Warum beginnt die Vorlesung über das politische System Deutschlands mit einer ausführlichen Diskussion über Krieg und Gewalt in der Menschheitsgeschichte?
Die Vorlesung beginnt mit dem Thema Krieg, um die zentrale Rolle von gewalttätigen Konflikten für die moderne Staatenbildung zu verdeutlichen. Krieg war ein entscheidender Faktor bei der Herausbildung des modernen Staates. Zudem dient dieser Einstieg als Kontrast zur anschließenden These, dass Staaten auch einen beispiellosen Befriedungsprozess in Gang gesetzt haben.
Krieg und Kapitalismus gelten als katalysatoren für die Bildung des modernen Staates.
Nominaldefinition
Realdefinition
Definiendum
Definiens
Eine Konvention über die Verwendung eines Begriffs. Sie ist eine Tautologie, weist keinen empirischen Gehalt auf und kann daher weder richtig noch falsch sein, sondern wird nach ihrer Zweckmäßigkeit für ein Erkenntnisinteresse beurteilt.
Der Versuch, das Wesen bzw. den inneren Kern eines Sachverhaltes vollständig zu erfassen. Realdefinitionen weisen einen empirischen Bezug auf und können demnach richtig oder falsch sein.
Der zu definierende Begriff innerhalb einer Nominaldefinition.
Die Aussage, die innerhalb einer Nominaldefinition als gleichbedeutend mit dem Definiendum festgelegt wird.
Operationalisierung
Tautologie
Theorie
Die Messbarmachung eines Konzepts im Zuge einer empirischen Untersuchung. Die Konzeptspezifikation ist hierfür eine zwingende Voraussetzung.
Eine Aussage, die aus logischen Gründen immer wahr ist. Nominaldefinitionen sind Tautologien, da das Definiendum per Definition dem Definiens entspricht.
Eine Menge oder ein System von Aussagen, das sich im engeren Sinne aus einem Kern von Grundannahmen und sich daraus ableitenden Hypothesen zusammensetzt.
Intension
Extension
Die Gesamtheit jener Merkmale und Eigenschaften, die gegeben sein müssen, damit Objekte (z. B. Personen, Gruppen) einem Begriff oder Konzept zugeordnet werden können. Sie stellt den Kern von Attributen dar.
Der Anwendungsbereich eines Begriffs. Sie umfasst die Menge all jener Objekte, die den intensionalen Attributen und Bedingungen entsprechen.
Intersubjektive Nachvollziehbarkeit
Ein Merkmal von Wissenschaft, das durch die Verwendung einer präzisen Fachsprache gewährleistet wird und es der Wissenschaftsgemeinschaft ermöglicht, Forschungsprozesse und Ergebnisse zu verstehen und zu überprüfen.
Konzept
Konzeptualisierung / Konzeptspezifikation
Ein begrifflicher Bestandteil einer Theorie, der oft komplex, in der Bedeutungsebene mehrdimensional und vor der Spezifikation nur vage definiert ist. Konzepte können als Spezialform der Nominaldefinition verstanden werden und haben keinen empirischen Gehalt.
Die Phase im Forschungsprozess, in der bei komplexen, mehrdimensionalen Begriffen die einzelnen Teildimensionen herausgearbeitet, definiert und für die Messung vorbereitet werden.
Hyperfactualismus
Eine von David Easton kritisierte Erscheinung in der Politikwissenschaft, die sich durch eine theorielose Sammlung von Daten auszeichnet, deren Relevanz nicht nachvollziehbar ist.
Historicism
Eine von David Easton kritisierte Auffassung, bei der politische Theorie primär als eine Geschichte politischer Ideen verstanden wird, die an ihre jeweilige Epoche gebunden und somit nicht mehr autonom ist.
Interdependanz
Wechselseitige Abhängigkeit. Im Kontext der funktionalen Differenzierung beschreibt es die Beziehung zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen.
