Wann liegt eine Krise der GmbH vor?
Eine Krise liegt vor bei:
drohender Zahlungsunfähigkeit → § 18 InsO (Wahlrecht)
Zahlungsunfähigkeit → § 17 InsO (Antragspflicht)
Überschuldung → § 19 InsO (Antragspflicht)
Ab Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung greifen besondere Haftungs- und Handlungspflichten des Geschäftsführers.
Welche besonderen Pflichten treffen den Geschäftsführer in der Krise?
Überwachung der wirtschaftlichen Lage (Liquiditätsstatus, Überschuldungsstatus)
Einberufung der Gesellschafterversammlung bei Verlust der Hälfte des Stammkapitals → § 49 Abs. 3 GmbHG
Unterlassung verbotener Zahlungen
Stellung des Insolvenzantrags → § 15a Abs. 1 InsO
Wahrung der Gläubigerinteressen (Krisenverschiebung unzulässig)
Wann liegt Zahlungsunfähigkeit i.S.d. § 17 InsO vor?
§ 17 Abs. 2 S. 1 InsO: Zahlungsunfähig ist der Schuldner, wenn er nicht in der Lage ist, seine fälligen Zahlungspflichten zu erfüllen.
Vermutung (§ 17 Abs. 2 S. 2 InsO):
Zahlungseinstellung ⇒ Zahlungsunfähigkeit
Wie grenzt man Zahlungsunfähigkeit von bloßer Zahlungsstockung ab?
§ 17 II InsO:
Zahlungsstockung:
Liquiditätslücke < 10 %
innerhalb von 3 Wochen behebbar
Zahlungsunfähigkeit:
Liquiditätslücke ≥ 10 %
nicht kurzfristig mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schließbar
Dauerhafte Liquiditätslücke → keine Zahlungsstockung mehr
Wie prüft man Zahlungsunfähigkeit systematisch?
5-Stufen-Prüfung:
Ermittlung aller fälligen + binnen 3 Wochen fälligen Verbindlichkeiten
Feststellung der liquiden Mittel (Ist + kurzfristig realisierbar)
Gegenüberstellung → Liquiditätslücke
Bewertung der Höhe:
< 10 % → Prognose erforderlich
≥ 10 % → Zahlungsunfähigkeit
Prognose wenn <10%:
Schließung innerhalb von max. 3 (–6) Monaten?
Wenn nein → Zahlungsunfähigkeit
Nach welchen Normen kann der Geschäftsführer in der Krise haften?
Zivilrechtlich:
§ 15b InsO → Masseschmälerung
§ 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 15a InsO → Insolvenzverschleppung
§ 43 GmbHG → Pflichtverletzung (Innenhaftung)
§ 43 I 2 StaRUG —> Haftung bei nicht sorgfältigem Betreiben der Restrukturierungssache
§ 826 BGB → sittenwidrige Schädigung (Ausnahme!)
Verletzung der Buchführungspflicht § 283 b) StGB
Nichtabführung von Sozialbeiträgen § 266a StGB
Wo ist die Masseschmälerung im Gesetz geregelt?
§ 15b InsO
Wann liegt eine Masseschmälerung vor?
Jede Vermögensminderung der Insolvenzmasse, z. B.:
Geldzahlungen
Sachleistungen
Forderungsverzichte
Verrechnungsvorgänge
Voraussetzung:
Zahlung nach Eintritt der Insolvenzreife
Zahlung vom GF veranlasst oder nicht verhindert
Was regelt § 15b Abs. 1 S. 2 InsO?
§ 15b Abs. 1 S. 2 InsO:
Das Zahlungsverbot gilt nicht, wenn Zahlungen mit der Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters vereinbar sind.
Zentrale Ausnahmeklausel vom grundsätzlichen Zahlungsverbot.
Gilt nur:
Nach Ablauf der Insolvenzantragsfrist (§ 15a InsO) -> Im Zweifel nicht mit Sorgfalt vereinbar
Dienen der Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs (bspw. Strom) -> Im Zweifel mit Sorgfalt vereinbar
Erfolgen zwischen Antragsstellung und Verfahrenseröffnung Verfahrenseröffnung mit Zustimmung des Insolvenzverwalters —> Immer mit Sorgfalt vereinbar
Sind Zahlungen auf ein debitorisches Konto (im Minus) masseschmälernd?
