EGG SB 2 – Grundlagen der Epidemiologie (Seite 7)
Lernziel: Ziele der Sozialepidemiologie – Erklären können, dass es um die Erkenntnisgewinnung über die Verteilung von Krankheiten in der Bevölkerung und die Identifizierung der erklärenden Faktoren geht.
Definieren Sie die Epidemiologie als methodisches Fundament der Gesundheitswissenschaften und nennen Sie deren primäre Ziele.
Die Epidemiologie bildet das methodische Fundament der Gesundheitswissenschaften. Die Ziele sind:
Das Erkennen von Ursachen und Risikofaktoren von Krankheiten.
Das Finden von effektiven Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Krankheiten.
Risikofaktorenmodelle (Seite 7–8)
Lernziel: Sozialepidemiologische Herangehensweise – Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozessgeschehen im Lebensverlauf verstehen.
Vergleichen Sie das klassische Risikofaktorenmodell mit dem erweiterten Risikofaktorenmodell.
Das klassische Risikofaktorenmodell konzentriert sich primär auf biologische und medizinische Ursachen.
Das erweiterte Risikofaktorenmodell berücksichtigt zusätzlich zu biologischen Faktoren auch Umweltfaktoren sowie soziale, psychologische und ökonomische Einflüsse. Daraus ergibt sich ein Verständnis von Gesundheit als dynamisches Prozessgeschehen.
Konzepte nach Geoffrey Rose (Seite 7–8)
Lernziel: Ziele der Sozialepidemiologie – Verteilung von Krankheiten in der Bevölkerung verstehen.
Erläutern Sie die Differenzierung von Krankheitsursachen nach dem britischen Epidemiologen Geoffrey Rose.
Geoffrey Rose unterscheidet zwischen zwei Perspektiven:
Causes of cases (Ursachen für den Einzelfall): Die Frage, warum ein bestimmtes Individuum krank wird.
Causes of incidence (Ursachen für die Häufigkeit einer Krankheit in einer ganzen Bevölkerung): Die Untersuchung der Faktoren, die die Krankheitsrate in einer gesamten Population bestimmen.
Life Course Theory (Lebensverlaufstheorie) (Seite 10–11)
Lernziel: Theorieansätze herausarbeiten und Gesundheitsrisiken im Lebensverlauf erklären – Verstehen, wie Risiken kumulieren.
Beschreiben Sie den Kern der Life Course Theory (Lebensverlaufstheorie) und definieren Sie die Begriffe Chains of risks (Risikoketten) sowie Kritische Perioden.
Der Kern dieser Theorie besagt, dass Gesundheit ein Prozess ist, der sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt. Zentrale Mechanismen sind:
Chains of risks (Risikoketten): Ein Muster, bei dem ein negatives Ereignis zum nächsten führt (zum Beispiel: Arbeitslosigkeit → finanzielle Not → chronischer Stress).
Kritische Perioden: Sensible Phasen (zum Beispiel: Schwangerschaft oder frühe Kindheit), in denen Belastungen die biologischen Systeme eines Menschen dauerhaft schädigen können.
Fundamental Cause Theory (FCT) (Seite 11–12)
Lernziel: Theorieansätze herausarbeiten – Die drei zentralen Modelle sicher voneinander abgrenzen.
Erklären Sie die Fundamental Cause Theory (FCT – Theorie der fundamentalen Ursachen) und die Rolle der sogenannten Metamechanismen.
Die Fundamental Cause Theory (FCT – Theorie der fundamentalen Ursachen) besagt, dass soziale Bedingungen wie Einkommen, Bildung und Macht "fundamentale Ursachen" sind, da sie den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen steuern. Metamechanismen bewirken, dass privilegierte Gruppen flexibles Wissen, Geld und soziale Beziehungen nutzen, um Gesundheitsrisiken gezielt auszuweichen. Dadurch bleibt gesundheitliche Ungleichheit auch bei allgemeinem medizinischem Fortschritt bestehen.
Ecosocial Theory (Ökosoziale Theorie) (Seite 12–13)
Lernziel: Theorieansätze herausarbeiten – Konzepte definieren können.
Definieren Sie den Begriff Embodiment (Inkorporierung/Verleiblichung) im Rahmen der Ecosocial Theory (Ökosoziale Theorie).
Embodiment (Inkorporierung/Verleiblichung) bedeutet, dass der Mensch seine soziale und ökologische Umwelt buchstäblich biologisch „verkörpert“. Die Ecosocial Theory (Ökosoziale Theorie) verfolgt einen Mehrebenen-Ansatz, der Prozesse von der Makroebene (Politik und Wirtschaft) bis hin zur Mikroebene (Zellen und Organe) miteinander verknüpft.
Soziale Ungleichheit und Determinanten (Seite 8–9, 14)
Lernziel: Ursachen gesundheitlicher Ungleichheit – Faktoren wie Einkommen, Bildung und Beruf als Treiber benennen.
Was sind gesundheitliche Determinanten und welchen Einfluss hat der SES – Sozioökonomische Status?
