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Feminismus und Entwicklungspsychologie (Freud)

AG
by Adele G.

Kate Millett: Kritik an der Psychoanalyse Freuds als patriarchialische Ideologie

1. Kritik an Freud aus feministischer Sicht

Schon bei Simone de Beauvoir wird deutlich, dass Freuds Psychoanalyse ein wichtiges Konfliktfeld für feministische Denkerinnen wird.

Eine der schärfsten Kritikerinnen ist Kate Millett. In ihrem Werk Sexus und Herrschaft behauptet sie:

  • Sexualität ist nicht nur biologisch oder triebhaft.

  • Sexualität wird gesellschaftlich organisiert.

  • Diese Organisation folgt patriarchalen Machtstrukturen.

  • Deshalb ist Sexualität immer auch politisch.

2. Milletts Modell der Geschlechtskonstitution

Millett unterscheidet drei Bereiche, die das Geschlecht prägen:

Bereich

Bedeutung

Temperament / Charakter

Persönliche Eigenschaften

Rolle

Gesellschaftliche Erwartungen an Männer und Frauen

Rangordnung

Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern

Wichtig ist dabei:

  • Diese Bereiche sind nicht automatisch biologisch festgelegt.

  • Das biologische Geschlecht (Sex) und das kulturelle Geschlecht (Gender / Genus) müssen nicht übereinstimmen.

Kerngedanke:

Das kulturell geprägte Geschlecht ist entscheidender als die Anatomie.

Millett sagt:

  • Menschen lernen zuerst ihre gesellschaftliche Geschlechtsrolle.

  • Diese Identität prägt sie dauerhaft.

3. Milletts Hauptvorwurf gegen Freud

Millett wirft Freud vor:

  • Er ignoriere den Einfluss von Kultur und Gesellschaft.

  • Er erkläre Geschlechterunterschiede ausschließlich biologisch.

  • Dadurch unterstütze er patriarchale Vorstellungen.

Für Millett ist Freud deshalb ein:

„Konterrevolutionär“

Das bedeutet: Er behindere die sexuelle und gesellschaftliche Befreiung der Frauen.

4. Kritik an Freuds Theorie des „Penisneids“

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft Freuds Idee des Penisneids.

Freuds Ansicht:

  • Mädchen erkennen angeblich, dass ihnen ein Penis fehlt.

  • Daraus entsteht ein Gefühl von Mangel und Minderwertigkeit.

Milletts Gegenargument:

Sie bezweifelt, dass Mädchen von selbst den Penis als überlegen ansehen.

Ihre Frage lautet sinngemäß:

Warum sollte ein größeres Organ automatisch besser sein?

Ihr entscheidender Punkt:

  • Erst die Gesellschaft macht den Penis zum Symbol von Macht und Bedeutung.

  • Der Penis hat also keine natürliche Überlegenheit, sondern nur eine kulturell erzeugte.

5. Weitere Kritik: Weiblichkeit und Mutterschaft

Millett kritisiert außerdem, dass Freud:

  • Frauen vor allem über Mutterschaft definiert.

  • Frauen ihre „Erfüllung“ nur im Muttersein zuschreibt.

  • Frauen kulturell und kreativ als eingeschränkt darstellt.

Nach Freud könne:

  • der Mann seine Triebe sublimieren → also in Kunst, Kultur oder Wissenschaft umwandeln.

  • die Frau dazu kaum fähig sein.

Der Grund laut Freud:

  • Männer entwickeln Kastrationsangst.

  • Frauen seien bereits mit „Kastration“ vertraut.

Millett hält diese Sichtweise für frauenfeindlich.

6. Milletts Gesamturteil über Freud

Millett kommt zu dem Schluss:

  • Freud übernimmt bestehende frauenfeindliche Vorurteile seiner Zeit.

  • Die Psychoanalyse macht diese Vorurteile scheinbar wissenschaftlich.

  • Dadurch werden Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen legitimiert.

Endaussage des Textes

Nach Millett:

  • Die Psychoanalyse festigt ein misogynes (frauenfeindliches) Frauenbild.

