(Folie 4) Welche zwei Hauptsysteme des Langzeitgedächtnisses werden unterschieden?
Das Langzeitgedächtnis (LZG) wird in zwei große Systeme unterteilt:
1. Explizites Gedächtnis (deklarativ)
• verbalisierbare Gedächtnisinhalte
• Inhalte können bewusst erinnert und beschrieben werden
2. Implizites Gedächtnis
• nicht direkt mitteilbare Gedächtnisinhalte
• werden über implizite Messverfahren erschlossen
Details merken (Mitschrift):
• Deklarativ → Fokus auf den Inhalt (man kann ihn deklarieren)
• Explizit → Fokus auf den bewussten Abruf
(Folie 4) Welche zwei Gedächtnisarten gehören zum expliziten (deklarativen) Langzeitgedächtnis?
Das explizite / deklarative Gedächtnis besteht aus zwei Formen:
1. Episodisches Gedächtnis
• Erinnerungen an persönlich erlebte Ereignisse
• enthalten Zeit und Ort
Beispiel:
• Urlaubsreise nach Paris
2. Semantisches Gedächtnis
• Faktenwissen ohne Bezug zur Lernepisode
• Paris ist die Hauptstadt von Frankreich
(Folie 4) Welche zwei Formen gehören zum impliziten Langzeitgedächtnis?
Zum impliziten Gedächtnis gehören:
1. Prozedurales Gedächtnis
• Fertigkeiten („Wissen wie“)
• können motorisch, perzeptiv oder kognitiv sein
• Radfahren
2. Priming (Bahnung)
• höhere Verfügbarkeit einer Repräsentation durch vorherige Aktivierung
• schnelleres Erkennen zuvor gelernter Wörter
• Priming = Voraktivierung einer Repräsentation
(Folie 7) Was zeigt der intakte Fertigkeitserwerb bei anterograder Amnesie über die Struktur des Gedächtnisses?
Bei anterograder Amnesie können Patienten:
• neue explizite Erinnerungen kaum bilden
• dennoch neue Fertigkeiten lernen
• Spiegelschrift schreiben lernen
Befund:
• Patient H.M. konnte trotz stark eingeschränkten expliziten Lernens seine Leistung durch Übung verbessern.
Schlussfolgerung:
→ Prozedurales Gedächtnis funktioniert unabhängig vom expliziten Gedächtnis.
(Folie 8) Was zeigt die serielle Reaktionszeitaufgabe über implizites Lernen?
Bei der seriellen Reaktionszeitaufgabe zeigen amnestische Patienten:
• normale Sequenzlerneffekte
• obwohl ihr bewusstes Erinnerungsvermögen stark beeinträchtigt ist
• Reaktionszeiten steigen, wenn eine gelernte Sequenz durch Zufall ersetzt wird
Interpretation:
• implizites Lernen einer Sequenz findet statt
• auch ohne bewusstes Wissen über das Muster
(Folie 9) Was zeigt Wiederholungs-Priming bei amnestischen Patienten?
Amnestische Patienten zeigen:
• starke Defizite im expliziten Gedächtnis
(z. B. Reproduktion oder Wiedererkennen)
aber
• normales Wiederholungs-Priming
• Wortfragmentergänzung wird durch zuvor gelerntes Material erleichtert.
• implizite Gedächtnisprozesse können funktionieren, obwohl das explizite Gedächtnis stark beeinträchtigt ist.
Zusammenfassung (Folie):
• Amnestische Patienten sind oft unauffällig bei bestimmten prozeduralen Leistungen.
(Folie 11–12) Was zeigt die doppelte Dissoziation zwischen episodischem und semantischem Gedächtnis?
Untersuchungen mit amnestischen Patienten zeigen, dass:
• episodisches Gedächtnis und
• semantisches Gedächtnis
getrennte Gedächtnissysteme sind.
Dies wird durch doppelte Dissoziationen belegt.
(Folie 12) Welche erste Dissoziation zeigt die Trennung von episodischem und semantischem Gedächtnis?
Einige amnestische Patienten zeigen:
• starke Einbußen im episodischen Gedächtnis
• aber weitgehend intaktes semantisches Wissen
Beispiele für erhaltenes Wissen:
• Wortbedeutungen
• Lesen und Schreiben
• Problemlösen
→ persönliche Ereignisse sind stärker beeinträchtigt als Faktenwissen.