Determinanten sind soziale Einflussfaktoren, welche die Verteilung von Gesundheit und Krankheit bestimmen. Dazu zählen Einkommen, Bildung, Beruf, Geschlecht oder Ethnizität. Der SES – Sozioökonomische Status beeinflusst die Gesundheit über den gesamten Lebensverlauf. Ein niedriger SES – Sozioökonomischer Status führt zu einer geringeren Lebenserwartung und einer höheren Morbidität (Krankheitshäufigkeit).
Sozialer Gradient (Seite 8–9, 16)
Lernziel: Ursachen gesundheitlicher Ungleichheit – Zusammenhang Bildung, Einkommen und Gesundheit.
Erläutern Sie das Konzept des Sozialen Gradienten und nennen Sie ein Beispiel aus Deutschland.
Der Soziale Gradient beschreibt einen kontinuierlichen Zusammenhang: Mit sinkendem sozialen Status steigt das Krankheitsrisiko stetig an. Beispiel: In Deutschland leben Männer in der höchsten Einkommensgruppe im Durchschnitt 8,6 Jahre länger als Männer in der niedrigsten Einkommensgruppe.
Ebenen der Prävention (Seite 35)
Lernziel: Gesundheitspolitik als Sozialpolitik – Verstehen der Ebenen.
Geben Sie die drei Ebenen der Prävention (Zeitpunkt) wieder.
Präventionsstrategien (Seite 31–32)
Lernziel: Gesundheitspolitik als Sozialpolitik – Unterschied zwischen Verhaltens- und Verhältnisprävention.
Unterscheiden Sie zwischen Verhaltensprävention und Verhältnisprävention.
1. Verhaltensprävention: Zielt auf das individuelle Gesundheitsverhalten ab. Beispiel: Beratung zur Raucherentwöhnung oder gesünderen Ernährung.
2. Verhältnisprävention: Zielt auf die Gestaltung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Settings) ab. Beispiel: Das Programm Primokiz in der Schweiz, das kommunale Netzwerke für Bildung und Gesundheit schafft.
Frühe Kindheit und Arbeitswelt (Seite 17, 27–29)
Lernziel: Frühe Kindheit als Basis für Entwicklungspfade / Ursachen gesundheitlicher Ungleichheit.
Warum ist die frühe Förderung im Setting "Frühe Kindheit" entscheidend und was besagt das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept in der Arbeitswelt?
Frühe Kindheit: Armut (jedes 5. Kind in Deutschland betroffen) ist ein massives Risiko für die Entwicklung. Frühe Förderung ist die Basis für den späteren Bildungsweg.
Arbeitswelt: Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept erklärt, dass die Gesundheit leidet, wenn die Anforderungen die persönlichen Ressourcen übersteigen. Ein hoher Handlungsspielraum (Arbeit selbst einteilen) verbessert den subjektiven Gesundheitszustand deutlich.
Der Black Report (Seite 31)
Lernziel: Ursachen gesundheitlicher Ungleichheit – Materielle Bedingungen verstehen.
Was war die zentrale Erkenntnis des britischen Black Report?
Der Black Report belegte historisch, dass materielle Bedingungen wie Wohnen und Einkommen für die Gesundheit wichtiger sind als der individuelle Lebensstil allein.
Eigene Prüfungsfragen
Erläutern Sie anhand der Fundamental Cause Theory (Theorie der fundamentalen Ursachen), warum rein technischer medizinischer Fortschritt die gesundheitliche Ungleichheit oft nicht verringert, sondern vergrößert.
Gemäß der Fundamental Cause Theory (FCT) verfügen Gruppen mit hohem Sozioökonomischem Status (SES) über mehr flexible Ressourcen wie Geld, Wissen und Macht. Sie können neue Behandlungen oder Screenings schneller und effektiver für sich nutzen (Metamechanismen). Benachteiligte Gruppen haben diesen Zugang nicht im gleichen Maße, weshalb sich die Schere bei der Gesundheit trotz Fortschritts weiter öffnet.
Diskutieren Sie, warum eine wirksame Primärprävention oft strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft erfordert und ordnen Sie dies einer Präventionsstrategie zu.
Wirksame Primärprävention zielt darauf ab, die Krankheitsentstehung bereits im Vorfeld zu verhindern. Da Gesundheit massiv von materiellen und sozialen Determinanten (Wohnort, Einkommen, Bildung) abhängt, greifen individuelle Appelle (Verhaltensprävention) oft zu kurz. Es bedarf daher der Verhältnisprävention, um die Lebensumwelten (Settings) gesundheitsförderlich zu gestalten.
Prüfungstips
Tipp 1 (Prävention): In der Prüfung wird dieser Bereich zentral abgefragt. Achte darauf, Prävention nach dem Zeitpunkt (Primär, Sekundär, Tertiär) und nach dem Ansatz (Verhaltens- vs. Verhältnisprävention) strikt zu trennen.
Tipp 2 (Soziale Determinanten): Verinnerliche den SES – Sozioökonomischen Status als zentralen Faktor. Merke dir das Beispiel: Männer im höchsten Einkommensfünftel leben ca. 8,6 Jahre länger als Männer im niedrigsten Fünftel.
