Buffl

Kapitel 1 - Theoretische Hintergründe der Psychologie der digitalen Kommunikation

HM
by Hanna M.

1.1 Begriffsbestimmung Digitale Kommunikation

Grundidee (Watzlawick)

  • Axiom: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick et al., 2011)

  • Bedeutung für digitale Kommunikation: Auch Nicht-Antworten = Kommunikation

  • Beispiel Messenger: Keine Antwort → viele mögliche Interpretationen:

    • technischer Fehler

    • andere Prioritäten

    • Der:Die Empfänger:in will nicht antworten, weil ihm:ihr der:die Sender:in unangenehm ist.

    • Der:Die Empfänger:in will nicht antworten, weil ihm:ihr die Nachricht

      unangenehm ist.

    • ganz andere, positive Gründe

  • 👉 Wichtig: Digitale Kommunikation erzeugt Interpretationsspielräume, besonders bei fehlender Rückmeldung.


Definition Digitale Kommunikation

Digitale Kommunikation ist:

  • Erstellen

  • Austauschen

  • Empfangen

  • Reagieren auf Informationen

→ mithilfe von Computern (inkl. Smartphones, Tablets, Konsolen, Smart-TVs etc.)


Zentrale Eigenschaften

1. Bidirektionalität

  • Kommunikation verläuft immer in beide Richtungen

  • Auch:

    • Schweigen = Kommunikation

    • Beispiele:

      • „Ich denke nach“

      • „Ich bin unsicher“

      • „Ich widerspreche“

2. Höhere Fehlinterpretationsgefahr

  • Besonders bei:

    • Nicht-Antworten

  • Grund:

    • weniger Kontext als bei analoger Kommunikation

3. Unterschied zu analoger Kommunikation

  • Digitale Kommunikation ≠ analoge Kommunikation

  • Beide haben unterschiedliche Eigenschaften

  • Digitale Kommunikation besitzt Alleinstellungsmerkmale



Einordnung von Mischformen

Beispiele:

  • Videokonferenz

  • Telefon (früher analog, heute digital/VoIP)

  • Sprachnachrichten

👉 Kernaussage:

  • Technische Form ist nicht entscheidend

  • Entscheidend ist: → Welche Kommunikationskanäle und Hinweisreize vorhanden sind

Zentrale Besonderheit: Fehlende Hinweisreize

Digitale Kommunikation blendet oft aus:

  • Mimik

  • Gestik

  • Körpersprache

  • Klangfarbe der Stimme

  • emotionale Ausdrucksformen

👉 Diese nennt man:

  • Hintergrundinformationen / Hinweisreize

Folge

  • Kommunikation wird:

    • fehleranfälliger

    • stärker interpretationsabhängig


Kanäle digitaler Kommunikation:

  • Messenger / Kurznachrichten (WhatsApp,

    SMS, Signal etc.)

  • Chatrooms

  • E-Mail

  • Kontaktbörsen

  • E-Learning-Angebote

  • Social-Media-Posts

  • Social-Media-Kommentare

  • Blogs

  • Datentransfer-Dienste

  • Online-Marktplätze (z. B. Ebay)

  • Online-Welten (z. B. Spiele, Second Life)

  • Open-Source-Communitys

  • Crowdworking (z. B. Wikipedia)


Theoretische Perspektiven (Döring, 2016)

1. Rationale Medienwahl

  • Digitale Kommunikation:

    • geringe Lebendigkeit

  • daher geeignet für:

    • sachbezogene Aufgaben

    • z. B. Terminabsprachen

  • Kerngedanke:

    • Medium wird zielabhängig gewählt


2. Reduced-Social-Cues / Cues-Filtered-Out-Ansatz

  • Annahme:

    • Fehlende Hinweisreize:

      • erschweren Kommunikation

      • können aber auch Vorteile bringen

Vorteile:

  • Sender:innen fällt es leichter, per E-Mail oder Chat über Gefühle zu sprechen – oder auch Empfänger:innen zu kritisieren

  • Kritik kann über digitale Kanäle auch umfangreicher oder gar ausfallender werden als im persönlichen Gespräch, etwa in einer Sprechstunde.

  • Gruppenkommunikation: Kommunikation in der Gruppe kann über digitale Kanäle egalitärer werden: weniger Dominanz einzelner Personen

  • Selbstoffenbarung: leichter bei geringer Media Richness


Unterschiede zwischen Kommunikationskanälen

Je nach Kanal unterschiedliche Informationsverluste:

  • Videokonferenz: viele Hinweise vorhanden

  • Telefon: Stimme vorhanden, aber keine Mimik

  • E-Mail / Text:

    • meiste Hinweisreize fehlen

Folgen für Wahrnehmung

  • Einschätzung möglich, aber unsicher:

    • Stimmung

    • Alter

    • sozialer Status

👉 Wichtig:

  • Einschätzung ist:

    • fehleranfällig

    • abhängig von:

      • Beziehung zwischen den Kommunikationspartner:innen


Kernzusammenfassung (kompakt)

  • Digitale Kommunikation:

    • ist bidirektional

    • enthält oft weniger soziale Hinweisreize

    • ermöglicht Asynchronität

    • erlaubt starke Inszenierung

  • Hauptproblem:

    • höhere Fehlinterpretationsgefahr

  • Gleichzeitig:

    • auch soziale Vorteile möglich (z. B. Offenheit, Gleichberechtigung)


1.2 Klärung des Begriffs: Psychologie der digitalen Kommunikation

  • Die Psychologie der digitalen Kommunikation beschreibt den Schnittbereich zwischen Psychologie und Kommunikationswissenschaft, allerdings beschränkt auf digitale Kommunikationskanäle.

