HiTOP
Hierarchisches Modell
HiTOP geht davon aus, dass psychische Störungen auf kontinuierlichen Dimensionen organisiert sind und sich Symptome zu übergeordneten Spektren bündeln. Transdiagnostische Ansätze greifen diese Logik auf, indem sie diagnoseübergreifende emotionale Prozesse adressieren, etwa folgende 6 Spektren:
Internalisierend/Negative Affektivität (Distress/Fear) Negative Emotionen: Angst, Sorgen, Depression, Traurigkeit
Unter negativer Affektivität wird eine Neigung zu unangemessenem, intensivem und häufigem Erleben negativer Emotionen zusammengefasst, die emotionale Labilität und schlechte Emotionsregulation, negative Einstellungen sowie ein grundsätzliches Misstrauen, geringes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein einschliesst
Disinhibition (Enthemmung)
Schwierigkeiten mit Selbstkontrolle und Planung
Die Enthemmtheit umschreibt impulsives, ablenkbares und risikofreudiges Verhalten, wobei Entscheidungen von Verantwortungslosigkeit, Rücksichtslosigkeit und einem mangelnden Planungsvermögen geprägt sind
Antagonismus
Feindseligkeit, Rücksichtslosigkeit, Manipulation, Aggressivität
wenn soziale Interaktionen von Selbstbezogenheit und Mangel an Empathie geprägt sind, was mit der Nichtbeachtung der Rechte anderer Menschen in Verbindung steht. Dissozialität zeigt sich zudem häufig in einer Kombination von manipulativem, feindseligem und gefühllosem Verhalten gegenüber andere
Thought Disorder (Denkstörung)
Ungewöhnliche Wahrnehmungen, bizarre Gedankeninhalte
Die Domäne Psychotizismus bezeichnet eine formal und inhaltlich ungewöhnliche und seltsam exzentrische Art des Denkens und Handelns
Detachment (Verschlossenheit/Distanziertheit)
Soziale und emotionale Rückzugstendenzen
Somatoform
Körperliche Beschwerden ohne ausreichende medizinische Erklärung
Subfaktoren sind: Sexuelle Probleme, angst, Stress, Manie…
Fragebögen: PID5BF+ (Auswertung)
HiTOP ersetzt kategoriale Diagnosen durch kontinuierliche Dimensionen psychischer Merkmale. Diese dimensionalen Beschreibungen sind klinisch informativer als klassische Diagnosen, da sie näher an der Symptomebene ansetzen und Unterschiede im Schweregrad besser abbilden können. Dadurch geht weniger Information verloren als bei der reinen Entscheidung „Diagnose ja oder nein“.
Ein weiteres zentrales Problem der traditionellen Nosologie sind die willkürlichen Kategoriengrenzen. Feste Schwellenwerte führen dazu, dass Personen mit ausgeprägter, aber knapp unter der Schwelle liegender Symptomatik häufig aus dem Diagnosesystem herausfallen oder als subthreshold gelten. Dies wiederum begünstigt unspezifische NOS- bzw. NNB-Diagnosen. HiTOP reduziert dieses Problem, indem es psychische Symptome als kontinuierlich verteilt betrachtet.
Auch das Phänomen der Komorbidität spielt eine zentrale Rolle. In ICD und DSM treten viele Diagnosen gemeinsam auf, was häufig als diagnostisches Problem gesehen wird. HiTOP interpretiert Komorbidität hingegen als Hinweis auf übergeordnete psychopathologische Dimensionen, die mehrere Störungen zugleich erklären. Untergeordnete Überschneidungen einzelner Diagnosen lassen sich so auf höhere Ebenen der Hierarchie zurückführen.
