(Folie 13) Welche drei Lernziele verfolgt die heutige Vorlesung zu humanistischen Verfahren?
Am Ende der VL sollen Sie:
Grundlegende Prinzipien und Gemeinsamkeiten humanistischer Therapieverfahren kennen
Die therapeutischen Grundhaltungen der personzentrierten Psychotherapie nach Rogers verstehen
Einen Eindruck bekommen, wie Emotionen in der EFT bearbeitet werden
(Folie 14) Welche drei Themenbereiche umfasst die Agenda der Vorlesung?
Die VL ist gegliedert in:
Humanistische Verfahren
Einführung
Entwicklungsgeschichte
Menschenbild
Personzentrierte Psychotherapie
Emotionsfokussierte Therapie
(Folie 15) Warum werden humanistische Verfahren als „dritte Kraft“ bezeichnet?
Sie entstanden seit den 1960er Jahren als Alternative zu:
• Psychoanalyse
• Verhaltenstherapie
Sie verstanden sich als eigenständige Richtung neben diesen beiden Ansätzen.
(Folie 15) Wovon grenzen sich humanistische Verfahren explizit ab?
Sie grenzen sich ab von:
Dem analytisch-kausalen, deterministischen Verständnis der Psychoanalyse
Dem Reiz-Reaktions-mechanistischen Verständnis der Verhaltenstherapie
(Folie 15) Welche institutionelle Entwicklung markiert das Jahr 1962?
1962 wurde gegründet:
• Gesellschaft für humanistische Psychologie
(Folie 16) Welche philosophischen Wurzeln haben humanistische Therapieverfahren?
Sie beruhen auf:
Klassischem Humanismus
Betonung von Individualität
Ziel: Selbstverwirklichung
Existenzphilosophie (Kierkegaard, Nietzsche, Buber, Jaspers)
Menschliche Existenz ist fundamental verschieden von anderen Seinsformen
Buber (1923): „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“
Phänomenologie
Welt-Erfahrung ist immer Selbsterfahrung
(Folie 16) Welche psychologischen Einflüsse prägen das Menschenbild?
Einfluss der Gestaltpsychologie:
• Betonung der Ganzheitlichkeit psychischer Prozesse
Gemeinsames Menschenbild:
• Grundsätzlich positive Einschätzung menschlicher Fähigkeiten
• Potenzial zur bestmöglichen Persönlichkeitsentfaltung
(Folie 17) Welche zentralen Vertreter:innen werden den humanistischen Verfahren zugeordnet?
Genannt werden:
• Carl Rogers – Gesprächspsychotherapie
• Eugene Gendlin – Focusing
• Fritz Perls – Gestalttherapie
• Viktor Frankl – Logotherapie & Existenzanalyse
• Eric Berne – Transaktionsanalyse
• Ruth Cohn – Themenzentrierte Interaktion
• Jacob Levy Moreno – Psychodrama
• Erich Fromm – Sozialpsychologisch-marxistische Psychoanalyse
• Leslie Greenberg – Emotionsfokussierte Therapie
(Folie 18) Welche vier zentralen Annahmen prägen das Menschenbild humanistischer Verfahren?
Autonomie & soziale Interdependenz → Streben nach Unabhängigkeit und Selbstverantwortung → Verantwortungsübernahme für Gemeinschaft möglich
Selbstverwirklichung → Streben nach Selbstaktualisierung und persönlichem Wachstum
Ziel- und Sinnorientierung → Handlungen sind intentional (zielorientiert & sinnstrukturiert) → Humanistische Werte (Freiheit, Gerechtigkeit, Würde) prägen das Leben
Ganzheit → Ganzheitlichkeit von Gefühl, Vernunft, Leib und Seele
(Folie 19) Welche Grundannahme verbindet Maslow mit seiner Bedürfnishierarchie?
Maslows Annahme:
Erst wenn
• basale Grundbedürfnisse
• und psychologische Bedürfnisse
realisiert sind, können:
• Wachstums- und Selbstverwirklichungsbedürfnisse erfüllt werden.
(Folie 19, Pyramide) Welche drei Ebenen unterscheidet die Bedürfnishierarchie?
Basic needs
Physiologische Bedürfnisse
Sicherheitsbedürfnisse
Psychological needs
Zugehörigkeit & Liebe
Selbstwert
Self-fulfillment needs
Selbstaktualisierung
(Folie 20) Wie wird psychische „Störung“ im humanistischen Verständnis erklärt?
Kein klassisch psychopathologisches Verständnis, sondern:
Orientierung an Gesundheit.
Psychische „Störung“ entsteht durch:
• Unterdrückung oder Manipulation menschlicher Entfaltungsmöglichkeiten
(Folie 20) Welche Eigenschaften zeichnen einen gesunden Menschen aus (nach Maslow, 1959)?
