Was waren die allgemeinen Ansichten von psychisch Kranken in der NS-Zeit?
Prägung einer menschenverachtenden Ideologie
beruhte auf mehreren Grundpfeilern:
ideologische Grundlagen
= tiefe Verwurzelung im Sozialdarwinismus und germanischer Rassenideologie sowie Nietzsches Verachtung alles Schwachen
Anmaßung unterscheiden zu können zwischen
-> lebenswert und undlebenswertem Leben
-> gutem und schlechtem Erbmaterial
Zwangssterilisation (s. Extra-Kartei)
“Aktion T4” (s. Extra-Kartei)
-> als nächste Eskaliationsstufe angesehen
Beteiligung der Ärzteschaft
(nur wenige Ärzte nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen)
gesellschaftlicher Kontext
-> Ansichten bereits vor NS-Zeit (Sozialdarwinismus)
(guter Nährboden für NSDAP)
„Erbkranker“
= psychisch erkrankt
= geistig/ körperlich behindert
-> kostete bis zur Erreichung des 60. LJ durchschnittlich 50.000 RM
NSDAP nutze Gelder eher für Zuschüsse für:
z.B. arische Frauen die viele Kinder haben
(Mutterkreuze, Vergünstigungen bei Steuern/ Wohnen)
= nahm Geld von Heilanstalten
Fazit
-> psychisch Kranke nicht als schutzbedürftig gesehen
->sondern als Belastung für die “Volksgemeinschaft”
-> als “Bedrohung” der Rassenreinheit
Äußere dich bitte zum Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuses.
“Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses”
(1934 verabschiedet)
erlitten bis Kriegsende rund 400.000 Menschen
Patienten dachten, sie könnten durch Sterilisation aus den geschlossenen Anstalten entlassen werden
(viele blieben trotzdem bis zum Tod stationär)
Mitwirkung radikaler Eugeniker
(Pseudowissenschaft der “positiven und negativen Genetik”)
-> v. a. Ernst Rüdin
Oktober 1935, Erlass der “Erbgesundheitsgesetze”
= Untersagung von Eheschließung mit psychisch Kranken
Was wurden in der NS-Zeit als Erbkrankheiten bezeichnet?
angeborener Schwachsinn
(Intelligenzminderung)
Schizophrenie
zirkuläres Irresein
(manisch-depressiv)
erbliche Fallsucht
(Epilepsie)
erblicher Veitstanz
(Huntingtonsche Chorea)
erbliche Blindheit
erbliche Taubheit
schwere erbliche körperliche Missbildungen
schwerer Alkoholismus
Wann war das Datum des Ermächtigungsschreibens Hitlers zur Legitimierung der Ermordung psychisch Kranker ?
(Gewährung Gnadentod für unheilbar Kranke)
Ausstellung im Oktober 1939
- jedoch auf den 01.09.1939 (Tag des Kriegsbeginns) zurückdatiert
kein förmliches Gesetz, sondern ein Schreiben Hitlers auf seinem Briefpapier
(juristisch keinerlei Gesetzeskraft!)
formale Grundlage für die “Aktion T4”
-> Funktion der Vermeidung einer gesellschaftlichen Debatte
Erkläre die “Aktion T4”.
Schaltzentrale Euthanasie-Morde
= Tiergartenstraße 4
angeblicher Anlass:
-> “Kind K".”
(Fall Knauer), Dokumente liegen nicht mehr vor
“Eltern schickten ein Gesuch an Hitler”, um Gnadentod für ihr körperlich und geistig schwer behindertes Kind zu gewähren
-> lt. Kanzlei des Führers sei es die Oma gewesen
dem Kind habe das Augenlicht wie drei Gliedmaßen gefehlt
lt. Medizinhistoriker Udo Benzenhöfer (2006) erwies sich dieser Fall als unzutreffend
Ergebnis:
Auftrag für ein “beratendes Gremium” für die “Kindereuthanasie” zusammenzustellen
Ärzte schickten Anträge auf Euthanasie dorthin
Meldebögen abzuschicken war freiwillig
→ keine Konsequenz wenn Ärzte Euthanasie verweigerten
jedoch wurden mitwirkende Ärzte/Pfleger finanziell belohnt
Euthanasie Beauftragte: Bouhler & Brandt (direkt von Hitler)
Zuständigkeit: Kanzlei des Führers
-> nichtstaatliche Einrichtung der NSDAP
-> unterstand Hitler direkt)
Entstehung mehrerer Scheinorganisationen zur Verschleierung
-> u.a. „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft GmbH“ (Gekrat)
zuständig für Transport der Kranken in Tötungsanstalten
(in sog. grauen Bussen)
Tötungsanstalten:
-> Brandenburg a. d. Havel, Bernburg a. d. Saale, Sonnenstein
-> Pirna
-> Hadamar/ Limburg
-> Grafeneck/ Württemberg
-> Hartheim/ Linz
(Eröffnung Januar 1940 und Januar 1941)
(Schließung September 1940 und Ende 1941)
Angehörige erhielten nach Tod Briefe mit erfundener Todesursache
-> Frage wohin Urne
-> Info Kosten für Bestattung
-> 2 Sterbeurkunden
Ca. 70.000 dokumentierte Tote
-> zwischen rund 9400 - 18 300 pro Einrichtung getötet
Wieso wurde die Aktion T4 abgebrochen?
