Legaldefinition von Schule
Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schülerinnen und Schüler nach Lehrplänen Unterricht in
mehreren Fächern erteilen.“
- Wichtige Merkmale:
• Bildungsstätte
• organisatorisch stabil (unabhängig vom Personalwechsel)
• Unterricht
• mehrere Fächer
• nach Lehrplänen
Fünf Genehmigungskriterien für Ersatzschulen
- Eine private Ersatzschule wird genehmigt, wenn:
1. Lehrziele nicht hinter öffentlichen Schulen zurückstehen
2. Einrichtungen gleichwertig sind
3. Lehrkräfte wissenschaftlich ausgebildet sind
4. Keine Sonderung nach Besitzverhältnissen gefördert wird (soziales Separierungsverbot)
5. Wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte gesichert ist
Warum haben private Ersatzschulen Anspruch auf staatliche Finanzierung?
Begründung:
• Art. 7 Abs. 4 GG garantiert die Privatschulfreiheit
• Gleichzeitig darf keine soziale Sonderung stattfinden
• Ohne staatliche Finanzierung müssten hohe Schulgelder erhoben werden
• Das würde Kinder aus einkommensschwachen Familien ausschließen
• Daher verpflichtet das Grundgesetz den Staat zum Defizitausgleich
• Staatliche Finanzierung dient also der Wahrung sozialer Chancengleichheit
à Anwendung können
o der Legaldefinition
Bei einer Einrichtung prüfen:
1. Ist es eine dauerhafte Bildungsstätte?
2. Gibt es Unterricht?
3. Erfolgt dieser nach Lehrplänen?
4. In mehreren Fächern?
5. Unabhängig vom Wechsel einzelner Personen?
Wenn ein Punkt fehlt → keine Schule im Sinne des Schulgesetzes
- Beispiel:
• Nachhilfeinstitut → meist keine Schule (kein Lehrplan, keine institutionelle Stabilität)
• Demokratische Schule → problematisch, wenn kein Lehrplan vorliegt
Die fünf historischen Merkmale von Schule
1. Schule ist Unterweisung
• Ziel: Memorieren vorgegebener Inhalte
• Bücher waren knapp → Wissen musste im Gedächtnis gespeichert sein
• Serieller Unterricht (Einzelabfragen)
• Frontalunterricht entsteht erst Mitte des 18. Jh.
2. Lehrinhalte sind nicht alltäglich
• Schreiben, Lesen, Rechnen waren Spezialfähigkeiten
• Vorbereitung auf Verwaltung, Kirche &Handel
• Nicht im Familienalltag erlernbar
3. Schule ist außerfamiliärer Gruppenunterricht
• Abgesonderter Lernort
• Mehrere Minderjährige gemeinsam
• Lehrer-Schüler-Rollenstruktur
4. Schule ist nicht für alle da
• Antike: ca. 2 % Zugang
• 1400: ca. 12 %
• 1750: ca. 60 % Elementarunterricht
• Bildung lange ständisch-exklusiv
5. Zucht & Züchtigung
• Körperstrafen normal & legitim
• Lehrer mit Rute als Standessymbol
• Disziplin als Voraussetzung moralischer Erziehung
• Gesellschaftliche Akzeptanz körperlicher Gewalt
à Anwenden können
o Merkmal: „Lehrinhalte sind nicht alltäglich“
o Merkmal: „Schule ist nicht für alle da“
- Schule wird nötig, wenn:
• Inhalte außerhalb familiärer Erfahrungswelt liegen
• gesellschaftliche Spezialisierung zunimmt
• Wissen nicht informell weitergegeben werden kann
- Beispiel heute:
• Informatik
• abstrakte Mathematik
• Fremdsprachen
- Historisch:
• Zugang abhängig von Stand, Geschlecht, Vermögen
- Heute:
• Formell für alle
• Aber faktisch: soziale Ungleichheiten wirken fort
Ist das Merkmal „Zucht und Züchtigung“ noch aktuell?
- Körperliche Gewalt:
• Seit §1631 Abs. 2 BGB (2000) verboten
• Kein legitimes pädagogisches Mittel mehr
- Psychische Gewalt:
• Sozial geächtet
• Dennoch schwer messbar
- Aber:
• Lehrer*innen haben weiterhin strukturelle Macht
• Regeln, Bewertungen, Sanktionen bleiben
• Disziplinierung erfolgt heute: rechtlich geregelt, formalisiert & bürokratisch
„Zucht und Züchtigung“
Sind die ursprünglichen Gründe noch aktuell?