Kommunikative Macht
Eine Form der Macht (nach Werner Patzelt), die darin besteht, die Agenda des öffentlichen Meinungsstreits zu beeinflussen oder die Begriffe und Symbole des politischen Diskurses zu prägen und zu besetzen ("begriffliche Hegemonie").
System
Eine Menge von Elementen (z.B. Menschen, Organisationen), die gegenüber einer Umwelt abgegrenzt ist und deren Elemente durch wechselseitige Interdependenzbeziehungen (Relationen) miteinander verbunden sind.
Welchen überraschenden Befund von Steven Pinker bezüglich staatlicher und nicht-staatlicher Gesellschaften stellt die Vorlesung heraus?
Steven Pinker weist nach, dass der Anteil an Todesfällen durch kriegerische Auseinandersetzungen in staatlichen Gesellschaften deutlich niedriger ist als in nicht-staatlichen Gesellschaften von Jägern, Sammlern und Stammesgruppen. Die Herausbildung moderner Staaten hat also paradoxerweise einen Prozess der Befriedung eingeleitet.
Welche Rolle wird dem Konzept „TRUDI“ im Kontext von Frieden und der Entwicklung der Menschheit zugeschrieben?
TRUDI wird als ein Teil der Erklärung dafür präsentiert, warum die Menschheit heute in einer friedlicheren Welt lebt und warum sie „in Sachen Frieden einiges richtig gemacht hat“.
Erläutern Sie die von Nikolai Kardaschew entwickelten und von Michio Kaku erklärten Zivilisationstypen.
Kardaschew unterteilt Zivilisationen nach ihrem Energieverbrauch in drei Typen. Eine Zivilisation vom Typ I beherrscht die Energie ihres Heimatplaneten, Typ II die Energie ihrer Sonne und Typ III die Energie benachbarter Sternensysteme. Die heutige Menschheit befindet sich auf der Stufe des Typs 0.
Was ist laut Michio Kaku die größte Gefahr für eine Zivilisation vom Typ 0 auf ihrem Weg zum Typ I?
Michio Kaku sieht die größte Gefahr darin, dass eine Zivilisation vom Typ 0 das Periodensystem der Elemente entdeckt. Dies führt zwangsläufig zur Entdeckung von Uran (Element 92), was die Fähigkeit zur Selbstvernichtung durch Kernwaffen schafft, und zur Entwicklung einer chemischen Industrie, die die Umwelt und Atmosphäre zerstören kann.
Welche drei analytischen Ebenen werden in den Sozialwissenschaften unterschieden und was sind ihre jeweiligen Analyseobjekte?
Die drei analytischen Ebenen sind die Makroebene, die Mesoebene und die Mikroebene. Auf der Makroebene werden ganze Gesellschaften, Staaten oder Regionen analysiert. Die Mesoebene befasst sich mit Organisationen und Institutionen, während sich die Mikroebene auf Individuen oder kleine Gruppen wie Familien konzentriert.
Was versteht man im Kontext der empirischen Sozialforschung unter dem Begriff „Aggregation“?
Aggregation ist der statistische Vorgang, bei dem die Einheiten einer niedrigeren Ebene (z. B. individuelle Merkmale wie Arbeitslosigkeit) zu Kennzahlen einer höheren Ebene (z. B. eine Arbeitslosenquote für ein ganzes Land) zusammengefasst werden. So wird aus einem Mikrophänomen ein Makromerkmal.
Beschreiben Sie die „Fehlschlussproblematik“ und erläutern Sie, warum sie für die wissenschaftliche Forschung relevant ist.
Die Fehlschlussproblematik besagt, dass man nicht ohne empirische Überprüfung von Zusammenhängen auf der Mikroebene auf Zusammenhänge auf der Makroebene schließen darf – und umgekehrt. Dies ist relevant, da solche unzulässigen Schlussfolgerungen oft falsch sind und zur Zementierung von wissenschaftlichen Mythen führen können.