  • Die Abwertung der Frau wird als wissenschaftliche Wahrheit dargestellt.


Juliet Mitchell: Ehrenrettung von Freuds Theorie des Unbewussten

1. Mitchells Verteidigung Freuds

Mitchell argumentiert:

  • Psychoanalyse erklärt, wie Weiblichkeit und Männlichkeit entstehen.

  • Dabei geht es nicht primär um Biologie.

  • Entscheidend ist vielmehr:

    • wie gesellschaftliche Vorstellungen psychisch verarbeitet werden.

Wichtig:

Freud beschreibt laut Mitchell keine „natürliche“ Weiblichkeit oder Männlichkeit.

Stattdessen zeigt er:

  • wie Menschen kulturell zu Männern und Frauen gemacht werden.

2. Die Bedeutung der Bisexualität

Ein zentraler Punkt bei Mitchell ist Freuds Idee der ursprünglichen Bisexualität des Menschen.

Das bedeutet:

Jeder Mensch besitzt ursprünglich:

  • männliche

  • und weibliche Anteile.

Erst die Gesellschaft verlangt:

  • dass Männer „männlich“

  • und Frauen „weiblich“ werden.

Mitchell formuliert deshalb:

Mann und Frau werden kulturell hergestellt.

3. Geschlecht als kulturelle Konstruktion

Mitchell übernimmt einen wichtigen Gedanken des Feminismus:

Nur wenn Geschlecht kulturell konstruiert ist,

kann die gesellschaftliche Ordnung verändert werden.

Das heißt:

  • Unterdrückung ist nicht naturgegeben.

  • Sie wurde gesellschaftlich erzeugt.

  • Deshalb kann sie auch verändert werden.

4. Warum Mitchell Freud „retten“ will

Mitchell meint: Freud ist für den Feminismus wertvoll, weil er zeigt:

  • psychische Prozesse hängen eng mit Gesellschaft zusammen.

  • Menschen übernehmen gesellschaftliche Vorstellungen unbewusst.

  • Kultur prägt die Psyche tiefgehend.

Dadurch erklärt Freud laut Mitchell besser als viele andere Theorien:

  • warum patriarchale Strukturen so stabil bleiben.

5. Das Unbewusste als Speicher gesellschaftlicher Machtverhältnisse

Ein besonders wichtiger Gedanke des Textes:

Das Unbewusste speichert gesellschaftliche Ideologien.

Nach Mitchell:

  • lagern sich patriarchale Vorstellungen im Unbewussten ab.

  • Diese wirken über Generationen weiter.

Dadurch bleibt die Frau oft „das andere Geschlecht“.

6. Freuds Frauenbild neu interpretiert

Mitchell widerspricht der feministischen Kritik, Freud sei einfach frauenfeindlich.

Ihre Position:

  • Freuds pessimistisches Frauenbild zeigt nicht seine persönliche Frauenfeindlichkeit.

  • Es zeigt vielmehr die reale Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft.

Freud:

  • beschreibt diese Unterdrückung,

  • erzeugt sie aber nicht selbst.

7. Der Zusammenhang von Psyche und Geschichte

Mitchell verbindet:

  • individuelle Psyche

  • gesellschaftliche Geschichte.

Ihre Idee:

  • Gesellschaftliche Machtverhältnisse prägen das Unbewusste.

  • Diese Prägungen werden psychisch weitergetragen.

Deshalb sind patriarchale Strukturen:

  • nicht nur sozial,

  • sondern auch psychisch tief verankert.

8. Der Ödipus-Mythos und Patriarchat

Der Text erklärt außerdem:

  • Auch der Ödipus-Mythos spiegelt patriarchale Strukturen wider.

  • Das Unbewusste stabilisiert dadurch die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen.

Deshalb erscheinen Mädchen in Freuds Theorie oft:

  • als „mangelhaft“

  • oder vom „Neid“ geprägt.

Mitchell erklärt dies jedoch nicht biologisch, sondern gesellschaftlich und psychisch.

Endaussage des Textes

Mitchell versucht, Freud feministisch neu zu lesen:

  • Geschlechterrollen entstehen kulturell und psychisch.