Tipp 3 (Theorien): Lerne die drei Theorien (Lebensverlauf, Fundamentale Ursachen, Ökosozial) so, dass du sie sicher voneinander abgrenzen kannst. Stichworte für die 1,0: Risikoketten (Life Course), Metamechanismen (Fundamental Cause), Embodiment (Ecosocial).
Einkommensbezogene Lebenserwartung bei Frauen
Lernziel: Ursachen gesundheitlicher Ungleichheit darlegen und geschlechtsspezifische Unterschiede verstehen.
Erläutern Sie den Zusammenhang zwischen dem Einkommen und der mittleren Lebenserwartung bei Frauen in Deutschland
Bei Frauen in Deutschland zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der relativen Einkommensposition und der Lebenserwartung. Die Differenz zwischen der niedrigsten Einkommensgruppe (< 60 % des mittleren Einkommens) und der höchsten Einkommensgruppe (≥ 150 %) beträgt 4,4 Jahre.
Lebenserwartung bei < 60 % Einkommen: 78,4 Jahre.
Lebenserwartung bei ≥ 150 % Einkommen: 82,8 Jahre.
Zum Vergleich: Bei Männern ist der Gradient mit einem Unterschied von 8,6 Jahren deutlich stärker ausgeprägt.
Frühkindliche Förderung und Sprachentwicklung
Lernziel: Die frühe Kindheit als Basis für Entwicklungspfade herausarbeiten.
Was versteht man unter der sogenannten „30-Millionen-Wort-Lücke“ und welche Folgen hat sie für den Wortschatz?
Die Studie von Hart und Risley belegt massive Unterschiede in der elterlichen Interaktion.
Bis zum Alter von drei Jahren haben Kinder aus sozioökonomisch belasteten Familien insgesamt 30 Millionen Worte weniger gehört als Kinder aus Akademikerfamilien.
Infolgedessen verfügen Kinder aus bildungsgewohnten Milieus nach 36 Monaten über einen etwa dreimal größeren Wortschatz als Kinder aus benachteiligten Familien.
Ressourcen und Schutzfaktoren in der Familie
Lernziel: Bezüge zwischen Familienentwicklung und Gesundheitsentwicklung darstellen.
Nennen Sie die drei wesentlichen externen Ressourcen (Schutzfaktoren), die für eine gesunde Entwicklung von Kindern in der Familie entscheidend sind.
Zu den zentralen Schutzfaktoren im Umkreis der Familie gehören:
Eine stabile emotionale Beziehung zur Mutter und/oder zum Vater.
Eine umfängliche Kommunikation innerhalb der Familie.
Ein förderlicher Erziehungsstil der Eltern.
Geographische Ungleichheit (Jubilee Line)
Lernziel: Den Einfluss des Wohnumfeldes auf die Gesundheit erläutern.
Beschreiben Sie das Beispiel der Jubilee tube line (Londoner U-Bahn-Linie) zur Illustration gesundheitlicher Ungleichheit.
Das Beispiel verdeutlicht, dass die Adresse (der Lebensmittelpunkt) die soziale Schichtung und Lebenserwartung widerspiegelt.
Entlang der Jubilee Line in London sinkt die männliche Lebenserwartung mit jeder Station östlich von Westminster um statistisch ein Jahr.
In Westminster beträgt die Lebenserwartung 82,0 Jahre, während sie in Canning Town nur noch bei 75,2 Jahren liegt.
Corona-Pandemie und soziale Ungleichheit
Lernziel: Verhaltensbezogene Risiken im Hinblick auf soziale Faktoren darlegen.
Welchen Einfluss hatte die COVID-19 (Corona Virus Disease) Pandemie auf das Risiko für Adipositas(Fettleibigkeit) bei sozial benachteiligten Jungen?
Daten des Kinder- und Jugendreports der DAK (Deutsche Angestellten-Krankenkasse) zeigen, dass die Pandemie bestehende Ungleichheiten verschärft hat.
Jungen mit einem familiär niedrigen SES (Sozioökonomischer Status) haben ein um 63 % höheres Risiko für eine Neuerkrankungsdiagnose Adipositas (Fettleibigkeit) entwickelt.
Das kommunale Modell Primokiz
Lernziel: Gesundheitspolitik als Sozialpolitik im Hinblick auf primäre Prävention erklären.
Auf welchen drei Ebenen arbeitet das Programm Primokiz zur Ermöglichung gelingender Entwicklung?
Das Modell spannt den Rahmen von der Verhältnisprävention bis zum individuellen Kinderschutz:
Angebote für alle Kinder: Universelle Verhältnisprävention zur Schaffung förderlicher Lebensbedingungen.
Angebote für bestimmte Gruppen: Gezielte Unterstützung für Kinder und Familien in besonderen Lebenslagen.
Angebote für Einzelfälle (Indizierte Prävention/Intervention): Individuelle Maßnahmen und Kinderschutz.
Last changed4 days ago