„Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (1960er Jahre)
These von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky): Durch wirtschaftlichen Aufschwung verschwinden Klassenunterschiede und eine breite Mittelschicht hat ähnliche Lebensstandards und Konsumgewohnheiten
These vom „Fahrstuhleffekt“ (Beck) beschreibt, dass alle Gesellschaftsschichten sich in Bezug auf ihren Wohlstand gemeinsam nach oben bewegen
Werte und Wertewandel
Es gibt viele verschiedene Definitionen von Werten und deren Dimensionen in der Werteforschung, hier sollen folgende verwendet werden:
Werte sind relativ stabile, bewusst oder unbewusst wahrgenommene Vorstellungen vom Wünschenswerten, die erheblichen Einfluss auf die Auswahl von Handlungsarten und -zielen besitzen (Cluckhohn)
Werte bieten damit relativ stabile Grund- bzw. Lebensorientierungen, die situationsabhängig die Wahrnehmung sowie das Verhalten des Menschen beeinflussen (Klages)
Wertewandel bei Ronald Inglehart
Bei Inglehart spielt sich der Wertewandel im wesentlichen auf einer Dimension ab – der Entwicklung von materialistischen zu postmaterialistischen Werten
materialistische Werte
Wichtigkeit von Ordnung und Sicherheit
Wichtigkeit einer stabilen Wirtschaft und Wirtschaftswachstum
postmaterialistische Werte
Wichtigkeit individueller Partizipationsrechte
Wichtigkeit einer empathischen Politik und Kultur
Hohe Zustimmung zu folgenden Werten (Items):
Aufrechterhaltung der Ordnung
Kampf gegen Verbrechen
Sicherung der Landesverteidigung
stabile Wirtschaft
Wirtschaftswachstum
Mitspracherecht der Menschen (z.B. beipolitischen Entscheidungen)
Schutz der freien Meinungsäußerung
attraktive, lebenswerte Umwelt
Wunsch nach einer humaneren Gesellschaft
Wertewandel bei Helmut Klages
Klages sieht mehrere Wertedimensionen
Sieht abnehmende Pflicht- und Akzeptanzwerte bei zunehmenden Selbstenfaltungswerten
Möglichkeit von „Wertesynthesen“ und damit neue Persönlichkeitsprofile
Fünf Wertetypen:
Wertespezialisten:
1. Idealisten
2. Konventionalisten
3. Hedonistische Materialisten
Wertegenerealisten:
4. Resignierte
5. Aktive Realisten
Soziale Milieus
Soziale Milieus sind Lebenslagen, die auf der einen Seite durch Einkommen und Bildung, sowie auf der anderen Seite durch Werte, Einstellungen und Alltagspraktiken geprägt sind
zeichnen sich durch stabile Gruppenzugehörigkeiten auf Basis beständiger Werthaltungen aus
bezeichnen „Gruppen Gleichgesinnter“ (Sinus)
Strukturalismus versus Praxeologie
struktursoziologische Ansatz sieht die Sozialstruktur als ein stabiles Geflecht von sozialen Rollen, Institutionen und Beziehungen, die Verhalten weitgehend determinieren
Der praxeologische Ansatz konzentriert sich auf das Handeln selbst und sieht die Sozialstruktur als Ergebnis sozialer Praktiken, die sich im alltäglichen Handeln der Individuen manifestieren und reproduzieren (z.B. „Doing Gender“, „Doing Family“)
Habitus (Pierre Bourdieu)
Der Habitus beschreibt die verinnerlichten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, die Menschen in ihrem sozialen Umfeld entwickeln.
mit „Habitus“ wird das gesamte Auftreten einer Person bezeichnet, inklusive von Sprache, Kleidung, Geschmack, Schmuck, kulturelle Vorlieben, Lebensstil usw.
Habitus meint im Prinzip „im Körper eingeschriebene Schichtzugehörigkeiten und soziale Rollen“
dient zur Abgrenzung gegenüber anderen sozialen Gruppen und reproduziert eigene soziale Gruppe („Verinnerlichung kollektiver Dispositionen“)
Hauptaspekte der Habitustheorie
Verinnerlichte Strukturen: Der Habitus wird in der frühen Kindheit durch die sozialen Bedingungen der Familie, insbesondere durch das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital, geprägt.
Handlungsleitend: Der Habitus bestimmt das alltägliche Handeln, die Wahrnehmung und die Vorlieben einer Person. Dabei handelt es sich nicht um bewusst getroffene Entscheidungen, sondern um automatisch ablaufende Reaktionen
Reproduktion sozialer Strukturen: Der Habitus spiegelt die gesellschaftliche Stellung wider, er ist ein Instrument zur Reproduktion sozialer Strukturen
Zusammenwirken von Habitus und Feld: Der Habitus funktioniert in Wechselwirkung mit einem bestimmten sozialen Raum (Feld), z.B. Bildungssystem, Arbeitsmarkt, Kultur. Die Regeln des Feldes bestimmen, wie erfolgreich jemand in diesem Feld agiert.