- Früher:
• Gewalt gesellschaftlich akzeptiert
• „Harte Hand“ als Erziehungsprinzip
• Gewaltverbot
• Sensibilisierung
• Kinderrechte
• Bedürfnis nach Ordnung
• Classroom-Management
• Gleichbehandlungsideal
à Zwang verschwindet nicht — er verändert seine Form
Kants drei Prinzipien einer Erziehung zur Freiheit
1. Prinzip: Freiheit lassen (Grundprinzip)
2. Prinzip: Freiheit der anderen achten
3. Prinzip: Notwendigkeit von Regeln und Unterricht einsichtig machen
1 Prinzip einer Erziehung zur Frteiheit Kant
• Kinder sollen selbst handeln & eigene Erfahrungen machen
• Sie sollen Selbstvertrauen & Eigenverantwortung entwickeln
• Man lernt nur richtig, wenn man Dinge selbst ausprobiert
• Fehler sind wichtig → man merkt, dass nicht alles sofort gelingt
• Erzieher greifen nicht ständig ein, sondern:
• begleiten
• schützen vor Gefahr
• lassen möglichst viel eigenständiges Lernen zu
• Orientierung an Jean-Jacques Rousseau („negative Erziehung“ = nicht alles vorgeben, sondern Entwicklung
ermöglichen)
à Ziel: Das Kind wird selbstständig und lernt eigene Entscheidungen zu treffen
2 Prinzip einer Erziehung zur Frteiheit Kant
2. Prinzip: Freiheit der anderen achten• Kinder müssen verstehen:
→ Nicht nur ich bin frei – alle anderen auch
• Eigene Ziele erreicht man nur wenn man anderen ebenfalls Freiheit zugesteht
• Man muss:
• Rücksicht nehmen
• Kompromisse eingehen
• Regeln akzeptieren
• Das nennt Kant Zivilisierung:
• Lernen, wie Zusammenleben funktioniert
• Soziale Regeln verstehen
• In der Gemeinschaft (z. B. Schule) lernen Kinder:
• ihre Grenzen
• die Rechte anderer
• fairen Umgang.
à Ziel: Das Kind wird sozial & respektiert andere als gleichberechtigt
3 Prinzip einer Erziehung zur Frteiheit Kant
3. Prinzip: Notwendigkeit von Regeln und Unterricht einsichtig machen• Freiheit heißt nicht: „Ich mache nur, was ich will.“
• Manche Regeln und Aufgaben schränken ein
→ aber sie sind notwendig für ein selbstständiges Leben
• Erzieher sollen Kindern erklären und begründen, warum Lernen wichtig ist
• Kinder sollen:
• verstehen, warum sie etwas lernen,
• Fragen stellen dürfen,
• auch Zweifel äußern.
• Lehrkräfte müssen zeigen:
→ Der „Zwang“ (z. B. Schulstoff) dient deiner späteren Mündigkeit und Selbstständigkeit
• Ziel ist, dass Kinder frei zustimmen, weil sie den Sinn erkennen
à Ziel: Das Kind wird mündig und versteht, warum Disziplin und Lernen wichtig sind
Kants vier Dimensionen der Erziehung
1. Disziplinierung
2. Kultivierung
3. Zivilisierung
4. Moralisierung
- Zentrale Idee: Der Mensch soll denken lernen
- Neuer Kern: Der Mensch bestimmt das Gute selbst
- Ziel: Autonomie
Kants 1 Dimensionen der Erziehung
• „Zähmung“ der natürlichen Wildheit und des ungebremsten Freiheitsdrangs
• Kind lernt, Impulse zu kontrollieren
• Befähigt zum Stillsitzen, Zuhören und Konzentrieren
• Grundlage dafür, später arbeitsfähig und lernfähig zu sein
• Ohne Disziplin keine geordnete Entwicklung
Kants 2 Dimensionen der Erziehung
• Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten
• Aneignung von Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Rechnen usw.
