21— Was fällt Ihnen zur Überwachung der Varianz (Skale) ein?
Lage Konstant, Kontrolle der Streuung
Voraussetzungen: X normalverteilt, unabhängig, σ unbekannt (wird geschätzt), μ unbekannt, N > 1 (Stichprobe pro Los nötig)
Größen
Sollwert (Mittellinie): σ₀²
Skalenänderung: Δ > 0, unter Kontrolle Δ = 1
Δ > 1: Streuung wächst (Maschine wird unruhiger)
Δ < 1: Streuung sinkt (selten überwacht – meist „gut")
⟹ Meist einseitige Überwachung nach oben
Warum Streuungskarten? Eine Zunahme der Varianz ist oft ein frühes Warnsignal für:
(Maschinenverschleiß, Rohstoffwechsel, Unkontrollierte Umgebungseinflüsse)
⟹ oft lange bevor der Mittelwert sich verschiebt!
📌 Brötchen-Beispiel: Solange die Maschine sauber läuft, schwanken die Brötchen um 100 g mit σ₀ = 1 g (also 99–101 g normal). Wenn ein Lager sich lockert, wiegen die Brötchen plötzlich mal 95 g, mal 105 g – der Mittelwert bleibt 100 g, aber die Streuung verdoppelt sich. Eine X̄-Karte würde das übersehen, eine S²-Karte schlägt Alarm.
22a. Erläutern Sie die Shewhart-Karte zur Streuungsüberwachung - welche Varianten gibt es und worin unterscheiden sie sich?
Setup: Kontrolle der Streuung, Lage konstant. Voraussetzung: X normalverteilt, σ unbekannt, N > 1.
Alle vier Karten basieren auf der χ²-Verteilung und unterscheiden sich nur in der Prüfgröße:
Karte
Prüfgröße
Eigenschaft
Bewertung
S²-Karte
Sᵢ² = 1/(N−1) Σ(Xᵢⱼ−X̄ᵢ)²
(N−1)Sᵢ²/σ₀² ∼ χ²_{N−1}; schief, ≥ 0
Mathematisch sauber; 2-seitig: Asymmetrie + Verfälschtheit (→ Karte 23)
S-Karte
Sᵢ = √Sᵢ²
E₁(S) = c₄·σ₀; 1-seitig äquivalent zu S²
Praktischer (Standardabw.); 2-seitig: c-Bestimmung umständlich; mit N→∞ unverfälscht
ln(S²)-Karte
ln(Sᵢ²)
Symmetrisiert die χ²-Schiefe; verhält sich wie X̄-Karte bei Lage
Theoretisch ideal: ARL-Max bei Δ=1; in Praxis selten
R-Karte
Rᵢ = max Xᵢⱼ − min Xᵢⱼ
E(Rᵢ) = d₂·σ; Quantile numerisch
Praktisch (nur min/max), aber informationsärmer als S²
📌 Merksatz: S² mathematisch sauber, S praktisch, ln(S²) theoretisch ideal, R historisch beliebt. ARL-Approximation generell ungenauer als bei Lage (χ² statt Φ).
Brötchen-Erklärung zur Streuungsüberwachung (Karte 22a)
Du backst jeden Tag 5 Brötchen pro Charge. Sollwert: 100 g, Streuung σ₀ = 1 g (also normal: 99–101 g).
Frage: Wie misst du, ob die Brötchen "gleichmäßig" gebacken werden? Es gibt vier Antworten – jede mit eigenem Charakter.
S²-Karte: "Wie groß ist der durchschnittliche quadratische Abstand vom Mittelwert?"
Du rechnest jeden Tag aus: (99-100)² + (101-100)² + ... / 4
Klingt mathematisch sauber, aber: Quadrate sind unintuitiv ("4 g²" sagt dir nichts)
Außerdem schief verteilt → 2-seitige Grenzen sind heikel
S-Karte: "Wie viel weichen die Brötchen im Schnitt vom Mittel ab?"
Du ziehst die Wurzel: einfach "0,8 g Standardabweichung"
Praktisch lesbar – jeder Bäcker versteht "0,8 Gramm Schwankung"
Aber: nicht ganz erwartungstreu, deshalb Korrektur c₄
ln(S²)-Karte: "Logarithmiere die Varianz."
Du rechnest mit ln(S²)
Verteilung wird symmetrisch – heißt: Karte verhält sich wie eine X̄-Karte für die Lage
Theoretisch perfekt, in echten Bäckereien nimmt das aber niemand
R-Karte: "Schwerstes Brötchen minus leichtestes Brötchen."
Heute: 102 g − 98 g = 4 g – fertig
Im Kopf rechenbar, kein Taschenrechner nötig
Aber: Du wirfst Information weg (die mittleren 3 Brötchen ignorierst du)
22b. Wie sehen die Alarmgrenzen der der S²-Karte konkret aus (1-seitig vs. 2-seitig)?
Prüfgröße unter Kontrolle: (N−1)·Sᵢ²/σ₀² ∼ χ²_{N−1},
ARL₀ = A vorgegeben.