Symptom ⟶ Syndrom ⟶ Spectra ⟶ Superspectra
Dominantes Spektrum - Zentrale Subdimensionen
iterativen Hypothesenbildung (IHT)
abei lernen die Studierenden, Verdachtsdiagnosen schrittweise zu formulieren, gezielt nach bestätigenden und widerlegenden Symptomen zu suchen und so Diagnosen systematisch zu überprüfen. Dieser Prozess umfasst vier Phasen:
(1) Sammlung vielfältiger Informationen mithilfe offener Fragen und Gesprächstechniken,
(2) Bildung erster Hypothesen,
(3) gezieltes Überprüfen durch weitere Fragen sowie Anwendung von Expertenwissen, und
(4) die Festlegung auf eine vorläufige Diagnose einschließlich Differenzialdiagnosen, Zusatzuntersuchungen und Therapieplanung.
Im Vergleich dazu wird beim IHT der Fokus Primär auf persönliche Geschichten, Ressourcen und Erleben des Patienten gerichtet. Durch offene Fragen, die zum Erzählen anregen sollen, werden vielfältige Informationen gesammelt, woraus eine generierte Hypothese abgeleitet wird. Der Ansatz fördert eine gute Arzt-Patient-Beziehung und verbessert die Erfassung komplexer Störungsbilder wie Suizid. Die tiefe Analyse geht über die Kriterienerfüllung hinaus und kann die Grundlagen für das Störungsbild besser erfassen. Jedoch besteht die Gefahr, dass durch das offene Fragen, wichtige diagnostische Kriterien übersehen werden können, was zu Unvollständigkeit führen kann. Ebenfalls setzt es Erfahrung voraus und erfordert die Fähigkeit, schnell Hypothesen zu bilden und zu prüfen.
Die Ergebnisse zeigten, dass beide Gruppen die Hauptdiagnose Major Depression korrekt erkannten. Die IHT-Gruppe schnitt jedoch bei klinisch wichtigen Zusatzaspekten besser ab: Sie erkannte häufiger akute Eigengefährdung, diagnostizierte mehr komorbide Störungen und fragte insgesamt mehr diagnostische Kriterien ab.
Hier zeigt sich die besondere Relevanz von Strategien wie dem IHT, das eine systematische Verdichtung von Informationen zu überprüfbaren Hypothesen ermöglicht. Der Prozess des hypothesengeleiteten Fragens vergrößert die Datenbasis und führt zu fundierteren diagnostischen Entscheidungen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass IHT die diagnostische Kompetenz insbesondere im Hinblick auf komorbide Störungen und psychiatrische Notfälle verbessert, ohne jedoch das reine Faktenwissen zu erhöhen.
Hawthorne-Effekte
verstärkter Enthusiasmus durch die neue Lehrmethode)
DIPS
Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen
Beim DIPS handelt es sich um eine systematische vollständige Erfassung aller diagnostischen Kriterien. Es handelt sich um überwiegende geschlossene Fragen (Ja,Nein) und es werden gezielte Fragen nach Symptomen, Dauer und Schweregrad gestellt. Durch das Interview-Manual besteht eine vorgegebene Reihenfolge.
Eine höhere Reliabilität weisst das strukturierten Interview DIPS vor. Durch das standardisierte Abfragen wird sichergestellt, dass alle relevanten Kriterien abgefragt werden. Ebenfalls spart es durch die Sprungregeln Zeit ein und ist auch geeignet für unerfahrene Befragenden. Die Gefahr besteh jedoch, dass komorbide Störungen überhöht werden können, die Fragen starr wirken und die individuelle Erlebniswelt des Patienten vernachlässigt wird.
Hohe Objektivität & Reliabilität (alle erhalten gleiche Fragen) •Standardisierte Dokumentation → gute Nachvollziehbarkeit •Vollständige Erfassung der DSM-Kriterien •Effizient & hilfreich für unerfahrene Diagnostiker:innen
•Wirkt mechanisch, kann Beziehung erschweren •Wenig Raum für persönliche Erzählungen
Die AMDP (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie)
stellt ein standardisiertes System zur Erhebung und Dokumentation psychopathologischer Befunde dar. Der psychopathologische Befund bildet dabei einen Kernbestandteil der psychiatrischen Diagnostik, da er den aktuellen psychischen Zustand einer Patientin oder eines Patienten systematisch, differenziert und intersubjektiv nachvollziehbar beschreibt.
