3. Digitale und digitalisierte Geschäftsmodelle
Ein Geschäftsmodell beschreibt:
wie ein Unternehmen Werte schafft
und daraus Erträge generiert
Die digitale Transformation verändert Geschäftsmodelle grundlegend:
teilweise entstehen völlig neue Geschäftsmodelle
teilweise werden bestehende Modelle um digitale Komponenten erweitert
(Grundlage nach Osterwalder & Pigneur, 2010)
3.1 Kernkomponenten eines Geschäftsmodells
Jedes Geschäftsmodell lässt sich durch drei zentrale Fragen beschreiben:
Das Nutzenversprechen beschreibt:
welches Problem gelöst wird
für welche Kundengruppe dies geschieht
welchen konkreten Nutzen Kund:innen erhalten
Ein Online-Sprachlernportal bietet:
flexibles Lernen
ortsunabhängigen Zugriff
keine Bindung an feste Kurszeiten
Die Wertschöpfungsarchitektur umfasst alle Elemente, die notwendig sind, um das Nutzenversprechen umzusetzen:
Aktivitäten
Ressourcen
Partner
Dazu gehören:
interne Prozesse
Zusammenarbeit mit Zulieferern
Zusammenarbeit mit Dienstleistern
Das Erlösmodell beschreibt, wie Einnahmen erzielt werden.
Mögliche Formen:
direkter Produktverkauf
Abonnementgebühren
Werbeeinnahmen
Provisionen aus vermittelten Transaktionen
Das Geschäftsmodell wird als:
konzeptionelle Darstellung der Wertschöpfung (value creation)
und der Wertaneignung (value capture)
verstanden.
Abgrenzung:
Strategien bestimmen, wo und wie Wettbewerb betrieben wird
Taktiken betreffen konkrete Maßnahmen
das Geschäftsmodell vermittelt zwischen beiden
Zur strukturierten Analyse wird das Business Model Canvas nach Osterwalder & Pigneur (2010) verwendet.
Das Canvas visualisiert ein Geschäftsmodell übersichtlich auf einer Seite.
3.1.1 Die neun Bausteine des Business Model Canvas
Welche Kundengruppen werden angesprochen?
Welcher Nutzen wird den Kundengruppen geboten?
Über welche Wege werden Kund:innen erreicht?
Wie wird das Angebot bereitgestellt?
Welche Art von Beziehung wird zu den Kundengruppen gepflegt?
Wofür zahlen Kund:innen?
Wie erfolgen die Zahlungen?
Welche wichtigen Ressourcen werden benötigt?
Welche zentralen Aktivitäten sind notwendig?
Mit welchen Partnern wird zusammengearbeitet?
Was sind die wichtigsten Kostentreiber?
Im Canvas zentral dargestellt:
als „Value Proposition“ in der Mitte
Es beschreibt:
welchen konkreten Nutzen das Unternehmen bietet
welche Probleme gelöst werden
welche Bedürfnisse befriedigt werden
Verteilt sich im Canvas auf mehrere Bausteine:
Schlüsselaktivitäten
Schlüsselressourcen
Schlüsselpartnerschaften
Kundenbeziehungen
Kanäle
Kundensegmente
Diese Elemente bilden gemeinsam die operative Architektur, durch die:
das Nutzenversprechen realisiert wird
und beim Kunden ankommt
Wird im Canvas durch zwei Finanzbausteine dargestellt:
Einnahmequellen
Kostenstruktur
Die Abbildung zeigt die Struktur des Business Model Canvas und ordnet die neun Bausteine den drei Kernbereichen zu:
(linke und mittlere Bereiche)
Enthält:
Key Partners
Key Activities
Key Resources
teilweise Customer Relationships und Channels
(Mitte des Modells)
Value Proposition steht zentral
verbindet Wertschöpfung und Kundenseite
(rechte Seite)
Customer Relationships
Channels
Customer Segments
(unterer Bereich)
Besteht aus:
Cost Structure
Revenue Streams
Die Darstellung verdeutlicht:
wie alle Bausteine zusammenhängen
wie aus Ressourcen und Aktivitäten ein Wertangebot entsteht
und wie daraus Einnahmen generiert werden
Stärken und Grenzen des Business Model Canvas
Das Canvas:
reduziert komplexe Geschäftsmodelle auf eine klare Struktur
stellt alle zentralen Aspekte auf einer Seite dar
hilft bei der Analyse bestehender Geschäftsmodelle
unterstützt die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle
ermöglicht den Vergleich verschiedener Varianten
Was verändert sich bei einem Wechsel von Einzelverkauf zu Abonnement?
Welche neuen Kundensegmente könnten durch ein angepasstes Wertversprechen erreicht werden?
Das Business Model Canvas hat auch konzeptionelle Schwächen:
primär deskriptiv, weniger analytisch
zeitliche Dynamiken fehlen → Entwicklung eines Geschäftsmodells wird nicht dargestellt
Wettbewerbsperspektiven sind unterrepräsentiert
Annahmen werden nicht explizit validiert
3.1.2 Geschäftsmodelle als dynamische Konstrukte: Business Model Innovation (BMI)
Das Business Model Canvas zeigt nur eine Momentaufnahme eines Geschäftsmodells:
wie ein Unternehmen aktuell Werte schafft
und wie es diese aneignet
Für die digitale Transformation reicht diese statische Sicht jedoch nicht aus, da Geschäftsmodelle:
dynamisch sind
sich kontinuierlich verändern
unter Einfluss von Technologie, Markt und Regulierung stehen
Hier setzt die Forschung zur Business Model Innovation (BMI) an.
Foss & Saebi (2017) definieren BMI als:
„designed, novel, nontrivial changes to the key elements of a firm’s business model and/or the architecture linking these elements“
Kernaussage:
BMI bedeutet nicht nur die Veränderung einzelner Bausteine, sondern auch die Veränderung ihrer Beziehungen und Gesamtstruktur.
Einzelne Bausteine des Business Model Canvas werden verändert.
Die grundlegende Architektur bleibt bestehen.
neues Wertversprechen
zusätzlicher Erlöskanal
Die Beziehungen zwischen den Bausteinen werden neu konfiguriert.
Beispiel:
Distribution
Produktion
Einnahmenmodell
spielen anders zusammen als zuvor.
Die gesamte Wertlogik verändert sich.
Es entsteht eine grundlegend neue Art der Wertschöpfung und Wertaneignung.