• Entwicklung von Geschicklichkeiten für verschiedene Zwecke
• Entspricht im Wesentlichen der schulischen Bildung
• Macht den Menschen kompetent und befähigt ihn praktisch
Kants 3 Dimensionen der Erziehung
• Befähigung zum angemessenen Verhalten in der Gesellschaft
• Erlernen von Manieren, Höflichkeit und sozialem Geschick
• Nicht nur Regeln befolgen, sondern sie klug nutzen, um eigene Ziele zu erreichen
• Fähigkeit zu Kompromissen, Rücksicht und Konfliktvermeidung
• Macht den Menschen gesellschaftsfähig
Kants 4 Dimensionen der Erziehung
• Entwicklung der Urteilskraft nach Vernunft
• Handeln nicht nur nach eigenen Interessen, sondern nach allgemeingültigen Prinzipien
• Orientierung am kategorischen Imperativ (Handlungen sollen für alle gelten können)
• Ziel: aus innerer Überzeugung (intrinsisch) das Gute wollen
• Macht den Menschen sittlich bzw. moralisch
Warum sind die Prinzipien für Kant wichtig?
• Lösen das Erziehungsdilemma:
→ Wie kann man durch Anleitung/Zwang zur Freiheit erziehen?
• Verbinden Freiheit und Disziplin sinnvoll miteinander
• Ziel: Erziehung zur Mündigkeit
→ selbst denken
→ Verantwortung übernehmen
→ moralisch handeln
• Zeigen: Freiheit heißt nicht „alles dürfen“ à sondern vernünftig handeln und andere achten
Ziele der Erziehung
• Die Jugend soll erzogen werden:
o Geist der Menschlichkeit, Demokratie & Freiheit
o Duldsamkeit
o Achtung vor der Überzeugung des anderen
o Verantwortung für Tiere
o Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen
o Liebe zu Volk und Heimat
o Völkergemeinschaft & Friedensgesinnung
o Friedensgesinnung
o Förderung der europäischen Identität
Fünf Verständnisse von Erziehung im schulischen Kontext
1. Erziehung als Oberbegriff (schließt Unterricht & Bildung ein)
2. Unterricht vs. Erziehung (ABER: Erziehender Unterricht)
3. Der „Bildungs- und Erziehungsauftrag“ von Schule (als grundlegende Vorgabe der Verfassung &
Schulgesetzes)
4. Staatliche (schulische) vs. familiäre Erziehung
5. Erziehung zum Unterricht (Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen)
Definition von Erziehung nach Brezinka
• Definition: Erziehung ist ein Handeln mit der Absicht das Verhalten oder die Verhaltensdispositionen eines
anderen Menschen dauerhaft zu verändern.
• Wichtige Merkmale:
o intentional (nicht zufällig)
o zielgerichtet
o von Erziehenden zu Erziehenden
o auf dauerhafte Persönlichkeitsveränderung bezogen
o schließt Unterricht mit ein
„Erziehender Unterricht“ nach Herbart
• (= keine Trennung von Unterricht & Erziehung)
• Herbart sagt sinngemäß: Es gibt keinen Unterricht ohne Erziehung und keine Erziehung ohne Unterricht
• Kerngedanke
• Unterricht vermittelt nicht nur Wissen à sondern formt immer auch:
o Interessen
o Einstellungen
o Haltungen
o Charakter
Begriff „Praktische Konkordan
• „Praktische Konkordanz“ bedeutet:
-> Wenn mehrere Grundrechte/Verfassungsprinzipien (Lehrer*innen & Elternansichten) miteinander kollidieren,
müssen sie so ausgeglichen werden, dass beide möglichst weitgehend zur Geltung kommen.
• Im schulischen Kontext
• Typische Spannung:
o Staatlicher Erziehungsauftrag (§2 SchulG NRW)
o Elternrecht (Art. 6 GG)
o Religionsfreiheit
o Meinungsfreiheit
-> Keines darf vollständig verdrängt werden
-> Es wird ein angemessener Ausgleich gesucht
• Beispiel
• Religiöse Erziehung in Schule:
o Staat darf Werte vermitteln (Demokratie, Menschenwürde)
o Darf aber keine Indoktrination betreiben
Prüfkriterien des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit
1. Ist der Zweck der Maßnahme legitim?
2. Ist die Maßnahme (als Mittel zur Zweckerreichung) geeignet?
3. Ist die Maßnahme zur Zweckerreichung erforderlich?
4. Ist die Maßnahme angemessen?
Anliegen des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit
1. Grundrechte schützen
à Staatliche Eingriffe dürfen nicht weiter gehen als nötig
2. Macht begrenzen
à Der Staat darf nicht willkürlich handeln.