Skizzieren Sie die drei zentralen Mechanismen im handlungstheoretischen Modell von „Colemans Badewanne“.
Die drei Mechanismen sind die Situationslogik (Makro-Mikro-Link: wie die soziale Situation das Handeln von Individuen bedingt), die Selektionslogik (Mikroebene: wie Individuen auf Basis von Werten/Normen eine Handlungsalternative auswählen) und die Aggregationslogik (Mikro-Makro-Link: wie die Summe individueller Handlungen ein kollektives Ereignis erklärt).
Inwiefern ist Max Webers Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ ein Beispiel für die Verknüpfung von Makro- und Mikroebene?
Webers Studie erklärt ein Makrophänomen (Entstehung des Kapitalismus) nicht direkt durch ein anderes Makrophänomen (protestantische Religion). Stattdessen zeigt er den Umweg über die Mikroebene auf: Die protestantische Ethik (Situationslogik) veränderte die Werte von Individuen, was zu einem veränderten Arbeitsverhalten führte (Selektionslogik), dessen Summe wiederum die kapitalistische Ökonomie hervorbrachte (Aggregationslogik).
Abhängige Variable (aV / Y)
Das Phänomen, das in einem Kausalzusammenhang erklärt werden soll.
Aggregation
Der Prozess, bei dem Einheiten einer niedrigeren analytischen Ebene (z. B. individuelle Merkmale) zu Kennzahlen einer höheren Ebene (z. B. eine gesamtgesellschaftliche Quote) zusammengefasst werden.
Aggregationslogik
Der Mechanismus im Modell von Colemans Badewanne, der den Zusammenhang zwischen individuellen Handlungen und dem zu erklärenden kollektiven Ereignis beschreibt (Mikro-Makro-Verknüpfung).
Analytische Ebenen
Die unterschiedlichen Ebenen der gesellschaftlichen Analyse. Unterschieden werden die Makroebene (Gesellschaften, Staaten), die Mesoebene (Organisationen, Institutionen) und die Mikroebene (Individuen, Kleingruppen).
Analyseobjekt / Untersuchungseinheit
Der Gegenstand der Analyse, der je nach analytischer Ebene variiert (z. B. eine Person auf der Mikroebene, ein Staat auf der Makroebene).
Colemans Badewanne
Ein allgemeines handlungstheoretisches Erklärungsmodell, das veranschaulicht, wie Zusammenhänge zwischen zwei Makrophänomenen nur durch den „Umweg“ über die Mikroebene (individuelles Handeln) kausal erklärt werden können.
Fehlschlussproblematik
Das Problem, dass Schlussfolgerungen von einer analytischen Ebene (z. B. Mikro) auf eine andere (z. B. Makro) ohne gesonderte empirische Überprüfung oft falsch sind und zu wissenschaftlichen Mythen führen können.
Makro-Mikro-Makro-Puzzle
Die theoretische Herausforderung in den Sozialwissenschaften, plausible Kausalerklärungen für Zusammenhänge auf der Makroebene zu formulieren, indem man das Zusammenwirken von Mikro- und Makroebene theoretisch plausibilisiert.
Politikdimensionen
Die unterschiedlichen Aspekte von Politik, die analysiert werden können: Polity (Formen), Policy (Inhalte) und Politics (Prozesse).
Protestantische Ethik
Ein von Max Weber beschriebenes Wertesystem (insb. des Calvinismus), das durch Leistungsstreben, Askese und Pflichtgefühl die kulturelle Grundlage für die Entstehung des Kapitalismus gebildet haben soll.
Selektionslogik
Der Mechanismus im Modell von Colemans Badewanne, der auf der Mikroebene wirksam ist und beschreibt, wie ein Individuum aus verschiedenen Alternativen eine bestimmte Handlungsweise auswählt, beeinflusst z. B. durch Werte und Normen.