Die Entwicklung von Netflix verdeutlicht die drei Veränderungsgrade:
Einführung eines Abomodells statt „Pay-per-Rental“
Wechsel vom DVD-Versand zu Streaming
Wandel vom Content-Distributor zum eigenen Content-Producer
Business Model Innovation als Dynamic Capability
Nach Teece (2010) ist die Fähigkeit zur Geschäftsmodellerneuerung selbst eine:
Das bedeutet:
eine organisationale Meta-Fähigkeit
die bestimmt, ob Unternehmen in dynamischen Umwelten bestehen können
(Bezug zu Kapitelabschnitt 1.1)
Fähigkeit:
schwache Signale frühzeitig zu erkennen
Optionen für neue Wertlogiken zu entwickeln
Neue Geschäftsmodelle werden nicht nur mit klassischen Kapitalwertrechnungen bewertet.
Zusätzlich wichtig:
Experimente
Prototypen
Pilotprojekte
Ziel:
neue Modelle praktisch erkunden und testen
Neue Geschäftsmodelle müssen trotz organisatorischer Widerstände umgesetzt werden.
Herausforderungen:
Trägheit bestehender Strukturen
Pfadabhängigkeiten
Häufige Lösung:
= zeitweilige Trennung von:
bestehendem Geschäftsmodell
neuem Geschäftsmodell
Erfolgreiche Modelle werden:
skaliert
kontinuierlich angepasst
Grundlage dafür:
Feedback-Schleifen
Chesbrough (2010) nennt typische Barrieren:
Neue Modelle gefährden bestehende Einnahmen.
→ Kannibalisierung etablierter Erträge
Festgefahrene Denkweisen wie:
„So funktioniert unsere Branche“
behindern Innovation.
Bereits getätigte Investitionen binden Unternehmen an alte Logiken und Strukturen.
Interne Konflikte um:
Budgets
Status
Kennzahlen
erschweren Veränderungen.
Gerade erfolgreiche Unternehmen scheitern häufig an BMI.
Grund:
nicht Ressourcenmangel
sondern fehlende Erneuerungsfähigkeit
Beispiele:
Kodak
Blockbuster
Die Meta-Analyse von Foss & Saebi (2017) nennt mehrere Erfolgsfaktoren:
klare Richtung
gleichzeitig Raum für Experimente
Strukturen müssen ermöglichen:
Flexibilität
Ambidextrie
Wichtig sind:
Erkundung neuer Möglichkeiten
Fehlertoleranz
(Bezug Kapitelabschnitt 1.1)
Besonders wichtig:
Lernfähigkeit
strategische Agilität
Externe Akteure werden systematisch eingebunden:
Kund:innen
Digitale Technologien sind:
Transformation wird erst wirksam, wenn Unternehmen Business Model Innovation als Kernfähigkeit entwickeln.
Dazu gehört:
neue Wertlogiken erkennen
schnell testen
trotz Widerständen umsetzen
adaptiv skalieren
Das Canvas ist kein Endpunkt, sondern ein:
Es dient dazu:
Veränderungen zu entwerfen
neue Modelle zu testen
erfolgreiche Ansätze in die Geschäftsarchitektur zu überführen
Damit wird das Canvas vom reinen Beschreibungsinstrument zu einem Werkzeug kontinuierlicher Geschäftsmodellerneuerung.
3.1.3 Von IT-Strategie zur Digital Business Strategy (DBS)
Die Erneuerung von Geschäftsmodellen zeigt:
Eine klassische IT-Strategie reicht für digitale Transformation nicht mehr aus.
Früher galt IT vor allem als:
Unterstützungsfunktion
technische Infrastruktur
Mittel zur Effizienzsteigerung
Heute wird eine:
benötigt.
Nach Bharadwaj et al. (2013) ist eine DBS:
eine organisationale Strategie
die digitale Ressourcen gezielt nutzt,
um differenziellen Wert zu schaffen und anzueignen
Digitale Ressourcen sind z. B.:
Daten
Plattformen
Software
digitale Kanäle
Ökosysteme
Eine DBS verbindet:
Geschäftsmodellerneuerung
Organisationsgestaltung
Technologieeinsatz
zu einem gemeinsamen strategischen Steuerungsrahmen.
Fokus auf:
interne Effizienz
Stabilität
Kostenreduktion
Wertschöpfung
Wachstum
Wettbewerbsvorteile durch digitale Technologien
Eine DBS umfasst das gesamte Unternehmen:
Kernprozesse
Angebote
Kundenschnittstellen
Auch externe Akteure werden einbezogen:
Entwickler
Marktplätze
Digitale Angebote besitzen:
niedrige Grenzkosten
hohe Skalierbarkeit
Zusätzliche Verstärkung durch:
Netzwerkeffekte
Wiederverwendung von Software und Komponenten
Dadurch entstehen überproportionale Wachstumseffekte.
Digitale Strategien arbeiten mit:
kürzeren Entwicklungszeiten
schnelleren Markteinführungen
schnelleren Strategieanpassungen („Pivots“)
Planungs- und Lernzyklen verdichten sich.
Neben Effizienz werden neue Wertquellen zentral:
Informationsvorteile
Datenkapital
Plattformeffekte
Komplementoren-Effekte
Eine DBS ist:
sondern:
Sie verbindet:
Technologieentscheidungen
Datenentscheidungen
Organisationsentscheidungen
Unternehmen müssen gleichzeitig:
bestehendes Kerngeschäft effizient betreiben
und
neue Wertlogiken erforschen
—> neue Wertlogiken mit klaren Schnittstellen
und Entscheidungsrechten erproben.
Wichtig:
klare Schnittstellen
klare Entscheidungsrechte
Digitale Themen werden strategisch verankert.
CDO (Chief Digital Officer)
CPO (Chief Product Officer)
Außerdem wichtig:
Product Ownership zwischen Fachbereich, Technologie und Daten
Governance-Gremien für Priorisierung und Portfoliosteuerung
Iterative Entwicklungspraktiken (z. B. agile Methoden) dienen:
nicht als Selbstzweck,
sondern als Lern- und Entscheidungsmechanismus
klare Kriterien für:
Start
Stop
Scale
Unternehmen müssen aktiv entscheiden:
Make / Buy / Partner
API-Regeln
Datenzugangsregeln
Partner-Incentives
Auch Komplementoren-Angebote müssen gezielt gestaltet werden:
z. B. Marktplätze
Das Business Model Canvas bleibt wichtig, aber:
nicht als Endzustand,
sondern als Ausgangspunkt für Veränderungsschleifen.
Geschäftsmodelle werden:
hypothesenbasiert weiterentwickelt
Annahmen zu Geschäftsmodellen werden explizit formuliert:
Wertangebot
Erlöslogiken
Diese Annahmen werden getestet durch:
Piloten
Minimum Viable Offerings
Erfolgreiche Ansätze werden anschließend skaliert.
