Der Begriff “klassisch” ist mehrdeutig und lässt sich in vier Facetten differenzieren:
Als Norm- und Wertbegriff bezeichnet “klassisch” etwas zeitlos Vorbildliches. Werke von überdauerndem, epochenunabhängiger Stellung —> Kanon und “Blütezeiten” werden damit beleget. Als Epochenbegriff meint “klassisch” konkret die Weimarer Klassik (ca 1786- 1805).
Als historischer Begriff verweisst “klassisch” auf die griechisch-römische Antike. Die Formen antiker Kunst, vorallem das Ausgewogene, das harmonisch Proportionierte und Idealisierte wurde hier als mustergültig erklärt.
Stiltypologisch bezeichnet “klassisch” ein Formprinzip: Harmonie, Maß, Geschlossenheit. Dies kann unabhängig von der Epoche immer wieder auftreten.
Die Zerstörung von Lissabon durch ein Erdbeben.
Kaiser Joseph II. etablierte in Österreich das Konzept der aufgeklärten Monarchie.
Der siebenjährige Krieg (1756-1763) sind alle europäischen Großmächte und deren nordamerikanische Kolonien involviert —> ein globales Ereignis.
Französische Revolution
Napoleonische Kriege
All dies war eine völlige Umwälzung der politischen Landschaft Europas und der Welt! Alle Ereignisse markieren das Ende Alteuropas und die Entstehung der modernen Gesellschaft! Eine neue Welt entsteht.
1. Goethes Lebenszeit und auch ein großer Teil seiner literarischen Produktion haben Anteil an Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm & Drang, er ist neben Schiller der maßgebliche Protagonist der Klassik, die Romantik bezieht sich auf ihn (und er auf sie). Zudem beobachtet er die neuen Tendenzen der Literatur ( Realismus). Goethe erlebt viele wichtige Umbrüche und Ereignisse mit (ancien régime franz. Revolution, napoleonische Kriege, Anfänge von Karl Marx, ...). Es gäbe die Germanistik nicht ohne Goethe.
Er gilt als ästhetischer Wegbereiter der WEimarer Klassik. In seiner Auseinandersetzug mit griechischer Kunst- insbeondere der Laokoon-Gruppe- prägte er die Formal von der “edlen Einfalt und der stillen Größe”. Auch wenn die dargestellte Figur oder Szene unermesslichen Schmerz erleidet, zeigt sie dies nicht, sondern eine gedämpfte, beherrschte Fassung.
Diese Beherrschung wird zur Leitidee klassischer Ästhetik. Leidenschaft und Schmerz werden nicht ungefiltert ausgelebt, sondern durch Maß, Form und Harmonie veredelt.
Winckelmann liefert damit die ästhetische Grundlage für das Humanitätsideal der Weimarer Klassik: ein Mensch der Trieb und Leidenschaft nicht verleugnet aber beherrscht. Goethe wird dieses Ideal in der Iphigenie von Tauris umsetzen.
Goethes Iphigenie auf TAuris lässt sich in mehrfacher HInsicht als klassische Drama bezeichnen. Bereits die Erntstehungsgeschichte spiegelt diesen Prozess: die erste Fassung wurde in Prosa verfasst und ist noch vom Sturm&Drang geprägt. Erst während seiner Italienreise 1787 überarbeitete er die Fassung in Versen nd verlieh dem Stück damit eine gemäßigte, klassische Form.
Inhaltlich verkörpert das Drama das Humanitätskonzeot: Iphigenie löst den Fluch über dem Tantalidengeschlecht nicht mit Gewalt oder List, sondern durch Menschlichkeit. Damit wird das Prinzip der “Affektbeherrschung” literarisch umgesetzt. Darum handelt sich auch nicht um eine Tragödie, sondern ein Schauspiel.
Die drei Konzepte bilden eine Stufenlogik: Ästhetische Autonomie —> ermöglicht echte Bildung —> führt zu Humanität.
Nur eine Kunst, die frei von äußerem Zweck ist, kann den Menschen wirklich bilden (nicht bloßes Wissen, eher eine Formung der ganzen Persönlichkeit). Und nur ein gebildeter Mensch kann Humanität (gebildeter Mensch, der aus innerer Überzeugung Gutes tut —> Humanität ist kein angeborener Zustand, sondern eine Aufgabe die erarbeitet werden muss) verwirklichen. Kunst ist kein Luxus, sondern das Medium der Menschwerdung.
Merke: Autonome Kunst bildet den Menschen, und der gebildete Mensch verwirklicht Humanität —> das ist das klassische Programm in einem Satz.
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