Laut der International Headache Society (IHS) erfolgt eine Unterschiedung folgender Kopfschmerzen:
Primäre Kopfschmerzen: weisen den Schmerz als Hauptsymptom auf, ohne dass eine andere strukturelle Erkrankung vorliegt.
Sekundäre Kopfschmerzen: sind symptomatische Kopfschmerzen, d.h. sie werden durch andere Erkrankungen verursacht, wie z.B. durch ein SHT oder eine intrakranielle Raumforderung -> kausal behandelt -> Durch eine Substanz oder deren Entzug
kraniale Neuralgien, zentraler und primärer Gesichtsschmerz und andere Kopfschmerzen: aufgrund von Neuralgien im Gesicht-Hals-Bereich auftreten und im entsprechenden nervalen Versorgungsbereich wahrgenommen werden -> Trigeminusneuralgie
Was gehört zu den primären Kopfschmerzen?
Migräne
Spannungskopfschmerz (am häufigsten)
Clusterkopfschmerz (am seltensten)
Was ist die häufigste Form der kranialen Neuralgie?
Trigeminusneuralgie
Was ist Ziel des Notfallmanagements bei Vorliegen von Kopfschmerzen?
Schnellstmögliche Identifikation sekundärer Kopfschmerzen und ihrer Ursachen
Wie erfolgt das Notfallmanagement bei Vorliegen von Kopfschmerzen?
Überprüfung, ggf. Sicherung + Monitoring der Vitalfunktion (ABC)
venöse Blutentnahme
i.v.-Zugang
BGA, Notfalllabor
Bedarfsgerechte Schmerztherapie (adäquat zur Situation!)
Beginn und bedarfsgerechte Eskalation einer Schmerztherapie bei leichten bis moderaten Schmerzen, bei moderaten bis starken Schmerzen, bei neuralgiformen (Gesichts-)Schmerzen
Bei leichten bis moderaten Schmerzen: nicht-Opioid-Analgetikum, z.B. Ibuprofen oder Metamizol
Bei moderaten bis starken Schmerzen: Kombination zweier nicht-Opioid-Analgetika + Opioid, z.B. Oxycodon unretardiert oder Piritramid
bei neuralgiformen (Gesichts-) Schmerzen: paralleler Beginn einer neuropathischen Schmerztherapie mit Carbamazepin oder Pregabalin
bei nicht beherrschabaren neuralgiformen Schmerzen: Schnellaufsättigung mit Phenytoin i.v. möglich
Was ist das Problem des Metamizols?
Macht Agranulozytose, daher nur wenn das Ibuprofen nicht vertragen wird
Was muss man zum Diclofenac als NSAR beachten?
Eher in der Orthopädie anwenden aufgrund der antiinfalmmatorischen Wirkung,
Magenulkus-Gefahr
Was müssen wir zum ASS als NSAR wissen?
Bei primären Kopfschmerzen sehr wirksam, hemmen irreversibel die Blutgerinnung
Was muss man bzgl. Paracetamol als NSAR wissen?
irreversible Leberschädigung
Schlechte Analgesie
Gute Fiebersenkung
Maximaldosis des Ibuprofen über 24h
2,4g
Bei einer Körpertemperatur von >38,5°C wird was angewandt?
Antipyretikum (z.B. Paracetamol)
Was ist Inhalt einer strukturierten Schmerzanamnese hinsichtlich Kopfschmerzen?
Zeitliche Einordnung
Intensität
Lokalisation
Charakter
Begleitfaktoren
Die fünf W der Kopfschmerzanamnese sind welche?
Wann / wie lange?
Wie stark?
Wo?
Wie?
Welche Begleitfaktoren?
Neurologische Untersuchung bei Kopfschmerzen?
Zusätzlicher Fokus auf Augenerkrankungen oder Entzündungen im Kopf- /Halsbereich (Begleitsymptome?)
Zeitliche Einordnung des Kopfschmerzes in der Anamnese
Seit wann besteht der Schmerz?
Mit welcher Dynamik hat der Schmerz begonnen?
Erstmaliger oder wiederkehrender Schmerz?
Aktuell durchgehender oder attacken- / epidosenartig verlaufender Schmerz?
wie lange dauern die Attaken / Episoden?
Schmerzintensität
Einschätzung anhand numerischer oder visueller Analogskala (0-10)
Konstante oder variable Schmerzintensität?
Sind schmerzfreie Intervalle vorhanden?
Schmerzlokalisation
Kopfschmerz im engeren Sinne oder Gesichtsschmerz?
