1 Funktionen und gesellschaftlicher Auftrag von Schule
1.1) Beschreiben Sie mit eigenen Worten die wichtigsten Funktionen der Schule in unserer heutigen Zeit.
Schulen haben in unserer Gesellschaft verschiedene Funktionen. Zunächst sollen sie die nachwachsende Generation in die Gesellschaft integrieren und zur Legitimation der jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung beitragen. Als zentrale schulische Aufgabe wird die Vermittlung von tätigkeitsrelevanten Kenntnissen, Fähigkeiten und Einstellungen sowie ganz allgemein die Kulturüberlieferung gesehen. Aber Schule soll durch die Bewertung und Benotung der jeweiligen Leistungen auch die Zugänge zu bestimmten Berufswegen steuern und einer zu einer begabungsgerechten Platzierung der Menschen in der Arbeitswelt beitragen. Unabhängig von diesen offensichtlichen Funktionen übernimmt Schule auch Sozialisationsfunktionen (sie prägt den Menschen) und dient in der Arbeitsgesellschaft auch der Aufbewahrung der nachwachsenden Generation.
1.2) Erläutern Sie welcher Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Funktionen von Schule und der inhaltlichen Gestaltung von Lehrplänen besteht.
Entsprechend der Qualifikations- und Ausbildungsfunktion sowie der Aufgabe der Kulturüberlieferung von Schulen müssen Lehrpläne inhaltlich und von den Zielsetzungen her festlegen, was in Schule gelehrt bzw. gelernt werden soll. Dies ist auch erforderlich, weil Schulen durch ihre Selektions- und Allokationsfunktion sowie die hierfür erforderliche Leistungsbewertung einen erheblichen Einfluss auf die Lebenschancen des Einzelnen ausüben. Insofern dient die Festlegung von Lerninhalten und Zielen auch der Legitimation schulischen Wirkens.
2 Zur geschichtlichen Entwicklung von Lehrplänen
2.1) Erklären Sie, welche kulturellen Voraussetzungen erforderlich waren, damit in einer Gesellschaft überhaupt die Planung des Lehrens möglich war.
Vorhandensein eines Kommunikationsmittels; Menschen, die von der Teilnahme am Arbeitsprozess befreit waren.
2.2) Benennen Sie, welche erforderlichen Aspekte einer Lehrplanung bereits von Platon erwähnt werden.
Platon benannte bereits die auch für heutige Lehrplanung noch bedeutsame Aspekte: Auswahl der Inhalte sowie den jeweiligen Stoffumfang, die Reihenfolge und den Zusammenhang.
2.3) Erklären Sie die Bedeutung des didaktischen Denkens in konzentrischen Kreisen für die Gestaltung von Lehrplänen.
Lehrpläne wurden mit dem Wechsel vom Lernen in Stufen zum Lernen in konzentrischen Kreisen zunehmend entsprechend einer altersgerechten Auffassungsgabe formuliert. So gab es immer häufiger Lehrpläne für Altersstufen und für alle Stoffgebiete.
2.4) Beschreiben Sie mit Hilfe des Textes in eigenen Worten die Entwicklungslinien der Geschichte des Lehrplans.
In den Anfängen der Menschheitsgeschichte fanden Lehr-/Lernprozesse zunächst weitestgehend ungeplant durch Vormachen (der Erwachsenen) und Nachmachen (der Kinder) statt. Eine bewusste Planung des Lehrens und Lernens wurde erst möglich, nachdem es Zeichen und Schrift gab, durch die die Menschen miteinander kommunizieren konnten. Erste Dokumente einer planmäßigen Erziehung stammen aus Ägypten im 3. Jahrtausend v. Chr. Im europäischen Kulturraum gab es erste Vorformen von Lehrplänen in bildlicher Form im antiken Griechenland des 7. und 6. Jahrhunderts vor. Chr. Inhalte dieser ersten „Lehrpläne“ waren Gymnastik, Musik, Lesen und Schreiben, der gesangartige Vortrag von Dichtung, der kultische Tanz sowie das Reiten. Von der Antike bis in das abendländische Mittelalter bestimmten die sogenannte „Enklyklios paidei“ und die sich hieraus entwickelnden septem artes liberales („Sieben freie Künste“) die Lehrordnung. Zu den sieben freien Künsten gehörten die Fächer Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Erst mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit werden zunehmend in Abhängigkeit von sich wandelnden ökonomischen, sozialen und geistigen Strömungen festgelegt. Lehrplangeschichtlich bedeutsam sind die didaktischen Überlegungen von Johann Amos Comenius (1592–1670), der einen umfassenden philosophisch-theologischen Systementwurf („allen, alles allumfassend lehren) entwickelt. Das Lehrplandenken zu Beginn des 20. Jahrhunderts war von reformpädagogischen Bestrebungen geprägt, die eine stärkere Ausrichtung auf die Förderung der geistigen und seelischen Kräfte des Individuums forderten. Nach einer intensiven gesellschaftlichen und erziehungswissenschaftlichen Debatte über die Qualifikations- und Lernzielorientierung von Lehrplänen in den 1960er- und 1970er-Jahren werden Lehrpläne heute zunehmend am Kompetenzkonzept ausgerichtet. Dieses Konzept fordert eine verstärkte Ausrichtung des Lehrens und Lernens an der Entwicklung der situativen Handlungsfähigkeit der Menschen. Entscheidend ist weniger, was und wie in der Schule gelehrt wird (input), sondern vielmehr, was die Schülerinnen und Schüler am Ende einer Lernsequenz tatsächlich können (output). Lehren und Lehrpläne haben sich heute zunehmend an der Erreichung staatlich vorgegebener Bildungsstandards zu orientieren.
