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Utilitarismus

AG
von Adele G.

Jeremy Bentham

1. Der Nutzen als ein Prinzip des Guten:

  • Der Mensch reflektiert über Nutzen seit er in der Lage ist, seine Gedanken zu ordnen. Nutzen wird als eine höhere Form des Guten verstanden, die über das bloße Lustprinzip hinausgeht. Im Gegensatz zum Lustprinzip geht es beim Nutzen darum, dass man zukunftsgerichtet denkt und langfristig das Zuträgliche dem Momentanen, Bequemen oder Lustvollen vorzieht.

  • Der Utilitarismus betont, dass man den Nutzen als Maßstab für Handlungen nutzen kann, aber er stellt auch die Frage, ob man daraus Prinzipien ableiten kann, die zu einer direkten Orientierung der menschlichen Praxis führen.

2. Utilitarismus als Kalkül der Folgen:

  • Bentham stellt den Utilitarismus als ein Kalkül dar, das auf den zu erwartenden Folgen von Handlungen basiert. Er betrachtet dies als theoretisch.

  • Während Ethik bei Kant den Maßstab für die Handlungsmaximen bietet, gibt der Utilitarismus vor, wie Handlungen in Bezug auf deren Ergebnisse sinnvoll verbunden werden können. Die moralische Qualität der Zielsetzungen selbst bleibt dabei jedoch zunächst außen vor.

3. Die vermeintliche „Objektivität“ des Utilitarismus:

  • Eine Attraktivität des Utilitarismus liegt in seiner theoretischen Objektivität – er verlässt das Niveau einer normativen Ethik und fokussiert sich auf eine rein praktische Beschreibung von Handlungen.

  • Doch diese Objektivität kann täuschen, da rein pragmatische Erwägungen (z.B. Wenn-dann-Überlegungen) eine moralische Begründung für Handlungsziele erst finden müssen. Es stellt sich die Frage, was als „gutes“ Ziel anzusehen ist. Dies bedeutet, dass der Utilitarismus selbst oft keine klare Antwort auf den moralischen Gehalt der Ziele gibt.

    • Beispiel: Eine Raubgruppe oder ein totalitärer Staat können ebenfalls utilitaristisch organisiert sein – ihre Organisationsformen sind vielleicht in Bezug auf Effizienz überlegen, aber das sagt noch nichts über den moralischen Wert ihrer Ziele aus.

4. Grenzen des Utilitarismus:

  • Der Utilitarismus in seiner einfachen Form geht davon aus, dass das „Gute“ unmittelbar klar sei, was ein Problem darstellt, da er den moralischen Gehalt und die tiefere Bedeutung der Ziele übersieht.

    • Beispiel: Das Streben nach Lust oder Macht wird als Ziel gesehen, ohne zu klären, ob diese Ziele tatsächlich ethisch gut sind. Dies kann zu einer rein technischen Sicht auf Handlungen führen, ohne dabei eine humane oder ethische Praxis zu fördern.

  • Tatsächlich begründet der Utilitarismus nur eine Technik der Handlungen, jedoch keine tiefere ethische Praxis. In bestimmten Bereichen des Lebens – wie Wirtschaft, Politik oder persönlicher Lebensgestaltung – kann der Nutzen jedoch eine hilfreiche Orientierung bieten, solange man sich der Grenzen dieser Orientierung bewusst bleibt.

5. Wenn der Utilitarismus seine Grenzen überschreitet:

  • Wenn man den Utilitarismus jedoch absolut setzt und ihn als einziges Prinzip nimmt, verfällt er in Nihilismus: Alles wird dann nur noch als Mittel zum Zweck betrachtet, was zu einem Funktionalismus führt.

    • In einem solchen Szenario wird die Steigerung der Fungibilität (also der Austauschbarkeit von Dingen und Menschen) zum Ziel des Handelns, was zu einer Verflachung der moralischen Praxis führt.

  1. Das Panopticon: Eine Idee der Überwachung

    • Bentham ist auch für seinen Entwurf des „Panopticons“ bekannt, einer „idealen“ Gefängnisarchitektur, die auf totaler Überwachung beruht. Die Insassen sind ständig sichtbar, jedoch unbemerkt beobachtet. Diese Idee zeigt, wie ein rein utilitaristischer Nutzenkalkül den Menschen zum bloßen Objekt eines Systems machen kann, ohne Rücksicht auf die Menschenwürde.