3. Angemessenen Ausgleich sichern
à Zwischen: staatlichem Erziehungsauftrag & individuellen Freiheitsrechten
4. Rationalität staatlichen Handelns sichern
à Maßnahmen müssen: einem legitimen Zweck dienen, geeignet, erforderlich & angemessen sein
à Staatliches Handeln wird dadurch überprüfbar & kontrollierbar
1. Legitimer Zweck
• Welches Ziel verfolgt die Maßnahme?
• Ist dieses Ziel rechtlich zulässig?
o z.B. Sicherung des Unterrichts
o Schutz anderer
o Durchsetzung des Bildungs- & Erziehungsauftrags
à Wenn kein legitimer Zweck → Maßnahme unzulässig
2. Geeignetheit
• Kann die Maßnahme den Zweck fördern?
• Reicht abstrakte Eignung (nicht sichere Zielerreichung)
à Frage: „Hilft das grundsätzlich?“
3. Erforderlichkeit
• Gibt es ein milderes, gleich wirksames Mittel?
• Wurde dieses geprüft?
àHier wird oft entschieden!
• Beispiel:
o Gespräch statt Verweis?
o Erzieherische Einwirkung statt Ordnungsmaßnahme?
4. Angemessenheit
• Steht die Schwere des Eingriffs im Verhältnis zum Zweck?
• Abwägung:
o Eingriffsintensität
o Bedeutung des Ziels
àKernfrage: „Ist das noch verhältnismäßig oder überzogen?“
Begriff „Heimlicher Lehrplan“ nach Jackson 1975
• Grundidee:
à Alle Lernprozesse und Wirkungen der Schule, die nicht im offiziellen Lehrplan stehen, aber trotzdem
vermittelt werden
• Was bedeutet das konkret?
• Schüler:innen lernen nicht nur:
o Mathe, Deutsch & Geschichte
• Sondern sie lernen auch:
o mit Autorität umzugehen
o sich in Hierarchien einzuordnen
o zu warten
o sich anzupassen
o mit Bewertung und Konkurrenz umzugehen
o Leistungsnormen zu akzeptieren
o Zeitdisziplin einzuhalten
• Warum „heimlich“?
o Nicht im Lehrplan festgeschrieben
o Nicht offiziell beabsichtigt
o Aber strukturell unvermeidbar
o Wirkt dauerhaft auf Persönlichkeitsentwicklung
• Schritt 1: Offizielles Lernziel benennen
o Beispiel:
„Die Klasse soll eigenständig diskutieren.“
• Schritt 2: Struktur analysieren
o Lehrkraft bestimmt Redereihenfolge
o Wortmeldungen werden bewertet
o Diskussion wird bei „Abweichung“ unterbrochen
• Schritt 3: Implizite Lernwirkung herausarbeiten
o Schüler:innen lernen:
o nur zu sprechen, wenn erlaubt
o erwartungskonforme Antworten zu geben
o Risiken zu vermeiden
o Kritik vorsichtig zu formulieren
• Schritt 4: Ergebnis formulieren
o „Neben dem offiziellen Lernziel wird ein heimlicher Lehrplan wirksam, da die Schüler:innen
Anpassung an Autorität und strategisches Antwortverhalten erlernen.“
Prüfmuster für mich
• Wenn ein Fall kommt, frage dich:
1. Was wird offiziell unterrichtet?
2. Was lernen die Schüler:innen zusätzlich?
3. Ist das beabsichtigt oder strukturell mitlaufend?
4. Welche Normen / Werte / Verhaltensweisen werden implizit vermittelt?
Argumentations- bzw. Analyseschritte von Jackson 1975
1. Offiziellen Lehrplan identifizieren
• Was wird offiziell unterrichtet?
• Fachinhalt
• Lernziel
2. Strukturbedingungen der Schule erkennen
• Crowds → viele Menschen, begrenzte Aufmerksamkeit
• Praise → ständige Bewertung
• Power → Autoritätsstruktur
3. Implizite Lernwirkungen herausarbeiten
• Fragen:
o Was lernen Schüler:innen zusätzlich?
o Welche Normen werden vermittelt?
o Welche Verhaltensmuster entstehen?
• Typische Ergebnisse:
o Anpassung
o Geduld
o Konkurrenz
o Autoritätsakzeptanz
o Leistungsorientierung
o Selbstkontrolle
4. Funktional einordnen
• Stabilisiert das die Institution?
• Fördert es gesellschaftliche Anpassung?
• Reproduziert es Ungleichheit?