Die DBS verbindet:
Business Model Innovation (Kapitel 3.1.2)
mit organisationalen Lern- und Entscheidungsstrukturen
(Bezug zu Teece, 2010)
Vier zentrale Felder der DBS
Frage: Welche Technologien erzeugen strategischen Nutzen?
Cloud → Skalierung
Analytics → Personalisierung
IoT → digitale Services
nicht die Menge der Technologien,
sondern ihre Passung zur gewünschten Wertlogik
Mögliche Entwicklungspfade:
Kanal-Erweiterung
Prozess-Digitalisierung
Produkt-Erweiterung
Plattform-Modelle
Plattformmodelle orchestrieren zusätzlich externe Wertschöpfung.
Umfasst:
Organisationsstruktur
Rollenarchitektur
Ambidextrie-Mechanismen
Entscheidungsforen
Finanzierung von Experimenten und Skalierung
Verschiebung von:
projektbasierten Budgets
hin zu:
Portfoliologik
Entscheidungen basieren auf Gate-Kriterien wie:
Evidenz
Unit Economics
regulatorische Tragfähigkeit
organisationale Voraussetzungen
Entscheidungsregeln
zu einem gemeinsamen strategischen Ansatz.
Digitale Themen werden aus der:
herausgelöst und in den:
verschoben.
Dadurch wird:
zum Normalfall und nicht zur Ausnahme.
3.2 Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle
Von digitalisierten Geschäftsmodellen spricht man, wenn Unternehmen digitale Technologien einsetzen, um bestehende Prozesse
effizienter,
transparenter
oder kundenfreundlicher zu gestalten
-> ohne dabei die grundlegende Logik ihres Geschäftsmodells wesentlich zu verändern.
Die bestehende Wertschöpfungsarchitektur bleibt also grundsätzlich erhalten, wird jedoch durch digitale Elemente ergänzt oder optimiert.
Damit handelt es sich nicht um eine radikale Transformation, sondern eher um eine inkrementelle Weiterentwicklung bestehender Strukturen.
Der Abschnitt knüpft dabei an die Unterscheidung zwischen Digitalisierung und digitaler Transformation aus Kapitel 1.2.4 an.
Ein klassisches Beispiel ist ein stationärer Händler, der zusätzlich einen Online-Shop eröffnet.
Das grundlegende Nutzenversprechen verändert sich dabei nicht:
weiterhin werden Waren an Endkund:innen verkauft
Durch den digitalen Vertriebskanal entstehen jedoch neue Möglichkeiten:
größere Reichweite
Verkauf rund um die Uhr
Zugang zu neuen Kundengruppen
Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen:
Investitionen in IT-Systeme
Ausbau der Logistik
Kompetenzen im Online-Marketing
Die Grundlogik des Geschäfts bleibt jedoch bestehen.
Auch Industrieunternehmen digitalisieren bestehende Geschäftsmodelle.
Beispiel: Ein Maschinenbauer stattet Anlagen mit Sensoren aus, die Betriebsdaten in Echtzeit erfassen und an den Hersteller übermitteln.
möglich.
Vorteile für Kund:innen:
frühzeitige Erkennung drohender Ausfälle
höhere Verfügbarkeit der Anlagen
Vorteile für Hersteller:
effizientere Serviceprozesse
stabilere Kundenbeziehungen
proaktive Planung von Wartungseinsätzen
Auch hier bleibt das Kerngeschäft bestehen:
weiterhin Verkauf und Wartung von Maschinen
digitale Technologien verbessern jedoch die Leistungserbringung
Im Finanzbereich werden zentrale Prozesse vollständig digitalisiert, z. B.:
Kontoeröffnung
Zahlungsabwicklung
Kreditanträge
Das Kerngeschäft bleibt:
Bereitstellung von Finanzdienstleistungen
Die digitale Abwicklung führt jedoch zu:
höherer Geschwindigkeit
geringeren Kosten
stärkerer Kundenorientierung
Gleichzeitig verändern sich die Kundenerwartungen:
mobile Bankgeschäfte werden selbstverständlich
starre Öffnungszeiten oder papierbasierte Prozesse werden zunehmend weniger akzeptiert
Vorteile und Herausforderungen
Die Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle bringt zahlreiche Vorteile mit sich.
Durch die Automatisierung standardisierter Abläufe können Prozesse schneller und günstiger durchgeführt werden.
Digitale Systeme ermöglichen:
schnellere Abläufe
unmittelbare Kommunikation mit Kund:innen
Reaktionen in Echtzeit
Digitale Prozesse erzeugen kontinuierlich Daten.
Dadurch werden:
Analysen
bessere Entscheidungen
datenbasierte Optimierungen
Digitale Vertriebskanäle ermöglichen:
Zugang zu neuen Märkten
größere Marktpräsenz
Erreichbarkeit unabhängig von Ort und Zeit
Die Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle ist zwar wichtig, reicht allein jedoch häufig nicht aus, um langfristige Wettbewerbsvorteile zu sichern.
Viele digitale Maßnahmen werden schnell zum Branchenstandard.
Online-Shops
Banking-Apps
Was zunächst innovativ wirkt, wird später zur Selbstverständlichkeit.
Unternehmen, die lediglich bestehende Prozesse digitalisieren, laufen Gefahr:
nur Mindeststandards zu erfüllen
aber keine nachhaltige Differenzierung zu erreichen
Digitale und traditionelle Geschäftsbereiche geraten häufig in Konflikt.
Digitale Kanäle werden teilweise als Konkurrenz wahrgenommen.
Zusätzlich unterscheiden sich:
Geschwindigkeit
Arbeitsweisen
Denkweisen (Mindset)
zwischen digitalen und analogen Bereichen.
Dadurch entstehen kulturelle Spannungen innerhalb der Organisation.
Die Unternehmenskultur muss sich weiterentwickeln, um beide Logiken gleichzeitig integrieren zu können.
Hier wird erneut das Konzept der:
wichtig.
gleichzeitige Beherrschung von:
inkrementeller Effizienzsteigerung
radikaler Innovation
Unternehmen müssen also:
bestehende Geschäftsmodelle effizient weiterführen
und gleichzeitig neue Wertschöpfungslogiken erkunden
Verhältnis von Digitalisierung und digitaler Transformation
Die Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle ist:
der digitalen Transformation.