3 Der Lehrplan – Begriffliche Abgrenzungen
3.1) Entwickeln Sie mit Hilfe des obigen Textes Definitionen für die folgenden Begriffe:
Begriffe
Definition
Lehrplan
Richtlinie
Bildungsplan
Rahmenlehrplan
Curriculum
Stoffverteilungsplan
Kerncurriculum
Bildungsstandards
Lehrpläne geben an, was im Unterricht gelehrt werden soll. Sie sind das Ergebnis einer Auseinandersetzung gesellschaftlicher Kräfte und spiegeln in der Regel die geistig-kulturelle Situation einer Epoche wider.
Richtlinien enthalten im Vergleich zu Lehrplänen weniger unmittelbare Weisungen, sondern haben eher einen Empfehlungscharakter. Wie der Begriff „Richtlinie“ zum Ausdruck bringt, haben sie eine allgemeine Orientierungsfunktion für die Lehrkräfte.
Bildungspläne dienen – ähnlich wie Lehrpläne – als Grundlage für die Entwicklung schulinterner Curricula. In ihnen sind administrative Hinweise über Unterrichtsinhalte und zur Unterrichtsgestaltung (z. B. fächerübergreifende Projekte) festgelegt.
Ein Rahmenlehrplan ist ein von der Kultusministerkonferenz entwickelter, relativ offener Lehrplan für die Berufsausbildung. Der Rahmenlehrplan enthält Lernfelder und Lerninhalte für den berufsbezogenen Unterricht der Berufsschule. Rahmenlehrpläne können von den einzelnen Bundesländern noch in eigene Lehrpläne umgesetzt werden.
Während ein Lehrplan in der Regel auf die Aufzählung der Unterrichtsinhalte beschränkt ist, enthält ein Curriculum darüber hinaus auch Lehrzielen, den Ablauf des Lehr- und Lernprozesses sowie Hinweise zur Überprüfung der Lernergebnisse.
Durch einen Stoffverteilungsplan teilt die Lehrkraft die durch Lehrpläne vorgegebenen Unterrichtsinhalte je nach den spezifischen Voraussetzungen der Schule und der Lerngruppe auf die zur Verfügung stehende Unterrichtszeit.
Ein Kerncurriculum ist ein auf die wesentlichen Inhalte zurückgeführter Lehrplan. Die Inhalte werden darin auf der Grundlage von Bildungsstandards (der Kultusministerkonferenz) für jede Schulform und jedes Unterrichtsfach festgehalten. In Kerncurricula steht, welche Kompetenzen von den Schülern am Ende einer Phase zu erwarten sind. Wie bei Curricula enthalten Kerncurricula oft auch methodische Hinweise zur Unterrichtsgestaltung sowie zur Überprüfung der Lernergebnisse.
Bildungsstandards legen fest, über welche fachlichen, personalen, sozialen und methodischen Kompetenzen Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügen müssen.
3.2) Geben Sie an, wodurch sich die Definitionen der folgenden Begriffe (aus Aufgabe 3.1) voneinander unterscheiden:
Analysieren Sie, welche bestimmenden Definitionsmerkmale alle diese Definitionen verbinden.
Zusammenfassend lassen sich vier Definitionsmerkmale bestimmen, die allen Begriffen im Wortfeld „Lehrplan“ mehr oder weniger gemeinsam sind:
Inhaltsdimension (Lehrgut, Lehrinhalt, Stoffgebiete)
Zieldimension (Lehrzweck, Bildungs-, Lernziele)
Ordnungsdimension (zeitliche Aufteilung und Anordnung, Reihenfolge, Methoden, Umfang)
Auswahldimension (nach Altersstufen, Klassen, Schularten, -stufen, -zweigen, fachlichen, gesellschaftlichen, psychologischen, philosophischen Gesichtspunkten)
4 Der Lehrplan in der Praxis – ein Erkundungsprojekt
4.1 Vergleich älterer und neuerer Lehr- und Bildungspläne
Vergleichen Sie einen älteren und einen neueren Lehrplan Ihres Unterrichtsfachs und Ihres Bundeslandes, wobei der neuere Lehrplan u. U. auch ein vorerst nur probeweise eingeführter Plan sein kann. Untersuchen Sie beide Lehrpläne in Bezug auf folgende Kriterien:
• Verbindlichkeit: Werden Aussagen über Verbindlichkeiten gemacht? Welche Teile des Lehrplans sind verbindlich?
• Eindeutigkeit der Formulierung: Lassen die Lernzielangaben z. B. Interpretationen zu, die Sie sich zunutze machen könnten bzw. bei denen Sie Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn Sie sie als Lehrkraft ausschöpfen würden?
• Begründungen: Sind die Lernziele und Entscheidungen anderer Art im Lehrplan begründet und, wenn ja, wie?