Drei Begriffsverständnisse von Sozialisation
1. Sozialisation im weiten Sinn
2. Sozialisation im engen Sinn
3. Sozialisation als Selbstsozialisation (modernes Verständnis)
• Umfassender Prozess der Persönlichkeitsentwicklung
• Entsteht durch das Zusammenwirken von:
o Individuum
o Gesellschaft
o Umwelt
o Schließt alle Einflüsse ein (Familie, Schule, Medien, Peers usw.)
• Kennzeichen
o Lebenslang
o nicht nur bewusst gesteuert
o Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt
à Sozialisation = Gesamtprozess der Entwicklung in gesellschaftlichen Zusammenhängen
• Übernahme gesellschaftlicher Normen, Werte und Rollen
• Integration in soziale Ordnung
• Fokus
o Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen
o Rollenlernen (z.B. Schülerrolle)
à Betonung stärker auf gesellschaftlicher Eingliederung
• Individuum ist nicht nur passiv geprägt,
• sondern aktiv mitgestaltend
o Subjekt verarbeitet Einflüsse eigenständig
o Eigenständige Deutung und Aneignung
o Individuelle Ausgestaltung von Rollen
à Sozialisation = aktiver Aushandlungsprozess
„therapeutisch-prophylaktische“ Dimension des Lehrer*innenhandelns
• Grundidee: Lehrer*innen handeln nicht nur
o didaktisch (Wissen vermitteln)
o erzieherisch (Verhalten beeinflussen)
o sondern auch: unterstützend, stabilisierend und vorbeugend im Hinblick auf psychosoziale
Entwicklungen von Schüler:innen
• „Therapeutisch“ bedeutet:
• Nicht im klinischen Sinn!
• Sondern:
o Belastungen wahrnehmen
o bei Problemen intervenieren
o emotionale Stabilisierung ermöglichen
o Konflikte bearbeiten
o Orientierung geben
• Beispiele:
o Gespräch bei familiären Problemen
o Deeskalation bei Konflikten
o Unterstützung bei Mobbing
o Förderung von Selbstvertrauen
• „Prophylaktisch“ bedeutet
o Vorbeugend handeln, bevor Probleme eskalieren
o klare Regeln etablieren
o positives Klassenklima fördern
o Beziehungssicherheit herstellen
o frühzeitig Gespräche führen
o soziale Kompetenzen stärken
• Ziel
o Schutz der Persönlichkeitsentwicklung
o Sicherung der Lernfähigkeit
o Prävention von Störungen
o Förderung emotionaler Stabilität
Was meint Luhmann mit seiner Aussage „Wer sich nicht bemüht, bleibt mit Recht zurück“ ?
• Was bedeutet das?
o Schule bewertet nach Leistung
o Wer gute Leistungen zeigt → kommt weiter
o Wer sich nicht anstrengt oder schlecht abschneidet → bleibt zurück
o Und das gilt als gerecht
• Warum „mit Recht“?
o Schule folgt dem Leistungsprinzip
o Idee: Erfolg soll von Anstrengung abhängen
o Ungleichheit (z. B. unterschiedliche Abschlüsse) wird dadurch legitimiert
• Was macht die Schule damit?
o Sie sortiert Schüler:innen nach Leistung
o Sie verteilt Chancen (Studium, Beruf usw.)