1-seitige Karte:
Kritischer Wert: c = χ²_{N−1; 1−1/A}
Alarm bei Streuungs-Zunahme
2-seitige Karte:
c₁ = χ²_{N−1; 1/(2A)} (untere Grenze)
c₂ = χ²_{N−1; 1−1/(2A)} (obere Grenze)
Alarmwahrscheinlichkeit symmetrisch: 1/(2A) auf jedem Schwanz
Probleme der 2-seitigen Karte:
Asymmetrie: σ₀² liegt nicht in Intervallmitte (χ² ist schief)
Verfälschtheit: ARL-Maximum nicht bei Δ = 1
⇒ Bei kleiner Störung kommt der Alarm später als unter Kontrolle (siehe Karte 23)
Grenzen von oben in (c-σ₀²)/(N-1)
📌 Brötchen-Beispiel zu den S²-Karten-Grenzen
Sollwert: σ₀ = 1 g (also normales Wackeln zwischen 99 und 101 g). Du backst jeden Tag 5 Brötchen (N = 5) und rechnest die Streuung S² aus.
1-seitige Karte: "Wann ist es zu unruhig?"
Du achtest nur darauf, dass die Brötchen nicht zu sehr schwanken.
Heute: 99, 100, 101, 100, 101 g → S² klein → ✅ alles gut
Morgen: 95, 102, 98, 105, 99 g → S² groß → 🚨 ALARM
Eine rote Wand rechts: nur zu viel Streuung löst Alarm aus. Zu wenig Streuung (= alle Brötchen perfekt 100 g) ist ja super – warum sollte das Alarm sein?
⟹ Standard in der Praxis. Das ist der Fall, in dem du die Maschine eigentlich überwachst.
2-seitige Karte: "Wann ist irgendwas ungewöhnlich?"
Du achtest auch darauf, dass die Streuung nicht plötzlich zu klein wird.
Brötchen plötzlich alle exakt 100,00 g → S² fast 0 → 🚨 ALARM unten
"Aber das wäre doch perfekt!" – ja, aber verdächtig perfekt. Das deutet auf:
jemand hat geschummelt und alle gleich gewogen
der Sensor klemmt und zeigt immer denselben Wert
ein Mitarbeiter hat manuell alle auf 100 g korrigiert
⟹ Zwei rote Wände: zu unruhig links wäre kaputt, zu perfekt rechts wäre auch verdächtig.
22c. Wie sehen EWMA- und CUSUM-Karten für die Varianz aus?
Drei möglichen Prüfgrößen: S², S, ln(S²).
🔢 EWMA für die Varianz
Allgemeine Rekursion: Zᵢ = (1 − λ)·Zᵢ₋₁ + λ·gᵢ
mit Startwert Z₀ = E₁(g):
Prüfgröße gᵢ
Startwert Z₀
Sᵢ²
σ₀²
Sᵢ
c₄·σ₀
ln(σ₀²)
🔢 CUSUM für die Varianz
Allgemeine Form: Zᵢ = max{0, Zᵢ₋₁ + gᵢ − k}
Drei Varianten — drei eigene Referenzwerte k₁, k₂, k₃ für S², S oder ln(S²).
ARL-Berechnung
Φ wird durch χ²_{N−1}-Verteilung ersetzt
ARL-Approximation ungenauer als bei der Lage
Bei geradzahligen Freiheitsgraden lässt sich die ARL exakt berechnen
Gauß-Quadratur-basierte Nyström-Verfahren versagen → Ausweg: Kollokationsverfahren
📌 Merksatz: EWMA und CUSUM auf Streuung funktionieren analog zur Lage — nur dass die Prüfgröße jetzt S², S oder ln(S²) heißt und der Startwert deren erwartetem Wert unter Kontrolle entspricht. Wichtig: ARL-Berechnung ist deutlich aufwändiger als bei der Lage, weil χ² die einfache Φ-Welt ersetzt.
23—Sagt Ihnen der Begriff “unverfälschtheit” etwas?
Definition (formal): Eine Kontrollkarte heißt unverfälscht (unbiased), wenn das ARL-Maximum genau beim Sollwert θ₀ liegt: E_θ(L) ≤ E_{θ₀}(L) für alle θ ≠ θ₀
⟹ Unter Kontrolle ist die ARL maximal, jede Abweichung führt zu schnellerer Erkennung.
Das Problem (S²-Karte):
Die χ²-Verteilung ist schief,
Bei symmetrischen Alarmwahrscheinlichkeiten 1/(2A) auf jedem Schwanz ist das ARL-Maximum nicht bei Δ = 1 sondern verschoben (bei N=5 z.B. bei Δ ≈ 0,93) ⟹ Karte ist verfälscht
Absurde Konsequenz: Bei einer kleinen Störung (z.B. Δ = 0,9 oder Δ = 1,1) kommt der Alarm später als unter Kontrolle (Δ = 1). Das ist die Definition eines schlechten Alarmsystems.
Lösung: Quantilgrenzen statt symmetrischer Grenzen Man verwendet modifizierte Grenzen, die so gewählt werden, dass das ARL-Maximum genau bei Δ = 1 liegt — dafür gibt man die Symmetrie der Alarmwahrscheinlichkeiten auf.