Situationslogik
Der Mechanismus im Modell von Colemans Badewanne, der beschreibt, wie die soziale Situation auf der Makroebene die Rahmenbedingungen festlegt, die ein Individuum zu einem bestimmten Verhalten veranlassen (Makro-Mikro-Verknüpfung).
TRUDI
TRUDI ist ein Akronym und steht für: T – Territorial control, RU - Rule of law, D – Democratic governance und I – Intervention to promote welfare.
Unabhängige Variable (uV / X)
Das Phänomen, das in einem Kausalzusammenhang ein anderes Phänomen (die abhängige Variable) erklärt.
Zivilisationstypen (nach Kardaschew)
Eine vom Astronomen Nikolai Kardaschew entwickelte Klassifikation von Zivilisationen basierend auf ihrem Energieverbrauch: Typ 0 (aktueller Stand der Menschheit), Typ I (beherrscht planetare Energie), Typ II (beherrscht Energie des eigenen Sterns), Typ III (beherrscht Energie von Sternensystemen).
Beschreiben Sie die beiden zentralen Entwicklungsstränge der Politikwissenschaft, die Werner Patzelt unterscheidet.
Der erste Entwicklungsstrang ist die „denkerische Auseinandersetzung mit Politik“. Dieser ist normativ und präskriptiv und fragt, wie eine „gute“ politische Ordnung aussehen und gerechtfertigt werden sollte. Der zweite Strang ist die „empirische Erforschung politischer Sachverhalte“, die darauf abzielt, politische Phänomene objektiv zu beschreiben und zu erklären.
Warum ist es problematisch, die Zählungen und Datenerhebungen im Altertum (z. B. in Ägypten oder Rom) als frühe Formen einer empirisch-analytischen Politikforschung zu betrachten?
Was ist Arakanpolitik?
Die Erkenntnisse aus diesen frühen quantitativen Erhebungen blieben als arcana imperii (Geheimwissen der Herrschenden) unter Verschluss. Da es keinen freien Zugang für Forschungszwecke gab und die Öffentlichkeit bewusst in Unwissenheit gelassen wurde, konnte sich keine empirische Wissenschaft von der Politik entwickeln. Dies wurde erst mit der Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit in der Aufklärung möglich.
Ein lateinischer Ausdruck für eine Politik der Geheimhaltung (Geheimpolitik), bei der die Herrschenden die Öffentlichkeit absichtlich in Unwissenheit über die Ausübung politischer Herrschaft lassen. Sie dient der Festigung und Verschleierung von Macht.
Empirisch-analytisch
Ein wissenschaftlicher Ansatz, der darauf abzielt, Phänomene objektiv zu beschreiben und zu erklären. Er basiert auf Beobachtung, Erfahrung und der Analyse von Daten, anstatt auf philosophischen oder moralischen Begründungen.
Normativ-Präskriptiv
Ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse, das sich mit Sollensfragen beschäftigt. Es fragt nicht, wie etwas ist (empirisch), sondern wie etwas sein sollte (normativ) und gibt Empfehlungen oder Vorschriften, wie ein Idealzustand erreicht werden kann (präskriptiv).
Aus welchen drei Gründen, die in der Vorlesung genannt werden, ist die Politikwissenschaft besonders bemerkenswert, wenn man ihre Geschichte betrachtet?
Erstens sind die Anfänge der Disziplin bis heute umstritten. Zweitens gelangt die Politikwissenschaft als „Krisenwissenschaft“ vor allem in Krisenzeiten zu besonderer Blüte. Drittens kann die Politikwissenschaft nur in einem freien Staatswesen gedeihen, da nur eine freie Ordnung eine kritische Analyse ihrer selbst erlaubt.
Welche Rolle spielten Platon und Aristoteles in der frühen Entwicklung des politischen Denkens und worin unterschieden sich ihre Ansätze?