Im Gegensatz zur rein klassifikatorischen Diagnostik nach ICD oder DSM, die primär der Zuordnung zu diagnostischen Kategorien dient, fokussiert die AMDP auf die konkreten psychopathologischen Phänomene. Dazu gehören unter anderem Störungen des Bewusstseins, der Orientierung, des Denkens, der Affektivität, der Wahrnehmung, des Antriebs und der Psychomotorik.
Therapeutische Ideen entstehen demnach nicht direkt aus der Diagnosebezeichnung, sondern aus dem Verständnis der zugrunde liegenden pathologischen mentalen Prozesse. Genau dieses Prozessverständnis wird durch die differenzierte psychopathologische Beschreibung ermöglicht.
Die Psychopathologie liefert somit die inhaltliche Grundlage für therapeutische Entscheidungen. Erst durch die genaue Erfassung, welche Denk-, Wahrnehmungs-, Emotions- oder Antriebsprozesse gestört sind, können zielgerichtete Interventionen entwickelt werden. Die Diagnose allein sagt wenig darüber aus, wie eine Störung im individuellen Fall funktioniert oder aufrechterhalten wird.
Dimensionale Sichtweise
Nosologische Ebene
Erst jetzt erfolgt die formale Diagnose:
➡️ ICD-10-Diagnose: Depressive Episode
Das ist eine kategoriale Entscheidung:
ja / nein
notwendig für Dokumentation, Statistik, Abrechnung
aber klinisch relativ grob
OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik)
Die OPD ist ein psychodynamisch / tiefenpsychologisch fundiertes Diagnosesystem. Im Unterschied zu ICD oder DSM dient sie nicht primär der Klassifikation, sondern dem klinischen Verständnis, der Behandlungsplanung und der Therapieindikation.
Sie ergänzt die kategoriale Diagnose durch eine mehrdimensionale, prozessorientierte Beschreibung.
Diese Achse beschreibt, wie Patient:innen ihre Erkrankung subjektiv erleben und welche Voraussetzungen sie für eine psychotherapeutische Behandlung mitbringen.
Zentrale Fragen sind:
Wie wird die Krankheit wahrgenommen und erklärt?
Welche Erwartungen bestehen an Behandlung und Therapeut:in?
Wie hoch sind Motivation, Leidensdruck und Veränderungsbereitschaft?
Gibt es Ressourcen oder Hindernisse (z. B. Abwehr, externalisierende Haltungen)?
➡️ Diese Achse ist besonders wichtig für Therapieplanung und Prognose.
Hier geht es um das typische Beziehungserleben und -verhalten der Patient:innen.
Untersucht werden:
wiederkehrende Beziehungsmuster
typische Interaktionsdynamiken
konkrete Beziehungsepisoden aus der Biografie
das aktuelle Beziehungsgeschehen zwischen Therapeut:in und Patient:in
Ein zentrales Konzept ist dabei die Übertragung und Gegenübertragung.
➡️ Die Achse hilft zu verstehen, wie Beziehungsschwierigkeiten psychische Symptome mitaufrechterhalten.
Diese Achse beschreibt unbewusste, lebensbestimmende innere Konflikte, die das Erleben und Verhalten strukturieren.
Typische Konfliktpaare sind z. B.:
Individuation vs. Abhängigkeit
Unterwerfung vs. Kontrolle
Selbstwertkonflikt
Versorgungs- vs. Autarkiekonflikt
Diese Konflikte können:
aktiv oder passiv ausgelebt
überkompensiert oder vermieden sein
➡️ Die Konfliktachse beantwortet die Frage: „Worum geht es innerlich immer wieder?“
Die Strukturachse beschreibt das psychische Funktionsniveau, also wie stabil und integriert das psychische System arbeitet.
Beurteilt werden u. a.:
Selbstwahrnehmung
Objektwahrnehmung (Wahrnehmung anderer)
Selbstregulation (Affekte, Impulse)
Bindungsfähigkeit
Kommunikation nach außen
Es geht um den Grad der Ich-Integration, nicht um Inhalte.
➡️ Diese Achse ist entscheidend für:
Wahl des Therapieverfahrens
Therapierahmen
Intensität und Struktur der Behandlung
Hier erfolgt die klassifikatorische Diagnose nach ICD oder DSM.