• Positionen: Lassen die Zielsetzungen und sonstigen Angaben Positionen erkennen, die z. B. eine gesellschaftliche Interessengruppe oder -richtung bevorzugen?
• Realisierbarkeit: Sind die genannten Zielsetzungen überhaupt realisierbar, inwieweit werden Hilfsmittel genannt?
Vergleich: Älterer Lehrplan (DKG-Empfehlung vor 2022) vs. Neuerer Lehrplan (Landesrahmenlehrplan BW ab 2022)
1. Verbindlichkeit: Werden Aussagen über Verbindlichkeiten gemacht? Welche Teile des Lehrplans sind verbindlich?
Neuerer Plan (Landesrahmenlehrplan BW):
Das Dokument ist als „Handreichung zu den Rahmenlehrplänen [...] als Grundlage und Handreichung für die Erarbeitung schulinterner Curricula“ deklariert.
Rechtlich verbindlich vorgegeben sind die bundesweiten Rahmenvorgaben aus dem ATA-OTA-G (§§ 7–10) und der ATA-OTA-APrV (Anlage 1 für OTA bzw. Anlage 3 für ATA):
Die Stundenzahlen der übergeordneten Kompetenzschwerpunkte 1 bis 8 sind bindend.
Die Mindeststunden der Unterkategorien setzen einen verbindlichen Rahmen; die verbleibende Differenz sowie der Kompetenzschwerpunkt 9 (200 Stunden) stehen den Schulen zur freien curricularen Verfügung.
Die Zuordnung der Unterrichtsinhalte zu den Lernfeldern/Themenblöcken ist flexibel, aber das Erreichen der Kompetenzziele auf den ausgewiesenen Taxonomiestufen ist prüfungsrelevant und damit curricular verpflichtend.
Älterer Plan (DKG-Richtlinie):
Besaß lediglich den Status einer privatrechtlichen Verbandsempfehlung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), die erst durch landesrechtliche Anerkennungen oder Schulverträge verbindlich wurde. Es gab keine bundeseinheitliche rechtliche Bindung durch ein Berufsgesetz.
2. Eindeutigkeit der Formulierung: Lassen die Lernzielangaben z. B. Interpretationen zu, die Sie sich zunutze machen könnten bzw. bei denen Sie Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn Sie sie als Lehrkraft ausschöpfen würden?
Eindeutigkeit durch Taxonomie: Der Plan nutzt verbindlich die kognitiven Lerntaxonomiestufen nach Bloom (K1 bis K6) mit klar definierten Operatoren (z. B. K1 = Faktenwissen wiedergeben, K4 = Analyse/Zusammenhänge erkennen, K5 = Synthese/konstruktive Leistung, K6 = Beurteilen/Bewerten). Dies reduziert Willkür bei der Leistungsüberprüfung erheblich.
Didaktischer Spielraum / Nutzen für Lehrkräfte: Inhalte sind vielfach als „exemplarisches Erarbeiten von Erkrankungen...“ formuliert (z. B. im KS 1c mit Formulierungen wie „z. B.“, „insbesondere“). Lehrkräfte haben den Freiraum, Fälle aus dem klinischen Alltag der Schule/des Klinikums auszuwählen, ohne stur jeden einzelnen Unterpunkt frontal abzuarbeiten.
Schwierigkeiten bei der Ausschöpfung: Verlangt ein Lernziel Stufe K5 (Synthese) oder K6 (Beurteilung) – wie etwa bei komplexen Notfallsituationen oder der Qualitätsevaluation der Patientenlagerung –, reicht rein theoretischer Unterricht nicht aus. Wenn praktische Übungs- und Simulationsressourcen (z. B. Skillslab/OP-Saal) an der Schule fehlen, stößt die Lehrkraft bei der Erfüllung dieser hohen Taxonomiestufe an Grenzen.
Älterer Plan (DKG):
War primär stoff- und inhaltsorientiert aufgebaut (oft reine Fächerlisten wie Anatomie, Chirurgie,Mikrobiologie mit Stundenzahlen). Lernziele waren oft vage als „kennen“ oder „wissen“ umschrieben, ohne das geforderte Handlungsniveau oder die Prüfungstiefe exakt zu definieren.
3. Begründungen: Sind die Lernziele und Entscheidungen anderer Art im Lehrplan begründet und, wenn ja, wie?
Im Abschnitt I („Begründungsrahmen“) wird die Notwendigkeit der Neuordnung ausführlich hergeleitet:
Gesetzliche Neuordnung durch das ATA-OTA-G zur Schaffung einer bundeseinheitlichen, qualitativ gesicherten Ausbildung.
Berufsverständnis als eigenständige Profession im perioperativen Funktionsbereich mit klarer Definition von eigenverantwortlichen Aufgaben (Prozessverantwortung) und Mitwirkungsaufgaben.
Patientensicherheit und Schutz der Patientenrechte (Patientenautonomie, Selbstbestimmung) als handlungsleitende Begründungslinie.
Didaktisch-pädagogische Begründung durch die Ausrichtung auf umfassende berufliche Handlungskompetenz (Fach-, Methoden-, Sozial-, Personal- und situative Kompetenz).