Ein- oder beidseitig lokalisiert?
Auf bestimmte Region begrenzt oder holozephal?
Stationär oder wandernder Schmerz?
Oberflächlicher oder tiefer Schmerz?
Schmerzcharakter
Dumpfer oder scharfer Schmerz?
Neuralgiformer Schmerz?
Begleitumstände
Kopfschmerzen / bestimmte primäre Kopfschmerzerkrankungen bekannt?
Wenn ja, warum erfolgt jetzt eine notfallmäßige Vorstellung?
Aurasymptomatik?
Übelkeit und/oder Erbrechen?
Lichtscheu / Lärmempfindlichkeit?
Schmerzauslöser / lindernde Faktoren?
(prädisponierende) Vorerkrankungen?
(prädisponierende) Medikamente?
Nikotin- / sonstiger Substanzkonsum?
Bei folgenden Warnsymptomen (Red Flags) sollte umgehende Diagnostik erfolgen. Welches sind diese?
Vernichtungskopfschmerz / noch nie da gewesener Kopfschmerz (z.B. bei Subarachnoidalblutung)
Fieber (z.B. bei Meningitis)
Fokale Ausfallsymptomatik (z.B. bei Schlaganfall)
Vigilanzminderung (z.B. nach Trauma)
Hirndruckzeichen (z.B. Bewusstseinsstörungen / Übelkeit durch intrakranielle Raumforderung)
Meningismus (z.B. bei intrakraniellen Blutungen)
Augenschmerz (z.B. Glaukomanfall)
Wenn die Bildgebung nicht sicher ist oder trotz Symptomatik unauffälig ist muss man was machen?
Notfall-Liquordiagnostik
Welche Notfälle sind sofort zu behandeln?
SAB: Vernichtungskopfschmerz, Bewusstseinseinstörung, Meningismus, massives Erbrechen
Meningitis: Fieber, Meningismus
TIA: Amaurosis fugax (=Sehstörung), Halbseitensymptomatik, Hemianopsie
Glaukom: rotes & verhärtetes Auge
Einklemmung: Zunahme der Kopfschmerzen im Liegen
Was sind die Triggerfaktoren der Migräne?
Wetterwechsel, Kälte
Bestimmte Genuss- und Nahrungsmittel: z.B. Alkohol, Nikotin, Milch, Glutamat
Hypoglykämie
Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus / Zeitverschiebung
Nach einer anstrengenden, stressigen Zeit (sog. “Feiertagsmigräne”)
Bei Frauen zusätzlich:
Menstruation
Hormoneinnahme (hormonelle Kontrazeptiva)
Defintion Prodromi
Vorboten treten ein paar Stunden bis 2 Tage vor der Migräneattacke auf
Welche Prodromi gibt es bei der Migräne?
Stimmungsveränderungen
Heißhunger / Appetitlosigkeit
Schwierigkeiten beim Schreiben / Lesen
Vermehrtes Gähnen
Erschöpfung
Hpyo- / Hyperglykämien
Polyurie
Polydipsie
Kopfschmerzcharaktersitika der Migräne sollten man wonach einteilen?
Lokalisation: ca. 60% einseitig (kann auch während eines Anfalls die Seite wechseln), insb. frontal, frontotemporal, retroorbital
Dauer: 4-72h
Verlauf: langsam zunehmender Schmerz
Charakter: pulsierend, bohrend, hemmernd
Typische Begleitsymptomatik der Migräne
Phonophonie
Photophonie
Appetitlosigkeit
Übelkeit
Erbrechen
Leichtes Augentränen
Geruchsüberempfindlichtkeit
Verstärkung durch körperliche Tätigkeit
Wie sind Patienten mit einer Migräne im Gegensatz zum Cluster-Kopfschmerz?
Patienten mit einer Migräne sperren sich eher in einem dunkelen, ruhigen Zimmer ein, während Patienten mit dem Cluster-Kopfschmerz wild durch die Gegend rennen
Wie ist eine Aura bei der Migräne?
Visuelle Phänomene (früher Migraine ophtalmique)
Binokuläres Skotom: Umschriebender Visusausfall (negatives Skotom)
Binokuläres Flimmerskotom (positives Skotom) von parazentral nach peripher wandernd
Photopsien (Lichtblitze)
Grelle Farbwahrnehmung
Sensibilitätsstörungen
Aphasie
Welches sind die Diagnosekriterien für eine Migräne laut der IHS?