Zentrale Frage:
Welche Störung steht aktuell klinisch im Vordergrund?
➡️ Diese Achse stellt die Anschlussfähigkeit an das Gesundheitssystem sicher, ist aber nicht leitend für das psychodynamische Fallverständnis.
ICD/DSM: Was liegt vor? (Klassifikation)
AMDP: Wie zeigt es sich psychopathologisch?
OPD: Warum und wie funktioniert es psychodynamisch?
HiTOP: Wo liegt es dimensional im Spektrum?
Resonanz
Resonanz als Weltbeziehung
Resonanz beschreibt, wie wir mit der Welt in Kontakt treten.
Es ist ein gegenseitiger Prozess: Wir werden von der Welt beeinflusst, und wir beeinflussen die Welt zurück.
Dabei verändert sich nicht nur unser eigenes Denken oder Fühlen, sondern auch die Welt um uns herum – es ist ein wechselseitiges Berühren und Verändern.
Resonanz ist keine bloße Wiederholung (kein Echo)
Ein Echo gibt nur zurück, was schon gesagt wurde, ohne eigene Interpretation.
Resonanz hingegen ist eine Antwortbeziehung: Beide Seiten „sprechen“ mit eigener Stimme.
Das bedeutet: Wir reagieren aktiv auf die Welt, wir lassen uns berühren, aber wir formen die Antwort auch selbst.
Voraussetzungen für Resonanz
Beide Seiten müssen konsistent sein: Stabil genug, damit man eine eigene, erkennbare Stimme hat.
Gleichzeitig müssen beide offen sein, damit sie sich gegenseitig erreichen und inspirieren können.
Einfach gesagt: Wer Resonanz erleben will, braucht eine Mischung aus Identität und Offenheit.
Resonanz ist kein Gefühl, sondern ein Beziehungsmodus
Resonanz ist nicht dasselbe wie Freude, Begeisterung oder andere Emotionen.
Sie beschreibt, wie man grundsätzlich in Beziehung zur Welt tritt – ein beständiger Modus des Austauschs, Hörens, Antwortens und Wirkens.
Vierordt’sches Gesetz
Dieses Gesetz beschreibt ein psychologisches Phänomen der Zeitwahrnehmung:
Kurze Zeitintervalle werden überschätzt
Wenn wir sehr kurze Zeiträume (z. B. 1 Sekunde) beobachten, fühlen sie sich länger an, als sie tatsächlich sind.
Lange Zeitintervalle werden unterschätzt
Umgekehrt erscheinen sehr lange Zeiträume (z. B. 10 Sekunden) kürzer, als sie wirklich sind.
Das ist der Zeitraum, den Menschen am genauesten einschätzen können.
Bei Vierordt liegt dieses Intervall bei ca. 3 Sekunden.
Das bedeutet:
Intervalle um 3 Sekunden werden realistisch wahrgenommen.
Intervalle kürzer oder länger werden systematisch verzerrt.
Synchronie
Synchronie = echte zeitliche Abstimmung zwischen Therapeut:in und Patient:in (z. B. Körperbewegungen, Sprechpausen, Tonfall).
Pseudosynchronie = zufällige, nicht echte Abstimmung; hier dienen zufällig permutierte Daten als Vergleich (Baseline).
Echte Synchronie existiert
Therapeut:in und Patient:in stimmen sich aufeinander ab – z. B. in Gestik, Mimik, Sprache.
Das Muster zeigt: weder nur der Therapeut noch nur der Patient „führt“ immer; die Führung wechselt.
Zeitliche Verschiebung ist normal
Peaks um ±1–2 Sekunden zeigen: die Reaktionen erfolgen nicht immer sofort, sondern mit kurzem zeitlichen Versatz.
Psychologische Bedeutung
Hohe Synchronie wird oft mit Empathie, Rapport und erfolgreicher therapeutischer Beziehung assoziiert.
