Was zeichnet die Agoraphobie (6B02) nach den diagnostischen Kriterien des ICD-11 aus?
-> Kennzeichnend ist eine ausgeprägte und übermäßige Angst oder
Beklemmung, die als Reaktion auf zahlreiche Situationen auftritt, in
denen die Flucht schwierig sein könnte oder keine Hilfe verfügbar ist.
BEISPIELE: Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, in
Menschenmengen sein, allein außer Haus sein (z.B. in
Geschäften, Theatern, beim Anstehen).
Ständige Angst vor diesen Situationen, da bestimmte negative Folgen befürchtet werden (z.B. Panikattacken, andere untaugliche oder peinliche körperliche Symptome)
Die Situationen werden aktiv vermieden, nur unter bestimmten
Umständen (z.B. in Anwesenheit einer vertrauten Person) aufgesucht oder mit intensiver Furcht oder Angst ertragen.
Symptomdauer: Mindestens mehrere Monate
Symptome sind so schwerwiegend, dass erheblicher Leidensdruck
oder erhebliche Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären,
sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen
Funktionsbereichen vorliegen
-> Zusatzkodierung MB23.H Panikattacke möglich
Wie lautet die Definition der Agoraphobie und was ist ihr phobischer Stimulus?
Definition laut ICD 11: Ausgeprägte Furcht oder Angst vor Situationen, in denen das auftreten von Angstanfällen befürchtet wird
Phobischer Stimulus: Situationen, aus denen eine Flucht schwierig oder peinlich erscheint oder in denen im Notfall keine Hilfe verfügbar wäre (z. B. Menschenmengen, öffentliche Verkehrsmittel, weite Plätze, Alleinsein außerhalb des Hauses).
Wichtig ist die Abgrenzung: Bei der Agoraphobie steht die Situation im Vordergrund, nicht ein spezifisches Objekt oder Tier wie bei einer spezifischen Phobie.
-> Ständige Angst vor diesen Situationen, da bestimmte negative Folgen befürchtet werden (z.B. Panikattacken, andere untaugliche oder peinliche körperliche Symptome)
-> Die Situationen werden aktiv vermieden, nur unter bestimmten
Umständen (z.B. in Anwesenheit einer vertrauten Person) aufgesucht
oder mit intensiver Furcht oder Angst ertragen.
Beschreibe die Entwicklung und den Verlauf der Agoraphobie.
Entwicklung:
2/3 der Fälle mit Agoraphobie: Beginn vor dem Alter von 35 Jahren
Beträchtliches Inzidenzrisiko in der späten Adoleszenz und dem früheren Erwachsenenalter
Mittlerer Erkrankungsbeginn für Agoraphobie variiert:
mit vorausgehenden Panikattacken oder Panikstörung: späte
Adoleszenz (Erkrankungsbeginn im Kindesalter ist selten)
ohne vorausgehende Panikattacken oder Panikstörung: 25 bis 29
Jahre
Zweite Inzidenzrisikophase ab dem Alter von 40 Jahren
ACHTUNG: Agoraphobie ohne Panikattacken in der Vorgeschichte
ist selten. Bei nahezu allen Agoraphobikern kam ursprünglich
wenigstens ein Panikanfall vor.
Verlauf:
Verlauf ist typischerweise persistent und chronisch, eine
vollständige Remission ist selten (10%)
Langzeitverlauf hat deutlich erhöhtes Risiko für…
sekundäre Major Depression
persistierende depressive Störung (Dysthymie)
Substanzkonsumstörungen
Beschreibe das erweiterte Erklärungsmodell der Agoraphobie:
Angst, nicht fliehen zu können oder keine Hilfe zu bekommen
Betroffenen fürchten die angstauslösende Situation selbst:
Konditionierung einer agoraphobischen Furcht, d.h. ein ursprünglich neutraler externer Stimulus / Situation (UCS) wird durch Kopplung mit einem Angstzustand zu einem konditionierten externen Stimulus (CS)
Phobische Situation ansich
eher selten
Zum Beispiel: Restaurant, Zugfahrt, Flugzeug
Betroffene fürchten die Angst vor der Angst:
Konditionierung der Angstreaktion (ggf. Panikattacke) selbst durch interozeptive Konditionierung, d.h. ursprünglich neutrale interne Stimuli (z.B. Herzklopfen, Schwindel) werden durch Kopplung mit einer Angstreaktion (ggf. Panikattacke) zu konditionieren internen Stimuli (CS). Körper lernt seine eigenen Symptome zu fürchten. Angstreaktionen
UND Konditionierung einer antizipatorischen Angst vor dem Erleiden einer solchen Angstreaktion (ggf. Panikattacke) durch Kopplung an eine konditionierte externe Situation (CS).
Einfache Form
Komplexe Form
Situation selbst angstauslösend
Situation kündigt Panik an
Keine interozeptive Konditionierung
Interozeptive Konditionierung
Keine Panikattacken
Panikattacken
„Ich komme nicht raus“
„Ich bekomme Panik“
Was bedeutet eine Agoraphobie für den Alltag von Betroffenen?
Mögliche Auswirkungen im Alltag sind:
Vermeidungsverhalten: Einkaufszentren, öffentliche Verkehrsmittel, Menschenmengen, Kinos oder weite Plätze werden gemieden.
Eingeschränkte Mobilität: Manche verlassen das Haus nur in Begleitung einer vertrauten Person oder gar nicht mehr.
Beruf und Ausbildung: Der Weg zur Arbeit oder Universität kann schwierig werden, was zu Fehlzeiten oder Leistungsproblemen führen kann.
Soziale Folgen: Treffen mit Freunden, Familienfeiern oder Freizeitaktivitäten werden abgesagt, wodurch soziale Isolation entstehen kann.
Ständige Angst: Viele machen sich bereits im Vorfeld Sorgen über mögliche Angstsymptome und planen ihren Alltag entsprechend.
Abhängigkeit von anderen: Betroffene bitten Angehörige häufig, sie zu begleiten oder Besorgungen zu übernehmen.
Verminderte Lebensqualität: Spontane Unternehmungen und Reisen werden oft vermieden, sodass die persönliche Freiheit stark eingeschränkt sein kann.
Trotz dieser Belastungen ist eine Agoraphobie gut behandelbar. Besonders wirksam ist eine kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionsübungen. Bei Bedarf können zusätzlich Medikamente, beispielsweise Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs), eingesetzt werden. Mit einer geeigneten Behandlung gelingt es vielen Betroffenen, ihre Ängste deutlich zu verringern und ihren Alltag wieder selbstständiger zu bewältigen.
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