Platon und Aristoteles gelten als Begründer des politischen Denkens im europäischen Abendland, die unter dem Eindruck der hellenischen Krise philosophierten. Platon konzentrierte sich auf die psychischen Bedingungen einer neuen menschlichen Seelenordnung als Voraussetzung für eine gute politische Ordnung. Aristoteles hingegen verstand den Menschen als „zoon politikon“ und stellte das Ziel des „Guten für den Menschen“ in den Mittelpunkt, an dem sich die Polis auszurichten habe.
Warum wird Niccolò Machiavelli als Begründer einer neuen, modernen Politikwissenschaft angesehen?
Machiavelli wird als Begründer der modernen, empirisch-analytischen Politikwissenschaft gesehen, weil er die Disziplin von der praktischen Philosophie löste. Er analysierte konkrete Techniken des Machterwerbs und -erhalts auf der Grundlage empirischer Beobachtungen, anstatt sich mit ethischen Fragen einer idealen Ordnung zu befassen.
Welche Ironie liegt in der Gründung des ersten Instituts für Politikwissenschaft an der Columbia University im Jahr 1880?
Die Ironie besteht darin, dass die Gründung des amerikanischen Instituts nach dem Vorbild der deutschen Universitäten und ihrer rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultäten erfolgte, die damals als Weltspitze galten. Zu dieser Zeit existierte in Deutschland selbst jedoch keine eigenständige Politikwissenschaft in der Form, wie sie die Amerikaner etablierten.
Was war das zentrale Ziel bei der Etablierung der Politikwissenschaft in Deutschland nach 1945 und wie prägte dies die Ausrichtung des Faches in den ersten Jahrzehnten?
Das zentrale Ziel war die Demokratie-Erziehung der deutschen Nation nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Dies führte dazu, dass die deutsche Politikwissenschaft in den ersten Jahrzehnten stark normativ, zeithistorisch und praxisbezogen ausgerichtet war und sich vor allem mit den Institutionen und Prozessen einer funktionierenden Demokratie befasste.
Welche drei Tendenzen beobachtet Hans-Dieter Klingemann in der modernen westeuropäischen Politikwissenschaft und welche Risiken sind damit verbunden?
Klingemann beobachtet eine zunehmende Spezialisierung, Fragmentierung und Hybridisierung. Die Risiken der Fragmentierung liegen darin, dass Spezialisten verschiedener Teilbereiche nicht mehr miteinander kommunizieren können, was die Entstehung von „Experteninseln“ fördert und die Definition gemeinsamer fachwissenschaftlicher Standards erschwert.
Staatswissenschaften
Eine im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts entstandene Disziplin (auch „Policeywissenschaft“ oder „Kameralwissenschaft“), die zwei Hauptaufgaben hatte: die Ausbildung loyaler Staatsbeamter und die Bereitstellung politisch relevanter Informationen für die staatliche Verwaltung. Sie war den Herrschenden dienstbar und prägte das „obrigkeitsstaatliche“ Denken.
Verfassungspatriotismus
Ein von Dolf Sternberger geprägter Begriff, der eine Identifikation des Bürgers nicht mit der Nation, sondern mit den universalen Werten und Prinzipien der demokratischen Verfassung beschreibt.
1. Wie wird die Politikwissenschaft im System der Wissenschaften überwiegend eingeordnet und warum?
2. Erläutern Sie den Dissens innerhalb der Politikwissenschaft bezüglich ihrer Einordnung als Geistes- oder Sozialwissenschaft.
1. Die Politikwissenschaft wird heute überwiegend den Sozialwissenschaften zugeordnet. Der Grund dafür ist, dass ihr analytischer Schwerpunkt auf den Abläufen und Ergebnissen menschlichen Verhaltens und Handelns liegt, wie zum Beispiel bei der Untersuchung von Rollen, Institutionen oder politischen Systemen.
