Was zeichnet die Panikstörung (6B01) nach den diagnostischen Kriterien des ICD-11 aus?
-> Wiederkehrende unerwartete Panikattacken, die nicht auf bestimmte Reize oder Situationen beschränkt sind.
Eine Panikattacke ist…
eine zeitlich abgegrenzte Episode intensiver Angst oder
Befürchtungen
die mit dem raschen und gleichzeitigen Auftreten mehrerer
charakteristischer Symptome einhergeht
Mögliche Symptome:
Herzklopfen, erhöhte Herzfrequenz
Schwitzen bzw. Schweißausbrüche
Zittern
Gefühl der Kurzatmigkeit bzw. Atemnot
Erstickungsgefühle
Schmerzen in der Brust
Übelkeit oder Bauschmerzen
Schwindel, Benommenheit
Schüttelfrost oder Hitzewallungen
Kribbeln oder fehlendes Gefühl in den Extremitäten
Depersonalisierung oder Derealisierung
Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden
Angst vor dem bevorstehenden Tod
Kennzeichnend ist…
eine anhaltende Besorgnis über das Wiederauftreten oder die Bedeutung von Panikattacken UND/ ODER
Verhaltensweisen, die darauf abzielen, ihr Wiederauftreten zu
vermeiden und die zu einer erheblichen Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen.
-> Die Symptome sind nicht Ausdruck einer anderen Erkrankung und sind nicht auf die Wirkung einer Substanz oder einer Medikation auf das zentrale Nervensystem zurückzuführen.
Beschreibe die Entwicklung und den Verlauf der Panikstörung.
Entwicklung:
Mittleres Ersterkrankungsalter: 20 - 24 Jahre
Ein Beginn nach dem 45. Lebensjahr ist möglich, aber untypisch
Verlauf:
Der typische Verlauf (falls unbehandelt) ist chronisch, aber
schwankend
Mitunter episodische Verläufe mit dazwischenliegenden Jahren der Remission
Andere Betroffene haben eine durchgehend anhaltende schwere Symptomatik
Nur bei einer Minderheit: Volle Remission ohne Rückfälle
innerhalb weniger Jahre
Die Panikattacken treten unerwartet und scheinbar ohne konkreten Auslöser auf. Viele Betroffene entwickeln jedoch mit der Zeit eine Angst vor weiteren Panikattacken (Erwartungsangst) und achten übermäßig auf körperliche Empfindungen wie Herzklopfen oder Schwindel.
Kurz für die Prüfung:
Phobischer Stimulus bei der Panikstörung: Keiner. Die Panikattacken sind unerwartet und nicht an ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Situation gebunden.
Beschreibe das psychophysiologische Modell der Panikstörung nach Ehlers & Margraf
Panikattacken /Panikstörungen sind Ergebnis eines Teufelskreises aus körperlichen Empfindungen, deren Interpretation und Angstreaktionen.
-> nicht körperliche Symptome selbst verursachen Panik, sondern ihre Wahrnehmung und katastrophisierende Fehlinterpretation (z. B. „Ich bekomme einen Herzinfarkt“. oder “Ich ersticke”)
Physiologische (z. B. Herzklopfen, Schwitzen, Schwindel) oder psychische (z. B. Gedankenrasen, Konzentrationsprobleme) Veränderung, die Folge sehr unterschiedlicher Ursachen sein können (z. B. Erregung, körperliche Anstrengung, Koffeineinnahme, Hitze etc.)
Wahrnehmung der Symptome
Assoziation mit Gefahr -> Katastrophierung (Herzklopfen = Herzinfarkt „Schwindel = Ohnmacht“ „Atemnot = Ersticken“)
Angst- / Panikreaktion: Die Bewertung löst starke Angst oder Panik aus. Aktivierung des sympathischen Nervensystems (Fight-or-Flight)
Verstärkung der körperlichen Symptome: Angst führt zu:
schnellerem Herzschlag
flacher Atmung
Schweiß
Die Symptome bestätigen scheinbar die katastrophalen Gedanken
-> Der Teufelskreis schließt sich
Positive Rückkopplung = Verstärkung → Aufschaukeln der Panik
Negative Rückkopplung = Regulation → Abklingen der Angst
Positive Rückkopplung
Negative Rückkopplung
„Es wird gefährlich!“
„Es ist unangenehm, aber harmlos.“
Angst ↑
Angst ↓
Symptome ↑
Symptome ↓
Panikattacke
Abklingen
Anna steht im Supermarkt an der Kasse. Es ist warm und voll.