(Folie 12) Welche zweite Dissoziation zeigt die Trennung von episodischem und semantischem Gedächtnis?
Andere Patienten zeigen das umgekehrte Muster:
• Verlust großer Teile des semantischen Wissens
(z. B. mathematische, geographische oder historische Kenntnisse)
• intakte autobiographische Erinnerungen
→ semantisches Wissen und episodische Erinnerungen können unabhängig voneinander beeinträchtigt sein.
(Folie 14) Was ist ein Konzept im deklarativen Gedächtnis?
Ein Konzept ist:
• eine Informationseinheit,
• die für ein Objekt oder eine Objektklasse steht.
Beispiel (Folie):
• Flugzeugsitze
(Folie 14) Welche Funktionen haben Konzepte?
Konzepte erfüllen zwei zentrale Funktionen:
1. Kategorisierung
• Einteilung einzelner Objekte in Kategorien
• verschiedene Autos → Kategorie „Auto“
2. Zuschreibung von Eigenschaften
• Eigenschaften werden Objekten zugeordnet
• mehrere Sitzreihen
• manchmal keine Reihe 13
(Folie 14) Welche wichtige Eigenschaft haben Konzepte?
Konzepte sind:
• nicht-sprachliche Repräsentationen
Sie bestehen aus:
• bedeutungsbezogenen Repräsentationen
• in Form von Propositionen
• Eine Proposition beschreibt die reine Bedeutung oder Idee einer Information.
• Sie ist unabhängig vom genauen Wortlaut.
(Folie 15–16) Wie untersuchte Wanner (1968) die Repräsentation von Informationen im Gedächtnis?
Ablauf des Experiments:
1. Lernphase
• Versuchspersonen hören Instruktionen auf Tonband
Zwei Gruppen:
• Gruppe 1 → Hinweis: „Merken Sie sich die Instruktion“
• Gruppe 2 → kein Hinweis
2. Reaktionszeitexperiment
• Reaktion auf bestimmte Formen (für Gedächtnisfrage irrelevant)
3. Testphase
• Erkennen von veränderten Sätzen aus der Instruktion
Unterschieden wurden:
• oberflächliche Veränderungen (Formulierung)
• inhaltliche Veränderungen (Bedeutung)
(Folie 16) Welches Ergebnis zeigte das Experiment zum Gedächtnis für Propositionen?
Das Experiment zeigte:
• Gedächtnis speichert Informationen hauptsächlich als Bedeutung (Proposition)
nicht als
• genaue sprachliche Formulierung
• Veränderungen der Bedeutung wurden von beiden Gruppen ähnlich erkannt.
• Oberflächliche sprachliche Veränderungen wurden nur von der Gruppe mit Hinweis besser erkannt.
→ Im Gedächtnis wird vor allem die Bedeutung einer Information gespeichert.
(Folie 17) Was zeigt das Experiment von Mandler & Ritchey (1977) zum Gedächtnis für Bilder?
Versuchspersonen sollten sich ein Bild merken und später veränderte Versionen erkennen.
Ergebnisse:
• 77 % Wiedererkennung bei Bedeutungsveränderung
• 40 % Wiedererkennung bei oberflächlicher Veränderung
• 6 % Wiedererkennung bei irrelevanter struktureller Veränderung
Interpretation (Mitschrift):
→ Veränderungen der Bedeutung werden deutlich besser erkannt als oberflächliche Details.
(Folie 18) Was beschreibt das hierarchische semantische Netzwerkmodell?
Das hierarchische semantische Netzwerk (Collins & Quillian) beschreibt die Organisation von Wissen im semantischen Gedächtnis.
Struktur:
• Wissen ist in Knoten (Konzepte) organisiert
• Knoten sind über hierarchische Ebenen miteinander verbunden
Beispielstruktur (Folie):
Ebene 3 (allgemeinste Kategorie)
• Tier
• Eigenschaften:
• hat Haut
• kann sich bewegen
• isst
• atmet
Ebene 2 (mittlere Kategorie)
• Vogel
• Fisch
Ebene 1 (spezifische Exemplare)
• Kanarienvogel
• Strauß
(Folie 19) Wie werden Eigenschaften in hierarchischen semantischen Netzwerken organisiert?
Eigenschaften werden auf der allgemeinsten passenden Ebene gespeichert.
