Buffl

Prüfung: Zusatzliteratur

CC
von Cathérine C.

Einleitung - empirische Studien lesen

Zunehmender Einsatz quantitativer Analyseverfahren (z. B. Wahl-, Evaluations-, Ungleichheitsforschung)

  1. Relevanz für:

    • Rezeption des Forschungsstands

    • Eigene Publikationen & Forschungsanträge

    • Durchführung empirischer Forschungsprojekte

  2. Außerhalb der Wissenschaft wichtig:

    • Interpretation & Bewertung wissenschaftlicher Studien

    • Zentrale Kompetenz in Politikberatung, Journalismus, Verbänden, Verwaltung


Fachzeitschriften:

  • Zentrales Medium zur Veröffentlichung empirischer Forschung

  • Verständnis empirischer Ergebnisse setzt Methodenkenntnisse voraus

  • Ohne Kenntnisse zu Regressionen & Signifikanztests:

    • Empirische Befunde oft nicht zugänglich

  • Klassische Struktur:

    • Abstract / Zusammenfassung

      • Kurze Zusammenfassung der Studie und zentraler Befunde

      • Länge: 10 bis 15 Zeilen

      • Prüffragen:

        • Erfüllt der Text zentrale Kriterien wissenschaftlicher Literatur (z. B. Zitierfähigkeit)?

        • Relevanter Bezug zur eigenen Forschungsfrage/dem Forschungsthema?

    • Einleitung

      • Einführung in das Thema

      • Formulierung der Forschungsfrage; Darstellung Relevanz (gesellsch./theoretisch)

      • kurzer Überblick über Ziel und Aufbau des Beitrags

      • Prüffragen:

        • Warum ist die Fragestellung wissenschaftlich und/oder gesellschaftlich relevant?

        • Welche Forschungslücke wird gefüllt: theoretisch, empirisch, methodisch)?

        • Ist klar abgegrenzt, was untersucht wird und was nicht?

    • Forschungsstand und Hypothesen

      • Kompakte Darstellung des Forschungsstandes mit kritischer Diskussion relev. theoretischer Ansätze und empirischer Befunde

      • Definition zentraler Begriffe/ KOnzepte

      • ggf. Entwicklung Hypothesen

      • Prüffragen: (Kriterien für Hausarbeiten

        • Zitirfähig und - würigkeit? (Kriterien der Literaturbewertung)

        • Werden zentrale Konzepte klar definiert?

        • Sind die Hypothesen präzise, prüfbar und theoretisch begründet?

    • Daten und Operationalisierung

      • Funktion:

        • Darstellung der Datengrundlage (Primär- oder Sekundärdaten);

        • Darstellung der Operationalisierung (aV/ uVs)

      • Darstellung methodischer Vorgehensweise:

        • Beschreibung von Grundgesamtheit und Stichprobe;

        • Sicherstellung von Nachvollziehbarkeit und Replizierbarkeit.

      • Prüffragen:

        • Welche Datenbasis wird verwendet (z. B. ALLBUS, ESS, eigene Erhebung)?

        • Wie werden zentrale Konzepte operationalisiert?

          • Gibt es potenzielle Messprobleme (z. B. Nonresponse, soziale Erwünschtheit)?

        • Sind Kontrollvariablen sinnvoll begründet?

    • Empirische Befunde

      • Prüfung der Hypothesen mittels geeigneter quantitativer Analyseverfahren

        • Uni- / Bivariate Datenanalyse

        • multiple lineare oder logistische Regression

      • Darstellung: Fokus auf Effektstärken, Signifikanz und Robustheit der Befunde.

      • Prüffragen:

        • Welches Forschungsdesign wird genutzt (Querschnitt, Längsschnitt, Experiment)?

        • Werden die Hypothesen bestätigt oder widerlegt?

          • Wie groß sind die Effekte (nicht nur Signifikanz)?

          • Ist die Signifikanz korrekt interpretiert?

          • Sind die Ergebnisse robust (alternative Modelle/Spezifikationen)?