A: Mindestens 5 Attacken mit Kriterien B-D
B: Kopfschmerzdauer ohne Behandlung oder nicht erfolgreiche Behandlung 4-72h
C: Mindestens 2 der folgenden Kriterien
Halbseitiger Schmerz
Pulsierender Charakter
Mäßiger bis schwerer Schmerz
Schmerz verstärkt durch körperliche Aktivität
D: Während der Attacke, mindestens ein Begleitsymptom
Übelkeit / Erbrechen
Licht- / Geräuschempfindlichkeit
E: Ausschluss anderer Kopfschmerzarten
Wie sieht die Akuttherapie der Migräne aus?
Nicht steroidales Analgetikum, z.B. ASS (500) oder Metamizol plus Antiemetikum, z.B. Metoclopramid
bei schwerer Migräneattacke oder fehlendem Ansprechen auf Analgetika: Triptane
schneller Wirkeintritt: Bspw. Sumatriptan oder Zolmitriptan nasal
mittelschneller Wirkeintritt, längere Wirkdauer: Bspw. Sumatriptan oder Zolmitriptan oral
Defintion Status migraenosus
Anhaltende Migräneattacke mit einer Dauer >72h
Therapie des Status migraenosus
Coticosteroid als Einmalgabe, z.B. Prednisolon oder Dexamethason
Was ist die schnellte und wirksamste Akutbehandlung einer Migräneattacke?
Subkutane Applikation von Sumatriptan (3 oder 6mg)
Medikamentöse Prophylaxe einer Migräne
Betablocker (Metoprolol)
Ca-Kanalblocker (Flunarizin)
Antidepressivum (Amitriptylin)
Anti-CGRP-Antikörper (Erenumab)
Was sind die Diagnosekriterien des Clusterkopfschmerz?
A: Wenigstens 5 Attacken, die die Kriterien B-D erfüllen
B: Starke / sehr starke einsitig orbital, supraorbital und/oder temporal lokalisierte Schmerzattacke, die unbehandelt 15-180 Minuten anhalten
C: mindestens eines der folgenden Begleitsymptome:
ipsiplaterale konjunktivale Injektion und/oder Lakrimation
ipsiplaterale nasale Kongestion und/oder Rhinorrhö
ipsiplaterale Lidödem
ipsiplaterales Schwitzen im Bereich der Stirn oder des Gesichts
ipsiplaterale Miosos und/oder Ptosis
körperliche Unruhe oder Agitiertheit
D: Attackenfrequenz liegt zwischen einer Attacke jeden zweiten Tag und acht pro Tag
E: Der Kopfschmerz ist nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen
Medikamente zur Behandlung einer akuten Schmerzattacke (Cluster-Kopfschmerz)
Sauerstoff: Inhalation von 7l/min
Sumatriptan 6mg s.c. oder 20mg nasal oder
Zolmitriptan 5mg nasal oder 5-10mg oral
Lidocain 1ml 4% Lösung nasal (off-label)
Kontraindikation der Triptane
bei allen Gefäßerkrankungen (aufgrund der Vasokonstriktion)
Medikamente zur Prophylaxe gegen Clusterkopfschmerz
Verpamil 240-760mg retadiert
Prednisolon 40-60mg (zur Kurzzeittherapie)
Lithium 600-1500mg/d
Methysergid 4-8mg/d
Topiramid 100-200mg/d
Valproat 600-2000mg
Interventionelle Therapie des Clusterkopfschmerz
Blockade des N. occipitalis major
Stimulation des N. occipitalis major
Stimulation des Ganglion sphenopalatinum
Tiefe Hirnstimulation
Veraltet: Durchtrennung des N. trigeminus und andere destruktive Verfahren
Wann ist ein interventionelles Verfahren gegen einen Clusterkopfschmerz indiziert?
Erst nach Versagen aller medikamentösen Maßnahmen und sicherem Ausschluss eines sekundären Clusterkopfschmerz
Durchschnittliche Dauer eines Clusterkopfschmerz?
30-40Min.