Schließung der Tötungsanstalten
(24.08.1941), Einstellung der Gasmorde
-> öffentliche Proteste
-> Stellungnahme katholische Kirche gegen Patiententötung
Predigt von Bischof Clemens August Graf von Galen
(Hitler wollte Kirche nicht gegen sich aufbringen)
-> gescheiterte Geheimhaltung
Heil- und Pflegeanstaltsleiter wurden angehalten Euthanasie fortzuführen
→ dezentrale/ wilde Euthanasie
Pat starben durch überdosierte Medikamente
(z.B. Barbiturate im Himbeersaft für Kinder, Morphin-Scopolamin-Kombinationen, … führten zu Bewusstseinsstörung + Atemdepression)
extreme Vernachlässigung
(z.B. Hygiene→ Infektionen)
Mangelernährung
(Entzugskost: gezielt nährstoffarme Kost, z.B. stark verdünnte Suppen, ausgekochtes Gemüse)
Was genau waren die Zielgruppe der Aktion T4 und wie viele Menschen starben in etwa?
offizielle Selektionskriterien:
Erbkrankheit
-> ökonomische Brauchbarkeit eines Patienten
Uheilbarkeit
Leistungsunfähigkeit
-> nahm in Laufe der Aktion zunehmend an Bedeutung zu
konkrete Zielgruppen:
“jüdische Patienten”
(wurden noch schneller und willkürlicher selektiert)
„lebensunwertes Leben“
v.a. nicht arbeitsfähige Patienten
aber auch störende Patienten
(Ärzte nutzten ihre Macht über Leben & Tod aus)
Ende der dezentralen Euthanasie mit Ende 2. WK 1945
Historiker schätzen insgesamt ca. 200.000 bis 300.000 Tote
Wie wurde nach dem 2. Weltkrieg mit dem Personal umgegangen?
Nürnberger Ärzteprozeß
(1946 / 47)
wichtigsten zwei Verurteilten zum Tode:
Karld Brandt
-> Hitlers Leibarzt
-> T4-Hauptverantwortlcher
Viktor Brack
-> Organisator der Tötungslogistik
= 1948, beide hingerichtet
Westdeutschland
-> weitgehende Verfolgung
(in einigen Fällen lebenslange Haftstrafen)
1950er Zeitgeist:
Menschen wollten NS-Zeit hinter sich lassen
→ Ärzte/ Pfleger/ … die an Euthanasie teilnahmen wurden zum Großteil begnadigt
→ durften wieder als solche arbeiten
-> ggf gab es kurze Gefängnisaufenthalte bzw einige Jahre Zuchthaus
Grund waren Änderungen rechtlicher Würdigungen
-> aus Mord = Totschlag
-> auf Täterschaft = Beiheilfe
Wie wurde mit dem Ärztemangel in den 60ern umgegangen?
wenig Ärzte
(Gütersloh: 1400 Pat→ 12 Ärzte + 1 Psychologe
-> strenge Hierarchie
-> keine Fachpflege
-> Dauerpatienten
-> abgeschieden gelegen
-> paternalistisch (bevormundend)
Behandlungsmethoden:
-> Beruhigungs- + Schlafmittel
(= große Entwicklung Pharmaindustrie)
-> Insulin-Schocktherapie
(gezielt herbei geführte Unterzuckerung)
-> Elektrokonvulsionstherapie
(ohne Narkose, Pat erlitten oft Knochenbrüche)
-> Hydrotherapie
(Bäder, Wickel)
-> Fixierungen
(Ledergurte)
Schwerpunkt:
-> Verwahrung & Kontrolle statt Rehabilitation und gesellschaftlicher Teilhabe
Einrichtungen
-> häufig überfüllt
-> große Einzugsgebiete
-> baulich ungünstig
-> keine ambulanten Angebote
Große Räume mit vielen aneinander gereihten Betten
= keine Intimsphäre
(Badewannen nebeneinander, Toiletten nur durch Vorhang getrennt)
Zwangsarbeit für Pat in NS-Zeit
Willkürlicher Umgang mit Pat
teilweise Übergriffe seitens Pflege
mit Patienten zu sprechen galt als Faulheit
feste Abläufe (6 Uhr aufstehen, waschen, essen, Medikamente, …)
Isolation der Pat von Gesellschaft, hatten kaum Rechte
Wie kam es zum Wendepunkt der modernen psychiatrischen Versorgung?
