Mitralklappeninsuffizienz - Definition
Welche Arten der Mitralklappeninsuffizienz werden grundsätzlich unterschieden? Welchem Mechanismus liegen sie typischerweise zugrund?
Chronische Mitralklappeninsuffizienz = zweithäufigstes behandlungsbedürftiges Klappenvitium in Europa (nach der Aortenklappenstenose)
Sie kann durch Veränderungen des Klappenapparates selbst (primäre MI) oder durch eine LV oder LA-Dilatation oder -Dysfunktion (sekundäre/funktionelle MI) bedingt sein
Akute Mitralklappeninsuffizienz = seltener, jedoch akut bedrohlich
Degenerativ: Chordaruptur bzw. Flail Leaflet, bspw. akut auf chronisch beim Mitralklappenprolaps
Infektiös bzw. immunologisch: infektiöse Endokarditis, rheumatisches Fieber)
Ischämisch: Chorda- oder Papillarmuskelruptur bei Myokardinfarkt
Traumatisch: Chorda- oder Papillarmuskelruptur durch Thoraxtrauma
Prothetisch: Akute Dehiszenz (übermäßige Beweglichkeit) einer Mitralklappenprothese
Idiopathisch: Spontane Chordaruptur (sehr selten)
Beschreiben Sie genauer aus welchen Elementen der Klappenapparat der Mitralklappe besteht, deren Fehlfunktion eine primäre MI bedingen kann?
Nennen Sie mögliche Ursachen dieser strukturellen Veränderungen der Mitralklappe?
Wieviel Prozent der Patienten mit behandlungsbedürftiger Mitralklappeninsuffizienz hat eine primäre MI?
Was liegt pathophysiologisch der sekundären MI zugrunde?
Primäre MI = pathologische Veränderung der Anatomie von einem oder mehr der Hauptkomponenten des Klappenapparates (exklusive des Annulu!)
Segel der Mitralklappe
Chordafasern (Chordae tendineae)
Papillarmuskeln
Ursachen:
Degenerativ:
Mitralklappenprolaps (häufigste Ursache)
-> Klassischer Prolaps: Systolisches Vorwölben eines oder beider Mitralsegel in den LA und sichtbare Segelverdickung und Klappeninsuffizienz; Maximalausprägung = Morbus Barlow
Flail Leaflet (“Flail”)
Immunologisch:
Rheumatisches Fieber (häufige Ursache in Entwicklungsländern)
Endomyokardfibrose (-> kard. Beteiligung bei Lupus, eosinophile Endokarditis)
Iatrogen:
Z.n. Ballonvalvuloplastie der Mitralklappe (bei Mitralstenose)
Z.n. Bestrahlung des Thorax und/oder Einnahme kardiotox. Medikamente (z.B. Anthrazykline)
Kongenital:
Insb. Mitralklappen-Cleft (= hierbei ist die Mitralklappe von Geburt an hypoplastisch angelegt, was sich in einer (in)kompletten Spaltung eines oder beider Mitralsegel äußert. Oft besteht eine Assoziation mit anderen angeborenen Herzfehlern. Der Mitralklappen-Cleft ist die häufigste Ursache für eine angeborene MI.
55% der Pat. mit behandlungsbedürftiger MI haben eine primäre MI
Sekundäre (funktionelle) MI = MI durch LV-Dysfunktion und -Dilatation: Bei Kardiomyopathien, Myokarditis oder funktioneller Ischämie
Tethering und Tenting -> Inadäquater Klappenschluss
Tethering = “to tether” = anbinden = ventrikuläres Remodeling -> Zunahme des Längsdurchmessers des linken u./o. rechten Ventrikels -> Zug an den Klappensegeln über Papillarmuskeln und Sehnenfäden -> eingeschränkte Segelbeweglichkeit -> unvollständiger Klappenschluss
Tenting = “zeltend” = durch o.g. Pathomechanismus verlagert sich die Verschlussebene der Klappe in Richtung Herzspitze, wobei zwischen Klappenring und den Klappensegeln eine zeltförmige, dreieckige Fläche entstehen kann, die sich echokardiographisch ausmessen lässt (sog. Tenting Area)
Anulusdilatation -> Konsekutiv bei LV-Dilatation(s.o.) oder bei Vorhofflimmern (mit LA Dilatation -> dann “atriale funktionelle MI”)
-> Mögliche Verstärkung der pathophysiologischen Abläufe durch asynchrone Ventrikelkontraktion oder Veränderungen der Hämodynamik (bspw. unter körperl. Belastung)
Was versteht man im Zusammenhang mit der MI unter Klassifikation nach Carpentier?