Eigenschaften von Tier:
Eigenschaften von Vogel:
• hat Flügel
• kann fliegen
• hat Federn
Eigenschaften von Kanarienvogel:
• kann singen
• ist gelb
Prinzip:
→ Eigenschaften werden nicht mehrfach gespeichert, sondern auf der passenden Hierarchieebene.
• Dieses Prinzip ermöglicht kognitive Sparsamkeit im Gedächtnis.
(Folie 20) Wie werden Ausnahmen im hierarchischen semantischen Netzwerk dargestellt?
Eigenschaften, die nicht für alle Exemplare einer Kategorie gelten, werden beim untergeordneten Begriff gespeichert.
• Vogel → kann fliegen
• Strauß → kann nicht fliegen
→ Ausnahmen werden auf der unteren Ebene des Netzwerks gespeichert.
(Folie 21) Welche Schlussfolgerungen ermöglicht ein hierarchisches semantisches Netzwerk?
Durch die hierarchische Struktur können logische Schlussfolgerungen gezogen werden.
Wenn bekannt ist:
• Kanarienvogel → Vogel
Dann kann geschlossen werden:
→ Kanarienvogel kann fliegen
• Eigenschaften werden über die Hierarchie weitergegeben.
(Folie 22–23) Welche Vorhersage macht das hierarchische Netzwerkmodell über Reaktionszeiten?
Das Modell sagt voraus:
• Reaktionszeit steigt, je mehr Hierarchieebenen durchlaufen werden müssen.
Ebene 0
• „Ein Vogel ist ein Vogel“
→ sehr schnelle Reaktionszeit
Ebene 1
• „Ein Kanarienvogel ist ein Vogel“
Ebene 2
• „Ein Kanarienvogel ist ein Tier“
→ Mehr Ebenendifferenzen → längere Reaktionszeit.
Empirische Befunde (Folie):
• Reaktionszeiten steigen tatsächlich mit der Ebenendifferenz.
(Folie 24) Welche Probleme hat das hierarchische semantische Netzwerkmodell?
Einige empirische Befunde widersprechen den Vorhersagen des Modells.
Theoretische Vorhersage:
• gleiche Reaktionszeit für
• „Kanarienvögel haben Haut“
• „Pinguine haben Haut“
Empirische Daten:
• unterschiedliche Reaktionszeiten
→ Das hierarchische Modell ist zu unflexibel, um Unterschiede zwischen typischen und weniger typischen Konzepten zu erklären.
(Folie 25) Wie funktioniert ein nicht-hierarchisches semantisches Netzwerk?
Im nicht-hierarchischen Netzwerk (Collins & Loftus):
• Knoten repräsentieren Konzepte
• Kanten verbinden semantisch verwandte Konzepte
Eigenschaft:
• ähnlichere Konzepte liegen näher beieinander im Netzwerk.
(Folie 26) Was beschreibt die Aktivationsausbreitung in semantischen Netzwerken?
Wenn ein Konzept aktiviert wird:
• breitet sich die Aktivierung im Netzwerk aus
Eigenschaften der Aktivationsausbreitung:
möglich
benötigt Zeit
nimmt in Stärke ab
• Aktivierung kann auf verwandte Konzepte übergehen.
(Folie 27) Wie wird die Aktivationsausbreitung empirisch untersucht?
Untersuchung erfolgt häufig mit Primingexperimenten.
Beispiel: Lexical Decision Task
Frage:
• „Ist ‚xyz‘ ein Wort?“
Ergebnis:
• Entscheidung ist schneller, wenn ein assoziiertes Wort vorher präsentiert wurde
Beispiel (Mitschrift):
• „animal → fish“ → schnellere Reaktionszeit
• „chair → fish“ → langsamere Reaktionszeit
→ Aktivierung eines Konzepts bahnt verwandte Konzepte.
(Folie 29) Was zeigt das Beispiel der Augenzeugenidentifikation über Erinnerungen?
Das Beispiel zeigt:
• Augenzeugen sind zunächst unsicher bei der Identifikation eines Täters.
• Mit der Zeit berichten sie jedoch immer größere Sicherheit.
→ Erinnerungen können sich nachträglich verändern und wirken später sicherer, obwohl sie ursprünglich unsicher waren.
(Folie 30) Was ist der Fehlinformationseffekt?