Ein gesunder Mensch zeigt:
• Integrität
• Ganzheit
• Klare Wahrnehmung der Realität
• Offenheit gegenüber eigenen Erfahrungen
(Folie 21) Welche vier Grundprinzipien prägen die humanistische Therapie?
Therapeutische Beziehung
Kongruent
Empathisch
Wertschätzend
Fokus auf emotionales Erleben
Ziel: Persönliches Wachstum
Personenzentrierung
Wahrnehmung als einzigartiges Individuum
Begegnung mit Wertschätzung und Respekt
(Folie 21) Warum wird der Begriff „Klient:in“ statt „Patient:in“ verwendet?
Er betont:
• Personenzentrierung
• Subjektstatus
• Begegnung auf Augenhöhe
(Folie 23) Wer ist die Gründerfigur der Personzentrierten Psychotherapie?
Carl R. Rogers (1902–1978)
Er entwickelte den Ansatz aus Unzufriedenheit mit:
• psychoanalytischen Ansätzen
• frühen behavioralen Ansätzen
(Folie 23) Welches Werk veröffentlichte Rogers 1942?
1942:
„Counseling and Psychotherapy“
(„Die nicht-direktive Beratung“)
(Folie 23) Wer etablierte die Gesprächspsychotherapie in Deutschland?
Reinhard Tausch
Anne-Marie Tausch
1960:
„Das psychotherapeutische Gespräch“
(Folie 24) Wie entwickelte sich die Begriffsbezeichnung der Therapie bei Rogers?
1938–1950: „non directive therapy“ (nichtdirektive Therapie)
1951: „client-centred therapy“ (klientenzentrierte Therapie)
Später: „person-centred therapy“ (personzentrierte Therapie)
Im deutschsprachigen Raum:
• 1968: Gesprächspsychotherapie
(Folie 25) Welche grundlegende Annahme vertritt Rogers über den Menschen?
Menschen sind:
• Von Grund auf gut
• Von Grund auf sozial
(Folie 25) Was bedeutet „Aktualisierungstendenz“?
Jeder Mensch hat das Bedürfnis:
• Sich zu entfalten
• Seine Entwicklungsmöglichkeiten voll auszuschöpfen
(Folie 25) Was ist die „Selbstaktualisierungstendenz“?
Bedürfnis:
• Das eigene Selbst zu entfalten
• Sich kontinuierlich weiterzuentwickeln
→ Integration neuer Erfahrungen in das Selbstkonzept
(Folie 25) Welche Rolle spielt unbedingte Wertschätzung für das Selbst?
Menschen haben ein Bedürfnis nach:
• Unbedingter Wertschätzung
Diese ist zentral für:
• Entwicklung des Selbstwerts
(Folie 25–26) Was kennzeichnet eine „fully functioning person“?
Eine fully functioning person:
• Ist sich ihrer Erfahrungen bewusst
• Integriert diese in ihr Selbstkonzept
(Folie 26) Welche Merkmale hat eine „fully functioning person“ konkret?
Sie ist:
• Offen gegenüber Erfahrungen (keine Angst vor neuen Erfahrungen)
• Symbolisiert Erfahrungen genau (keine Verzerrung)
• Erkennt den Selbstbezug
• Hat eine bedingungslose positive Einschätzung des Selbst
• Korrigiert Fehlentscheidungen leicht
• Nimmt positive Wertschätzung ungehindert an
• Hat befriedigende soziale Interaktionen
(Folie 27) Was bedeutet „Inkongruenz“ nach Rogers?
Inkongruenz = Diskrepanz zwischen:
• Erfahrungen
• und dem Selbstkonzept
(Folie 27) Wie entstehen psychische Störungen nach Rogers?
Psychische Störungen entstehen als Ausdruck:
• chronischer Inkongruenz
Nicht integrierbare Erfahrungen werden:
• verzerrt
• verdrängt
• verleugnet
(Folie 27) Gibt es bei Rogers ein störungsspezifisches Verständnis?
Nein.
• Kein dezidiert störungsspezifisches Modell
• Fokus auf Inkongruenz statt Diagnosen
(Folie 28) Was beschreibt das Modell der Inkongruenz?
Entfremdung entsteht, wenn:
• Persönlichkeit nicht im Einklang mit
den Erfahrungen auf organismischer Ebene steht
Folge:
• Gefühl von Diskrepanz
• Unbehagen
• Angst
(Folie 29) Wie formuliert Rogers das übergeordnete Therapieziel?
„Das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist“
(Folie 29) Welche vier Entwicklungsziele nennt Eckert (2006)?