  2. Utilitarismus und das „größte Glück der größten Zahl“

    • Bentham verfolgt das Ziel, das größtmögliche Glück für die größte Anzahl von Menschen zu erreichen. Dabei orientiert sich seine Ethik am hedonistischen Prinzip: Handlungen werden danach bewertet, inwieweit sie Lust (Zufriedenheit) fördern und Schmerz vermeiden. Dabei wird auch das Individuum berücksichtigt, wobei es als motiviertes Wesen nach Lust strebt und Schmerz vermeidet.

  3. Der hedonistische Kalkül und die Aufgabe des Gesetzgebers

    • Bentham sieht den Menschen als von Natur aus egoistisch und strebend nach Lustmaximierung. Doch er geht davon aus, dass die Menschen ihre eigenen Interessen mit denen der anderen gleichsetzen können, was zu einem Interessenausgleich führt. Der Gesetzgeber muss diesen Ausgleich fördern, auch durch Sanktionen und Strafen, um das kollektive Wohl zu sichern.

  4. Strafrecht und Prävention im Utilitarismus

    • Im Strafrecht setzt Bentham nicht auf individuelle Verantwortung oder moralische Würde, sondern auf Prävention. Strafen sind nicht dazu da, eine persönliche Schuld zu bestrafen, sondern um zukünftiges Fehlverhalten zu verhindern und das allgemeine Wohl zu maximieren. Das Ziel ist es, das größtmögliche Glück durch die Minimierung von Leiden zu fördern.

  5. „Laissez-faire“ und der Individualismus

    • Bentham vertritt die Ansicht, dass der Staat den Einzelnen nicht bevormunden sollte, wenn es um die Wahl individueller Zwecke geht. Jeder Mensch sei der beste Kenner seiner eigenen Bedürfnisse. Diese Idee verbindet Bentham mit einem liberalen Gedankengut, das die Autonomie des Individuums betont.


John Stuart Mill

1. Verfeinerung des Utilitarismus:

  • Mill, als ein führender Vertreter des Utilitarismus im 19. Jahrhundert, versuchte, einige Probleme des ursprünglichen Bentham-Utilitarismus zu adressieren. Besonders bei Bentham war das Konzept des Glücks hedonistisch und relativ einfach gehalten. Mill ging jedoch weiter und unterschied zwischen verschiedenen Arten von Freuden und betonte, dass nicht alle Freuden gleich wertvoll sind.

  • Mill schlägt vor, dass die wertvolleren Freuden diejenigen sind, die von den meisten Menschen bevorzugt werden, die sie erlebt haben. Er nennt dies das komparative Kriterium der Freudensbewertung.

    • Er formuliert es so: „Von zwei Freuden ist diejenige wünschenswerter, die von allen oder nahezu allen, die beide erfahren haben, entschieden bevorzugt wird.“

2. Optimismus und die Rolle der „höheren Fähigkeiten“:

  • Mill zeigte sich optimistisch, dass die Menschen in ihrer Auswahl zwischen Freuden nicht nur das einfache Glück, sondern auch ihre „höheren Fähigkeiten“ in Betracht ziehen würden.

    • (Diese „höheren Fähigkeiten“ bezieht sich auf die intellektuellen und moralischen Kapazitäten des Menschen, die zu einer differenzierteren und weniger primitiven Auswahl führen sollten.)

3. Das Problem der Gerechtigkeit:

  • Ein weiterer Punkt, den Mill in seinem Utilitarismus behandelt, ist das Streben nach Gerechtigkeit, das nach Mill nicht einfach ignoriert werden kann, wenn man das größte Glück für die größte Zahl anstrebt.

  • Mill versucht, Gerechtigkeit im Rahmen des Utilitarismus zu integrieren, indem er das Prinzip des „größten Glücks der größten Zahl“ als Grundlage für eine gerechte Güter- und Glückschancenverteilung nutzt.

  • Jedoch wird Mill hier kritisiert, weil Gerechtigkeit nicht vollständig mit dem Nutzenprinzip des Utilitarismus vereinbar ist. Gerechtigkeit ist mehr als nur ein nutzenorientiertes Kriterium und umfasst Prinzipien wie Rechtsgleichheit und Freiheit, die nicht einfach in einen Nutzenkalkül eingebunden werden können.