Begründete sich rein defizitorientiert aus dem Funktions- und Personalbedarf der Kliniken (Assistenzbedarf der Operateure und Anästhesisten) und legitimierte sich nicht über ein eigenständiges pädagogisches Kompetenzmodell.
4. Positionen: Lassen die Zielsetzungen und sonstigen Angaben Positionen erkennen, die z. B. eine gesellschaftliche Interessengruppe oder -richtung bevorzugen?
Stärkung der Profession: Die Fachkommissionen (DOSV e. V., Schulträger) positionieren die Berufe ATA und OTA klar als eigenständige Gesundheitsfachberufe mit spezifischen Vorbehaltsaufgaben und eigener Fachkompetenz, emanzipiert von einer reinen Delegationsempfänger-Rolle.
Patientenrechte und Patientensicherheit: Deutliche Bevorzugung von Konzepten moderner Patientensicherheit (Aktionsbündnis Patientensicherheit, WHO-Checklisten, CIRS, partizipative Entscheidungsfindung) gegenüber rein hierarchischen OP-Strukturen.
Ökologie und Ökonomie: Das Spannungsfeld zwischen ökonomischem Druck im Krankenhausbetrieb und ökologischer Nachhaltigkeit (Abfallvermeidung, Energiemanagement) wird explizit als gesellschaftlich relevanter Bildungsauftrag ausgewiesen.
Spiegelte stark die Arbeitgeber- und Trägerperspektive der Deutschen Krankenhausgesellschaft wider (Fokus auf reibungslose Funktionsabläufe, Verwertbarkeit im OP-Dienstplan, geringerer Stellenwert von Reflexion und Selbstbestimmung).
5. Realisierbarkeit: Sind die genannten Zielsetzungen überhaupt realisierbar, inwieweit werden Hilfsmittel genannt?
Realisierbarkeit: Grundsätzlich hoch, verlangt jedoch einen Paradigmenwechsel vom Frontalunterricht hin zu handlungsorientiertem, fallbasiertem Lehren.
Genannte Hilfsmittel und Instrumente:
Bloom’sche Taxonomietabelle mit konkreten Operatoren/Verben zur Gestaltung von Unterrichtseinheiten und Prüfungen.
Querverweise zwischen den Kompetenzschwerpunkten (z. B. Vernetzung von Hygiene KS 8, Notfallmanagement KS 7 und Kommunikation KS 6) zur Förderung vernetzten Lernens.
Konkrete Verweise auf Praxisinstrumente: Simulationstrainings, CIRS, WHO-Safe-Surgery-Checkliste, Reanimationsrichtlinien, Lagerungs-Workshops und S3-Leitlinien (z. B. DEGEA-Curriculum).
Einschränkung der Realisierbarkeit: Für praxisnahe Handlungsziele auf Niveau K4–K6 sind moderne Lernumgebungen (Skills-Labs, OP-Simulation) sowie eine enge Verzahnung zwischen Lernort Schule und Praxiseinsatz unabdingbar.
Realisierbarkeit bezog sich rein auf die Abarbeitung von Theorie-Stundenkatalogen; didaktische Hilfsmittel oder methodische Werkzeuge zur praktischen Kompetenzüberprüfung wurden kaum thematisiert.
4.2 Lehr- und Bildungspläne für Fachgebiete und Regionen
Untersuchen Sie den derzeit für Ihr Unterrichtsfach/Ihr Fachgebiet und Ihr Bundesland gültigen Lehrplan. Die meisten Lehrpläne sind heute im Internet veröffentlicht, z. B. in der Lehrplandatenbank der Kultusministerkonferenz (Kultusministerkonferenz, 2017b). Erstellen Sie für die Analyse eine tabellarische Übersicht nach dem folgenden Muster und beantworten Sie die folgenden Fragestellungen:
PDF
1.
Worauf beruhen die in dem Lehrplan benannten Bildungsziele und Leitideen?
2.
Werden in dem Lehrplan konkrete Unterrichtsziele formuliert? Wenn ja: In welcher Form geschieht das? Wie konkret sind die Ziele formuliert?
3.
Werden den Lehrkräften konkrete Lehrangebote zur Zielerreichung unterbreitet?
4.
Werden Lernprozesse beschrieben, die Lernende durchlaufen sollten?
5.
Werden Unterrichtsmaterialien benannt, die Lernprozesse unterstützen können?
6.
Werden Vorschläge für Unterrichtsmethoden zur Erreichung von Lernzielen beschrieben?
7.
Welche Verfahren zur Kontrolle der Lernergebnisse werden beschrieben?
Tabellarische Analyse: Landesrahmenlehrplan ATA / OTA Baden-Württemberg
Nr.
Fragestellung
Analyse und Antwort auf Grundlage des Landesrahmenlehrplans ATA / OTA Baden-Württemberg
• Rechtliche und berufsrechtliche Grundlage: Sie basieren unmittelbar auf den gesetzlichen Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Berufe ATA und OTA (ATA-OTA-G, insbesondere §§ 7–10) sowie den Anlagen 1 (OTA) und 3 (ATA) der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (ATA-OTA-APrV).
• Pädagogisches Leitbild: Auf der Ausrichtung an einer ganzheitlichen beruflichen Handlungskompetenz im Rahmen des lebenslangen Lernens, die sich in fünf Dimensionen auffächert: Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz, Personalkompetenz und situative Kompetenz.