  • Das Unbewusste übernimmt patriarchale Strukturen.

  • Freud hilft zu verstehen, warum Unterdrückung so tief verankert ist.

  • Deshalb sollte der Feminismus Freud nicht einfach ablehnen.


Nancy Chodorow: Entwurf einer mächtigen präödipalen Mutter

1. Die Mutter als erste Bezugsperson

Nach Chodorow ist die Mutter:

  • die wichtigste erste Bezugsperson für Kinder aller Geschlechter

Grund:

  • Kinderpflege wird gesellschaftlich fast ausschließlich Frauen zugeteilt

Natrülichkeitsgefühl kommt dadurch, dass Frauen

  • Kinder gebären

  • stillen können

aber:

  • Daraus folgt nicht automatisch, dass Frauen allein für Erziehung zuständig sein müssen

  • Diese Rolle ist gesellschaftlich organisiert

2. Identitätsentwicklung bei Jungen

Der Junge erlebt die Mutter als:

  • „anders“; verschieden von sich selbst

=> Gefühl von Differenz.

Entscheidender Punkt in Entwicklugn:

Um selbstständig und „männlich“ zu werden, muss sich der Junge von der Mutter lösen

Seine Identität entsteht daher durch:

  • Trennung

  • Abgrenzung

  • Distanzierung

Folgen für männliche Identität

Die starke Bindung an die Mutter wird später als Gefahr erlebt

Dadurch lernen Männer häufig:

  • Gefühle zu verdrängen

  • emotionale Nähe abzuwehren

  • Unabhängigkeit zu betonen

Bindung erscheint:

  • als Schwäche

  • oder als Bedrohung der eigenen Identität

3. Identitätsentwicklung bei Mädchen

Die Tochter erlebt die Mutter nicht als „anders“, sondern als ähnlich.

Die Mutter sieht die Tochter als Erweiterung ihrer selbst.

Dadurch entsteht:

  • eine längere emotionale Verbindung

  • starke Identifikation mit der Mutter

Folgen für weibliche Identität

Mädchen entwickeln laut Chodorow:

  • stärkere Beziehungsorientierung

  • größere Emotionalität

  • „durchlässigere Ich-Grenzen“

Das bedeutet:

  • Frauen erleben sich stärker über Beziehungen zu anderen Menschen

Unterschied zu Jungen:

  • Mutterbindung wird nicht radikal abgebrochen

4. Die Rolle des Vaters

Chodorow wertet den Vater deutlich anders als Freud.

Bei Freud:

  • Im Zentrum des Ödipuskonflikts

Bei Chodorow:

  • Vater zunächst nur Nebenrolle

  • wichtigste Beziehung ist die zur Mutter

  • Die Sexualisierung der Vater-Tochter-Beziehung gehe vom Vater aus

= direkte Umkehrung von Freuds Theorie

5. Kritik an Freud

Freud

Chodorow

Vater zentral

Mutter zentral

Weiblichkeit = Mangel

Weiblichkeit positiv

Penis/Phallus wichtig

Weiblichkeit unabhängig vom Phallus

Mädchen begehren den Vater

Sexualisierung geht vom Vater aus

6. Die gesellschaftliche Ursache der Geschlechterordnung

Für Chodorow entsteht die typische Geschlechterordnung, weil Frauen fast allein die Kinder erziehen

reproduziert:

  • Weiblichkeit bei Mädchen

  • männliche Distanzierung bei Jungen

Geschlechterrollen werden also immer wieder neu erzeugt

7. Chodorows politische Forderung

Ihre wichtigste Konsequenz lautet:

Männer müssen stärker an der Kindererziehung beteiligt werden.

Nur dann kann die starre Geschlechterordnung verändert werden

Berühmte Forderung:

„Männer an die Wiege!“

Folgen:

Wenn Männer ebenfalls „Muttern“ übernehmen:

  • lernen Jungen andere Formen von Männlichkeit

  • Frauen werden nicht mehr allein auf Fürsorge reduziert

  • emotionale Fähigkeiten verteilen sich gleichmäßiger

8. Zentrale Schlussaussage

Chodorow trennt:

  • biologische Fähigkeiten (Geburt, Stillen)

  • und gesellschaftlichen Rollen

= Frauen sind nicht „von Natur aus“ allein für Kinder zuständig.