2. Geisteswissenschaftlich orientierte Politikwissenschaftler fühlen sich einem idiographischen, verstehenden Wissenschaftsverständnis verpflichtet, während die sozialwissenschaftliche Ausrichtung einem nomothetischen, empirisch-analytischen Ansatz folgt. Dieser Dissens rührt an die wissenschaftliche Identität der Fachvertreter und führt mitunter zu unversöhnlichen Auseinandersetzungen über die Ausrichtung der Disziplin.
Was versteht man unter dem Begriff „moving targets“ in den Sozialwissenschaften und welche Konsequenz ergibt sich daraus für die Forschung?
Der Begriff „moving targets“, geprägt von Renate Mayntz, beschreibt die Tatsache, dass sich sozialwissenschaftliche Forschungsgegenstände (z. B. Traditionen, Staaten) im Zeitverlauf verändern und nicht „stillhalten“.
Daraus folgt die Notwendigkeit, den Untersuchungsgegenstand zeitlich, räumlich und sachlich genau einzugrenzen sowie nach Wandlungsprozessen und ihren Ursachen zu fragen.
Moving Targets: Ein von Renate Mayntz verwendeter Begriff, um zu beschreiben, dass sich sozialwissenschaftliche Forschungsgegenstände (wie Traditionen, Staaten) im Zeitverlauf verändern und daher notorisch schwer zu fassen sind.
Multikausalität
Die Eigenschaft sozialer und politischer Phänomene, in aller Regel von mehreren Ursachen oder unterschiedlichen Kombinationen von Faktoren verursacht zu sein.
Nomothetisches Wissenschaftsverständnis
Eine empirisch-analytisch und erklärend orientierte wissenschaftliche Position, die in der sozialwissenschaftlichen Ausrichtung der Politikwissenschaft dominiert.
Politische Soziologie
Eine Scharnierdisziplin zwischen Soziologie und Politikwissenschaft, die sich mit der Analyse von Politik im Wirkungszusammenhang der Gesellschaft befasst.
Welche beiden Voraussetzungen müssen nach Thomas Kuhn erfüllt sein, damit sich ein wissenschaftliches Paradigma etablieren kann?
Erstens muss ein Paradigma neuartig genug sein, um Wissenschaftler anzuziehen, die bisher anders gearbeitet haben, indem es beispielsweise eine erfolgreichere Problemlösung verspricht. Zweitens muss es offen genug sein, damit eine neue Gruppe von Fachleuten darin weiterforschen und offene Probleme lösen kann.
Was ist die Hauptfunktion des politischen Systems in einer funktional differenzierten Gesellschaft?
Die Hauptfunktion des politischen Systems besteht darin, allgemeinverbindliche Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen. Diese Verbindlichkeit bezieht sich auf die Regeln des Zusammenlebens, die Verteilung gesellschaftlicher Güter und Werte sowie die Art und Weise, wie Konflikte darüber ausgetragen werden.
Beschreiben Sie die Grundidee von David Eastons Input-Output-Modell des politischen Systems.
Das Input-Output-Modell beschreibt das politische System als einen dynamischen Prozess, in dem gesellschaftliche Einflüsse ("Inputs" wie Forderungen und Unterstützung) vom politisch-administrativen System verarbeitet ("Conversion") werden. Das System produziert daraufhin "Outputs" (z.B. Gesetze), die über einen Rückkopplungsprozess ("Feedback-Loop") wieder auf die Gesellschaft einwirken und neue Inputs erzeugen.
Worin besteht der Unterschied zwischen "Volume Stress" und "Content Stress" nach David Easton?
Volume Stress entsteht durch einen "Demand Input Overload", also wenn zu viele Forderungen gleichzeitig an das politische System gerichtet werden, sodass seine begrenzte Verarbeitungskapazität überlastet ist. Content Stress bezieht sich auf Forderungen, die aufgrund ihres Inhalts grundsätzlich nicht durch politische Verfahren bearbeitet werden können.