Der Fehlinformationseffekt beschreibt:
• Informationen nach einer Lernphase können die Erinnerung an das ursprüngliche Ereignis verändern.
Beispielstudie: Loftus & Palmer (1974)
Ablauf:
Versuchspersonen sehen Filme von Autounfällen.
Danach beantworten sie Fragen zum Unfallhergang.
• Die Formulierung der Frage beeinflusst die Erinnerung.
(Folie 30) Wie beeinflusst die Formulierung einer Frage Erinnerungen im Fehlinformationseffekt?
In der Studie von Loftus & Palmer (1974) wurde gefragt:
„About how fast were the cars going when they …“
• Je stärker die Frage hohe Geschwindigkeit nahelegte,
desto höher schätzten Versuchspersonen die Geschwindigkeit.
Zusätzlicher Effekt:
• Personen berichteten später häufiger Glasscherben gesehen zu haben,
obwohl keine Glasscherben vorhanden waren.
→ Suggestive Fragen können Erinnerungen verzerren.
(Folie 31) Wie zeigt ein weiteres Experiment den Fehlinformationseffekt?
Studie: Loftus et al. (1978)
Versuchspersonen sehen: • ein roter Datsun, der an einem Stoppschild hält.
Danach erhalten sie eine falsche Information:
„Fuhr ein weiteres Auto am roten Datsun vorbei, als er am Vorfahrt-gewähren-Schild hielt?“
• Mehr als 50 % erinnerten sich später an ein Vorfahrt-gewähren-Schild
• ohne Fehlinformation waren es nur etwa 25 %.
→ Nachträgliche Fehlinformation verändert Erinnerung.
(Folie 31) Welcher Gedächtnisprozess erklärt die Wirkung des Fehlinformationseffekts?
Die verzerrende Wirkung von Fehlinformation ist ein Beispiel für:
retroaktive Interferenz
Definition:
• Neue Informationen beeinträchtigen die Erinnerung an zuvor gelernte Informationen.
(Folie 32) Was sind Schemata?
Schemata sind:
• Wissensstrukturen, die
verbinden:
• Ereignisse
• Handlungen
• Objekte
• Orte
über typische Beziehungen miteinander.
(Folie 32) Wie können Schemata Erinnerungen verzerren?
Schemata können:
• Gedächtnislücken überbrücken
• dadurch aber auch falsche Erinnerungen erzeugen
Beispielstudie: Brewer & Treyens (1981)
• Fast ein Drittel der Versuchspersonen erinnerte sich daran,
Bücher im Büro gesehen zu haben, obwohl dort keine Bücher waren.
→ Erinnerung basiert teilweise auf allgemeinen Erwartungen (Schemata).
(Folie 33–34) Wie beeinflussen Schemata das Lernen von Texten?
Studie: Bransford & Johnson (1973)
Versuchspersonen lasen denselben Text mit unterschiedlichen Überschriften.
• Inhalte werden besser erinnert, wenn die Überschrift
ein passendes Schema aktiviert.
• Lernen ist leichter, wenn neue Informationen
gut zu vorhandenen Wissensstrukturen passen.
• Überschriften können Assoziationen aktivieren, die das Verständnis erleichtern.
(Folie 35) Was sind Flashbulb-Memories?
Flashbulb-Memories sind:
• sehr lebhafte Erinnerungen an den Moment,
in dem man von einem bedeutenden Ereignis erfahren hat.
Beispiele (Folie):
• 9/11
• Tod von Lady Diana
• WM-Finale 2014
• Corona
• Wahl von Donald Trump
(Folie 35) Welche Untersuchung zeigte Flashbulb-Memories?
Studie: Brown & Kulik (1977)
• 79 von 80 Versuchspersonen konnten
13 Jahre nach der Ermordung John F. Kennedys berichten,
was sie in dem Moment getan hatten, als sie davon erfuhren.
(Folie 35) Warum sind Flashbulb-Memories trotz Detailreichtum nicht unbedingt korrekt?
Studie: Neisser & Harsch (1992)
Befragung von Studierenden einen Tag nach dem Challenger-Unglück.
Drei Jahre später erneute Befragung.
• Personen berichteten sehr detaillierte Erinnerungen,
• diese wichen jedoch teilweise stark von ihren ursprünglichen Angaben ab.
→ Erinnerung ist ein konstruktiver Prozess und kann verzerrt werden.
Last changed17 days ago