o Unterschiede wirken dadurch „verdient“
• Wichtig (kritischer Punkt)
o Nicht alle starten mit gleichen Voraussetzungen
o Herkunft, Unterstützung, Geld usw. spielen auch eine Rolle
o Trotzdem erscheint es so, als sei alles nur eine Frage der Anstrengung
Vier modernen Lösungen nach Helsper
• Adaption (Zivilisierung)
• Goal attainment (Individualisierung)
• Integration (Rationalisierung)
• Latency (Pluralisierung)
= AGIL
Vier Antinomien pädagogischen Handelns
à Antinomien= unauflösbare Widersprüche zwischen zwei Anforderungen
• Distanz vs. Nähe (Zivilisierungparadox)
• Freiheit vs. Zwang (Individualisierungparadox)
• Organisation vs. Interaktion (Rationalisierungparadox)
• Differenzierung vs. Einheit (Pluralisierungparadox)
Zwei konstitutive Prinzipien pädagogischen Denkens & Handelns nach Benner
à Modus: Als-ob
• Prinzip der Bildsamkeit
o Anerkennen der Kinder als die, die sie noch nicht sind
• Prinzip der Selbstständigkeit
o Auffordern der Kinder zu etwas, was sie noch nicht können
Konzept des Technologiedefizits der Pädagogik
• Pädagogisches Handeln funktioniert nicht nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung
• Lehrkräfte können also nicht sicherstellen, dass ihre Maßnahmen genau die gewünschte Lernwirkung
haben
• Das liegt daran, dass:
o Lernen nicht vollständig kontrollierbar ist
o Ergebnisse (vor allem langfristig) ungewiss sind
o Schüler*innen Lernangebote individuell selbst verarbeiten
- Dieses Defizit gehört grundsätzlich zur Pädagogik und ist kein Fehler der Lehrkraft
Moderne Lösung der Individualisierung inklusive des Individualisierungsparadoxes
• Heute sollen Menschen ihr Leben selbstständig planen und verantworten à auch in der Schule
• Problem:
o Schüler*innen sollen selbstständig werden
o müssen dafür aber erst angeleitet und unterstützt werden
• Paradox gesagt:
o Je mehr Lehrkräfte Unabhängigkeit fördern wollen
o desto mehr müssen sie Schüler*innen zunächst als abhängig behandeln
Helspers Lösung des Handels im Modus „Als-ob“
• Lehrkräfte handeln oft so, als ob Kinder schon selbstständig und verantwortlich wären
• auch wenn sie es noch nicht ganz sind
• So:
o trauen sie ihnen etwas zu
o fordern sie zur Selbsttätigkeit auf
o und fördern dadurch ihre Entwicklung
Helspers Antinomien der „Distanz vs. Nähe“
• Lehrkräfte müssen:
o Nähe zeigen (Vertrauen, Unterstützung)
o aber auch Distanz wahren (Gerechtigkeit, Professionalität)
• Die Lösung ist eine „distante Nähe“:
o eine verlässliche Beziehung, die fürsorglich ist à aber klare professionelle Grenzen einhält
Grundanliegen der Reformpädagogik nach Skiera
• Reformpädagogik will eine „neue Erziehung“ anstelle der „alten Erziehung“
• Die alte Erziehung ist geprägt von Kontrolle und Fremdbestimmung durch Erwachsene
• Die neue Erziehung orientiert sich dagegen an:
o Interessen, Bedürfnissen & Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes
o Lehrkräfte sollen Kinder dabei unterstützen und begleiten, statt ihnen Vorgaben zu machen
• Leitidee: „Pädagogik vom Kinde aus“
Vier basalen Grundprinzipien der Reformpädagogik
• Orientierung am Kind (Bedürfnisse & Interessen stehen im Mittelpunkt)
• Ganzheitliches Lernen (nicht nur Wissen, sondern auch Aktivität & Kreativität)
• Schule als Gemeinschaft (gemeinsames Leben & Lernen)
• Erziehung des ganzen Menschen (Förderung der gesamten Persönlichkeit)
Das Grundanliegen der Reformpädagogik nach Skiera auf einen O-Ton: Wird hier
reformpädagogisch argumentiert?
à Reformpädagogik will:
• weniger Zwang
• weniger Autorität
• mehr Selbstentfaltung
• mehr Orientierung am Kind
Schritt 1: Prüfe die Haltung zur „alten Schule“
Wird kritisiert:
• Frontalunterricht?
• Autoritäre Lehrkraft?
• Notendruck?
• Fremdbestimmung?
• „Kinder werden zu Objekten“?
-> Dann reformpädagogischer Ansatz möglich
Schritt 2: Prüfe die AlternativeWird gefordert:
• Selbstbestimmung?
• Eigenverantwortung?
• Lernen aus Interesse?
• Orientierung am Kind?
• Schule als Lebensgemeinschaft?