Kapitalarten nach Bourdieu
nach Bourdieu eine Gruppe von Ressourcen, die dem Individuum zu Gewinn und Erhalt von Status dienen
Ökonomisches Kapital: unmittelbar in Geld konvertierbare Ressourcen; Einkommen, Vermögen, Besitz
Soziales Kapital: Ressourcen, die sich aus dem Netz von Beziehungenergeben, die der Einzelne für sich nutzen kann (Bekanntschaften, Beziehungen, Empfehlungen)
Kulturelles Kapital: Bildung/ Wissen, Bildungszertifikate, persönlicher Stil/ Geschmack, Titel, berufliche Positionen, Aussehen
Symbolisches Kapital: Kann alle anderen Kapitalarten umfassen, sofern sie von anderen als wertvoll angesehen werden (Prestige, Ansehen) zb ein Porsche vor der Tür
Kapital und Habitus
der Habitus wird maßgeblich davon geprägt, über welches Kapital eine Person verfügt und wie sie es im Laufe ihres Lebens erworben hat.
der Habitus wiederum prägt, wie Menschen ihr Kapital nutzen. Beide Konzepte zusammen zeigen, wie soziale Positionen und Unterschiede in der Gesellschaft verfestigt und weitergegeben werden
Schulzes Studie zur „Erlebnisgesellschaft“ (1992)
Beschreibt die Erlebnisausrichtung als zentrales Element der Lebensführung im Wandel von einer materiellen Mangel- zu einer Wohlstandsgesellschaft
Statt Status und Ordnung rückt emotionale Erlebnisse, Freizeit und Lebensstilentscheidungen in den Mittelpunkt der Lebensführung
Die fünf Milieus der „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze 1992)
Niveaumilieu: legt Wert auf kulturell anspruchsvolle Erlebnisse und zeichnet sich durch hohe Bildung und soziale Stellung aus. Menschen im Niveaumilieu streben nach intellektuellen, kulturellen und ästhetisch hochwertigen Erfahrungen, wie Theaterbesuchen oder klassischer Musik.
Selbstverwirklichungsmilieu: Hier stehen Individualität, Kreativität und Selbstentfaltung im Vordergrund.
Integrationsmilieu: Die Mitglieder des Integrationsmilieus sind sozial und gemeinschaftlich orientiert. Sie suchen Erlebnisse, die Zusammenhalt, Geborgenheit und das Gemeinschaftsgefühl fördern, wie Vereinsaktivitäten oder Familienfeste.
Harmoniemilieu: In diesem Milieu suchen die Menschen nach Ruhe, Geborgenheit und Harmonie. Sie bevorzugen einfache, unaufgeregte Erlebnisse, die ihnen Stabilität und Entspannung bieten.
Unterhaltungsmilieu: Menschen im Unterhaltungsmilieu streben nach abwechslungsreichen, spannenden und amüsanten Erlebnissen. Sie genießen Unterhaltungsangebote, wie Filme, Sportevents und populäre Freizeitaktivitäten, die sie vom Alltag ablenken und Spaß bieten.
Dreiklassenstruktur der spätmodernen Gesellschaft (Reckwitz 2019) – „Paternoster“
Andreas Reckwitz „neues Klassenmodell“
Kreativitätsorientierte Mittelklasse: oft urban und hochqualifiziert, strebt nach Selbstverwirklichung und Kreativität, sie sieht sich als Trägerin des „neuen Geistes des Kapitalismus“. Sie profitiert vom Strukturwandel in der Arbeitswelt, der wissensbasierte und kreative Arbeit aufwertet.
Traditionelle Mittelklasse: stärker in industriellen und handwerklichen Berufen verankert und häufig skeptisch gegenüber den neuen Wertvorstellungen der urbanen Kreativen, sieht sich durch den sozialen und wirtschaftlichen Wandel benachteiligt, da klassische Arbeitsplätze und Normen an Bedeutung verlieren.
