholog:innen
• B.Sc. + M.Sc. in Psychologie
• Dürfen keine Psychotherapie anbieten
• Nur Beratungsleistungen
Psychologische Psychotherapeut:innen
• Psychologiestudium + ca. 6-jährige Psychotherapie-Ausbildung
• Dürfen Psychotherapie durchführen
• Können Kassenpraxis leiten
(Folie 60) Was ist ein:e Fachpsychotherapeut:in?
• Studium nach PsychThG 2019
• Danach: 5-jährige Weiterbildung
Qualifikationen:
• Fachpsychotherapeut:in für Erwachsene
• Fachpsychotherapeut:in für Kinder & Jugendliche
• Fachpsychotherapeut:in für Neuropsychologische Psychotherapie
(Folie 61–62) Was unterscheidet ärztliche Psychotherapeut:innen von Psychiater:innen?
Ärztliche Psychotherapeut:innen
• Ärzt:innen mit Zusatzqualifikation in Psychotherapie
• Können psychotherapeutisch tätig sein
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
• Behandeln mit Psychotherapie
Psychiater:innen
• Weiterbildung in Psychiatrie und Psychotherapie
• Schwerpunkt: medikamentöse Behandlung
• Können mit Zusatzqualifikation auch Psychotherapie anbieten
(Folie 63) Was ist problematisch an der Qualifikation von Heilpraktiker:innen für Psychotherapie?
• Bezeichnung „Psychotherapeut:in“ ist geschützt (§1 PsychThG)
• Bezeichnung „Psychotherapie“ ist nicht geschützt
Heilpraktiker:in für Psychotherapie:
• Keine geregelte Ausbildung
• Ausbildung möglich (1–2 Jahre), aber nicht verpflichtend
• Staatliche Prüfung beim Gesundheitsamt
• Keine Garantie, ein psychotherapeutisches Verfahren erlernt zu haben
→ Psychotherapeutische Qualifikation ist nicht gewährleistet
(Folie 65) Wie viele Psychotherapeut:innen sind laut Bundesarztregister in Deutschland registriert?
Die Grafik zeigt:
• 34.921
• 5.848
(Quelle: Statistische Informationen aus dem Bundesarztregister, KBV)
(Folie 70) Wie lange sind die durchschnittlichen Wartezeiten auf Psychotherapie?
• Erstgespräch (Sprechstunde): 6 Wochen
• Akutbehandlung: 3 Wochen
• Probatorische Sitzung: 20 Wochen
(Folie 71) Wie beschreibt der DPtV Report 2023 die Wartezeitproblematik?
• 51 % warten länger als 1 Monat auf ein Erstgespräch
• 47,4 % beginnen Behandlung erst nach mehr als 6 Monaten
• Wartezeitproblematik nahm in der Corona-Pandemie zu
(Folie 73 – Fazit) Welche Kernaussagen fasst die Einführung zusammen?
• Psychotherapie ist interaktiv, geplant, zielorientiert und lehr- und lernbar
• Man unterscheidet Verfahren, Methoden und Techniken
• Die vier Richtlinienverfahren sind:
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