• Berufsethisches und fachliches Verständnis: Auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Medizin, Medizintechnik, Pflegewissenschaft und Bezugswissenschaften sowie dem Schutz der Patientensicherheit, der Berücksichtigung individueller Lebenswelten und dem verfassungsrechtlichen Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht der Patientinnen und Patienten.
• Ja, sehr detailliert: Sie werden tabellarisch in der Spalte „Kompetenzziele“für jeden einzelnen Kompetenzschwerpunkt und jede Unterkategorie (1a–1k bzw. 1l) formuliert.
• Form der Formulierung: Die Zielformulierungen nutzen durchgehend das System der Lerntaxonomie nach Bloom in sechs kognitiven Stufen (K1: Wissen, K2: Verständnis, K3: Anwendung, K4: Analyse, K5: Synthese, K6: Beurteilung), wobei jeder Zielformulierung die entsprechende Stufe explizit in Klammern angefügt ist (z. B. (K3) oder (K5)).
(K3)
(K5)
• Konkretheitsgrad: Sie sind operationalisiert formuliert unter Verwendung eindeutig beobachtbarer Handlungsverben (z. B. „erkennen“, „anwenden“, „sach- und fachgerecht lagern“, „reflektieren und evaluieren“). Dadurch wird das geforderte Anspruchs- und Prüfungsprofil unmissverständlich vorgegeben.
• Ja, in Form eines thematischen Inhaltskatalogs: In der Spalte „Inhalte“werden den Lehrenden strukturierte Stoff- und Themenkataloge für jede Unterkategorie an die Hand gegeben (z. B. konkrete Nahtmaterialien, Instrumentenkunde, chirurgische Krankheitsbilder, Pharmakologie, Notfallmanagement).
• Exemplarischer Charakter: Die Inhalte sind oft bewusst mit Zusätzen wie „z. B.“, „insbesondere“ oder „Exemplarisches Erarbeiten von...“ deklariert. Die Lehrkräfte erhalten so ein inhaltliches Lehrangebot, behalten aber didaktische Gestaltungsspielräume zur Schwerpunktsetzung an der eigenen Schule.
• Ja, systematisch über Taxonomiestufen und Spiralprinzip: Der Lernprozess wird als stufenweiser Aufbauprozess von basalen Kenntnissen hin zur reflexiven Handlungskompetenz beschrieben. Lernende beginnen beim Wiedergeben und Verstehen (K1/K2), erproben dies in Handlungen (K3), analysieren komplexe Zusammenhänge (K4) und gelangen schließlich zur eigenständigen Steuerung, Koordination und Bewertung (K5/K6).
• Modell der vollständigen Handlung: Die Lernprozesse sind prozesshaft aufgebaut: Von der Informationsbeschaffung und präoperativen Vorbereitung über die Durchführung (Assistenz/Instrumentieren/Springertätigkeit) bis hin zur Evaluation, Nachbereitung und Reflexion im interprofessionellen Team.
• Konkrete Lehrbücher werden nicht vorgegeben: Der Lehrplan verzichtet bewusst auf die Nennung kommerzieller Schulbücher oder Verlagswerke.
• Reale Praxis-, Dokumentations- und Arbeitsmittel werden verbindlich genannt: Es werden spezifische klinische und berufsbezogene Materialien angeführt, die im Unterricht herangezogen und trainiert werden müssen:
– Checklisten (z. B. WHO-Checkliste Safe Surgery, Team-Time-Out)
– Erhebungsbögen und Scoring-Systeme (MEWS, Glasgow Coma Scale, ASA, RASS, Manchester-Triage-System/MTS)
– Reanimationsleitlinien und Algorithmen (ATLS, Reanimationstraining)
– Medizinprodukte, Nahtmaterialien, Instrumentensiebe, Abdecksysteme, Endoskopie- und Narkosegeräte.
• Ja, simulations- und handlungsorientierte Methoden:
– Lernen im geschützten Raum / Skills-Lab: Expliziter Hinweis auf Simulationstrainings, Notfallübungen und praktisches Fertigkeitstraining (z. B. Reanimationstraining, Schockraumabläufe).
– Workshops: Konkrete Methodenvorgaben wie der „Lagerungsworkshop“(aufgeteilt in Teil I: Allgemeine Lagerungen und Teil II: Spezielle Lagerungen).
– Rollenspiele und Fallarbeit: Zur Schulung von Kommunikation, Deeskalation, ethischen Fallbesprechungen und Beratungsgesprächen (z. B. „Rollenspielbasierte Beratung im beruflichen Kontext“).
– Problemorientiertes Lernen (POL) und Selbstorganisiertes Lernen (SOL):Werden im Bereich der Persönlichkeits- und Lernentwicklung explizit ausgewiesen.
• Keine eigenständigen Testaufgaben im Lehrplantext: Der Lehrplan selbst enthält keine ausformulierten Klausurfragen oder Prüfungsbögen.
• Steuerung über die Taxonomiestufen (Bloom): Die Lernergebniskontrolle wird verbindlich über die den Zielen zugeordneten K-Stufen gesteuert. Eine Lernerfolgskontrolle muss exakt dem geforderten Niveau entsprechen (z. B. bei einer K1-Kompetenz Abfrage von Fachwissen; bei K4 eine Fallanalyse; bei K5/K6 eine praktische Prüfungsaufgabe im Simulations-OP oder eine Fallbeurteilung).