Sie bleibt jedoch:
Denn sie verbessert vor allem:
Effizienz
Effektivität
innerhalb bestehender Wertlogiken.
optimiert bestehende Prozesse
verbessert bestehende Geschäftsmodelle
verändert die grundlegende Wertlogik nicht
verändert die Wertlogik selbst
führt zu Geschäftsmodellinnovation
schafft neue Formen der Wertschöpfung
Digitalisierung allein reicht nicht aus, um nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu sichern.
Sie bildet vielmehr die Grundlage dafür, später transformative Geschäftsmodellinnovationen entwickeln zu können.
Langfristiger Erfolg erfordert daher:
Digitalisierung bestehender Aktivitäten
und gleichzeitige Exploration neuer Geschäftsmodelle
Digitalisierte Geschäftsmodelle nutzen digitale Technologien zur Verbesserung bestehender Prozesse, ohne die grundlegende Wertlogik zu verändern. Typische Beispiele sind Online-Shops, Predictive Maintenance oder digitale Bankprozesse. Vorteile sind Effizienzsteigerung, schnellere Prozesse, datenbasierte Entscheidungen und größere Reichweite. Gleichzeitig entstehen Risiken wie die „Digitalisierungsfalle“, kulturelle Konflikte und fehlende Differenzierung. Digitalisierung ist daher ein notwendiger, aber nicht ausreichender Schritt der digitalen Transformation. Während Digitalisierung bestehende Wertlogiken optimiert, verändert digitale Transformation die Wertlogik selbst. Erfolgreiche Unternehmen benötigen dafür Ambidextrie – also die Fähigkeit, bestehende Geschäftsmodelle effizient zu betreiben und gleichzeitig neue Wertschöpfungslogiken zu entwickeln.
3.3 Digitale Transformation: Neue digitale Geschäftsmodelle
Digitale Geschäftsmodelle gehen deutlich über die bloße Digitalisierung bestehender Prozesse hinaus.
Während digitalisierte Geschäftsmodelle bestehende Abläufe effizienter machen, beruhen digitale Geschäftsmodelle auf vollständig neuen Wertlogiken und wären ohne digitale Technologien überhaupt nicht möglich.
Digitale Technologien sind hier also nicht nur unterstützende Werkzeuge, sondern das zentrale Fundament des Geschäftsmodells selbst (Veit et al., 2014).
Dadurch verändern digitale Geschäftsmodelle ganze Branchen und schaffen neue Formen der Wertschöpfung.
Der Abschnitt betrachtet dabei insbesondere drei zentrale Dimensionen:
Plattformökonomie
disruptive Innovationspfade
neue Erlösmodelle
Die Abbildung verdeutlicht den Unterschied zwischen:
Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle
und digitaler Geschäftsmodelltransformation.
Hier bleibt die:
Kernlogik des Geschäftsmodells erhalten
Digitale Technologien verbessern vor allem:
Prozesse
Kundenzugänge
Beispiele aus der Abbildung:
Einzelhandel → Online-Shop
Bank → Mobile Banking App
Maschine → Predictive Maintenance
Das bestehende Geschäftsmodell wird also optimiert, aber nicht grundsätzlich verändert.
Hier verändert sich die:
Es entstehen:
neue Märkte
neue Rollen
neue Wertschöpfungsformen
Amazon → Plattform-Ökosystem
N26 → reine Digitalbank
Uber → Plattform statt klassisches Taxiunternehmen
Die Abbildung zeigt damit den Übergang:
Digitale Transformation verändert also nicht nur Prozesse, sondern die gesamte Geschäftslogik.
3.3.1 Digitale Plattformökonomie
Bereits in Kapitel 1.6 wurden die ökonomischen Grundlagen digitaler Plattformen behandelt:
Skalenvorteile
Datenvorteile
In diesem Abschnitt steht nun die Plattform als:
im Mittelpunkt.
Plattformen unterscheiden sich grundlegend von klassischen Geschäftsmodellen.
Sie beruhen nicht primär auf:
Besitz
Verkauf von Produkten
sondern auf der Fähigkeit:
Wert entsteht also dadurch, dass Plattformen:
Anbieter und Nachfrager zusammenbringen
Interaktionen ermöglichen
Transaktionen effizient organisieren
Nach Cusumano, Gawer & Yoffie (2019) lassen sich vier Plattform-Archetypen unterscheiden.
Angebot und Nachfrage zusammenführen
Matching und Abwicklung erleichtern
Wert entsteht durch:
Senkung von Suchkosten
Senkung von Transaktionskosten
Verringerung von Informationsasymmetrien
Typische Erlösquellen:
Transaktionsgebühren
Premiumgebühren
Listungsgebühren
Airbnb
Uber
eBay
Upwork
Diese Plattformen stellen eine technologische Basis bereit, auf der Dritte eigene Produkte oder Services entwickeln.
Ermöglichung externer Innovationen
Orchestrierung von Entwicklerökosystemen
Lizenzen
Umsatzbeteiligungen
Hardware-Verkäufe
iOS
Android
Windows
Salesforce
Cloud-Plattformen
Diese Plattformen kombinieren:
Transaktionslogik
Innovationslogik
Sie verbinden:
Marktplatzfunktionen
Entwicklerökosysteme
Zusätzlicher Wert entsteht durch:
gebündelte Services
Geräteintegration
Mitgliedschaftsprogramme
Apple
Amazon
Alibaba
Hier handelt es sich um Holdings, die mehrere Plattformen gleichzeitig steuern.
Diversifikation
gemeinsame Ressourcennutzung
Daten- und Infrastruktur-Synergien
Alphabet
Meta
Tencent
Die Typologie hilft dabei:
Wertlogiken zu analysieren
Wettbewerbshebel zu verstehen
Governance-Fragen zu bewerten
Unterschiede:
Transaktionsplattformen optimieren Transaktionen
Innovationsplattformen steuern Standards und Entwickler
integrierte Plattformen verbinden beide Logiken
Investment-Plattformen koordinieren Plattform-Portfolios
Ein zentrales Wettbewerbsphänomen in Plattformmärkten ist:
Darunter versteht man:
die Expansion einer Plattform in angrenzende Märkte
durch Bündelung eigener und fremder Funktionen
(Eisenmann et al., 2011)
Drei Mechanismen des Platform Envelopment
Eine Plattform integriert Funktionen, die früher getrennt waren.
Browser im Betriebssystem
Kombination von:
Mail
Cloud
Karten
Medienangeboten
Die bestehende Nutzerbasis wird genutzt, um neue Angebote schnell zu verbreiten.
Beispiel: Ein E-Commerce-System erweitert sich um:
Streaming
Musik
Payment
Games
Wenn eine Plattform viele ausreichende („gut genug“) Dienste bündelt, sinkt der Anreiz, weitere spezialisierte Plattformen parallel zu nutzen.