Mutterrolle ist:

  • gesellschaftlich erzeugt

  • nicht biologisch festgelegt


Renate Schlesier: Konstruktionen der Weiblichkeit bei Sigmund Freud

1. Freuds aufklärerisches Projekt

- Freud versucht psychisches Leiden verständlich zu machen

Hauptfokus auf:

  • dem Unbewussten

  • Verdrängung

  • Fantasien

  • hysterische Symptome

Freud analysiert:

  • wie Menschen unbewusst Bedeutungen und Geschichten erzeugen

  • = „Mythen“ über sich selbst bilden

Freuds berühmtes Ziel

„Wo Es war, soll Ich werden.“

  • Unbewusste soll bewusst gemacht werden

  • Verdrängte Konflikte sollen erkannt werden

Damit verfolgt Freud eigentlich ein aufklärerisches Ziel:

  • unbewusste Illusionen sichtbar machen

2. Kritik

Obwohl Freud Mythen analysiert, erschafft er selbst einen Mythos: Frauen

  • Frauen seien „kastriert“

  • und grundsätzlich durch Mangel bestimmt

3. Die „kastrierte Frau“ als Mythos

Nach Freud:

  • erkennt das Mädchen, dass ihm ein Penis fehlt

  • daraus entsteht ein Gefühl des Mangels

Schlesier kritisiert:

  • Freud behandelt diese Vorstellung wie objektive Wahrheit

  • Dabei sei Vorstellung selbst nur psychisches Fantasiebild

Entscheidender Vorwurf

Freud erkennt bei anderen Menschen:

  • Fantasien

  • Verdrängungen

  • symbolische Bilder

Aber:

  • Die eigenen Vorstellungen über Weiblichkeit hinterfragt er nicht

4. Freuds Wissenslücken über Weiblichkeit

Schlesier betont: Freud selbst gibt mehrfach zu, dass Weiblichkeit für ihn rätselhaft bleibt

seine Worte:

  • „Rätsel der Weiblichkeit“

  • „dark continent der Psychologie“

Außerdem:

  • seine Erkenntnisse über Mädchenentwicklung sind „lückenhaft“

Kritik:

Gerade deshalb erscheint es widersprüchlich, dass Freud trotzdem behauptet:

  • Weiblichkeit sei durch „Mangel“ bestimmt

These: Der eigentliche Mangel liegt nicht bei den Frauen, sondern in Freuds Theorie selbst

5. Verdrängung und Symbolik

Freud weiß:

  • Aussagen können versteckte Bedeutungen haben

  • Ein „Nein“ kann eigentlich ein „Ja“ bedeuten

  • Bilder und Fantasien sind symbolisch verschlüsselt

Zentrale Vorwurf

Freud hätte dieselbe Methode auch auf seine eigenen Weiblichkeitsbilder anwenden müssen

Zum Beispiel:

  • die Angst vor der „kastrierten Mutter“

  • oder Bilder wie die Medusa

Diese Bilder könnten sein:

  • Ausdruck kindlicher Ängste

  • Fantasien

  • Verdrängungen

aber Freud behandelt sie stattdessen als reale Wahrheit über Frauen

6. Beispiel Medusa

Freud führt Bild der Medusa an; er verbindet:

  • Mythos der Medusa

  • Vorstellung der „kastrierten Frau“

Schlesiers Kritik:

  • Freud erkennt nicht, dass dies selbst ein Mythos ist

  • kindliche Fantasie wird zur wissenschaftlichen Theorie erhoben

7. Schlesiers Methode

Schlesier analysiert Freud:

  • mit Freuds eigenen psychoanalytischen Werkzeugen

Das bedeutet:

  • untersucht Theorie auf Verdrängungen

  • unbewusste Ängste

  • Mythenbildung

Dadurch zeigt sie:

  • auch Freud ist nicht frei von unbewussten Konstruktionen


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Adele G.

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