Neue Unterklasse: durch prekäre Beschäftigung und die Ausweitung des Niedriglohnsektors benachteiligt, wenig kulturelles Kapital, leiden unter der sozialen Ungleichheit, oft von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen
Die Sinus-Milieu-Studien
Entwicklung in den Jahren 1979/80 anhand von 1400 mehrstündigen „Lebensweltexplorationen“ (qualitative Methoden) für die Marktforschung
1982 erste quantitative Umsetzung mit einem „Sinus-MilieuIndikator“ in großen Datensätzen
seit den 1990er Jahren auch in der akademischen Sozialforschung aufgegriffen
Erweiterungen in die Microgeografie sowie auf internationale Ebene, regelmäßige Überarbeitungen, zuletzt 2022
Alte Sinus-Milieus (2018)
„Das Ende der bürgerlichen Mitte“
Größte soziokulturelle Dynamik geht aktuell von der Mitte der Gesellschaft aus (nicht wie früher von Leitmilieus oder jungen Milieus)
Grenze zwischen Akzeptanz des Bestehenden und Suche nach Alternativen geht direkt durch die bürgerliche Mitte
Statusoptimistischer Teil hat sich modernisiert und sucht Anschluss an die Oberschicht – „Adaptiv-pragmatisches Milieu“
Harmonie-orientierte nostalgische Teil erlebt eigenen Vorstellungen als gesellschaftlich entwertet
Themen wie Nachhaltigkeit und Diversity sind im Mainstream angekommen – es bildet sich ein neues Leitmilieu der „Postmateriellen“
Gleichzeitig bildet sich ein neues Milieu der „Neo-Ökologischen“, der Verfechter einer moralischen Kosumkultur
Aktuelle Sinus-Milieus (2023)
Milieus der oberen Mitte/ Oberschicht
Konservativ-Gehobene:
Vorliebe für das Vornehme und Kultivierte, meritokratische Grundhaltung und Überzeugung sich die hohe Position verdient zu haben, Bedürfnis nach Distinktion (Abgrenzung), milieutypisch starkes Interesse an Hochkultur und Kunst (Oper, Theater) und exklusiven Hobbys (Golf, Segeln)
Postmaterielles Milieu:
Wunsch nach einer besseren Welt, kosmopolitische Weltsicht, Befürworter von Diversität und Nachhaltigkeit, sozialökologische Verantwortungsethik, legt wert auf Ästhetik, Bildung und Kultur, Reisen
Milieu der Performer:
Moderne Elite mit Macher-Mentalität, dynamisch und kosmopolitisch, befürworten den freien Wettbewerb und Eigenverantwortung, Deregulierung und Globalisierung, ästhetisch bevorzugen sie modernistisches Design, präferieren Trend-, Prestige und Extremsportarten
Expeditives Milieu:
Nonkonformisten, ambitioniert aber ohne klassische Aufstiegsorientierung, Fokus auf private und kreative Projekte abseits des Mainstreams, große Affinität zu Kunst und Kultur, weltläufig und stets offen für Neues, Abgrenzung vom Massengeschmack
Milieus der Mitte
Neo-Ökologisches Milieu:
befürworter der Transformation zur Post-Wachstumsgesellschaft, umwelt- und klimasensibel, Kritiker der Konsum- und Überflussgesellschaft, starkes soziale und ökologisches Gewissen, Affinität zu Spiritualität und Mindfulness, Tendenz zum Minimalismus
Traditionelles Milieu:
Vertreter klassischer Ordnungs- und Disziplinwerte, Bescheidenheit Ruhe und Gemütlichkeit, Glaube an traditionelle Familienwerte, Skeptiker der Globalisierung und einer diversen Gesellschaft, Fokus auf familiäre und häusliche Aktivitäten
Adaptiv-pragmatische Mitte:
Zielstrebig und anpassungsbereit, gut ausgebildet aber bodenständig, modisch und trendy aber nicht expressiv, gehobener Lebensstandard ohne übertriebenem Luxus, Abgrenzung von altbackenen Werten und Moral, utilitaristisches Denken um das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen, Konsumieren als Lebensqualität, Orientierens sich am Mainstream bzw. sind der Mainstream
Nostalgisch-bürgerliches Milieu:
Vernünftig, verlässlich und anpassungsbereit, sieht sich zunehmend missbraucht als „Melkkuh der Nation“, Streben nach geordneten Verhältnissen, Suche nach intakter Nahwelt von Familie und Freunden, moderatem Wohlstand, wenig Risikobereitschaft, Ablehnung von sozialer Ungleichheit, zu viel Migration und Identitätspolitik, Angst abgehängt zu werden
Milieus der unteren Mitte/ Unterschicht
Prekäres Milieu:
Leben sozial und wirtschaftlich in schwierigen Verhältnissen, versuchen aber nach Außen den Anschluss an den Lebensstil der Mittelschicht zu wahren, erleben sich selbst als weitgehend ohnmächtig, abwertende Ressentiments gegen andere Gruppen (zu denen man sich in Konkurrenz oder von denen man sich ausgebeutet fühlt) sind häufig, sehen sich auf der Verliererseite
Konsum-hedonistisches Milieu:
Wunsch nach intensivem Leben im Hier und Jetzt mit Fun und Action, funktionieren im Job aber Freizeit als eigentlicher Lebensraum, Wunsch möglichst nichts zu verpassen, hohe Konsumneigung bei Kleidung und Unterhaltungselektronik, Tendenz zu „fertigen“ Freizeitangeboten wie Freizeitparks und Volksfesten
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