Carpentier Klassifikation = bezieht sich auf die echokardiographisch darstellbare Morphologie der Mitralklappe und dient insb. der Eingriffsplanung
Carpentier Typ I
-> Beweglichkeit der Klappensegel: Normal
-> Mögliche Ursachen:
Dilatation des Mitralrings
Perforation eines Segels (bspw. bei Endokarditis)
Carpentier Typ II
-> Beweglichkeit der Klappensegel: Übermäßig
Ruptur oder Verlängerung der Sehnenfäden
Ruptur eines Papillarmuskels
Carpentier Typ IIIa
-> Beweglichkeit der Klappensegel: Eingeschränkt mit restriktiver Öffnung
Rheumatische Mitralklappenstenose
Carpentier Typ IIIb
-> Beweglichkeit der Klappensegel: Eingeschränkt mit restriktiver Schließung
Fibrose oder Verkürzung der Papillarmuskeln nach Myokardinfarkt oder durch LV-Dilatation
Verlagerung der Klappensegel in Richtung LV
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Mitralklappeninsuffizienz und Arrhythmien?
Hinweise, dass primäre MI mit einer höheren Inzidenz ventrikulärer Arrhythmien assoziiert ist
Einzelfälle von primärer MI und plötzlichem Herztod, insb. bei Morbus Barlow
Der Arrhythmie-Burden ist unabhängig vom Schweregrad der MI und es besteht eine Assoziation zur “Mitral annular disjunction”
Vermutete Pathophysiologie:
Atriale Verschiebung des Drehpunkts des hinteren Mitralklappensegels -> übermäßige Beweglichkeit des Klappenapparats -> erhöhte Belastung der Papillarmuskeln sowie des posterobasalen Myokards -> lokale Fibrose -> ventrikuläre Arrhythmien und plötzlicher Herztod
Mitralklappeninsuffizienz - Evaluation
Welche Verfahren kommen bei der Diagnostik der MI zur Anwendung?
Was beinhaltet die initiale, echokardiographische Evaluation der Mitralklappeninsuffizienz?
Welche Fragen kann die TEE dann noch sinnvoll beantworten?
Wann ist im Zusammenhang mit einer MI eine Belastungs-Echokardiographie sinnvoll?
Wann kann eine Rechtsherzkatheteruntersuchung sinnvoll sein?
TTE, TEE, Belastungs-Echokardiographie, Rechtsherzkatheter
Die initiale echokardiographisch Evaluation der Mitralklappeninsuffizienz beinhaltet:
Assessment der Klappenmorphologie (Prolaps? Flail? Kalzifizierungen? Mitral annular disjunction?)
Schweregradeinteilung
Quantifzierung von LV u. LA-Dimensionen sowie -funktion, sowie einer ggf. vorliegenden RV Dysfunktion
Aufgaben der TEE beim Assessment der Mitralklappeninsuffizienz
Methode der Wahl zur genauen Beurteilung der Klappen-Anatomie (Struktur der Segel, deren Bewegung und Koaptation)
Bestätigung des von transthorakal vermuteten Schweregrades
Interventionsplanung
Belastungs-Echokardiographie zur Detektion/Evaluation dynamischer Veränderungen des Regurgitationsjets und Pulmonaler Drücke unter Belastung -> bei Patiente mit diskordanten Symptomen und diskordantem Schweregrad der MI in Ruhe
Bei Pat. mit primärer MI zur Bestätigung pulmonalarterieller Drücke bei Diskrepanz zwischen echokardiographischem Schweregrad und Symptomatik sowie bei gleichzeitig vorliegender Lungenerkrankung
Was sind negative Prognosefaktoren, die bei asymptomatischen Patienten mit hochgradiger MI in die Entscheidung bzgl. einer Intervention einbezogen werden sollten?
Pathologisch vergrößerter LV oder LA (LVESD ≥ 40 mm oder LVESDi ≥ 20 mm/m2) oder LVEF ≤ 60%
Erhöhter sPAP > 50 mmHg in Ruhe
Gleichzeitig vorliegende, mind. mittelgradige Trikuspidalklappeninsuffizienz
Vorhofflimmern
Gibt es einen Biomarker, der mit der MI in Zusammenhang steht?
Welche Rolle spielen kardiale MRT und kardiale CT im Zusammenhang mit der MI?
NTproBNP -> direkt assoziiert mit der NYHA Klasse bei Patienten mit primärer MI
(Multicenter Registerstudie mit mehr als 1300 Patienten mit primärer MI, erhöhte BNP Spiegel waren ein unabhängiger Prädiktor von Langzeit-Mortalität unter medikamentöser Therapie)
Kardiale MRT:
Alternative zur Quantifizierung von Regurgitationsvolumen und - fraktion, Goldstandard bei der Bestimmung der kardialen Dimensionen und -volumina
Bei Pat. mit “Mitral annular disjunction” (MAD) und Morbus Barlow Assoziation von CMR detektierter myokardialer Fibrose und ventrikulären Arrhythmien/plötzlicher Herztod
Kardiale CT:
Hochauflösende anatomische Darstellung des Mitralklappenapparates
Interventionsplanung (Zugangsweg HLM, Detektion von Klappenkalzifierungen, Machbarkeitsanalyse einer transkatheter-Klappenimplantation basierend auf Annulusgröße und Risiko einer LVOT-Obstruktion)
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