          • Sind Tabellen und Abbildungen klar und korrekt?

    • Fazit und Ausblick

      • knappe Darstellung der zentralen Ergebnisse;

      • Benennung von Limitationen (Daten, Methoden, Generalisierbarkeit);

      • Rückbindung an Forschungsfrage und Theorie; Forschungsperspektiven

      • Prüffragen:

        • Sind die Schlussfolgerungen angemessen oder überinterpretierend?

        • Welche Implikationen für Forschung, Praxis oder Politik werden gezogen?

        • Werden weiterführende Forschungsperspektiven entwickelt?

    • Abschluss (Gesamtbewertung)

      • Übergreifende Einordnung der Studie; verständliche Zusammenfassung der Kernaussagen; kritische Abwägung von Erkenntnisgewinn und methodischen Einschränkungen

      • Prüffragen:

        • Lassen sich die zentralen Ergebnisse allgemeinverständlich in einem Absatz zusammenfassen?

        • Können die Kernaussagen klar benannt werden, ohne methodische Details zu überbetonen?

        • Wird berücksichtigt, dass nicht jede Studie alle Bewertungskriterien erfüllen kann?



Indikator: Zufriedenheit mit der Demokratie - empirische Studien lesen

zentraler Indikator der Demokratiezufriedenheit: Politische Stabilität


> Modell der Politischen Unterstützung als zentraler Voraussetzung für die Stabilität politischer Systeme (Easton)

  • Unterstützungsarten:

    • spezifische Unterstützung (leistungsbezogen, kurzfristig, volatil)

    • diffuse Unterstützung (grundlegend, wertbasiert, langfristig stabil)

      • = „Reservoir“, das kurzfristige Unzufriedenheit abfedern kann.

  • Formen politischer Unterstützung

    • Manifeste Unterstützung (overt support): sichtbare Handlungen (z. B. Wahlen, Steuern)

    • Latente Unterstützung (covert support): zugrundeliegende politische Einstellungen

  • Unterstützungsobjekte:

    • politische Gemeinschaft

    • politisches Regime

    • politische Autoritäten


Politische Unterstützung Bedeutung für Systemstabilität:

  • Politische Systeme können zeitweise ohne Unterstützung der Autoritäten bestehen

  • Fehlende Regimeunterstützung gefährdet Systemstabilität

  • Erst anhaltende Unzufriedenheit wirkt systemgefährdend


Zufriedenheit mit der Demokratie als Indikator für politische Unterstützung

= empirisch sehr verbreitet, aber theoretisch umstritten, aufgrund der

  • Uneinigkeit, auf welches Unterstützungsobjekt es sich bezieht.

  • Uneinigikeit, ob Regimeunterstützung spezifisch/diffus ist:

    • Vereinbar mit Eastons Konzept:

      • Specific support = Bewertung der aktuellen Leistungsfähigkeit des politischen Systems

        • Demokratiezufriedenheit reagiert stark auf:

          • Wirtschaftslage

          • politische Krisen

          • Regierungsperformance

Aber:

Politische Unterstützung nach Fuchs (1989)

= Weiterentwicklung Eastons Unterstützungsarten

  • instrumentelle

  • moralische

  • expressive Unterstützung


Politische Unterstützung nach Westle 1989

  • diffus-spezifische

  • spezifisch-diffuse Unterstützung


Politische Unterstützung nach Norris 1999

  • Kontinuum von diffuser zu spezifischer Unterstützung


Fazit:

Zufriedenheit mit der Demokratie = Individualebene

Messung basiert auf:

  • Soziodemographische Merkmale

    • Geschlecht, Alter, Staatsangeh., Erhebungsgebiet, Bildungsgebiet, sub. Schichtzugehörigkeit

  • individuelle politische Einstellungen

    • Politische Interessen, Links-Rechts, Wahlentscheidung, Wertoerientierung

  • Wirtschaftliche Bewertung

    • in DE und eigene wirtschaftliche Situation

Kontextebene (z.B. regionale, institutionelle Bedingungen) wird bewusst ausgeblendet.