23b unverfälschtes Brötchen Beispiel
Sollwert: σ₀ = 1 g (Brötchen schwanken normal um 100 g mit ±1 g). Du betreibst eine 2-seitige S²-Karte, ARL₀ = 500 → "im Schnitt alle 500 Tage ein Fehlalarm, wenn alles okay läuft".
Was du dir wünschst (Definition Unverfälschtheit):
Maschine läuft sauber (σ = 1 g) → 500 Tage bis Fehlalarm
Maschine wird unruhiger (σ = 1,1 g) → schneller Alarm, sagen wir 200 Tage
Maschine wird ruhiger (σ = 0,9 g) → schneller Alarm, sagen wir 200 Tage
⟹ Egal wohin's kippt, die Karte reagiert. Sollwert = längste Wartezeit.
Was tatsächlich passiert (verfälschte Karte, N=5):
Streuung der Brötchen
Was die Karte tut
σ = 0,9 g (Maschine zu präzise)
620 Tage bis Alarm — länger als unter Kontrolle! 🤦
σ = 1,0 g (Sollwert)
500 Tage
σ = 1,1 g (Maschine unruhiger)
200 Tage
Das Absurde: Wenn die Maschine zu präzise arbeitet (was eigentlich super wäre, aber verdächtig sein könnte), wartet die Karte noch länger als unter Kontrolle. Sie schläft genau dann am tiefsten, wenn sie aufmerken sollte.
⟹ Das ist Verfälschtheit: Das ARL-Maximum liegt bei σ ≈ 0,93, nicht bei σ = 1.
Die Reparatur (Quantilgrenzen): Statt symmetrischer Alarmwahrscheinlichkeiten (jeweils 1/(2A) auf jedem Schwanz) verschiebt man die Grenzen so, dass die Karte bei σ = 1 g am längsten wartet — und in beide Richtungen schneller anschlägt.
Mit wachsendem N (5 → 20 → 50): Das Problem entschärft sich von selbst. Bei 5 Brötchen pro Charge ist die χ²-Verteilung schief und die Karte verfälscht. Bei 50 Brötchen pro Charge ist die χ²-Verteilung schon fast symmetrisch — und damit ist auch die Karte fast unverfälscht. Mehr Daten = weniger Schiefe = weniger Verfälschtheit.
Der Nachteil: 50 Brötchen pro Charge messen ist teurer als 5. In der Industrie wählt man deshalb meist N = 5 und repariert die Verfälschtheit über modifizierte Grenzen — siehe Karte 24.
24. Welche Transformationen scheinen für das Varianzmonitoring sinnvoll zu sein?
Zwei Wege, das Verfälschtheits-Problem der χ²-Schiefe zu beheben:
1. Modifizierte Grenzen (Karte reparieren)
Statt symmetrischer Alarmwahrscheinlichkeiten 1/(2A) auf jedem Schwanz wählt man Quantilgrenzen so, dass das ARL-Maximum genau bei Δ = 1 liegt
= Standard-Lösung in der Praxis
2. Symmetrisierende Transformation: ln(S²) (Prüfgröße ändern)
Prüfgröße: ln(Sᵢ²) statt Sᵢ²
Verteilung wird annähernd symmetrisch
Verhält sich wie X̄-Karte bei Lagekontrolle
⟹ ARL-Maximum automatisch bei Δ = 1
selten Praxis
In der Praxis am verbreitetsten: S und S² mit modifizierten Grenzen.
25—Welche Karten kennen Sie für das simulatane Überwachen von Lage und Streuung?
Ziel: simultane Kontrolle der Lage UND Streuung
Annahmen: X normalverteilt; Sollwerte μ₀ und σ₀;
unter Kontrolle a = 0 und Δ = 1;
gestört durch Lageshift aσ₀ ∈ ℝ und/oder Skalenänderung Δ > 0.
Shewhart-Kombinationen: X̄-S², X̄-S, X̄-R
Alarm bei der minimalen Stoppzeit beider Karten
Simultane EWMA- & CUSUM-Karten: Grundidee analog zu Shewhart
Hauptproblem: ARL-Berechnung des simultanen Schemas
Lösungsansätze: 2× Waldmann-Methode, Monte Carlo, Matrix-Approximation, 2-dim. Markov-Kette
Einfache Alternativen:
Omnibus-Karten: nur eine Karte statt zwei parallele; einfach, gute Ergebnisse; Nachteil: bei Alarm unklar, ob Lage oder Streuung außer Kontrolle
MaxMin-EWMA: sehr gute graphische Darstellung; Graphen-Bandbreite ↔ Streuung, Mittellinie ↔ Lage; eng = kleine Varianz, weit = große Varianz
26—Worauf sollte man beim Führen mehrerer Kontrollkarten achten?
• Häufigere Fehlalarme
• Aufwand, Zeit, Kosten-Verhältnis
• Größe der Grenzen an jeweiligem Prozess orientieren
• Shewhart-Grenzen mit Laufregeln größer wählen um Fehlalarme zu vermeiden
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