Multi-Homing-Kosten entstehen durch:
mehrere Konten
Datenfragmentierung
Umgewöhnung
Wettbewerbliche Folgen von Envelopment
Envelopment verstärkt:
→ „winner-takes-most“
Entscheidend werden:
Zugang zur Nachfrage
Zahlungswege
Komplementoren
Ökosystemposition
Nicht mehr nur einzelne Produktmerkmale.
Betroffene Plattformen können verschiedene Gegenmaßnahmen einsetzen:
bessere Nutzererfahrung
spezielle Features
professionelle Tools
exklusive Inhalte
Services
Dadurch steigen Wechselkosten.
Konzentration auf spezielle Zielgruppen oder Märkte.
Creator-Communities
B2B-Spezialmärkte
Zusammenarbeit mit komplementären Akteuren.
Identitätssysteme
Forderungen nach:
Interoperabilität
diskriminierungsfreiem Zugang
Entbündelung
Unternehmen außerhalb großer Plattformen müssen:
ihre Abhängigkeit von Plattformen bewusst steuern
Daten- und API-Strategien berücksichtigen
Envelopment-Risiken in Produkt-Roadmaps einplanen
Plattformunternehmen selbst nutzen Envelopment dagegen als Wachstumsstrategie.
Dabei müssen jedoch:
Governance
Transparenz
Regulierung
beachtet werden.
Plattformen basieren auf:
Sie schaffen Nutzen, indem sie Interaktionen ermöglichen, die:
sonst nicht stattfinden würden
oder deutlich ineffizienter wären
Die Plattform übernimmt dabei:
Koordination
Vertrauensaufbau
Regelsetzung
Plattformen stehen in der Anfangsphase vor einem:
Eine Plattform ist erst attraktiv, wenn:
genügend Anbieter vorhanden sind
und gleichzeitig genügend Nachfrager teilnehmen
Beispiel Uber:
Fahrgäste wollen viele Fahrer:innen
Fahrer:innen wollen viele Fahrgäste
Fehlt eine Seite, scheitert die Plattform häufig.
Plattformen müssen daher:
erreichen.
Das bedeutet: Es müssen genügend Teilnehmer auf beiden Marktseiten vorhanden sein, damit Netzwerkeffekte selbsttragend wirken.
Strategien zur Erreichung kritischer Masse
Typische Maßnahmen:
Subventionen für frühe Nutzer
intensive Marketingkampagnen
Fokus auf kleine Nischenmärkte
Airbnb konzentrierte sich zunächst auf:
Konferenzen in San Francisco
Dort waren Hotels häufig ausgebucht.
Dadurch konnten:
Angebot und Nachfrage gezielt zusammengeführt
und die kritische Masse schneller erreicht werden
Die Abbildung zeigt den Zusammenhang zwischen:
Nachfrage
Grenzkosten
Nutzerzahl
Menge / Nutzerzahl
Wert bzw. Preis pro Nutzer
Die Nachfrage steigt mit zunehmender Nutzerzahl.
Je mehr Nutzer teilnehmen:
desto höher wird der Nutzen für alle Beteiligten
Die Grenzkosten verlaufen relativ flach.
hohe Fixkosten der Infrastruktur
aber sehr geringe Kosten für zusätzliche Nutzer
Die zusätzlichen Kosten pro Nutzer nähern sich oft nahezu null an.
Die kritische Masse liegt dort, wo:
Nachfragekurve
und Grenzkostenkurve
sich schneiden.
Die Plattform bleibt unattraktiv:
Nutzen deckt Kosten nicht
Netzwerkeffekte reichen nicht aus
Es entsteht ein:
Jeder neue Nutzer:
erhöht den Plattformwert
zieht weitere Nutzer an
Dadurch können Plattformen:
extrem schnell wachsen
monopolähnliche Marktpositionen erreichen
Governance und Vertrauen
Plattformen müssen aktiv Regeln gestalten.
Governance-Fragen betreffen:
Teilnahmebedingungen
Interaktionsregeln
Konfliktlösung
Plattformen sind deshalb:
sondern aktive Regelsetzer.
Beispiel: Amazon gibt Händlern genaue Vorgaben und kann Anbieter sperren.
Da Plattformen häufig Fremde miteinander verbinden, benötigen sie Mechanismen zur Vertrauensbildung.
Wichtige Instrumente:
Bewertungssysteme
Reputationssysteme
Garantien
Versicherungen
Verifizierungsverfahren
transparente Standards
Ohne solche Mechanismen wären viele Plattformen nicht nutzbar.
Plattformen existieren heute branchenübergreifend.
Fiverr
Siemens MindSphere
GE Predix
Industrieplattformen ermöglichen:
Datenaustausch
Serviceentwicklung
gemeinsame Innovation
zwischen:
Herstellern
Zulieferern
Plattformen sind:
Ihr Erfolg basiert weniger auf eigenen Ressourcen als auf der Fähigkeit,
Digitale Geschäftsmodelle beruhen auf neuen Wertlogiken und wären ohne digitale Technologien nicht möglich.
Besonders wichtig ist die Plattformökonomie, bei der Plattformen Interaktionen zwischen verschiedenen Marktseiten orchestrieren. Man unterscheidet Transaktions-, Innovations-, integrierte und Investment-Plattformen.
Plattformen profitieren von Netzwerkeffekten, Skalenvorteilen und Datenvorteilen.
Zentrale Wettbewerbsdynamiken entstehen durch Platform Envelopment, also die Expansion in angrenzende Märkte durch Funktionsbündelung und Nutzung bestehender Nutzerbasen.
Erfolgreiche Plattformen müssen eine kritische Masse erreichen, damit Netzwerkeffekte selbstverstärkend wirken.
Governance, Vertrauen und Regelsetzung sind zentrale Erfolgsfaktoren.
Plattformen gelten als die konsequenteste Form digitaler Geschäftsmodelltransformation, da sie ganze Ökosysteme orchestrieren und neue Formen der Wertschöpfung ermöglichen.
3.3.2 Disruption und Innovation
Innovation beschreibt allgemein die Einführung neuer Produkte, Dienstleistungen, Prozesse oder Geschäftsmodelle, die einen Mehrwert für Kund:innen, Unternehmen oder Märkte schaffen.
Innovationen können verschiedene Formen haben.
Sie können technischer, organisatorischer oder geschäftsmodellbezogener Natur sein.
Außerdem können sie entweder kleine, schrittweise Verbesserungen darstellen oder radikale Neuerungen hervorbringen.