Wie definiert Max Weber den Begriff "Macht"?
Max Weber definiert Macht als "jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleich viel, worauf diese Chance beruht". Macht ist demnach relational, bezeichnet eine soziale Beziehung und ist eine Möglichkeit, deren Ergebnis nicht von vornherein feststeht.
Erläutern Sie den Unterschied zwischen gesellschaftlicher Macht und politischer Macht, wie er im Text dargestellt wird.
Gesellschaftliche Macht ist die Chance, im politischen Prozess Interessen gegen Widerstand durchzusetzen, indem Akteure spezifische Machtressourcen (z.B. ökonomische Ressourcen, Wissen) einsetzen und so politischen Einfluss ausüben. Politische Macht hingegen ist die institutionalisierte Möglichkeit des verbindlichen Entscheidens; sie ist Akteuren vorbehalten, die gesamtgesellschaftliche Entscheidungen gegen Widerstreben durchsetzen können und dafür in Demokratien legitimiert sind.
Nennen und beschreiben Sie kurz die drei idealtypischen Formen legitimer Herrschaft nach Max Weber.
Max Webers drei Idealtypen sind:
◦ Traditionale Herrschaft: Legitimität beruht auf dem Glauben an die Heiligkeit althergebrachter Traditionen und Ordnungen (z.B. Erbmonarchie).
◦ Charismatische Herrschaft: Legitimität gründet sich auf die außeralltäglichen, als "charismatisch" empfundenen Eigenschaften einer Führungspersönlichkeit und die Verehrung durch ihre Anhänger.
◦ Rational-legale Herrschaft: Legitimität basiert auf dem Glauben an die Rechtmäßigkeit gesatzter Ordnungen und dem Recht derer, die durch legale Prozeduren zur Herrschaftsausübung berufen sind (z.B. moderne Bürokratien und Demokratien).
Mit welcher Argumentation rechtfertigt Thomas Hobbes in seiner Vertragstheorie die Notwendigkeit einer absoluten Zentralgewalt?
Hobbes argumentiert aus einem pessimistischen Menschenbild heraus ("der Mensch des anderen Menschen Wolf"), dass der herrschaftsfreie Naturzustand ein permanenter Krieg aller gegen alle sei. Aus Furcht vor dem Tod und im Eigeninteresse schließen die Menschen einen Vertrag und unterwerfen sich einer absoluten Zentralgewalt (dem Leviathan), die im Gegenzug Frieden sichert und ein gewisses Maß an Erwartungssicherheit garantiert.
Autokratie
Ein Grundtypus politischer Herrschaft, der autoritäre und totalitäre Systeme umfasst und als Gegenentwurf zur Demokratie steht.
Conversion
Der Verarbeitungsprozess von Inputs (Forderungen, Unterstützung) zu Outputs (Entscheidungen) innerhalb des politisch-administrativen Systems im Modell von David Easton. Dieser Prozess wird oft als "Black Box" behandelt.
Demands
Als Ansprüche an bindende Entscheidungen formulierte und an politische Entscheidungsträger adressierte Wants (Wünsche, Interessen), die an das politische System herangetragen werden.
Feedback-Loop
Der Rückkopplungsprozess in David Eastons Modell, bei dem die Outputs (politische Entscheidungen) auf die gesellschaftliche Umwelt zurückwirken und dort neue Forderungen (Demands) oder neue politische Unterstützung (Support) hervorrufen.
Funktionale Differenzierung
Ein Prozess des Strukturwandels moderner Gesellschaften, bei dem sich im Zuge wachsender Arbeitsteilung funktionell spezialisierte, relativ autonome Teilsysteme (wie Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik) herausbilden.
Herrschaft
Eine institutionalisierte, auf Dauer gestellte Form der Macht. Nach Max Weber ist es die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden. Sie beruht auf dem Recht, Befehle zu erteilen und Gehorsam zu erwarten.