-> Dann klar reformpädagogisch
A.S. Neills drei pädagogische Erfindungen
Prinzip 1: Prinzipielles Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes
• Kinder sind von sich aus verständig und realistisch
• Sie können selbst entscheiden, was gut für sie ist
• Lernen gelingt, wenn es frei gewählt ist
• Kein Unterrichtszwang
-> Kernidee: Das Kind ist kompetent
Prinzip 2: Prinzip der (übersichtlichen) Lebensgemeinschaft
• Schule als kleine Gemeinschaft
• Man lebt zusammen, nicht nur Unterricht
• Persönliche Beziehungen sind zentral
• Schule soll sich wie ein „Ferienlager“ anfühlen
-> Schule = Lebensraum, nicht nur Lernort
Prinzip 3: Prinzip der Selbstregierung
• Demokratische Schulversammlung
• Jede Person hat eine gleichwertige Stimme (auch Kinder)
• Regeln werden gemeinsam beschlossen
• Freiheit endet dort, wo die Freiheit der anderen beginnt
-> Schule als Demokratie im Kleinen
Begriff des pädagogischen Bezugs nach Nohl
• Persönliche Beziehung zwischen Erzieher und Kind
• Ein reifer Mensch begleitet einen werdenden Menschen
• Ziel: Das Kind soll selbstständig werden
• Grundlage: Vertrauen, Verantwortung und „pädagogischer Takt“
• Pädagogik soll sich am Ende selbst überflüssig machen (→ Selbsterziehung)
„Entfremdung“ und ihre Überwindung
• Entfremdung bedeutet:
o Ein Mensch fühlt sich machtlos, fremdbestimmt & nicht mehr als aktives Subjekt
• Neill wollte das verhindern durch:
o keinen Unterrichtszwang
o freiwilliges Lernen
o Selbstbestimmung
à Wenn Kinder freiwillig lernen, bleiben sie mit sich selbst verbunden & erleben sich als handlungsfähig
Skieras Kritik an der Reformpädagogik
• Skiera sieht ein Problem:
o Reformpädagogik will Freiheit und Selbstbestimmung (modernes Denken)
o lehnt aber gleichzeitig typische Merkmale der Moderne ab
o z. B. Bürokratie, Leistungsprinzip, feste Organisation
• Kritik:
o Reformpädagogik tut so, als könne man nur die „guten Seiten“ der Moderne behalten und die
schwierigen einfach abschaffen
• Am Beispiel Neill:
o Neill will:
1. Freiheit ohne Zwang
2. Selbstbestimmung ohne Leistungsdruck
o Skiera sagt:
1. Ganz ohne Struktur geht es nicht
2. Schule muss mit Paradoxien leben
3. Reformpädagogik unterschätzt diese Widersprüche
Frage dich:
1. Gibt es eine persönliche, verantwortliche Beziehung?
2. Wird das Kind als Individuum ernst genommen?
3. Geht es um Entwicklung zur Selbstständigkeit?
-> Wenn ja → pädagogischer Bezug nach Nohl
Antimoderne Tendenzen im pädagogischen Denken von Neill/Summerhill Schule
• Was heißt antimodern?
o Ablehnung typischer Merkmale der modernen Gesellschaft wie:
1. Leistungsprinzip
2. formale Organisation
3. Hierarchie
4. starke Rationalisierung
• Bei Neill / Summerhill erkennbar an:
o ❌ Kein Pflichtunterricht → Ablehnung des Leistungsprinzips
o ❌ Kaum feste Strukturen → Zurückweisung formaler Organisation
o ❌ Alle haben gleiche Stimme → Schwächung von Hierarchie
o ❌ Betonung von Gefühlen & Selbstentfaltung → Kritik an reiner Rationalität
Drei Ebenen des institutionellen Akteurs „Bildungswesen“ nach Fend
• Makroebene (Systemebene)
o Staat & Politik legen Regeln fest
o → z. B. Schulgesetze, Lehrpläne, Bildungsstandards
• Mesoebene (Schule)
o Die einzelne Schule organisiert sich selbst
o → z. B. Schulleitung, Schulentwicklung, Schulkultur
• Mikroebene (Unterricht)
o Hier findet das eigentliche Lernen statt
o → Lehrkräfte unterrichten, Schüler*innen lernen
Merkmale der Ökonomisierung im Schulbereich
• 1. Effizienzorientierung
o Schule soll möglichst gute Ergebnisse mit möglichst wenig Geld erreichen
• 2. Vermarktlichung
o Schule wird wie ein Angebot auf einem Markt (Eltern können Schule auswählen & Schulen
„werben“ um Kinder)
• 3. Wettbewerb
o Konkurrenz & Rankings zwischen Schulen
• 4. Subsidiarisierung
o Jede Schule ist stärker selbst verantwortlich
• 5. Technologisierung