• Bezug zu den staatlichen Abschlussprüfungen: Der Lehrplan verweist auf die verbindlichen mündlichen, schriftlichen und praktischen Prüfungsteile nach der ATA-OTA-APrV (z. B. Instrumentationsprüfungen, Narkoseassistenz, 20-Stunden-Strahlenschutzkurs mit schriftlicher Prüfung nach Strahlenschutzrecht).
5 Lehrplantheorie – Modelle der Lehrplanentwicklung
5.1) Erläutern Sie, welche drei Schichten der Entstehungsbedingungen von Lehrplänen Erich Weniger in seiner Lehrplantheorie aufzeigt.
Erich Weniger beschreibt folgende drei Schichten der Entstehungsbedingungen von Lehrplänen:
Rivalisierende gesellschaftliche Kräfte müssen zu einem politischen Konsens über zu vermittelnde Normen und Zielsetzungen gelangen.
Die Grundüberzeugung muss in einem Lehrplan in Fächer und Inhalte umgesetzt werden.
In der innerschulischen Umsetzung werden vom Lernsubjekt entsprechend der ersten beiden Lehrplanschichten Kenntnisse und Fertigkeiten gefordert.
5.2) Nennen Sie die Kriterien für die Auswahl von Bildungsinhalten, welche Robinsohn in seinem Konzept zur Curriculumrevision benennt.
Robinsohn benennt folgende drei Kriterien für die Auswahl der Bildungsinhalte:
die Bedeutung eines Gegenstandes im Gefüge der Wissenschaft,
die Leistung eines Gegenstandes für Weltverstehen,
die Funktion eines Gegenstandes in spezifischen Verwendungssituationen des privaten und öffentlichen Lebens.
5.3) Erläutern Sie den aktuellen Paradigmenwechsel in der Lehrplantheorie seit dem Jahr 2000.
Der grundsätzliche Paradigmenwechsel in der Entwicklung der Lehrpläne seit dem Jahr 2000 lautete weg von der Input-Orientierung hin zur Outcome-Orientierung (siehe Tabelle 5.2). Dieser Wandel bedeutete, dass man in Lehrplänen nicht mehr vorrangig Lehrziele und -inhalte formulierte, die Schule verfolgen sollte, sondern vielmehr die Fähigkeiten und Fertigkeiten formulierte, die von Schülerinnen und Schülern am Ende einer Lernsequenz erwartet wurden.
6 Wie entstehen Lehr- bzw. Bildungspläne?
6.1) Erstellen Sie mit Hilfe der Informationen aus Kapitel 6.1 eine stichwortartige Übersicht aller Anlässe für die Änderung von Lehrplänen.
Folgende Aspekte können Anlass für eine Lehrplanreform sein: fachliche und gesellschaftliche Entwicklungen; Orientierung der neuen Lehrpläne an Bildungsstandards; Umstellung auf eine durchgängige Kompetenzorientierung; Ergebnisse von internationalen Schulleistungsvergleichen (z. B. PISA); didaktische Neuerungen weg vom Stoff hin zu Wissen und Können; Entkoppelung von sozialer Herkunft, Zuwanderungsgeschichte und Bildungserfolg; Veränderung der Altersstruktur; Umstrukturierung des Schulsystems (Schaffung eines Zwei-Säulen-Systems); flächendeckender Fachkräftemangel; internationale Verpflichtungen (Forderung nach Inklusion durch UN-Behindertenrechtskonvention)
6.2) Entwickeln Sie auf Grundlage des Textes aus dem Berliner Schulgesetz einen schematischen Ablaufplan für die Entwicklung eines Rahmenlehrplans.
Die für das Schulwesen zuständige Senatsverwaltung setzt zur Entwicklung der Rahmenlehrpläne Kommissionen ein.
Mitglieder werden von dem für das Schulwesen zuständige Mitglied des Senats berufen.
Landesinstitut für Schule und Medien koordiniert die Lehrplanarbeit.
Rahmenlehrpläne werden von der Senatsverwaltung erlassen.
Rahmenlehrpläne werden regelmäßig evaluiert und nach spätestens zehn Jahren überarbeitet.
7 Wie sind Lehrpläne aufgebaut?
7.1) Beschreiben Sie den Unterschied zwischen den drei Formen der Zieldarstellung „Lernziele“, „Bildungsstandards“ und „Kompetenzen“ in Lehrplänen.
Lernziele beschreiben möglichst eindeutig ein Verhalten, das die bzw. der Lernende nach erfolgreicher Lernerfahrung erworben hat. Kompetenzen zielen demgegenüber auf die erfolgreiche und verantwortungsvolle Bewältigung von Aufgaben und Problemstellungen. Kompetenzbeschreibungen stellen eine Zielperspektive für längere Abschnitte eines Lernprozesses dar. Unter Bildungsstandards wird die Aufstellung fachlicher Kompetenzen verstanden, die Lernende bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Schullaufbahn erworben haben sollen. Der Perspektivwechsel zu den Lernzielen besteht darin, dass die Bildungsstandards nicht mehr zu behandelnde Unterrichtsprozesse oder Unterrichtsinhalte beschreiben, sondern auf das konkrete Können der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet sind.