Niedrige oder zufällige Synchronie (wie bei grauen Linien) entspricht fehlender Abstimmung, z. B. wenn Therapeut:in und Patient:in emotional oder kognitiv „nicht auf derselben Wellenlänge“ sind.
Praktische Anwendung
Therapeut:innen können auf nonverbale Signale achten: leichte Verzögerungen in Reaktionen sind normal.
Eine bewusste Förderung von Synchronie (z. B. Tonfall, Pausen, Körperhaltung spiegeln) kann Vertrauen und Beziehung stärken.
temporalen Präsenz
Es beschreibt den Zeitraum, in dem eine Person in der Interaktion „wirklich präsent“ ist, also sozial auf die andere Person reagiert.
In der Forschung wird dies oft über Körperbewegungen gemessen: z. B. wie stark Gestik, Haltung oder Bewegungen zwischen Therapeut:in und Patient:in synchronisiert sind.
Es geht also um nicht-sprachliche, soziale Präsenz in Echtzeit.
Verbindung zu Psychopathologie
Patient:innen mit starker Psychopathologie zeigen unterschiedliche Muster der temporalen Präsenz.
Studien (z. B. Schwartz et al., 2022) zeigen:
Hohe temporale Präsenz → bessere therapeutische Verläufe
Tiefe temporale Präsenz → schlechtere Verläufe
Interpretation
Wenn Patient:innen „im Moment“ präsent sind und auf nonverbale Signale des Therapeuten reagieren, kann dies Beziehung, Rapport und Therapieerfolg fördern.
Wenig Präsenz (z. B. geringe Reaktion auf Bewegungen oder Signale) kann ein Risiko für weniger effektive Therapie darstellen.
Gedanken-Stop
Gedanken-Stop ist eine Technik, um wiederkehrende oder belastende Gedanken bewusst zu unterbrechen. Ziel ist es, Kontrolle über störende Gedanken zu gewinnen und sie nicht unkontrolliert weiterlaufen zu lassen.
Schrittweise Instruktion:
Gedanken identifizieren: Der Patient erkennt einen wiederkehrenden oder störenden Gedanken.
Gedanken bewusst auslösen: Der Gedanke wird absichtlich „heraufbeschworen“, um ihn trainierbar zu machen.
Stopp-Signal setzen: Therapeut oder Patient sagt laut „Stopp!“, klatscht, ruft oder visualisiert ein Stoppschild – alles, was das bewusste Unterbrechen des Gedankens unterstützt.
Aufmerksamkeit umlenken: Direkt danach wird die Aufmerksamkeit gezielt auf neutrale oder alternative Gedanken gelenkt, z. B. Entspannungsbilder oder rationale Gedanken.
Inneres Anwenden: Später wird die Technik ohne äußere Hilfsmittel im Kopf angewendet – man „stoppt“ den Gedanken innerlich.
Wirkung und Hinweise:
Studien zeigen, dass reines Unterdrücken von Gedanken oft das Gegenteil bewirkt – sogenannte Rebound-Effekte (z. B. „white bear effect“: je mehr man einen Gedanken unterdrückt, desto häufiger taucht er auf).
Deshalb wird Gedanken-Stop heute meist kombiniert mit anderen Methoden angewendet:
Kognitive Umstrukturierung: Den Gedanken hinterfragen und realistischer bewerten
Achtsamkeit: Gedanken beobachten ohne zu urteilen
Exposition: Sich gezielt angstauslösenden Situationen aussetzen
Kurzfristig kann Gedanken-Stop helfen, Kontrolle und Distanz zu gewinnen.
Langfristig ist die Evidenz für eine dauerhafte Reduktion von Zwangsgedanken oder Ängsten geringer, wenn die Technik allein angewendet wird.
Inner-Speech-Modells
Diese Frage wird häufig im Rahmen des Inner-Speech-Modells diskutiert. Dieses Modell geht davon aus, dass akustische Halluzinationen aus fehlattribuierter innerer Sprache entstehen:
Innere Sprache wird produziert,
aber nicht als selbstgeneriert erkannt,
sondern als von außen kommend erlebt.
