Gender aus der erweiterten Perspektive der Queerstudies
Geschlecht ist mehr als die traditionelle binär organisierte Sicht auf sex und gender (normative Zweigeschlechtlichkeit)
Neben den Kategorien „Mann“ und „Frau“ werden weitere geschlechtliche und sexuelle Identitäten berücksichtigt und anerkannt
LGBTQIA+*, nicht-binär, u.a.
Queer - Begriff und Perspektiven
Geschlecht ist mehr als männlich oder weiblich, auch das biologische bestimmte Geschlecht (sex) ist nicht immer eindeutig (z.B. Intersexualität)
Aus dem biologisch bestimmten Geschlecht ergibt sich nicht „naturgemäß“ die dazu „passende“ Geschlechtsidentität (z.B. trans*)
Das gleiche gilt für die sexuelle Orientierung (z.B. Homosexualität, Bisexualität)
Geschlecht, Identität und Begehren sind vielfältig und mehrdimensional.
„Im Zentrum queerer Lebensweisen steht die Vielfalt menschlicher Seins- und Daseinsformen in ihrer Unabgeschlossenheit“ (Perko 2014, 9).
The Genderbread Person
Geschlecht ist vielfältig
Geschlechtsidentität = gender identity
Geschlechtsausdruck = gender expression
Biologisches Geschlecht = sex
Begehren/sexuelle Orientierung = attraction
Queertheorie - Geschichte
Begriff nicht eindeutig definierbar
In den USA lange als Schimpfwort verwendet für Menschen, die der zweigeschlechtlichen Norm und Sexualität nicht entsprachen
Seit Anfang der 1990er Jahre: politisch-strategischer Oberbegriff für eine Bewegung, die sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung richtet
Parallel dazu Entwicklung der wissenschaftlich ausgerichtete Queertheorie mit dem Ziel der Überwindung kategorialer und identitätspolitischer Einschränkungen
Queertheorie
Kritik richtet sich gegen heteronormative Sichtweisen:
Es gibt „naturgemäß“ nur Mädchen oder Jungen, Männer oder Frauen
Geschlechtsbezogene Identitäten und Rollenvorstellungen sind eindeutig und nicht veränderbar
Heterosexualität als normatives Muster, Homosexualität als Abweichung
Heteronormativität - zum Begriff
Die Annahme einer unveränderbaren Geschlechterdichotomie und einer sich daraus ergebenden Heterosexualität
Die Kontinuität von hierarchisierenden sexuellen und geschlechtlichen Normen als Verallgemeinerungsprozess, welcher heterosexuelle Beziehungen als gesellschaftliche Norm etabliert
prägt institutionelle Strukturen und soziale Werte- und Normsysteme
Abweichung wird als minderwertig / „nicht-normal“ angesehen
Anderssein gefühlt als nicht zugehörig zur Norm: prägt die Identitätsentwicklung, kann sich auswirken auf die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und Sozialisationsanforderungen
Auswirkungen
Nicht-Repräsentation (z.B. Sprache, Aufklärung, Medien, fehlende Vorbilder)
Mobbingerfahrungen
Familie und Schule als belastende Orte
Beleidigungen, Nötigung und Gewalt
Mangelnde Selbstakzeptanz, Selbstzweifel bis hin zu Suizidgedanken
Wenig Hilfsangebote (auch durch die Soziale Arbeit)
Ziel der wissenschaftlichen Queertheorie
Anerkennung von Vielfältigkeit, Ambiguität und Pluralität
Sein-lassen verschiedener und mehrdimensionaler Identitäten
Kritische Reflexion der gesellschaftlich vorherrschenden heterosexuellen und cisgeschlechtlichen Normvorstellungen
Abbau von Benachteiligung und Diskriminierung mit dem Ziel der gleichberechtigten Teilhabe
Im Zentrum steht die Dekonstruktion etablierter Vorstellungen und tradierter Einstellungsmuster
Infragestellung des vermeintlich natürlichen Verhältnisses zwischen sex und gender, z.B. Judith Butler (1990): „Gender-Trouble“
Verweis auf die Konstruktionsprozesse von „Geschlecht“ und „Gender“ als natürliche Setzung, durch z.B. Doinggender und machtstützende Diskurse
Rechtliche Gleichstellung Niedergeschrieben
Menschenrechte der UN
Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte
Art. 21 der Charta der Grundrechte der EU
Art. 1, 2 und 3 GG
AGG – Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz vom 14.08.2006
Rechtliche Gleichstellung Geschichte
1981: Transsexuellen-Gesetz: Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechts-Zugehörigkeit in besonderen Fällen
1990: Homosexualität wird aus dem Diagnoseschlüssel ICD-10 der WHO gestrichen. Seitdem gilt sie offiziell nicht mehr als Krankheit.
1994: Abschaffung §175 StGB und damit Ende der strafrechtlichen Kriminalisierung von Homosexualität
2001: Eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare
2017: Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare und Möglichkeit der Stiefkindadoption
22.12.2018: Entscheidung des BVG zur Anerkennung des Dritten Geschlechts „divers“ im Personenstandsregister
01.11.2024: Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG) (Ablösung des TSG von 1981)
Vereinfachung für transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen, ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen ändern zu lassen (durch eine Erklärung gegenüber dem Standesamt und nicht mehr durch gerichtlichen Entscheid)
Das Gesetz trifft keine Regelungen zu geschlechtsangleichenden qmedizinischen Maßnahmen.
Gesellschaftliche Wahrnehmung und Repräsentation Kategorien
Öffentlichkeit, Politik
mediale Repräsentation
Freizeit, Sport, Musik
Umgang mit Coming-out
national – international
Gesellschaftliche Wahrnehmung und Repräsentation von LGBTQIA*
Zunehmende Öffnung/Akzeptanz auf der einen Seite
Anerkennung von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, Respekt und Toleranz
Weiterhin Diskriminierung, Ausgrenzung und Abwehr auf der anderen Seite
Aktuell: Zunahme an Anfeindungen und Übergriffen, zunehmender Hass und Stimmungsmache gegen queere Menschen
Soziale Arbeit hier
Mandat, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen
Einsatz für vulnerable Menschen – Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession
Einsatz gegen Benachteiligung, Diskriminierung und Ausgrenzung von Minderheiten
Förderung von Diversität und Inklusion
Lebensweltorientierte Unterstützung der Adressat*innen, Lebensbewältigung in kritischen Lebenssituationen
Lebensweltliche Unterstützung und Beratung für queere Menschen
Aktiver Einsatz gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von nicht-heteronormativen Lebensweisen: „undoing-heteronormativity“
Konsequentes Eintreten gegen Homo-, Trans- und Queerfeindlichkeit
Aufklärung und Konzeptentwicklung in den Handlungsfeldern und in der Praxis
Politische Einmischung und Vertretung (in Organisationen und Verbänden)
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