Gerade im Zusammenhang mit Digitalisierung ist die inkrementelle Innovation besonders wichtig.
Sie meint graduelle Verbesserungen innerhalb bestehender Strukturen und Geschäftsmodelle.
Ein Produkt, ein Prozess oder ein Zugang wird also verbessert, aber nicht grundsätzlich neu erfunden.
Beispiele dafür sind eine Banking-App oder ein Online-Shop im stationären Handel.
Die Bank bleibt weiterhin Finanzdienstleister, der Händler verkauft weiterhin Waren an Endkund:innen.
Neu ist vor allem, dass diese Leistungen über digitale Kanäle effizienter, bequemer und oft kostengünstiger zugänglich werden.
Inkrementelle Innovation ist daher eng mit Digitalisierung verbunden.
Sie überträgt analoge Strukturen in digitale Systeme, beseitigt Medienbrüche, automatisiert Abläufe und steigert Effizienz.
Sie stabilisiert jedoch meist das bestehende Geschäftsmodell, statt es grundlegend infrage zu stellen.
Anders funktioniert die disruptive Innovation, die eng mit Clayton Christensen (1997) verbunden ist.
Disruption bedeutet nicht einfach eine bessere Produktversion.
Sie beschreibt einen bestimmten Markteintrittspfad: Neue Anbieter treten zunächst mit einfacheren, günstigeren oder leichter zugänglichen Angeboten in Randsegmente ein.
Diese Segmente wirken für etablierte Unternehmen oft unattraktiv, weil sie geringere Margen versprechen.
Solche Märkte werden bezeichnet als:
low-end markets
new markets
-> Etablierte Unternehmen ignorieren diese Bereiche häufig, weil sie sich auf ihre profitablen Kernkund:innen konzentrieren.
Mit der Zeit verbessern Disruptoren jedoch ihre Technologien und Geschäftsmodelle so stark, dass sie auch für den Massenmarkt attraktiv werden.
Dann geraten etablierte Anbieter unter Druck, weil ihre Strukturen, Routinen und Ertragslogiken auf das bestehende Kerngeschäft ausgerichtet sind.
Sie können deshalb oft nicht schnell genug auf die neue Wertlogik reagieren.
Disruptive Innovation wirkt damit nicht nur auf einzelne Prozesse, sondern auf die gesamte Geschäftsmodellarchitektur.
Sie kann bestehende Geschäftsmodelle überflüssig machen, Märkte neu ordnen und neue Akteure in zentrale Rollen bringen.
Kritik und Weiterentwicklung der Disruptionstheorie
Die Disruptionstheorie nach Christensen hat die Innovationsdebatte stark geprägt, wurde aber auch empirisch und konzeptionell kritisiert.
King und Baatartogtokh (2015) zeigen in einer großen Replikationsstudie, dass nur ein kleiner Teil der Fälle, die später als „disruptiv“ bezeichnet wurden, tatsächlich dem engen theoretischen Pfad entsprach: also Eintritt über low-end markets oder new markets.
Häufig werden im Rückblick einfache Substitutionseffekte als Disruption interpretiert.
Das heißt: Eine neue Technologie ersetzt eine alte, ohne dass der typische disruptive Eintrittspfad wirklich vorlag.
Außerdem bleiben gescheiterte Disruptoren oft unsichtbar. Das nennt man Survivor Bias.
Daher gilt: Nicht jede digitale Neuerung ist automatisch disruptiv.
Jobs-to-be-Done-Ansatz (JTBD)
Als Weiterentwicklung verschiebt Christensens Jobs-to-be-Done-Ansatz den Blick vom Produkt auf den „Job“, den Kund:innen in einem bestimmten Nutzungskontext erledigen wollen.
Die zentrale Frage lautet also nicht nur: „Welches Produkt wird gekauft?“
Sondern eher: „Welche Aufgabe oder welches Problem wollen Kund:innen lösen?“
Ein und derselbe Job kann durch sehr unterschiedliche Lösungen erfüllt werden.
„von A nach B kommen“
„Wartezeit sinnvoll überbrücken“
Der JTBD-Ansatz erklärt dadurch, warum Innovationen auch branchenübergreifend miteinander konkurrieren können. Relevant sind nicht nur funktionale Aspekte, sondern auch emotionale und soziale Dimensionen der Nachfrage.
Neue Angebote können:
bestehende Jobs einfacher oder günstiger bedienen
oder ganz neue Jobs ermöglichen
Binge-Watching als neue Form der Mediennutzung
Gleichzeitig ist JTBD methodisch anspruchsvoll. Schwierig sind insbesondere:
die richtige Granularität von Jobs
die prospektive statt nur rückblickende Identifikation
kausale Nachweise in der Praxis
Pluralere Innovationsperspektive
Aus der Kritik an der engen Disruptionstheorie ergibt sich eine breitere Innovationsperspektive.
Nicht jede radikale digitale Neuerung folgt einem low-end- oder new-market-Pfad. Radikale Produkt- oder Technologieinnovationen können auch anders entstehen.
Ob etablierte Anbieter tatsächlich verdrängt werden, hängt zusätzlich ab von:
komplementären Vermögenswerten
Standards
Marktzugang
Ökosystemen
organisationaler Erneuerungsfähigkeit
Dynamic Capabilities
S-Kurven sind dabei hilfreiche Denkmodelle, aber keine festen Gesetzmäßigkeiten. Sie zeigen mögliche Entwicklungsdynamiken, determinieren aber nicht automatisch den Verlauf.
Inkrementelle Innovation versus Disruption
Inkrementelle Innovation
Inkrementelle Innovation und Disruption unterscheiden sich vor allem in ihrer Wirkung auf das Geschäftsmodell.
Inkrementelle Innovation treibt meist Digitalisierung voran. Sie macht bestehende Strukturen effizienter, schneller und kundenfreundlicher.
Die Grundlogik des Geschäftsmodells bleibt aber erhalten.
Disruptive Innovation
Disruptive Innovation ist dagegen eng mit digitaler Transformation verbunden.
Sie verändert nicht nur Prozesse, sondern die grundlegende Wertlogik.
Es verändert sich also nicht nur das Wie der Wertschöpfung, sondern auch das Was und Warum.
Für etablierte Unternehmen entsteht daraus das sogenannte Innovator’s Dilemma nach Christensen.
Erfolgreiche Unternehmen optimieren ihr Kerngeschäft, weil dort:
die höchsten Margen liegen
die treuesten Kund:innen zu finden sind
bestehende Prozesse und Ressourcen am besten funktionieren
Disruptive Modelle wirken dagegen zunächst unattraktiv.