Abweichendes Wahrnehmen vs. abweichende Verarbeitung
Dabei lassen sich zwei theoretische Positionen unterscheiden:
Abweichendes Wahrnehmen: Halluzinationen beruhen auf einer Aktivierung primärer sensorischer Areale (z. B. auditorischer Kortex), ähnlich echter Wahrnehmung.
Abweichende Verarbeitung: Die sensorische Wahrnehmung selbst ist nicht primär gestört, sondern höhere Verarbeitungs-, Kontroll- oder Integrationsprozesse (z. B. Selbstmonitoring, Attribution).
AVH spiegeln keine abnorme sensorische Aktivität, sondern fehlgeleitete innere Sprache oder verbale Kurzzeitgedächtnisprozesse wider
Gestalt-Hypothese
dass Schizophrenie bereits frühe Prozesse der Wahrnehmungsorganisation betrifft. Betroffene haben Schwierigkeiten, einzelne Sinnesreize automatisch zu einer kohärenten Ganzheit (Gestalt) zusammenzufügen.
Einzelne Reize werden weniger integriert und wirken fragmentiert oder unzusammenhängend.
Besonders betroffen sind automatische, holistische und prä-attentive Verarbeitungsstufen, die normalerweise ohne bewusste Aufmerksamkeit ablaufen.
Die Wahrnehmung ist dadurch weniger stabil und weniger eindeutig strukturiert.
Gestaltbildung beruht auf neuronaler Synchronisation, insbesondere im Gamma-Frequenzband.
Bei Schizophrenie finden sich Hinweise auf gestörte Binding-Prozesse, vor allem in extrastriaten visuellen Arealen.
Diese gestörte Synchronisation erschwert die Zusammenbindung einzelner Merkmale (Form, Farbe, Bewegung) zu einer Einheit.
Motion Induced Blindness (MIB) als potentieller Indikator für pathologische Verarbeitung (tiefer)
Unified Protocol
m Unified Protocol dient Empathie primär der Emotionsregulation. Durch eine empathische therapeutische Haltung werden Klient:innen dabei unterstützt,
Emotionen wahrzunehmen,
zu verstehen,
und flexibel zu regulieren, statt sie zu vermeiden oder zu unterdrücken.
für transdiagnostische emotionale Störungen ist Bewegung kein eigenständiges Modul, sondern implizit in mehreren Modulen verankert. Körperliche Aktivität kann flexibel an unterschiedlichen therapeutischen Stellen eingesetzt werden – abhängig vom Störungsbild und Therapieziel.
Das UP betont, dass vermeidendes Verhalten wesentlich zur Aufrechterhaltung emotionaler Störungen beiträgt.
Bewegung, Sport oder körperliche Aktivität werden gezielt als:
nicht-vermeidende,
positiv verstärkende Verhaltensweisen eingesetzt.
Besonders relevant bei Depression und Angststörungen.
Achtsamkeit und interozeptives Bewusstsein
Bewegung dient dazu, die Wahrnehmung körperlicher Signale zu schulen.
Beispiele:
bewusstes Gehen,
Fokussierung auf Atmung, Muskelspannung oder Herzschlag nach leichter Aktivität.
Ziel ist ein nicht-bewertendes Wahrnehmen körperlicher Empfindungen.
3. Bewegung als Expositionsinstrument
Körperliche Aktivität kann gezielt eingesetzt werden, um körperliche Angstsymptome zu provozieren:
schnelles Laufen,
Treppensteigen,
bewusstes Atmen (z. B. Hyperventilation).
Diese interozeptive Exposition hilft, die Angst vor körperlichen Empfindungen zu reduzieren.
Krankheitslast („Burden of Disease“)
Die Krankheitslast einer Bevölkerung beschreibt die Abweichung des tatsächlichen Gesundheitszustands von einer idealen gesundheitlichen Situation, in der alle Menschen ein Leben in voller Gesundheit bis ins hohe Alter führen
DALY – Disability Adjusted Life Years
Die zentrale Maßzahl zur Quantifizierung der Krankheitslast sind die DALYs (behinderungsbereinigte Lebensjahre).