Anna merkt:
„Mein Herz schlägt schneller.“
➡️ Das ist erstmal normal (Wärme, Stehen, Stress).
Anna denkt:
„Oh nein, mein Herz rast – ich bekomme einen Herzinfarkt!“
➡️ Gedanke verstärkt Angst
Angst schießt hoch
Adrenalin wird ausgeschüttet
➡️ Körper reagiert:
Herz schlägt noch schneller
Atmung wird flacher
Schwindel
Anna bemerkt:
„Jetzt wird mir auch noch schwindelig – es wird schlimmer!“
➡️ Bestätigung der Katastrophe
Noch mehr Angst
Noch stärkere körperliche Symptome
🔁 Herzklopfen → Angst → stärkeres Herzklopfen → mehr Angst
👉 DAS ist positive Rückkopplung 👉 „positiv“ = verstärkend, nicht angenehm
Jetzt dasselbe Szenario – aber mit negativer Rückkopplung:
Anna merkt wieder:
„Das ist unangenehm, aber ich kenne das. Das ist Stress, kein Herzinfarkt.“
➡️ Angst bleibt niedrig
Weniger Angst → weniger Adrenalin
Herzschlag verlangsamt sich
Atmung wird ruhiger
„Okay, es lässt nach.“
🔁 Symptom → beruhigender Gedanke → Symptom nimmt ab
👉 DAS ist negative Rückkopplung 👉 Das System reguliert sich selbst
Beachte: Panikstörung ≠ Panikattacke
Panikattacke als Zusatzdiagnose bei anderen Störungsbildern bzw. psychischen Erkrankungen, wenn Diagnosekriterien der Panikstörung nicht erfüllt sind
Panikattacken können aus heiterem Himmel auftreten oder durch bestimmte Situationen ausgelöst werden.
Für die Panikstörung selbst ist das Vorliegen von Panikattacken in den Kriterien für die Störung enthalten
9 Regeln zum Umgang mit Panikattacken:
Denken Sie daran: Panik ist nur eine übertriebene normale Körperreaktion
Gefühle der Panik sind nicht schädlich oder gefährlich, nur sehr unangenehm
Achten Sie nur darauf, was gerade hier und jetzt passiert, nicht auf das was Sie
fürchten, was passieren könnte.
Konzentrieren Sie sich darauf, was Sie hören, sehen, riechen und tasten können
Verschlimmern Sie die Angst nicht durch angsterzeugende Gedanken. Warten Sie
ab und lassen Sie der Angst Zeit, von selbst wieder zu gehen.
Bekämpfen Sie die Angst nicht. Laufen Sie nicht vor ihr davon.
Denken Sie daran: Jede Angst ist einen Gelegenheit zum Üben und Fortschritte zu
machen.
Atmen Sie ruhig und langsam, aber nicht zu tief.
Wenn Sie bereit sind, weiterzumachen, fangen Sie langsam und besonnen an. Es
ist nicht nötig, sich zu beeilen
Was bedeutet eine Panikstörung für den Alltag von Betroffenen?
Eine Panikstörung kann den Alltag erheblich beeinträchtigen, da Betroffene ständig Angst vor einer weiteren Panikattacke haben.
Mögliche Auswirkungen im Alltag sind:
Ständige Erwartungsangst vor einer erneuten Panikattacke.
Vermeidung bestimmter Orte oder Situationen, an denen bereits Panikattacken aufgetreten sind.
Einschränkungen in Beruf, Schule oder Studium durch Angst vor einer Panikattacke.
Körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Schwindel, Atemnot oder Brustschmerzen, die oft als Zeichen einer schweren Erkrankung fehlinterpretiert werden.
Häufige Arztbesuche, um körperliche Ursachen auszuschließen.
Soziale Einschränkungen, weil Aktivitäten aus Angst vor einer Panikattacke vermieden werden.
Verminderte Lebensqualität und eingeschränkte Selbstständigkeit.
Eine Panikstörung führt zu wiederkehrenden, unerwarteten Panikattacken und einer anhaltenden Angst vor weiteren Attacken. Dadurch vermeiden Betroffene häufig bestimmte Situationen, was Alltag, Beruf und soziale Kontakte erheblich einschränken kann.
Merke: Entwickelt sich zusätzlich eine ausgeprägte Vermeidung von Orten oder Situationen, aus denen eine Flucht schwierig erscheint, kann die Panikstörung mit einer Agoraphobie einhergehen.
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