Einflüsse auf die Entwicklung des Essverhaltens im Mutterleib
Kultur: Gewohnheit/Verfügbarkeit
Genetische Präferenzen
Prägung
Einflüsse auf die Entwicklung des Essverhaltens nach der Geburt (Säugling, Kleinkind, Schulkind, Adoleszenz)
Prägung (nur beim Säugling)
Evolutionsbiologische Programme
Innen- und Außenreize
Lernprozesse
Ernährungserziehung
Adoleszenz
ist die Lebensphase des Heranwachsens vom Kind zum Erwachsenen, typischerweise zwischen 10 und 20 Jahren
Pubertät
Identitätsfindung
Einfluss der Kultur auf das Essverhalten
Die am Ort bestehende Esskultur gibt den großen Rahmen für die Ausbildung des individuellen Geschmacks vor -> Verfügbarkeit von Speisen und Gewohnheiten der Eltern
Durch das Hineinwachsen in das gesellschaftliche Umfeld vor Ort (Sozialisation) wird der Rahmen durch den fortlaufenden Lernprozess verinnerlicht
Überschreitungen des kulturellen Rahmens werden im Erziehungsprozess sozial diskriminiert -> Auf (ungewollte) Überschreitungen wird mit Unwohl sein, Abneigung oder sogar Ekel reagiert
Geschmacksqualitäten, die über die Zunge detektiert werden
Süß
Sauer
Salzig
Bitter
Umami
keine Geschmacksqualitäten sind:
scharf -> Wärmerezeptoren durch Capsaicin aktiviert
“Menthol-Geschmack” -> Kälterezeptoren durch Menthol aktiviert
Fettig?
Geschmacksqualität: Süß
v.a. Mono- und Disaccharide, auch Süßstoffe
Rezeptor: TAS1R2/R3
Geschmacksqualität: Umami
v.a. L-Glutamat, L-Aspartat
Rezeptor: TAS1R1/R3
Geschmacksqualität: Salzig
Salze v.a. NaCl (auch Kalium-, Magnesiumsalze)
Ionenkanäle statt Rezeptoren
Geschmacksqualität: Sauer
Wasserstoff-Ionen (intrazellulärer pH-Wert)
Geschmacksqualität: Bitter
Rezeptoren: TAS2R-Familie
Große Bandbreite an detektierbaren Substanzen
Genetische Präferenzen für Geschmäcker
angeborene Präferenz für süße Speisen -> in sehr tiefen Hirnregionen (Hirnstamm) verankert
“Süß” ist der “Sicherheitsgeschmack der Evolution” -> steht in der Natur oft für “energiereich” und schnell abrufbare Kohlenhydrate
Muttermilch schmeckt durch Laktosegehalt leicht süß
Ablehnung von Bitter-/Sauergeschmack: Aversion -> Schutzmechanismus
bitter = natürlicherweise Giftstoffe
sauer = unreife Früchte
Salziges nur in geringen Konzentrationen akzeptiert, höhere Gehalte werden abgelehnt
Tatsächlich kann schon ein Fetus im letzten Trimenon süß und bitter schmecken und zeigt Reaktionen darauf: Bitter = Ablehnung und süß = Zufriedenheit
Dauer der Entwicklung der Geschmacksorgane
mit 3 Jahren abgeschlossen
Aber Geschmacks-Prägung lebenslang
Angeborene Reaktion auf Geschmackstoffe - süß
Bedeutung: Kohlenhydrate, Energie
Reaktion darauf: positiv
Entwicklung der Reaktion: pränatal
Angeborene Reaktion auf Geschmackstoffe - umami
Bedeutung: Proteine, Energie
Entwicklung der Reaktion: im Alter von 4 bis 6 Monate
Angeborene Reaktion auf Geschmackstoffe - salzig
Bedeutung: Na+ für Wasserhaushalt (Verluste ausgleichen)
Reaktion darauf: konzentrationsabhängig -> angenehm/unangenehm
Arten von Prägung
Pränatale Prägung
Postnatale Prägung
Geschmackswahrnehmung
Geschmack, Geruch, visuelle Signale und akustische Signale
Verrechnung der Signale durch das ZNS
Bewertung: “schmeckt” vs. “schmeckt nicht” -> verändert sich
“schmeckt” = Belohnungszentrum wird aktiviert
Entwicklung und Funktion des gustatorischen System
Geschmackszellen: 7. bis 17. SSW
Papillen: ab 10. SSW
Geschmacksqualitäten: süß, sauer, salzig, bitter, umami
Aber: postnatale Veränderungen durch Reifung neuraler Systeme
Entwicklung und Fuktion des olfaktorischen Systems
Riechzellen: 8. bis 29. SSW
Lösung nasaler Blockade: 16. bis 36. SSW
Wahrnehmung tausender Duftstoffe
Aber: Postnatale Veränderungen durch Reifung neuraler Systeme
8. Woche: Entwicklung erster Geschmacksknospen
13. Woche: Schluckenn von Fruchtwasser
32. Woche: Fruchtwasser ändert seinen Geschmack, Trinkverhalten ändert sich
Essverhalten der Mutter -> indirekter Kontakt zu Aromastoffen über Fruchtwasser
Geschmackliche Vielfalt der Muttermilch durch mütterliche Ernährung (z.B. Knoblauch, Karotte, Minze, Vanille & Ethanol)
Wiedererkennung und Präferenz für bekannte Aromastoffe
Verringerung von Neophobie durch Stillen
Gestillte Kinder wahrscheinlich höhere Präferenz für pflanzliche Lebensmittel, wenn Mutter diese im Stillzeitraum gegessen hat: Adipositas-Risiko sinkt?