4. Regelutilitarismus:

  • Der Regelutilitarismus ist eine Weiterentwicklung des klassischen Utilitarismus, bei dem nicht einzelne Handlungen, sondern Handlungsregeln hinsichtlich ihres Nutzens beurteilt werden.

  • Der Nutzenbegriff bleibt durch seine empirische Natur subjektiv, was die Anwendung auf allgemeine Regeln problematisch macht, da diese ja objektiv sein müssen.

5. Utilitarismus und Freiheit:

  • In seinem Werk On Liberty (1859) stellte Mill den utilitaristischen Ansatz zur Freiheit auf.

  • Freiheit war für Mill ein zentrales Gut, das vom Staat in seiner Funktion als Schützer der „Freiheit von Schaden“ (negative Freiheit) gewahrt werden sollte. Gleichzeitig erkannte er aber auch die Bedeutung staatlicher Interventionen, die es den Bürgern ermöglichen, informierte und wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen. Dies ging über den reinen Schutz vor Schaden hinaus und umfasste auch die Förderung von Wohlstand und Chancengleichheit im Rahmen eines Wohlfahrtsstaats.


6. Utilitarismus als Gesellschafts- und Politikinstrument:

  • Bei Mill wird am Ende deutlich, dass sein Utilitarismus primär nicht ethische Fragen auf individueller Ebene beantworten möchte, sondern vielmehr ein Programm zur Steuerung von Gesellschaften und Politik darstellt. Mill sieht den Utilitarismus als eine Art Optimierungsansatz, der vor allem ökonomische und gesellschaftliche Wohlfahrt in den Vordergrund stellt.

  • Der Utilitarismus wird hier als ein Werkzeug beschrieben, das versucht, gesellschaftliche Strukturen zu optimieren und dabei bestimmte Aspekte des allgemeinen Wohls (wie ökonomische Wohlfahrt) zu maximieren.

  • Doch dies führt auch dazu, dass das utilitaristische Prinzip abstrakt oder sogar nihilistisch wirken kann, da es sich nicht immer um individuelle ethische Werte oder moralische Handlungsmaximen handelt, sondern vielmehr um eine utilitaristische Kalkulation von Wohl und Nutzen, die nicht immer die Bedeutung von Gerechtigkeit oder moralischer Tiefe widerspiegelt.


Henry Sidgwick


2. Sidgwicks Versuch, den Utilitarismus zu retten:

  • Im 19. Jahrhundert versuchte der Utilitarist Henry Sidgwick, den Utilitarismus mit einem moralischen Intuitionismus zu verbinden, um das ethische Fundament des Utilitarismus zu stärken und ihn mit moralischen Überzeugungen zu harmonisieren, die in der Gesellschaft und der menschlichen Natur verwurzelt sind.

  • Sidgwick ging davon aus, dass der Utilitarismus mit den Prinzipien des „gesunden Menschenverstands“ oder des „common sense“ konvergiert, was bedeutet, dass wir moralische Überzeugungen haben, die nicht nur durch rationale Kalkulationen entstehen, sondern auch in unserer Intuition verwurzelt sind.

  • Er betrachtete den Utilitarismus als wissenschaftlich reflektierte Form dessen, was wir in unserem direkten moralischen Empfinden ohnehin schon wissen. Diese Annahme führte zu ethischen Axiomen wie:

    • Das Wohl eines jeden wiegt so viel wie das Wohl eines anderen („Prinzip der Universalisierung“).

    • Ein kleinerer gegenwärtiger Nutzen ist nicht einem größeren künftigen vorzuziehen („Prinzip der zeitlichen Indifferenz“).

3. Spannungen und Probleme bei Sidgwick:

  • Sidgwick stößt auf Spannungen beispielsweise zwischen dem rationalen Selbstinteresse und dem rationalen Wohlwollen gibt.

  • Problem: Ohne metaphysische Annahmen über eine vorherbestimmte rationale Weltordnung eine egoistische Ethik konsequent verteidigt werden kann.

4. Der "atomistische" Ansatz und seine Grenzen:

  • Der atomistische Ansatz, den Sidgwick und viele andere Denker seit Thomas Hobbes vertreten, betrachtet den Menschen als Einzelwesen, das primär seine eigenen interessen verfolgt.