Von „eigentlich-sollte-ich“ → zu Selbstbestimmung, Autonomie, Verantwortung
Anerkennung der eigenen Veränderbarkeit
Mehr Offenheit für Erfahrungen
Mehr Akzeptanz anderer
(Folie 30) Welche drei Grundhaltungen sind zentral?
Kongruenz / Echtheit / Authentizität
Bedingungsfreie Wertschätzung
Empathie (einfühlendes Verstehen)
→ Schaffung eines emotionalen Klimas für Selbstentfaltung
(Folie 32) Wie wird die Rolle der Therapeut:innen beschrieben?
• Nichtdirektiv
• Fokus auf Erleben und inneren Bezugsrahmen der/des Klient:in
Techniken sind:
• „möglich, aber nicht notwendig“
• Wichtig nur zur Umsetzung der notwendigen Bedingungen
(Folie 33) Welche sechs notwendigen und hinreichenden Bedingungen nennt Rogers (1957)?
Zwei Personen stehen in psychologischem Kontakt
Klient:in befindet sich in Inkongruenz (verletzbar/ängstlich)
Therapeut:in ist kongruent
Therapeut:in empfindet unbedingte positive Beachtung
Therapeut:in erlebt empathisches Verstehen und kommuniziert es
Klient:in nimmt Bedingung 4 und 5 zumindest minimal wahr
(Folie 34) Welche therapeutischen Handlungsprinzipien ergeben sich daraus?
• Nichtdirektivität & empathisches Zuhören
• Unbedingte positive Wertschätzung
• Kongruenz als Voraussetzung
Ausnahme:
→ Bei wahrgenommener Vermeidung eines Themas
(Folie 34) Was bedeutet „Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte“?
Therapeut:in:
• Benennt Gefühle, Empfindungen, wertgebundene Erfahrungen
• Formuliert das „Mit-Gemeinte“
(Folie 35) Welche Klientenvariablen fördern Therapieerfolg?
Selbstexploration → Bereitschaft zur Selbstreflexion
Experiencing → Aufmerksamkeit auf aktuelle Erfahrung und ihre gefühlte Bedeutung
(Folie 36) Welche Techniken werden den drei Grundhaltungen zugeordnet?
Bedingungsfreie Anerkennung:
• Interesse zeigen
• Bestätigen
• Solidarisieren
Kongruenz:
• Konfrontieren
• Beziehung klären
• Sich selbst einbringen
Empathie:
• Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte
• Konkretisierendes Verstehen
• Herausarbeiten persönlicher Bedeutung
(Folie 37) Welche „Spuren“ hinterließ die Personzentrierte Therapie in der KVT?
• Bedeutung basaler Prinzipien der Gesprächsführung
• Bedeutung therapeutischer Basisfaktoren
Beispiele:
• Therapeut:in-Klient:in-Beziehung
• Working Alliance
(Folie 39) Was steht im Zentrum der Emotionsfokussierten Therapie (EFT)?
Zentrum der therapeutischen Arbeit sind:
• Emotionale Prozesse
• und deren Veränderungsmöglichkeiten
Greenberg:
Emotionen als Richtschnur nutzen, ohne ihnen ausgeliefert zu sein.
(Folie 39) Welche Funktionen haben Emotionen laut EFT?
Emotionen sind:
• Kompass zur Bewertung von Situationen
• Quelle unserer Handlungstendenzen
• Indikator für Bedürfnisse
(Folie 40) Welche Komponenten gehören zu Emotionen?
Emotionen umfassen:
Ausdruck → Kommunikation des Gefühlszustands
Subjektives Erleben
Neurophysiologische Veränderungen
Kognition → Bewertung/Bedeutung (nicht notwendigerweise bewusst)
Motivation → Bedürfnisse / Ziele → Aufmerksamkeit → Handlungstendenz
(Folie 40) Welche zwei Funktionen werden Emotionen zusätzlich zugeschrieben?
• Kommunikative Funktion
• Handlungsvorbereitende Funktion
(Folie 41) Warum sind dysfunktionale Emotionen schwer veränderbar?
Weil:
• Emotionale Reaktionen auf Erfahrungen basieren
• Automatische unbewusste Prozesse kognitiv nicht „greifbar“ sind
• Amygdala-basierte emotionale Erinnerungen nicht einfach gelöscht werden
(Folie 41) Wie gelingt Veränderung dysfunktionaler Emotionen?
Durch:
Regulation alter Muster
Emotionale Verarbeitung („the only way out is through“)
Aufbau neuer, adaptiver emotionaler Reaktionsmuster
(Folie 43) Was kennzeichnet primär adaptive emotionale Reaktionen?
• Ungelernt
• Direkte Reaktion auf eine Situation
Ablauf:
Situation → Primäre Emotion → Adaptive Handlung
Beispiel aus Folie:
Verletzung → Ärger → Selbstverteidigung
(Folie 43) Was sind maladaptive emotionale Reaktionen?