Prä- und postnatale sensorische Erfahrung
Säuglinge wurden entweder über das Fruchtwasser oder die Muttermilch dem Geschmack von Karotten ausgesetzt = weniger negative Gesichtsausdrücke beim Füttern mit karottenaromatisiertem Getreidebrei, stärkeres Gefallen am karottenaromatisierten Brei
Als Baby Falschennahrung (mit Vanillin) getrunken = als Jugendliche/Erwachsene: Vorliebe für Ketchup mit Vanille
Als Baby Muttermilch getrunken = Als Jugendliche/Erwachsene: Vorliebe für Ketchup ohne Vanille
Mere exposure effect
Spezifisch-sensorische Sättigung
Das gewohnheitsbildende “Hineinschmecken” in die lokal vorherrschende Esskultur
Biologisches Sicherheitsprinzip: Ich esse nur, was ich kenne
Evolutionsbiologisches Programm zur Maximierung der Sicherheit bei der Speiseauswahl
Stabiliersiert Vorlieben langfristig
Abneigung gegenüber einer sich ständig wiederholenden Geschmacksqualität
“Das hängt mir zum Halse heraus”
Evolutionsbiologisches Programm um einseitige Nahrungsauswahl = potenziellen Nährstoffmangel vorzubeugen
Hemmt Voliebe Kurzfristig
Ausbildung on Aversionen
aufgrund ständiger Wiederholung
aufgrund unangenehmer Erfahrungen zum Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme (kausal oder zeitlich)
Das Experiment von Clara Davis
Nach dem Abstillen Lebensmittel selber aussuchen
Auswahl zwischen Fleisch, Gemüse, Obst, Milchprodukten
Keine Gewürze, kein Zucker, keine Süßigkeiten oder verarbeitete Produkte wie Wurst, Käse oder Brot
Ergebnisse des Experiments von Clara Davis
phasenweise einseitig, aber im Durchschnitt ausgewogene Ernährung
jeder Junge wählte andere Lebensmittel aus = konnten für sich entscheiden, was momentan gut für sie ist
Kinder waren kräftig, aber nicht übergewichtig
Der Mere-Exposure-Effekt und die spezifische-sensorische Sättigung und weitere Innenreize führen über einen längeren Zeitraum zu einer annährend bedarfsdeckenden Auswahl
Drei Komponenten-Modell des Esserverhaltens nach Pudel und Westenhöfer
Innenreize
Außenreize
Koginition
Drei Komponenten-Modell des Esserverhaltens nach Pudel und Westenhöfer - Interpretation
Einfluss der Komponenten verändert sich im Laufe des Lebens
Überformung von Innenreizen durch Außenreize
Außenreize sind von Innenreizen entkoppelt und werden in einem langjährigen soziokulturellen Lernzprozess erworben
Außenreize können Innenreize ablösen: Essen zu bestimmten Mahlzeiten, Verzehrsmenge entsprechend der Portion/Verpackungsgröße
Kognitive Reize bekommen zunehmend Bedeutung, z.B. Pseudowissenschaftlich (Kohl-Diät zum Abnehme oder nach 20 Uhr essen ist ungesund
= biologische Regulation
Primärbedürfnisse, angeboren: Hunger, Durst, Sättigung
Adäquate Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
= kulutrell-familiäre Normierung
Sekundärbedürfnisse, erworben
z.B. es gibt immer Salat zum Abendessen, zu Weihnachten gibt es immer Omas Plätzchen
erlernte Geschmacksvorliebe für die Familienessen
Außenreize - Das Tellertrick-Experiment
Menge auf dem Teller, Tütengröße, Packungsgröße ist für das Stoppsignal entscheidend
Mediennutzung für Kinder
Mediennutzung: “distracted eating” führt leicht zu erhöhter Energieaufnahme
Also:
kein Fernsehen beim Essen
Limits setzen bei der Medienzeit
Kinderprogramme ohne Werbung wählen -> mere exposure effect
Kognition
= rationale bzw. pseudo-rationale Einstellung
Ernährungswissen -> soll gesund sein, deshalb esse ich das
Gesellschaftliche Normen -> Schönheitsideale -> restriktives Essverhalten
Lernprozese
Esskultur
Essen lernen
die am Ort bestehende Esskultur gibt den großen Rahmen für das Essenlernen, innerhalb dessen es zur Ausdifferenzierung des individuellen Geschmacks kommt