o Vieles wird gemessen (Tests, Vergleichsarbeiten)
• 6. Enteignung
o Bildung wird wie ein Produkt behandelt
Begriff des Autonomie-Paritäts-Musters
• Im Lehrerkollegium gilt oft:
o Autonomie: Lehrkräfte mischen sich nicht in den Unterricht anderer ein
o Parität: Alle gelten als gleichrangig bzw. Gleichheit
• → Die eigene pädagogische Freiheit wird gemeinsam geschützt
BEGRIFF SCHULENTWICKLUNG
• Schulentwicklung bedeutet:
o Die einzelne Schule arbeitet selbst daran, besser zu werden
• Gute Schulen sind „lernende Organisationen“, die:
o ihre Arbeit reflektieren
o sich weiterentwickeln
o ihre Qualität überprüfen
• Dafür bekommen Schulen mehr Freiheit (Autonomie)
• müssen aber auch zeigen, wie gut sie arbeiten (Rechenschaft)
Fends Stufen der Schulentwicklung
• „Die Schule läuft“
• Faires & kollegiales Miteinander
• Schule als Lebensraum gestalten
• Gute (& realistische) Schulkultur
• Eigenes Schulprofil & -programm
• Autonomie nutzen
• Lernende Organisation
Vier Stufen des SAMR-Modells (Puentedura)
• Substitution (Ersetzung)
• Augmentation (Erweiterung)
• Modification (Veränderung)
• Redefinition (Neugestaltung)
Begriff Entgrenzung des Pädagogischen
• „Entgrenzung“ bedeutet:
o Die Grenzen von Schule & Erziehung lösen sich auf/ werden weiter
o Pädagogik findet nicht mehr nur im Klassenzimmer statt
• Zwei Richtungen der Entgrenzung
o Schule weitet sich aus
→ Ganztag, Projekte, Beratung, Prävention
o Lernen verlagert sich nach außen
→ Digitale Medien, informelles Lernen, YouTube usw.
Begriff grammar of schooling
• Bezeichnet die „Grundstruktur“ von Schule
• So etwas wie die unsichtbaren Regeln à wie Schule normalerweise organisiert ist
• Typisch sind z.B.:
o Klassen nach Jahrgängen
o 45-Minuten-Stunden
o Fächertrennung
o Lehrkraft vorne, Klasse hört zu
o Noten und Prüfungen
à Diese Strukturen wirken selbstverständlich – werden aber selten hinterfragt
o Digital ersetzt nur etwas Analoges
o Keine große Veränderung
à Gleiche Aufgabe, nur digital
o Digital ersetzt etwas
o bringt aber eine kleine Verbesserung
à Gleiche Aufgabe, aber mit Zusatzfunktion
o Aufgabe wird deutlich umgestaltet
o Digital ermöglicht neue Arbeitsformen.
à Zusammenarbeit wird anders organisiert
o Aufgabe wäre ohne Digitales nicht möglich
o Ganz neue Lernform entsteht
à Neue Lernmöglichkeiten durch Technik
Verständnis von Transformation im SAMR-Modell & diskutieren: Was an Schule erschwert digitale
Transformation?
• Transformation beginnt bei:
o Modification
o Redefinition
o Unterricht wird grundlegend verändert
o Neue Lernformen entstehen, die ohne Technik nicht möglich wären
• Was erschwert digitale Transformation?
o Feste Schulstrukturen (45-Minuten-Stunden, Fächer, Noten)
o Lehrkraft-Autonomie (wenig Abstimmung im Kollegium)
o Prüfungslogik (Fokus auf Tests & Noten)
o Bürokratie & Regeln
o Technik allein verändert Schule nicht – die Strukturen bleiben oft gleich
vier Stufen des SAMR-Modells (Puentedura, 2006) auf ein Praxisbeispiel des Einsatzes digitaler
Medien im Unterricht
• Substitution (Ersetzen)
o Die Aufgabe bleibt gleich
o Sie wird nur digital gemacht statt analog
o 👉 Beispiel: Arbeitsblatt als Tablet-Datei statt Papier
• Augmentation (Verbessern)
o Das Digitale hilft ein bisschen
o 👉 Beispiel: Rechtschreibprüfung oder automatische Rückmeldung
• Modification (Verändern)
o Die Aufgabe wird deutlich anders gestaltet
o Digitale Technik verändert den Lernprozess
o 👉 Beispiel: Gemeinsam online arbeiten oder sich digital Feedback geben
• Redefinition (Neu gestalten)
o Es entsteht eine Aufgabe, die ohne Technik gar nicht möglich wäre
o 👉 Beispiel: Zusammenarbeit mit einer Klasse in einem anderen Land oder Erstellung eines
Videos
• Ganz einfach merken
o Ersetzen
o Verbessern
o Verändern
o Neu erfinden
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