Alexius Meinong (1853-1920)
1895 gründete Meinong das erste „Psychologische Laboratorium“ in der österreichisch-ungarischen Monarchie.
Er entwickelte die Gegenstandstheorie, die zwischen „fundierenden Gegenständen“ (inferiora) und „fundierten Gegenständen höherer Ordnung“ (superiora) unterscheidet.
In einem Beitrag von 1904 beschrieb er, wie durch psychische Faktoren aus einfachen Vorstellungen komplexere „produzierte Vorstellungen“ entstehen, ein Phänomen, das er „Produktionstäuschungen“ nannte.
Die Grazer Schule endete mit Meinongs Tod 1920.
Christian von Ehrenfels (1859-1932)
Von Ehrenfels prägte den Begriff der Gestaltqualität, die besagt, dass Wahrnehmungen eine ganzheitliche Struktur besitzen, die nicht auf einzelne Sinnesdaten reduzierbar ist.
1890 führte er diesen Begriff in seinem Werk „Über Gestaltqualitäten“ ein, etwa anhand von Melodien, die unabhängig von einzelnen Tönen erkennbar bleiben.
Er beschäftigte sich auch mit ästhetischen Fragen und betrachtete Gestaltqualitäten als zentral für die Wahrnehmung von Kunst und Schönheit.
Sein Interesse an Musik und seine unkonventionellen Ansichten zur sexuellen Reform prägten sein Leben und Werk.
Stephan Witasek (1870-1915)
Stephan Witasek übernahm nach Alexius Meinong die Leitung des Grazer Psychologischen Laboratoriums und wurde 1914 dessen offizieller Vorstand.
Sein Schwerpunkt lag auf Allgemein- und Kognitionspsychologie, ab 1901 auch auf kunstpsychologischen Themen.
Vittorio Benussi (1978-1927)
Vittorio Benussi erforschte geometrisch-optische Täuschungen, Scheinbewegungen und Zeitwahrnehmung.
Er zeigte, dass Scheinbewegungen nicht rein mechanisch erklärt werden können, sondern durch zentrale Gestaltbildungsprozesse und die mentale Haltung beeinflusst werden (gestaltsuchend vs. analytisch).
Er betrachtete das Gehirn als vorhersageorientiert und innerlich ablaufende Ereignisse simulierend.
Zudem untersuchte er Atemmuster als Gestaltqualitäten mit therapeutischer Bedeutung, Atmungssymptome der Lüge sowie veränderte Bewusstseinszustände und Trance.
Nach Benussis Weggang endete die Tradition der Grazer Gestaltpsychologie.
Fritz Heider (1896-1988)
Heider, Meinongs letzter Doktorand, wurde ein Pionier der Sozialpsychologie.
Nach seiner Dissertation wandte er sich der Berliner Gestaltpsychologie zu und entwickelte in den USA die einflussreiche Attributions- und Balancetheorie.
Wolfgang Köhler (1887-1967)
Köhler leitete ab 1914 die Anthropoidenstation auf Teneriffa und zeigte durch Experimente mit Schimpansen, dass Lernen durch Einsicht erfolgt, indem Probleme ganzheitlich erfasst und Hilfsmittel zielgerichtet eingesetzt werden.
Einsicht beruht auf der Reorganisation des Wahrnehmungsfeldes und nicht auf Verstärkung.
Als Leiter der Berliner Schule der Gestaltpsychologie prägte er das Gestaltprinzip, das er auf Psychologie und Naturwissenschaften anwendete.
Mit seinem Postulat des psychophysischen Isomorphismus erklärte er die strukturelle Übereinstimmung zwischen neuronalen Prozessen und Wahrnehmung.
1935 emigrierte Köhler in die USA, wo er 1958/59 Präsident der American Psychological Association wurde.
Kurt Koffka (1886-1941)
Kurt Koffka war ein zentraler Vertreter der Gestaltpsychologie, die mehrere Gestaltfaktoren identifizierte, um zu erklären, wie das Gehirn Reize organisiert:
1) Faktor der guten Gestalt – Wahrnehmung wird möglichst einfach und geordnet strukturiert.
2) Faktor der Gleichartigkeit – Ähnliche Reize werden als zusammengehörig wahrgenommen.
3) Faktor der Nähe – Räumlich nahe Reize werden als Einheit wahrgenommen.
Koffka trug maßgeblich zur Revolution des Verständnisses von Wahrnehmung, Denken und Problemlösen bei, und die Gestaltgesetze fanden Anwendung in Psychologie, Pädagogik, Kognitionswissenschaften und Kunsttheorie.
Karl Duncker (1903-1940)
Karl Duncker, Schüler von Wolfgang Köhler, untersuchte das produktive Denken und die Umstrukturierung unvollkommener Gestalten in „gute“ Gestalten gemäß dem Prägnanzprinzip.
Er entwickelte die Methode des „lauten Denkens“, um Denkprozesse während der Problemlösung aufzuzeichnen und analysierte diese mithilfe von „Lösungsstammbäumen“.
Duncker beschrieb Problemlösung als sukzessiven Prozess in drei Stufen: Anfangs-, Zwischen- und Endzustand.
Er kritisierte das Prägnanzprinzip als zu allgemein, um die spezifischen „Richtungskräfte“ des Problemlösens zu erklären.
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