(1968, als Wendepunkt der psychiatrischen Versorgung)
Besuch von Krankenhäusern
-> durch Wissenschaftler, Angehörige, Journalisten
= Erkennen von Missständen
-> viele Proteste gegen autoritäre Strukturen
= Staat, Familie, Universitäten, Medizin
1970 Sozialistisches Patientenkollektiv (SPK)
= =radikale antipsychiatrische Gruppe
-> an Uni Heidelberg gegründet
von 52 Psychiatriepatient:innen
1 Assistenzarzt (Wolfgang Huber)
-> Leitsatz: aus der Krankheit eine Waffe machen
psychiatrische Krankheiten nicht als individuelles medizinisches Problem
sondern direktes Symptom des Kapitalismus
→ bestehende Gesellschaftsordnung sollte radikal überwunden werden
Gängige Behandlungsmethoden wurden scharf kritisiert
-> SPK forderte Selbstorganisation + Kontrolle des Gesundheitswesens durch Patienten
SPK radikalisierte sich immer mehr
-> v.a. nach Selbstmord eines Mitgliedes 1970 Besatzung die Schuld)
besetzten Büro des Verwaltungsdirektors des Uniklinikums
mehrfach das Rektorat, Flugblätter, beschafften sich Waffen und Sprengstoff
Schusswechsel mit Polizei 1972
→ Huber verlor Arztzulassung
-> Arzt & Ehefrau wurden verhaftet
1971 Auflösung
→ viele Mitglieder schlossen sich rote Armee Fraktion (RAF) an
Was beschrieb 1975 das Psychiatrie-Enquête?
= Abschlussbericht einer 1971 durch Bundestag eingesetzten Sachverständigungskommission zur Unterstützung der Situation in deutschen psychiatrischen Einrichtungen
-> Kommission aus Politikern, Fachleuten aus Gesundheitswesen, Vertreter von Patienten- und Bürgerrechtsorganisationen
wichtige Forderungen:
Gemeindenahe Versorgung
(Verkleinerung Großkliniken, wohnortsnah)
Ausbau ambulanter Hilfen
(psych. Ambulanzen, Beratungsstellen, Tageskliniken)= weniger psych. Betten
Psychiatrische Abteilungen in Allgemeinkrankenhäusern
Rehabilitation & Teilhabe im Sozialwesen
(Unterstützung bei Arbeit, Wohnen, sozialer Integration)
Schutz der Patientenrechte
(mehr Selbstbestimmung, kritischer Umgang mit Zwangsmaßnahmen)
Bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit
Bedarfsgerechte + umfassende Versorgung
Bedarfsgerechte Koordination aller Versorgungsdienste
Gleichstellung psych. Kranker mit körp. Kranken
Bildung von „Standardversorgungsgebieten“
Bildung von Fachgremien
Grundsätze der Versorgung:
Selbsthilfe vor Fremdhilfe
Aufklärung
Aus-/ Fort-/ Weiterbildungen
Prävention vor Behandlung, ambulant vor stationär
Kontinuität
Sektorisierung
Beschreibe die zusammengefassten Entwicklungsphasen der Psychiatrie.
Phase der verwahrenden Psychiatrie
(ca. 1945 – 1975)
-> kustodial-paternalistische Haltung
(aufbewahrend-bevormundend)
-> kein normatives Entgeltsystem
-> extrem lange Verweildauern im KH
Phase der De-Hospitalisierung
(1975 – ca. 2000)
-> Beginn mit Psychiatrie-Enquête
(seit 1991)
-> Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV)
-> massive Reduktion Verweildauer im KH
Phase der Ökonomisierung
(ca. seit 2000)
->parallel zur Einführung ins DRG-System
-> Vereinheitlichung von Behandlungsabläufen
-> PEPP-System
(pauschalisiertes Entgeltsystem für Psychiatrie & Psychosomatik)
= leistungsorientierte Vergütung (Eingruppierung)
Phase der Individualisierung
-> orientiert am Bedarf des Einzelnen
-> Berücksichtigung der Autonomie & Selbstbestimmung
-> Budgetsystem orientiert an Evidenz + Qualität
-> Sektorenübergreifende Behandlung
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