8 Der Lehrplan im Kontext schulischer Arbeit
8.1 „Entwickeln Sie auf der Grundlage des für Ihr Unterrichtsfach gültigen Lehrplans einen Stoffverteilungsplan für ein Schuljahr. Gehen Sie davon aus, dass ein Schuljahr etwa 40 Schulwochen umfasst.“
Didaktischer Rahmen nach Studienbrief 2 SPK:
Ein Stoffverteilungsplan dient der systematischen mittel- und langfristigen Unterrichtsplanung, indem die curricularen Vorgaben auf die verfügbare Unterrichtszeit verteilt werden.
Im beruflichen Unterricht erfolgt die Planung handlungsorientiert entlang von Lernfeldern und Lernsituationen im Sinne der vollständigen Handlung (Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren, Bewerten).
Grundlage aus dem Landesrahmenlehrplan BW (OTA):
Gewählt wird das 1. Ausbildungsjahr (Ausbildungsstart bis Basiseingriffe) mit Inhalten aus Kompetenzschwerpunkt 1 (Berufsbezogene Aufgaben planen und ausführen), Kompetenzschwerpunkt 6(Kommunikation) und Kompetenzschwerpunkt 8 (Hygiene).
Berechnungsgrundlage: 40 Schulwochen im Schuljahr bei durchschnittlich 12 Unterrichtsstunden (U-Std.) Fachtheorie/Fachpraxis pro Schulwoche = ca. 480 Unterrichtsstunden Gesamtvolumen.
Stoffverteilungsplan für das 1. Ausbildungsjahr (40 Schulwochen)
Schulwochen
Stundenumfang
Kompetenzschwerpunkt (Landesrahmenlehrplan)
Thematische Lernsituation / Inhalte
Taxonomiestufe & didaktische Methode
Woche 1–4
48 Std.
KS 8a–8c: Hygienische Arbeitsweisen beherrschen
Basishygiene und Asepsis im OP:
• Infektionsketten, Übertragungswege, Mikrobiologie
• Bauliche Schleusensysteme (Personal, Patient, Material)
• Chirurgische Händedesinfektion und Non-Touch-Technik
• Steriles Einkleiden und steriler Tischbezug
K3 / K5
Praktisches Training im Simulations-OP
Woche 5–8
KS 8d–8e: Aufbereitung von Medizinprodukten
Instrumentenkunde und Sterilgutversorgung:
• Werkstoffkunde (Stahl, Kunststoffe), Korrosionsarten
• Einstufung von Medizinprodukten (unkritisch bis kritisch C)
• Dekontaminations- und Sterilisationskreislauf (AEMP/ZSVA)
• Rechtliche Normen (KRINKO/BfArM-Empfehlung, MPBetreibV)
K2 / K4
Fallbearbeitung, Materialerkundung
Woche 9–14
72 Std.
KS 1e: Grundlagen Anatomie & Physiologie
Naturwissenschaftliche und anatomische Grundlagen:
• Zytologie, Gewebelehre, Wundheilung
• Anatomie und Physiologie des Magen-Darm-Trakts
• Topografie und Organe des Abdomens
• Allgemeine Pathologie (Entzündungsprozesse, Hernien)
K2 / K3
Fachsystematischer Unterricht
Woche 15–20
KS 1c, 1d, 1e: Allgemein- und Viszeralchirurgie
Instrumentiertätigkeit bei Basiseingriffen:
• Schnittführung und Eröffnung des Abdomens (Laparotomie)
• Instrumentieren bei Appendektomie und Cholezystektomie
• Nahtmaterialkunde, Fadenstrukturen, Nadelformen
•Zählkontrolle (Textilien, Nadeln, Instrumente) nach Standard
K4 / K5
Simulationsübungen am Instrumentiertisch
Woche 21–25
60 Std.
KS 1g: Springertätigkeit & Lagerung
Patientensicherheit und Zudienertätigkeit:
•Einschleusen und Übernahme von Patientinnen/Patienten
•Grundlagen der Patientenlagerung (Rücken-, Steinschnittlagerung)
•Dekubitus- und Nervenschadenprophylaxe
• Zureichen von Sterilgütern, Bedienung unsteriler Geräte
K3 / K4
Lagerungsworkshop
Woche 26–29
KS 1h:Medizintechnische Geräte
Gerätetechnik im Operationssaal:
• HF-Chirurgie: Monopolare und bipolare Anwendung, Neutralelektrode
• Aufbau und Inbetriebnahme des Laparoskopieturms (Insufflator, Optik, Lichtquelle)
•Saugsysteme, OP-Tischbedienung, Sicherheitsvorschriften
•Technische Störungsmeldung und Fehlerbehebung
Geräteeinweisung und Funktionskontrolle
Woche 30–33
KS 6a–6c:Kommunikation & Interaktion
Kommunikation im OP und Patientenkontakt:
•Situationsgerechte präoperative Patientenansprache (Angstreduktion)
• Speak-Up-Kultur und Kommunikation in kritischen Situationen
• Team-Time-Out und Übergabegespräche (SBAR-Schema)
•Interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Pflege und Chirurgie
Rollenspiele und Fallreflexion
Woche 34–37
KS 1c, 1e: Traumatologie / Basiseingriffe
Einführung in die Knochenbruchbehandlung:
•Frakturlehre, Wund- und Weichteilschaden
•Basisinstrumentarium der Osteosynthese (Schrauben, Platten)