• Gelernt
• Direkte Reaktion auf aktuelle Situation
Ablauf laut Abbildung:
Frühere Erfahrung (z.B. Missbrauch)
→ Aktivierung eines Schemas
→ Primäre Emotion (z.B. Ärger)
→ Maladaptive Handlung (z.B. Zurückweisung)
(Folie 44) Was ist eine sekundär reaktive emotionale Reaktion?
• Eine adaptive primäre Emotion wird überlagert
durch eine selbst- oder fremdfokussierte Reaktion
Verlust →
Primäre Emotion: Traurigkeit
Sekundäre Emotion: Ärger
→ Nichtadaptive Handlung (Angriff gegen sich oder andere)
(Folie 44) Was sind instrumentelle emotionale Reaktionen?
• Emotion wird wegen ihres Effekts gezeigt
• Unabhängig vom tatsächlichen emotionalen Zustand
Merkmale:
• Interpersonale Absicht
• Planung (bewusst oder unbewusst)
Beispiel:
„Krokodilstränen“ zur Werbung um Sympathie
(Folie 45) Wie entstehen emotionale Schemata?
Durch Verknüpfung von:
• Angeborenen affektiv-motorischen Programmen
• Mit Erfahrungen
(Folie 45) Welche Elemente umfasst ein emotionales Schema?
Ein Netzwerk aus:
• Kontext
• Körperempfinden (bodily felt sense / somatischer Marker)
• Gefühl
• Symbolisierung / Bedeutung
• Bedürfnisse / Wünsche / Ziele
• Handlungstendenzen
(Folie 46) Welche Therapieziele verfolgt die EFT?
Zugänglichmachen primärer adaptiver Emotionen
Veränderung maladaptiver Emotionen im Kontext neuer Erfahrungen
Rolle Therapeut:in:
• „Emotion coach“
(Folie 47) Welche sechs Prinzipien emotionaler Veränderung nennt die EFT?
Bewusstheit → Gefühle körperlich erlebbar machen & benennen
Ausdruck → Emotionen ausdrücken, Vermeidung überwinden
Regulation → Wahrnehmen, Zulassen, Tolerieren → Erfahrung des Gehaltenwerdens
Reflexion → Emotionale Bedeutungen explizit machen
Transformation → Emotionen durch Emotionen verändern („fighting fire with fire“)
Korrigierende interpersonelle Erfahrung
(Folie 48) Was sind emotionale Marker?
• Verbale oder nonverbale Hinweise
• Auf ein emotionales Verarbeitungsproblem
(Folie 48) Was ist Focusing bei unklaren Gefühlen?
Klient:in wird unterstützt:
• Körperlich gespürte Gefühle
• Genauer zu explorieren
(Folie 48) Was ist der Zwei-Stuhl-Dialog?
Dialog zwischen:
• Selbstkritischen / angstbasierten inneren Anteilen
• Und dem erlebenden Anteil des Selbst
Einsatz bei:
• Konflikthaften Prozessen
(Folie 48) Was ist der Leere-Stuhl-Dialog?
Dialog mit einer Bindungsperson
• Unabgeschlossenen Prozessen
• Wiederkehrenden problematischen Gefühlen
(Folie 52) Für wen ist die Personzentrierte Psychotherapie indiziert?
Nicht störungsspezifisch.
Fokus auf:
• Inkongruenz
• Selbstkonzept
• Beziehungsfähigkeit
(Folie 52) Für wen ist die EFT indiziert?
• Depressionen
• Leichte bis mittlere psychische Belastung
(Folie 52) Wie ist die Wirksamkeitslage?
• Weniger Studien als zur KVT
• Vorhandene Studien zeigen vergleichbare Wirksamkeit
von KVT, PPT und EFT
(Folie 53) Wurde die humanistische Psychotherapie als Richtlinienverfahren anerkannt?
• 1999: keine Anerkennung
• 2002: erneut keine Anerkennung
• 2017: keine Anerkennung als eigenständiges Verfahren
Begründung:
• Empirische Belege reichen nicht aus
Wirksamkeit wurde nur in drei Bereichen festgestellt:
• Affektive Störungen
• Anpassungs- und Belastungsstörungen
• Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Erkrankungen
(Folie 54) Was sind die zentralen Fazitpunkte der Vorlesung?
PPT:
• Selbstverwirklichungstendenz im Mittelpunkt
• Umsetzung von Kongruenz, Authentizität, Wertschätzung, Empathie
EFT:
• Veränderung maladaptiver
• Förderung adaptiver emotionaler Prozesse
Historisch:
• 60er–90er weit verbreitet
• In Deutschland Rückgang nach Psychotherapeutengesetz
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