Ja, bei:
Zahlungseingängen auf debitorisches Konto → Masseverlust (§ 15b InsO)
Nein, bei:
Abflüssen vom debitorischen Konto → nur Gläubigeraustausch (BGH)
Ausnahme:
Insolvenzfest besicherte Banken
Wann entfällt bei Masseschmälerung der Schaden / die Haftung trotz verbotener Zahlung?
Der Schaden entfällt, wenn der Insolvenzverwalter die Zahlung erfolgreich anficht und dadurch die Masse wieder aufgefüllt wird.
Worin liegt die „Haftungsfalle“ zwischen Massesicherung und Sozialabgaben?
Insolvenzrechtlich: Zahlungsverbot / Erstattungspflicht (§ 15b InsO, früher § 64 GmbHG)
Strafrechtlich: Strafbarkeit bei Nichtabführung von Arbeitnehmeranteilen (§ 266a StGB)
Können Zahlungen auch nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit zulässig sein?
Ja, wenn sie Nachteile für die Insolvenzmasse abwenden sollen (z. B. Wasser-, Strom-, Heizkosten). Aber nur:
wenn konkrete Sanierungschance besteht und
zeitlich begrenzt (in der Präsentation: befristet auf ca. 3 Wochen; Bezug zu § 15b Abs. 2 S. 1 InsO).
Welche Zahlungen sind auch nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit zulässig
Steuerabgaben
Arbeitnehmeranteile zur Sozialversicherung
BGH-Urteil
Was ist Opinion Shopping?
Gezieltes Einholen von Rechtsgutachten,
bis ein „genehmes“ Ergebnis erzielt wird
zur Rechtfertigung bereits geplanter Maßnahmen
Wann darf sich der Geschäftsführer auf Rechtsrat verlassen?
Zulässig nur, wenn (BGH-Urteil):
Fehlende eigene Sachkunde
fachkundiger, unabhängiger Berater
vollständige Sachverhaltsdarstellung
Eigene Plausibilitätskontrolle
Unverzügliche Beauftragung bei Krisenzeichen zur Insolvenzreifefestellung
Kein selektives Einholen gegenteiliger Gutachten -> Rat muss gefolgt werden
Dann kein Verschulden auch bei falschem Gutachten
Mehrere Gutachten nur bei objektiver Unsicherheit, nicht zur Ergebnislenkung
Hat ein ehemaliger Geschäftsführer bei Anklage gegen ihn Auskunftsansprüche gegen den Insolvenzverwalter?
Grundsätzlich: Ja, eingeschränkt
Begründung:
Ehemaliger GF muss sich gegen Haftungsansprüche verteidigen können (schwer, weil bereits aus Unternehmen ausgeschieden)
Daraus folgt ein Auskunftsanspruch (OLG Rechtssprechung)
Wäre Beweisvereitelung wenn Insolvenzverwalter das nicht macht
Praxis: Verfahren wird fallen gelassen, da Insolvenzverwalter keine Akteneinsicht gewährt
Wer trägt die Beweislast für Pflichtverletzungen des GF in der Insolvenz?
Grundsatz:
Insolvenzverwalter trägt die Darlegungs- und Beweislast:
Insolvenzreife
Pflichtverletzung
Schaden
Sekundäre Darlegungslast:
Geschäftsführer muss entlastende Umstände darlegen, insbesondere bei:
fehlender Buchführung
masseschmälernden Zahlungen
Endet die Organstellung des Geschäftsführers mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens?
Die Organstellung bleibt bestehen
Insolvenz führt nicht automatisch zur Abberufung
Geschäftsführer bleibt Organ der Gesellschaft, solange:
keine Abberufung erfolgt
keine Amtsniederlegung erklärt wird
Wie wirkt sich die Insolvenz auf die Befugnisse des Geschäftsführers aus?