Nennen und beschreiben Sie kurz zwei wesentliche Unterschiede zwischen den Forschungsgegenständen der Natur- und der Sozialwissenschaften.
Ein erster Unterschied ist der geringere Determiniertheitsgrad in den Sozialwissenschaften; soziale Phänomene sind historisch wandelbar und nicht eindeutig vorherbestimmt. Zweitens sind soziale Phänomene wie Märkte oder Parteiensysteme soziale Konstrukte, die keine physische Realität als wahrnehmbares Ganzes besitzen und nur in ihren Elementen und Produkten greifbar sind.
Determiniertheit: Die eindeutige Bestimmtheit eines Phänomens; eine deterministische Beziehung liegt vor, wenn sich aus einer Ursache zwingend eine Wirkung ergibt. In den Sozialwissenschaften ist der Grad der Determiniertheit generell gering.
Idiographicshes Wissenschaftverständnis
Eine verstehend orientierte wissenschaftliche Position, der sich geisteswissenschaftlich orientierte Politikwissenschaftler primär verpflichtet sehen.
Erklären Sie den Begriff „Modellplatonismus“ nach Hans Albert und das damit verbundene Problem.
„Modellplatonismus“ ist eine von Hans Albert geäußerte Kritik, die besagt, dass reine Denkgebilde für real angesehen und wie Wirklichkeit behandelt werden. Das Problem solcher modellplatonischen Aussagen ist nicht, dass sie falsch sind, sondern dass sie über die Realität kaum oder gar nicht informieren, ähnlich wie die Wettervorhersage „Wenn sich nichts ändert, bleibt das Wetter wie bisher“.
Definieren Sie die Konzepte der „self-fulfilling prophecy“ und der „self-defeating prophecy“ im Kontext der Sozialwissenschaften.
Eine „self-fulfilling prophecy“ (sich selbst erfüllende Prophezeiung) liegt vor, wenn eine sozialwissenschaftliche Prognose das Verhalten von Menschen so ändert, dass die Prognose erst dadurch eintritt. Eine „self-defeating prophecy“ (sich selbst zerstörende Prophezeiung) tritt ein, wenn eine Prognose das Verhalten der Menschen so verändert, dass die erwarteten Tatbestände gerade nicht eintreffen.
Was ist der Kern der umfassenden Politikdefinition von Werner Patzelt?
Nach Werner Patzelt ist Politik jenes menschliche Handeln, das auf die Herstellung und Durchsetzung allgemein verbindlicher Regelungen und Entscheidungen in und zwischen Gruppen von Menschen abzielt. Der Kern ist also das Herstellen von allgemeiner Verbindlichkeit, die für alle Mitglieder einer Gruppe verpflichtend ist.
Erläutern Sie die drei Dimensionen der Politik, die im Englischen als „Polity“, „Policy“ und „Politics“ unterschieden werden.
„Polity“ bezeichnet die formale Dimension der Politik, also die Verfassung, Institutionen und die Rechtsordnung.
„Policy“ bezieht sich auf die inhaltliche Dimension, also die konkreten Aufgaben, Ziele und Programme in verschiedenen Politikfeldern.
„Politics“ beschreibt die prozessuale Dimension, die sich mit Willensbildungs-, Entscheidungs- und Implementationsprozessen sowie der Austragung von Konflikten befasst.
Welche beiden zentralen Konfliktlösungsmechanismen werden im Text genannt und wie unterscheiden sie sich?
Die beiden wichtigsten Konfliktlösungsmechanismen sind Macht und Konsens. Macht zielt auf eine einseitige Konfliktlösung ab, notfalls unter Einsatz von Zwangsmitteln. Konsens hingegen bedeutet eine Konfliktlösung durch eine freiwillige Übereinkunft der beteiligten Parteien.
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