-> totale Auswirkung der Krankheit
Definition: Ein DALY entspricht einem verlorenen Jahr in voller Gesundheit.
DALYs setzen sich aus zwei Komponenten zusammen:
YLL – Years of Life Lost → Verlorene Lebensjahre durch vorzeitige Sterblichkeit
YLD – Years Lived with Disability → Lebensjahre, die mit Krankheit oder Behinderung verbracht werden (gewichtet nach Schweregrad)
Formel: DALY = YLL + YLD
Psychische Erkrankungen verursachen häufig weniger YLL, aber sehr hohe YLD.
Dadurch zählen sie weltweit zu den führenden Ursachen für verlorene gesunde Lebensjahre.
Therapie ASSIP
ASSIP ist eine manualisierte Kurztherapie für Menschen nach einem Suizidversuch. Sie umfasst drei bis vier Sitzungen sowie einen regelmäßigen brieflichen Kontakt über zwei Jahre.
ASSIP vereint Elemente aus:
Handlungstheorie (Verstehen des suizidalen Handelns als zielgerichteten Prozess),
Bindungstheorie (stabile therapeutische Beziehung),
Kognitiver Verhaltenstherapie (Analyse, Prävention, Bewältigungsstrategien).
ASSIP ist kein Ersatz für eine längerfristige Psychotherapie,
sondern ein spezifisches, niedrigschwelliges Angebot zur:
Klärung der individuellen Hintergründe des Suizidversuchs,
Entwicklung konkreter Maßnahmen zur Vorbeugung weiterer suizidaler Krisen.
3 Sitzungen (in Studien), strukturiertes Vorgehen
Zentrale Inhalte:
narrative Rekonstruktion des Suizidversuchs,
Identifikation persönlicher Warnzeichen,
Entwicklung individueller Sicherheitsstrategien,
schriftliche Vereinbarung von Bewältigungsschritten.
Anschließend: regelmäßige, personalisierte Briefe über 24 Monate zur Aufrechterhaltung der therapeutischen Beziehung.
Deutliche Reduktion wiederholter Suizidversuche im Vergleich zur Kontrollbedingung.
Während des Follow-ups:
Je 1 Todesfall pro Gruppe
5 Suizidversuche in der ASSIP-Gruppe
41 Suizidversuche in der Kontrollgruppe
→ Risikoreduktion für erneute Suizidversuche um ca. 80 %
ASSIP-Teilnehmer:innen verbrachten 72 % weniger Tage in stationärer Behandlung während des Follow-ups.
ASSIP arbeitet explizit mit der Unterscheidung zwischen:
Reasons for Living (RFL) – Gründe zu leben
Reasons for Dying (RFD) – Gründe zu sterben
Ergebnis: Nach ASSIP zeigt sich eine deutliche Abnahme der Reasons for Dying, signifikant stärker als in der Kontrollgruppe. → Ziel ist nicht primär „mehr Lebensgründe“, sondern eine Reduktion suizidaler Motivationen.
Theory of Mind
bezeichnet die Fähigkeit, mentale Zustände anderer Personen zu erkennen und zu verstehen – z. B. Gedanken, Überzeugungen, Absichten und Gefühle – und diese von den eigenen zu unterscheiden.
Sally-Anne-Test → prüft das Verständnis von falschen Überzeugungen („false beliefs“)
Zeigt, ob eine Person erkennt, dass andere Menschen andere Wissensstände haben können als man selbst.
(Frith & Frith, 2005)
Kognitive Empathie ist eng mit ToM verbunden und beschreibt die Fähigkeit: → zu verstehen, was andere fühlen oder denken, ohne es notwendigerweise selbst zu fühlen.
attunement
Gemeint ist eine nonverbale, affektive Abstimmung zwischen Personen (z. B. Mimik, Gestik, Stimmführung).
Studien zeigen, dass ein gutes affektives Attunement ein Indikator für eine positive Prognose bei affektiven Störungen ist (Geerts et al., 1996).
→ Es signalisiert Verstandenwerden und emotionale Verbundenheit, ohne dass explizite verbale Klärung nötig ist.