operantes Konditionieren = Lernen durch direkt erlebbare positive Verhaltenskonsequenz (geschmackliche oder atmosphärische Verstärkung)
Lernprozesse - Neophobien
Angst vor Neuem/Unbekanntem
Neophobie - 4 bis 6 Monate
Neophobie minimal -> optimaler Zeitpunkt zum Einführen neuer Lebensmittel = Zeitpunkt der Beikosteinführung
Neophobie - 18 bis 24 Monate
Neophobie am stärksten ausgeprägt
Kinder werden eigenständiger -> Neophobie schützt Kinder in diesem Alter vor dem Verzehr schädigender oder giftiger Lebensmittel
Neophobie - bis ca. 5 Jahre
Akzeptanz von neuen Geschmäckern setzt erst nach acht- bis zehnmaligen Verzehr ein
Neophobie - Ältere Kinder/Erwachsene
Strategie “flavour principles”
Wiedererkennen von Geschmäckern
Lernprozesse - Imitationslernen
wichtigste Lernzprinzip für Kinder
beobachtete Verhaltensweisen von Modellen werden in eigenes Verhalten übernommen
Typische Modelle/Vorbilder: Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde, Peers
Modelle sind aber auch: Influencer, Youtube, Stars, …
Beobachtete Verhaltensweisen von Modellen werden in eigenes Verhalten übernommen, wenn die Modelle
mit ihrem Verhalten Erfolg haben (Stärke/Macht)
wenn sie beim Kind emotional positiv besetzt sind
kognitive Ernährungserziehung
Für kognitive Ernährungserziehung bestehen ungünstige Kontingenzverhältnisse
Man verbietet Kinder einfach die vermeintlich ungesunden Lebensmittel = Verbote fördern (ungünstige) Präferenzen
Kontingenzverhältnis
= Relation der Wichtigkeit eines Erlebnisses zu seinem zeitlichen Eintritt
Belohnungsaufschub
Bezeichnet die Fähigkeit, auf eine aktuelle Belohnung (Geschmackserlebnis) zugunsten einer wahrscheinlichen, aber nicht sicheren Belohnung (Gesundheit) in der fernen Zukunft zu verzichten.
Gerade für jüngere Kinder kaum vermittelbar.
Ernährungswissen
Ernährungsunterricht -> was sind gesunde und was ungesunde Speisen? -> Kinder erhalten die richtigen Informationen = Ernährungswissen
Erwünschtes Esserverhalten lässt sich nicht durch viel Ernährungsinformation (Ernährungsunterricht etc.) erzwingen: Fertigkeiten fördern!
Wie man Kinder und Jugendliche zu gesunder Ernährung anleiten kann:
praktische Grundsätze: Praktische Fertigkeiten fördern, Erfolgserlebnisse erzeugen, Emotionale Bindung schaffen
Umsetzung: gewünschtes Verhalten selbst Vorleben, früh in die Zubereitung von Speisen einbinden
Beispiele für die Anwendung praktischer Grundsätze:
Kekse backen
Tee kochen
Gemüse/Kräuter pflanzen, gießen und ernten
“Hilf mir es selbst zu tun” = Fertigkeiten fördern
parallel Wissen und Werte vermitteln
Essen nicht als Belohnung oder Beruhigung -> stattdessen Zuwendung oder Non-food-Artikel
neue Lebensmittel ohne Zwang regelmäßig anbieten
Wie man Kinder und Jugendliche zu gesunder Ernährung “verführen” kann:
Nudging
wenn man mehr Zeit lässt -> + 10 min Familenmahlzeit reichen aus für: +100 g Obst + Gemüse
gesundes Essen mit Geschichten verbinden
gesundes Essen ansprechend anrichten
Möglichst viel Abwechslung in den Speiseplan bringen und immer wieder Neues anbieten
Ernährungserziehung betrifft nicht nur die Lebensmittelauswahl
feste Mahlzeitenstruktur über den Tag schaffen
viel frisch und gemeinsam zubereiten
viele Mahlzeiten gemeinsam als Familie einnehmen -> sind auch soziale Interaktion und Lernerfahrung
es wird alles probiert, mehrmals – erst dann weiß man, was man nicht mag
lieber kleine Portionen und ggf. einen Nachschlag
das Essen mit allen Sinnen erfahren lassen
Kleinkinder wollen das gleiche essen, wie die anderen
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