Die Abbildung verdeutlicht:

  • Psychologie umfasst:

    • Kommunikation mit Einzelpersonen / kleinen Gruppen

    • Massenkommunikation

  • Innerhalb dieser Bereiche existieren:

    • analoge Kanäle

    • digitale Kanäle

  • → Die Psychologie der digitalen Kommunikation bezieht sich nur auf den digitalen Anteil dieser Kommunikationsformen


Was untersucht die Psychologie der digitalen Kommunikation?

Psychologie allgemein hat die Aufgabe:

  • menschliches Erleben und Verhalten zu beschreiben, zu erklären und vorherzusagen

Übertragen auf digitale Kommunikation bedeutet das:

  • Untersuchung von:

    • Kommunikation über digitale Kanäle

    • deren Wirkung

    • deren Verlauf

    • deren Ergebnisse


Zentrale Bestandteile: Emotion, Kognition, Verhalten

Zur genaueren Bestimmung werden drei grundlegende psychologische Dimensionen unterschieden:

  • Emotion

    • Fühlen, Affekt

    • eine Entscheidungsinstanz

  • Kognition

    • Denken, Verstand (Ratio, Vernunft)

    • zweite Entscheidungsinstanz

  • Verhalten

    • sichtbare Reaktion

    • entsteht aus Zusammenspiel von:

      • Emotion

      • Kognition

    • beeinflusst durch:

      • Person (z. B. Prägung, Bedürfnisse, Bildung)

      • Situation (Umwelt + zwischenmenschlich)

-> Die Psychologie der digitalen Kommunikation beschreibt, erklärt und prognostiziert also die gesamte Bandbreite menschlichen Erlebens und Verhaltens über digitale Kommunikationskanäle.


Untersuchungsgegenstände

Forschung bezieht sich nicht nur auf Einzelpersonen, sondern auf soziale Systeme, z. B.:

  • Paare

  • Familien

  • Teams

  • Unternehmen

  • gesellschaftliche Gruppen

  • ganze Nationen

Dabei wird analysiert:

  • Nutzung digitaler Kanäle

  • Ablauf von Kommunikation

  • Ergebnisse (Resultate) von Kommunikation

Zusätzlich wirken:

  • Umweltfaktoren

  • technische Bedingungen




Besonderheiten digitaler Kommunikation in diesem Kontext


Digitale Kanäle:

  • enthalten weniger Hinweisreize (Mimik, Körpersprache etc.)

  • → erschweren die Einschätzung von:

    • Glaubwürdigkeit

    • Intention

👉 Folge:

  • besser geeignet zur:

    • Unterdrückung ungünstiger Informationen

    • gezielten Selbstdarstellung

Praxisbeispiel (Sarah & Instagram)

  • Sarah sieht Profil ihres Ex-Freundes

  • Eindruck:

    • gereifter, erfolgreicher, attraktiver

  • Problem:

    • Einschätzung basiert nur auf:

      • Fotos

      • kurze Texte

👉 Psychologischer Mechanismus:

  • attraktive Personen → werden positiver bewertet

  • fehlende Kontextinformationen → erhöhen Unsicherheit

Vergleich:

  • persönliches Treffen:

    • mehr Hinweisreize

    • realistischere Einschätzung


Zentrale Schlussfolgerung

Je weniger Hinweisreize vorhanden sind:

  • desto mehrdeutiger wird Kommunikation

  • desto stärker:

    • Interpretation

    • Fehlbewertung

Zusätzlich:

  • digitale Kommunikation ermöglicht:

    • bessere Planung von Antworten

    • Abstimmung mit anderen

    • gezielte Inszenierung

    • Nutzung von Bearbeitungstools

Im Gegensatz zum direkten Gespräch, ist es bei Kommunikation über digitale Kanäle nicht unüblich, dass mehrere Minuten zwischen dem Austauschen von Fragen und Antworten vergehen

  • Verzögerungen wirken hier nicht ungewöhnlich oder verdächtig

  • im persönlichen Gespräch würde langes Nachdenken über eine Antwort oder gar Flüstern mit einem:einer Dritten eher weniger vertrauenserweckend wirken.




Klausurtaugliche Kurz-Zusammenfassung

Die Psychologie der digitalen Kommunikation untersucht das Erleben und Verhalten von Menschen in der Kommunikation über digitale Kanäle und bildet eine Schnittmenge aus Psychologie und Kommunikationswissenschaft. Zentrale Analyseebenen sind Emotion, Kognition und Verhalten. Kommunikation konstruiert Wirklichkeit, wobei digitale Kanäle durch fehlende Hinweisreize und größere Inszenierungsmöglichkeiten besonders anfällig für Verzerrungen sind. Phänomene wie Framing, reduzierte soziale Hinweisreize und technische Einflussfaktoren führen dazu, dass Wahrnehmung und Bewertung von Informationen stark vom Kontext und weniger von objektiven Fakten abhängen.


Author

Hanna M.

Information

Last changed