•Aseptisches Arbeiten bei Knocheneingriffen
•Strahlenschutz und Bildverstärkereinsatz im Saal
Handlungsorientierte Fallanalyse
Woche 38–40
36 Std.
KS 1a, KS 5d–5f:Qualität & Lernerfolgskontrolle
Evaluation, Dokumentation und Reflexion:
• OP-Dokumentation und Zählprotokollführung
•Fehleranalyse und CIRS-Meldesystem
•Zusammenfassende Fallbearbeitung im Rahmen der vollständigen Handlung
•Lernerfolgskontrolle: Schriftliche und praktische Überprüfung der Jahreskompetenzen
9 Grundlagen der Lehrplananalyse
9.1 „Analysieren Sie einen Lehrplan unter einer spezifischen, von Ihnen selbst gewählten, Fragestellung mit Hilfe des hermeneutischen Zirkels.“
Gewählte Fragestellung:
In welchem Verhältnis stehen im Landesrahmenlehrplan Baden-Württemberg für Operationstechnische Assistenz (OTA) die eigenständige berufsbezogene Prozessverantwortung und die traditionelle ärztliche Delegation?
1. Vorverständnis des Ganzen (GG):
Ausgangspunkt der Analyse ist das historisch geprägte Vorverständnis der Tätigkeit im Operationsbereich. Traditionell wurde die Rolle des Assistenzpersonals vorwiegend als reine Zuarbeit und Handreichung unter direkter ärztlicher Weisung verstanden. Mit dieser Annahme nähert man sich dem Landesrahmenlehrplan zunächst mit der Erwartung, ein primär arztzentriertes Assistenzcurriculum vorzufinden.
2. Analyse von Text-Einzelteilen (TT):
Bei der gezielten Betrachtung konkreter Textstellen im Lehrplan treten Formulierungen hervor, die diesem Vorverständnis widersprechen:
Im Begründungsrahmen (S. 5–7) wird das Berufsbild über „Vorbehaltsaufgaben“, „Prozessverantwortung“ und „eigenverantwortliche Aufgaben“ definiert.
Im Kompetenzschwerpunkt 1g (S. 40) wird für die Auszubildenden gefordert: „Die Auszubildenden koordinieren Arbeitsprozesse, indem sie das Schnittstellenmanagement übernehmen. (K5)“ sowie „Die Auszubildenden beurteilen die Koordinationsmaßnahmen und reflektieren die Zusammenarbeit. (K4)“.
Diese Einzelteile belegen eine Anforderung auf hohen kognitiven Taxonomiestufen (K5: Synthese, K4: Analyse), die weit über ein rein passives Befolgen von Anweisungen hinausgeht.
3. Rückkopplung zum erweiterten Verständnis des Ganzen (G1G1):
Die Interpretation dieser spezifischen Einzelteile wirkt auf das Gesamtverständnis des Lehrplans zurück: Das Dokument ist kein reiner Anforderungskatalog für Delegationsassistenzen, sondern ein eigenständiges professionsbildendes Curriculum. Das im Lehrplan verankerte Gesamtziel ist der Aufbau einer eigenverantwortlichen beruflichen Handlungskompetenz zur selbstständigen Steuerung perioperativer Abläufe.
4. Analyse weiterer Text-Einzelteile (T1T1):
Mit diesem veränderten Blick auf das Ganze werden die Abschnitte untersucht, die sich mit ärztlichen Anordnungen befassen:
Im Kompetenzschwerpunkt 2b (S. 57–60) werden ärztlich veranlasste Maßnahmen wie Injektionen, Punktionen und Patientenlagerungen aufgeführt.
Im Kompetenzschwerpunkt 5a (S. 72) werden diese Maßnahmen jedoch zwingend an rechtliche Kriterien gebunden: „Zivilrechtliches Haftungsrecht, Übernahmeverantwortung, Durchführungsverantwortung“.
Auch im Delegationsbereich verlangt der Lehrplan somit kein blindes Gehorchen, sondern die eigenständige Prüfung der fachlichen Durchführbarkeit und rechtlichen Zulässigkeit.
5. Hermeneutische Synthese / Endergebnis (G2G2):
Durch das zirkuläre Wechseln zwischen den Einzelteilen und dem Gesamtzusammenhang beantwortet sich die Fragestellung wie folgt: Der Lehrplan trennt präzise zwischen der medizinischen Letztverantwortung und der operativen Prozessverantwortung. Die medizinische Indikation und Durchführung des chirurgischen Eingriffs verbleiben originär bei der Ärztin bzw. beim Arzt. Die perioperative Prozessgestaltung – darunter Asepsis, Saalorganisation, Instrumentierkoordination, Zählkontrollen, Lagerungsqualität und Patientensicherheit – wird im Landesrahmenlehrplan hingegen als eigenständiges, rechtlich geschütztes und eigenverantwortliches Aufgabenfeld der Operationstechnischen Assistenz festgeschrieben.
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