Abhängig von der Art des (vorläufigen) Insolvenzverwalters:
schwacher vorläufiger Insolvenzverwalter → Geschäftsführer bleibt handlungsbefugt
starker vorläufiger Insolvenzverwalter → Geschäftsführungs- und Verfügungsbefugnis gehen über
Sachverständiger → keine unmittelbare Entmachtung
Kompetenzverschiebung, nicht Organverlust
Welche Pflichten hat der Geschäftsführer im Insolvenzverfahren?
Pflichten nach:
§ 97 InsO (Auskunft und Mitwirkung)
§ 101 Abs. 1 S. 2 InsO
Betroffen:
alle Geschäftsführer
auch ehemalige Geschäftsführer der letzten 2 Jahre vor Antragstellung
Endet der Geschäftsführer-Dienstvertrag mit Insolvenzeröffnung?
§ 108 Abs. 1 InsO: Dienstvertrag besteht fort
Insolvenzverwalter kann kündigen:
§ 113 Abs. 1 InsO (verkürzte Kündigungsfrist)
Wo ist die Insolvenzantragspflicht des Geschäftsführers geregelt?
§ 15a Abs. 1 S. 1 InsO
Wird eine juristische Person zahlungsunfähig oder überschuldet, haben die Mitglieder des Vertretungsorgans ohne schuldhaftes Zögern Insolvenzantrag zu stellen
Welche Insolvenzgründe sind für die Antragspflicht relevant?
Zahlungsunfähigkeit → § 17 InsO (Pflicht)
Überschuldung → § 19 InsO (Pflicht)
Drohende Zahlungsunfähigkeit → § 18 InsO (Wahlrecht)
Antragspflicht besteht nur bei § 17 und § 19 InsO.
Wer ist zur Stellung des Insolvenzantrags verpflichtet?
Jeder Geschäftsführer persönlich
unabhängig von:
Ressortverteilung
interner Zuständigkeit
Erfasst sind auch:
Strohmann-Geschäftsführer
faktischer Geschäftsführer
Geschäftsführer nach Abberufung, wenn Insolvenzreife zuvor bestand
Welche Fristen gelten für den Insolvenzantrag?
Zahlungsunfähigkeit → max. 3 Wochen
Überschuldung → max. 6 Wochen
Höchstfristen, keine Schonfristen, Frist darf niemals überschritten werden
Welche Folgen hat die Verletzung der Insolvenzantragspflicht?
§ 15a Abs. 4, 5 InsO
§ 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 15a InsO
Haftung für:
Neugläubigerschäden
ggf. Altgläubigerschäden
Was regelt § 823 Abs. 2 BGB?
§ 823 Abs. 2 BGB begründet einen Schadensersatzanspruch, wenn jemand:
gegen ein Schutzgesetz
schuldhaft verstößt und
dadurch einen Schaden verursacht
Zentrale Norm für Außenhaftung des Geschäftsführers gegenüber Gläubigern.
Welches Schutzgesetz ist im Insolvenzkontext zentral?
§ 15a Abs. 1 InsO (Insolvenzantragspflicht)
anerkanntes Schutzgesetz
Schutzrichtung:
Neugläubiger
(eingeschränkt) Altgläubiger
Wo ist die Innenhaftung des GF geregelt?
§ 43 GmbHG
Welcher Sorgfaltsmaßstab gilt für den Geschäftsführer gem. § 43 GmbHG?
Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmanns
Umfasst u. a.:
ordnungsgemäße Organisation
Überwachung der wirtschaftlichen Lage
Einhaltung gesetzlicher Pflichten
rechtzeitige Reaktion auf Krisenanzeichen
Objektiver Maßstab
Welche Pflichtverletzungen sind bei § 43 GmbHG typisch?
mangelhafte Liquiditätsüberwachung
verspätete Krisenreaktion
fehlerhafte Organisation / Kontrolle
unterlassene Information der Gesellschafter
Delegation ohne Überwachung
§ 43 GmbHG ist die Auffangnorm.
Was besagt die Business Judgement Rule und gilt sie für den GmbH-Geschäftsführer?
Haftungsfreiheit bei unternehmerischen Entscheidungen
wenn (BGH-Urteil):
Angemessene Informationsbasis (bzw. Vorstand durfte dies vernünftigerweise annehmen)
Aufstellung eines Entscheidungstableaus (Abwägung von Pro/Kontra)
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