Sie bedienen oft weniger zahlungskräftige Segmente, sind technologisch anfangs schwächer und bedrohen bestehende Einnahmequellen.
Gerade deshalb reagieren etablierte Unternehmen häufig zu spät.
Das Beispiel Kodak zeigt, dass Disruptoren oft in Nischen starten, aber mit wachsender technologischer Reife in den Massenmarkt vordringen können.
Durch geringe Grenzkosten und skalierbare Netzwerkeffekte kann dieser Übergang sehr schnell erfolgen.
Sobald eine kritische Masse überschritten ist, kann sich ein neues Modell exponentiell verbreiten und bestehende Anbieter verlieren in kurzer Zeit ihre Marktposition.
S-Kurve der Technologieentwicklung
Die S-Kurve beschreibt, wie sich die Leistungsfähigkeit einer Technologie im Verhältnis zum kumulierten Forschungs- und Entwicklungsaufwand entwickelt.
Am Anfang verläuft die Kurve flach. Fortschritte sind langsam, Experimente teuer und die Leistungsfähigkeit bleibt zunächst gering.
Mit zunehmender Reife beschleunigt sich der Fortschritt. Die Technologie wird leistungsfähiger und attraktiver.
Später erreicht sie ein Plateau. Dann sind weitere Verbesserungen nur noch mit hohem Aufwand möglich.
Abbildung 9 zeigt genau diese Dynamik anhand einer alten und einer neuen Technologie.
Die alte Technologie hat bereits einen hohen Entwicklungsstand erreicht und nähert sich ihrer technischen Grenze.
Ihr technisches Potenzial wird mit Pₐ dargestellt.
Weitere Verbesserungen sind möglich, aber zunehmend begrenzt.
Die neue Technologie startet zunächst auf einem niedrigeren Leistungsniveau. Deshalb wirkt sie zu Beginn weniger attraktiv.
Langfristig besitzt sie jedoch ein höheres technisches Potenzial, dargestellt als Pₙ.
Der entscheidende Punkt liegt dort, wo die neue Technologie die alte überholt. Dort kommt es zur Substitution:
Die neue Technologie verdrängt die alte, weil sie eine höhere Leistungsfähigkeit erreicht oder mit geringeren Grenzkosten beziehungsweise einem besseren Nutzenversprechen verbunden ist.
-> Die Abbildung macht damit sichtbar, warum disruptive Innovationen für etablierte Unternehmen gefährlich sind:
Die neue Technologie erscheint lange irrelevant, kann dann aber sehr schnell dominant werden.
Das Innovator’s Dilemma entsteht an der Schnittstelle zweier S-Kurven.
Etablierte Unternehmen investieren weiter in die bestehende Technologie.
Das ist kurzfristig rational, weil diese Technologie stabile Erträge liefert und die Erwartungen bestehender Kund:innen erfüllt.
Gleichzeitig entsteht eine neue Technologie auf einer anderen S-Kurve.
Anfangs ist sie leistungsschwach und erfüllt die Anforderungen des Massenmarkts noch nicht.
Deshalb wird sie von etablierten Unternehmen oft unterschätzt.
Sobald diese neue Technologie jedoch in die Wachstumsphase eintritt, kann sie die alte Technologie schnell überholen.
Unternehmen, die zu lange am alten Modell festhalten, riskieren, von der Substitution überrascht zu werden.
Beispiele dafür sind:
Nokia
Diese Unternehmen verharrten zu lange auf der alten S-Kurve, während neue Technologien bereits in die Beschleunigungsphase eintraten.
Eine mögliche Antwort auf das Innovator’s Dilemma ist organisationale Ambidextrie nach O’Reilly & Tushman (2013).
Ambidextrie bedeutet „Beidhändigkeit“. Gemeint ist die Fähigkeit einer Organisation, gleichzeitig:
das bestehende Geschäft effizient zu betreiben → Exploitation
neue Geschäftsmodelle zu erkunden → Exploration
Das erfordert häufig organisatorische Trennung. Das Kerngeschäft bleibt auf Effizienz und Risikominimierung ausgerichtet, während Innovationsbereiche mehr Freiraum für Experimente, agile Methoden und Fehlertoleranz benötigen.
Beispiele für solche Strukturen sind:
Innovationslabore
Corporate-Venture-Einheiten
Kooperationen mit Start-ups
-> Wichtig ist aber, dass diese Innovationsbereiche strategisch mit dem Gesamtunternehmen verbunden bleiben.
Sonst besteht die Gefahr, dass das Kerngeschäft neue Ansätze blockiert oder dass Innovationsbereiche ohne strategische Anbindung ins Leere laufen.
Disruption als Dauerzustand
In der digitalen Ökonomie ist Disruption kein einmaliges Ereignis.
Märkte, die heute transformiert wurden, können morgen erneut durch neue Technologien infrage gestellt werden.
Streaming-Plattformen haben beispielsweise CDs verdrängt, werden aber inzwischen selbst durch KI-basierte Personalisierung und Creator-Plattformen herausgefordert.
Unternehmen dürfen daher nicht auf einen stabilen Endzustand hoffen.
Digitale Transformation ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess.
Disruption wird damit zur Normalität. Unternehmen müssen kontinuierlich experimentieren, sonst laufen sie Gefahr, erneut überrollt zu werden.
Innovation kann inkrementell oder disruptiv sein. Inkrementelle Innovation verbessert bestehende Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle und ist eng mit Digitalisierung verbunden. Disruptive Innovation verändert dagegen Wertlogiken und kann bestehende Geschäftsmodelle verdrängen. Christensen beschreibt Disruption als Eintritt über low-end oder new markets, wobei etablierte Unternehmen neue Anbieter oft unterschätzen. Das Innovator’s Dilemma entsteht, weil erfolgreiche Unternehmen rational in ihr Kerngeschäft investieren und neue Technologien zunächst ignorieren. Die S-Kurve zeigt, dass neue Technologien anfangs schwach wirken, später aber alte Technologien schnell substituieren können. Eine Antwort darauf ist Ambidextrie: Unternehmen müssen gleichzeitig bestehende Geschäfte effizient betreiben und neue Geschäftsmodelle erkunden. In der digitalen Ökonomie ist Disruption kein Ausnahmefall, sondern ein Dauerzustand.
3.3.3 Erlösmodelle in der digitalen Plattformökonomie
Die digitale Transformation hat neue Geschäftsmodell-Logiken hervorgebracht. Viele davon werden häufig allgemein unter dem Begriff „Plattform“ zusammengefasst.
Wichtig ist aber die klare Unterscheidung zwischen Geschäftsmodellund Erlösmodell.