  • Das bonum commune (das gemeinsame Wohl) wird hier als wesensfremd betrachtet, und das Individuum selbst hat nur eine schwache Vorstellung davon, was das gemeinsame Wohl überhaupt bedeutet. In der utilitaristischen Ethik bleibt das Gemeinwohl eine abstrakte Idee, die durch Intuitionen und nicht durch eine tiefere moralische Einsicht vermittelt wird.

    • bei Kant: Menschheit; bei Hegel: Gemeingeist; in der Stoa: der Logos

  • Diese individualistische Perspektive führt zu der Erkenntnis, dass der Utilitarismus – sowohl in Mill als auch in Sidgwick – Schwierigkeiten hat, eine tragfähige Begründung für soziale Ethik oder eine umfassende moralische Theorie zu liefern, die über individualistische Kalkulationen hinausgeht.


Differenzierungen

1. Handlungsutilitarismus vs. Regelutilitarismus:

  • Handlungsutilitarismus: Dieser basiert auf der Kalkulation des Nutzens jeder einzelnen Handlung.

  • Regelutilitarismus: Im Gegensatz dazu betrachtet der Regelutilitarismus nicht einzelne Handlungen, sondern Handlungstypen oder Regeln, um die moralische Wertigkeit einer Handlung zu bestimmen. Es geht darum zu überlegen, ob eine Regel, wenn sie von allen befolgt würde, insgesamt mehr Nutzen als Schaden bringen würde. Hierbei wird die Frage gestellt: „Was wäre, wenn alle so handelten?“

    • Dies bringt den Regelutilitarismus näher an Kants Maximenprüfung

    • Aber Kant misst die moralische Bedeutung nicht anhand des Nutzens, sondern allein anhand der Übereinstimmung mit der Vernunft.

2. Extremer vs. Eingeschränkter Utilitarismus:

  • Der extreme Utilitarismus befürwortet die Maximierung des Gesamtnutzens, ohne Einschränkungen, was auch dazu führen könnte, dass extreme Maßnahmen wie Experimente an nichteinwilligungsfähigen Personen oder der Einsatz von Massenvernichtungswaffen gerechtfertigt werden, wenn der Nutzen für die Mehrheit überwiegt.

  • Der eingeschränkte Utilitarismus versucht, normativen Grenzen für solche Entscheidungen zu setzen, um die extremen Folgen des hedonistischen Kalküls zu begrenzen.

3. Hedonistischer vs. Idealer Utilitarismus:

  • Hedonistischer Utilitarismus: Dies ist die ursprüngliche Form des Utilitarismus, wie sie von Bentham vertreten wurde. Der Fokus liegt hier auf der Maximierung der Lust oder des unmittelbaren Wohlbehagens.

  • Idealer Utilitarismus: In dieser Form des Utilitarismus werden nicht nur sinnliche Lust und Wohlbehagen berücksichtigt, sondern auch andere Formen der Befriedigung, wie etwa Erkenntnis, Schönheitserleben oder sittliche Genugtuung.

    • John Stuart Mill äußerte bereits den Gedanken, dass es besser sei, ein unzufriedener Mensch als ein zufriedenes Schwein zu sein, und bevorzugte eine höhere Qualität von Freuden.

    • Ein prominenter Vertreter des idealen Utilitarismus ist George E. Moore, dessen Werk Principia Ethica (1903) sich auf intrinsische Werte konzentriert, wie etwa den Wert der Freundschaft oder des Schönen.

4. Präferenzutilitarismus:

  • Der Präferenzutilitarismus geht von der Idee aus, dass der Nutzen nicht nur in Bezug auf Glück oder Lust bemessen werden sollte. Es geht hier um maximale Kompatibilität der Interessen einer größt möglichen Zahl Menschen.

  • Ein zentrales Problem des Präferenzutilitarismus, das besonders bei Peter Singer deutlich wird, ist die Frage, wer überhaupt als „Präferierende“ gilt. Es wird kritisiert, dass Menschen wie Altersdemente, ungeborene Kinder oder Komapatienten, die ihre Präferenzen nicht ausdrücken können, aus der moralischen Kalkulation ausgeschlossen werden.


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Adele G.

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