Häufigkeit eines Clusterkopfschmerz
i.d.R. 1-3 Anfälle in 24h
Besonderheiten des Clusterkopfschmerz
Häufig nächtliches Auftreten, Patient ratlos und läuft umher (“Pacing around”)
Begleitsymptome des Clusterkopfschmerz
Ipsilaterl:
Schwitzen
Augentränen
Gesichtsrötung
Nasenlaufen
Muskelverspannungen
Phono- / Photophobie möglich
Schmerzcharakter des Clusterkopfschmerz
Stechend, brennend
Mögliche Ausläuser eines Clusterkopfschmerz
Alkohol
Schlafmangel
Nitrate
Lichtreize
Diagnostische Kriterien eines Spannungskopfschmerz
A: Ein Kopfschmerz, der die Kriterien B-D erfüllt, tritt an durchschnittlich >15 Tagen/Monat über mind. 3 Monate (mind. 180J/Jahr) auf
B: Der Kopfschmerz hält für Stunden an oder ist kontinuiertlich vorhanden
C: Der Kopfschmerz weist mind. 2 der folgenden Charakteristika aus:
beidseitige Lokalisation
Schmerzqualität drückend oder beengend, nicht pulsierend
leichte bis mittlere Schmerzintensität
keine Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten wie Gehen oder Treppensteigen
D: beide folgende Punkte sind erfüllt:
höchstens eines ist vorhanden: milde Übelkeit oder Photophobie oder Phonophobie
weder Erbrechen noch mittlere bis starke Übelkeit
E: Nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen
Welche weiteren Arten des Spannungskopfschmerz gibt es?
Sporadisch: mit denselben Diagnosekriterien -> aber seltener (<1 Tag/Monat) mind. 3 Monate mit Kopfschmerzdauer zwischen 30 Minuten und 7 Tagen
Gehäuft: mit denselben Diagnosekriterien -> aber >1 Tag/Monat, aber <15 Tage pro Monat mit Kopfschmerzdauer zwischen 30 Minuten und 7 Tagen
Was kann typischerweise einen Spannungskopfschmerz auslösen?
Stress
Verspannungen der Nackenmuskulatur
Koffein- oder Nikotinabusus
Depression
Angststörung
Funktionsstörung des Kauapparats
Prophylaxe des Spannungskopfschmerz
Verbesserung der Ergonomie am Arbeitsplatz
Verhaltenstherapie (Techniken zur Stressbewältigung)
Progressive Muskelentspannung nach Jacobson
Leichtes Ausdauertraining
EMG-Biofeedback
(Selbst-) Massage der perikaraniellen Muskluatur
Wärmetherapie
(Präventive) Physiotherapie (Rückenschule, isometrische An- und Entspannungsübungen der perikraniellen Muskualtur)
Akupunktur
Prophylaxe beim chronischen Spannungskopfschmerz
Amitriptylin
Mirtazapin (Off-Label Use)
Akuttherapie beim Spannungskopfschmerz
Möglichst Analgetikagabe vermeiden und auf max. 10 Tage pro Monat begrenzen
Pfefferminzöl
ASS
Ibuprofen
Metamizol
Was ist in der Akuttherapie beim Spannungskopfschmerz unwirksam bzw. aus anderen Gründen nicht sinnvoll?
Opioide
Muskelrelaxantien
Benzodiazipine
Indometacin
Schmerzcharakter des Spannungskopfschmerz
Dumpf, drückend
“Schraubstockgefühl”
Besonderheiten des Spannungskopfschmerz
Körperliche Aktivität verstärkt den Schmerz nicht (eher im Gegenteil)
Kein Erbrechen
Begleitsymptome des Spannungskopfschmerz
Phono- / Photophobie mögich
Lokalisation des Spannungskopfschmerz
kompletter Kopf (vom Nacken aus)
Diagnosekriterien des Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch gemäß International Classification of Headache Disoders (ICHD-3)
A:
Kopfschmerzen an >15Tagen / Monat
Vorbestehende Kopfschmerzerkrankung
B: Übergebrauch eines / mehrere Medikamente, die zur akuten und/oder symptomatischen Behandlung von Kopfschemrzen eingenommen werden, für >3 Monate
>10 Tage/Monat: Ergotamin, Opioide, Triptane sowie Kombinationsanalgetika
>15Tage/Monat: Paracetamol, ASS sowie NSAID
C: Nicht besser durch eine andere Diagnose aus der Klassifikation begründbar
Therapie eines Kopfschmez bei Medikamentenübergebrauch
Abruptes Absetzes der Analgetika
Entzugskopfschmerz am 2.- bis 8. Tag
Übelkeit -> MCP
Reduktion der Entzugssymptome -> sedierende trizyklische Antidepressiva Doxepin
Analgetikagabe vermeiden -> besser sedierende niedrigpotente Neuroleptika oder Prednisolon
Verhaltenstherapie
Simultane Therapie der auslösenden Kopfschmerzen (Betablocker bei Migräne, Amitryptilin bei Spannungskopfschmerz)
Kontrolle von Anämie und Leber-/Nierenfunktion
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