Das Geschäftsmodell beschreibt, wie ein Unternehmen Werte schafft und verteilt.
Das Erlösmodell beschreibt dagegen, wie diese geschaffenen Werte in Einnahmen übersetzt werden.
Während im Industriezeitalter häufig der einmalige Verkauf von Produkten dominierte, ermöglichen digitale Technologien heute deutlich flexiblere, skalierbare und datenbasierte Einnahmequellen.
Digitale Märkte unterscheiden sich grundlegend von traditionellen Märkten, weil digitale Güter besondere ökonomische Eigenschaften besitzen:
hohe Fixkosten
Nicht-Rivalität
-> Das bedeutet: Die Entwicklung digitaler Produkte kann zunächst teuer sein, aber zusätzliche Nutzer:innen verursachen oft nur geringe weitere Kosten.
Außerdem können digitale Güter gleichzeitig von vielen Personen genutzt werden, ohne dass sie „verbraucht“ werden.
Dadurch entstehen Preisstrategien, die in physischen Märkten so kaum funktionieren würden.
Wichtige Preisstrategien digitaler Märkte
Beim Versioning wird dasselbe Produkt in unterschiedlichen Versionen zu verschiedenen Preisen angeboten.
Spotify Free
Spotify Premium
Die Grundidee ist, unterschiedliche Zahlungsbereitschaften abzuschöpfen.
Beim Bundling werden mehrere Produkte oder Services zu einem Paketpreis kombiniert.
Microsoft 365
Amazon Prime
Dadurch können Unternehmen mehrere Leistungen bündeln und Kund:innen stärker an ein Ökosystem binden.
Beim Differential Pricing zahlen unterschiedliche Kundensegmente unterschiedliche Preise, abhängig von ihrer Zahlungsbereitschaft.
Studierendentarife
Regional Pricing
Beim Dynamic Pricing werden Preise algorithmisch in Echtzeit angepasst.
Uber Surge Pricing
Preise verändern sich also abhängig von Nachfrage, Angebot oder anderen aktuellen Faktoren.
Amit und Zott (2001) nennen vier zentrale Werttreiber im E-Business:
Innovation und Neuartigkeit des Angebots.
Bindung von Kund:innen an ein Angebot oder Ökosystem.
Synergien zwischen verschiedenen Produkten, Services oder Akteuren.
Kostenreduktion und effizientere Abwicklung.
-> Erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle kombinieren häufig mehrere dieser Werttreiber gleichzeitig.
-> Außerdem nutzen viele Unternehmen nicht nur ein einzelnes Erlösmodell, sondern kombinieren mehrere Erlösmechanismen.
-> Das nennt man Multi-Sided Revenue Models.
Erlösmodelle der digitalen Ökonomie
Die folgende Tabelle aus dem Studienheft zeigt zentrale Erlösmodelle digitaler Geschäftsmodelle mit Funktionsweise, Beispielen, Chancen und Herausforderungen.
Hier verdient das Unternehmen an jeder vermittelten Transaktion durch eine Provision oder Gebühr.
Chance:
gut skalierbar
Einnahmen sind direkt an die Nutzung gekoppelt
Herausforderung:
starke Abhängigkeit vom Transaktionsvolumen
Beim Abonnement zahlen Kund:innen regelmäßig für kontinuierlichen Zugang.
Netflix
Spotify
planbare Einnahmen
hohe Kundenbindung
Kündigungsgefahr, also Churn
Beim Freemium-Modell ist die Basisversion kostenlos, während Premiumfunktionen kostenpflichtig sind.
Dropbox
Slack
schnelle Reichweite
virales Wachstum
niedrige Conversion-Rate kann die Tragfähigkeit gefährden
Das bedeutet: Wenn zu wenige kostenlose Nutzer:innen in zahlende Kund:innen umgewandelt werden, trägt sich das Modell nicht.
Hier ist der Service für Nutzer:innen kostenlos. Einnahmen entstehen durch zielgerichtete Werbung.
Google
Reichweite lässt sich direkt monetarisieren
Datenschutz
sinkende Werbeakzeptanz
Bei diesem Modell zahlen Kund:innen nach tatsächlicher Nutzung statt für Eigentum.
AWS im Cloud-Bereich
Carsharing
hohe Flexibilität
kundenfreundlich
komplexe Abrechnung
hohe Anforderungen an Infrastruktur
Bei der Lizenzierung werden Nutzungsrechte verkauft oder vermietet.
SAP-Software
Patente
stabile Einnahmen bei geringen Grenzkosten
Gefahr illegaler Nutzung
Preisdruck
Hier werden Daten genutzt oder verkauft und dadurch zur Erlösquelle.
Telematik-Versicherung
Industrie-Analytics
neue Wertschöpfung aus Daten
Transparenzanforderungen
Hier wird ein günstiges oder kostenloses Hauptprodukt angeboten, während Erlöse durch Zusatzkäufe entstehen.
Gaming mit In-App-Käufen
Drucker und Patronen
erhöhte Kundenbindung
Zusatzumsätze
Gefahr negativer Kundenwahrnehmung durch Lock-in
Erlösmodelle sind selten exklusiv. Viele digitale Unternehmen kombinieren mehrere Mechanismen.
Spotify kombiniert:
Freemium
Abonnement
Google kombiniert:
Werbefinanzierung
datenbasierte Monetarisierung
Die zentrale Herausforderung besteht darin, ein Erlösmodell zu wählen, das zur Geschäftsmodellarchitektur passt. Ein datengetriebenes Plattformmodell braucht andere Erlöslogiken als ein klassisches Produktgeschäft.
Außerdem muss das Erlösmodell langfristig tragfähig sein und nachhaltige Wettbewerbsvorteile sichern.
Digitale Erlösmodelle beschreiben, wie digitale Geschäftsmodelle Einnahmen erzielen. Sie unterscheiden sich von traditionellen Modellen durch hohe Fixkosten, niedrige Grenzkosten, Nicht-Rivalität und Netzwerkeffekte. Dadurch werden Preisstrategien wie Versioning, Bundling, Differential Pricing und Dynamic Pricing möglich. Wichtige Erlösmodelle sind transaktionsbasierte Modelle, Abonnements, Freemium, Werbung, Pay-per-Use, Lizenzierung, datenbasierte Monetarisierung sowie Cross-Selling/Bundling. Viele digitale Unternehmen kombinieren mehrere Erlösmodelle gleichzeitig. Entscheidend ist, dass das Erlösmodell zur Geschäftsmodellarchitektur passt und langfristige Wettbewerbsvorteile ermöglicht.
Lernkontrollfragen
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