„Excessive affective empathy
übermäßiges emotionales Mitfühlen, bei dem die Gefühle anderer stark übernommen werden, ohne ausreichende emotionale Abgrenzung.Im Unterschied zur kognitiven Empathie steht hier nicht das Verstehen, sondern das intensive Miterleben fremder Emotionen im Vordergrund.
Eine hohe affektive Empathie ist mit einer erhöhten Anfälligkeit für psychische Störungen assoziiert, insbesondere:
Depression
Angststörungen
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Empathic distress
empathiebedingter Stress, der nicht zu prosozialem Handeln, sondern zu Rückzug oder Erschöpfung führt
ACT
In der ACT wird Empathie genutzt, um die Akzeptanz inneren Erlebens zu fördern. Therapeutische Empathie hilft Klient:innen,
unangenehme Gedanken und Gefühle zuzulassen,
sie nicht zu vermeiden oder zu kontrollieren,
und eine wertorientierte Haltung gegenüber dem eigenen Erleben einzunehmen.
Empathie als Teil der therapeutischen Präsenz: Akzeptanz, Mitgefühl und Echtheit prägen die Haltung.
Förderung von Selbstmitgefühl und empathischem Kontakt mit eigenen inneren Anteilen.
Entwicklung von Selbstempathie statt Selbstkritik („Ich darf traurig sein“).
Achtsamkeit mit freundlicher Beobachtung, Loving-Kindness-Meditation, Arbeit mit inneren Stimmen (Defusion).
Empathie als Modell für Akzeptanz und Präsenz – unangenehme Emotionen können gehalten werden.
Therapieverlauf (kurz)
•Früh: mehr Akzeptanz, weniger Kampf (akzeptieren)
•Mittel: mehr soziale Aktivität (Aktivierung & Ressourcen) •Später: stabilerer Selbstwert (sich selbst aufrecht erhaltendes System; pos. Verstärkung)
pantheoretische Sicht
geht davon aus, dass die Wirksamkeit von Psychotherapie nicht primär von der jeweiligen Therapieschule (z. B. Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie, humanistische Therapie) abhängt, sondern zu einem großen Teil von gemeinsamen, schulenübergreifenden Wirkfaktoren.
Diese werden auch als „Common Factors“ oder „allgemeine Wirkfaktoren“ bezeichnet.
Übereinstimmung Ziele
Empathie
Therapiebeziehung
Echtheit
Alexithymie
"Unvermögen, die eigenen Gefühle oder die anderer wahrzunehmen, nachzuempfinden und zu beschreiben. ... Mangel an Einfühlungsvermögen, Empathie und affektiver Ansprechbarkeit, offenbar ohne erkennbaren Leidensdruck."
alternatives Modell zur kategorialen Diagnostik
Statt eine Hauptdiagnose anzunehmen, wird Psychopathologie als dynamisches Zusammenspiel mehrerer Dimensionen und Prozesse verstanden.
Das Modell betont transdiagnostische Prozesse, z. B.:
emotionale Dysregulation
Körperfokussierung / Hypervigilanz
Vermeidung
negative Affektivität
reduzierte Flexibilität im Umgang mit innerem Erleben
Anankasmus
Von Zwanghaftigkeit wird ausgegangen, wenn der Verhaltensstil perfektionistisch und rigide ist und Entscheidungen mit einem hohen Bedürfnis nach Kontrolle und Absicherung verbunden sind. Dies kann sich beispielsweise in übertriebenem Ordnungssinn, Eigensinnigkeit und unspontanem, zögerlichem Verhalten äussern
Personality Functioning (PF)
Personality Functioning (PF) beschreibt das grundlegende Funktionsniveau der Persönlichkeit – also wie gut eine Person sich selbst erlebt, steuert und in Beziehungen funktioniert, unabhängig von konkreten Symptomen oder Diagnosen.
Beschreibt grundlegende psychische Funktionsniveaus, z. B.:
Identität
Selbststeuerung
Emotionswahrnehmung und -regulation
Selbstreflexion
Interpersonelle Modelle
Für Psychopathologie hochrelevant.
Zuletzt geändertvor 6 Tagen