Weitere Indikatoren

  • Zufriedenheit mit Bundesregierung (spezifische Unterstützung)

  • Grundsätzliche Zustimmung der Idee einer Demokratie (diffuse Unterstützung)


Datenbasis und Messung:

  • Politbarometer (1977–2016), ca. 340.000 Befragte

    • West: ab 1977 | Ost: ab 1990

  • Operationalisierung: Zufrieden vs. unzufrieden

    • trotz Wechsel von Skalen & Frageformulierungen keine systematischen VerzerrungenZeitreihe gut vergleichbar


Empirische Prüfung

  • ALLBUS 2014

    • aV: Demokratiezufriedenheit (6-stufig, pseudometrisch)

  • Multivariate Analysen

    • lineare & logistische Regression

    • erklärte Varianz: ca. 20 % (R² ≈ 0,20)


Hypothesen (Individual)

  • H1 Bildung: höher → höhere Zufriedenheit ✔ (schwach)

  • H2 Politisches Interesse: höher → höhere Zufriedenheit ✔

  • H3 Werte: Postmaterialisten unzufriedener ✖

  • H4 Wirtschaft:

    • national (sociotropic) ✔✔ stärkster Effekt

    • persönlich (pocketbook) ✔

  • H5 Ost/West: West zufriedener ✔

  • H6 Geschlecht: Männer zufriedener ✖ nicht signifikant

  • H7 Alter: Ältere zufriedener ✖ Lebenszykl. schwer nachzuvollziehen


Zentrale Ergebnisse

  • Zufriedenheit mit der Demokratie umstrittener Indikator der emp. Sozialforschung (Einordnung der Pol. Unterstützung aber möglich)

  • Effekte nach ALLBUS:

    • Stärkste Prädiktoren:

      • nationale Wirtschaft

      • persönliche Wirtschaft

      • Ost/West

    • Schwache Effekte: Bildung, politisches Interesse

    • Keine Effekte: Geschlecht, Werte, Alter

    = Ökonomische Bewertungen und Erhebungsgeb. zentral


Ausblick

  • Kognitive Pretests sind wünschenswert, z.B: ob Fragen in Ost/Westde unterschiedlich verstanden werden

  • Limitation: keine Kausalität und nur Individualebene

    • Indikatoren niemals isoliert betrachten.


Zeitlicher Verlauf (Deutschland)

  • 1970er: ~75–80 % zufrieden

  • 1980–82: starker Einbruch (~55 %)

  • 1990: Wiedervereinigung → ~80 %

  • 2003–05: Tiefphase (<60 %)

  • seit 2013: stabil ~70 %

  • Persistente Ost-West-Differenz (~−20 PP)



Indikator: Einstellung der Bevölkerung zu Bürgerbeteiligung - Empirische Studien lesen

Zentrale Forschungsfrage: Welche Bevölkerungsgruppen unterstützen Bürgerbeteiligung und warum?


Ausgangspunkt: Legitimationskrise (sinkende Wahlbeteiligung, Politikverdrossenheit, Misstrauen) → Bürgerbeteiligung als Reforminstrument (partizipative & deliberative Demokratietheorien)


Datenanalyse

  • Datenbasis: GESIS-Panel, Kommunalebene, N≈4.800 (Teil-N=1.222)

  • aV: Einstellung zur Bürgerbeteiligung - Additiver Index 0–5 (4 Beteiligungsformen)

    • 1. „Regelmäßig Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger

      • = niedrigste Beteiligungstiefe

    • 2. Beteiligung an wichtigen politischen Entscheidungen

      • = mittlere Beteiligungstiefe

    • 3. Disskussionen der BürgerInnen über wichtige politische Themen, die in Entscheidungen einbezogen werden

      • = mittlere bis hohe Beteiligungstiefe

    • 4. BürgerInnen entscheiden über wichtige politische Themen

      • höchste Beteiligungstiefe

  • uVs: Demokratiezufriedenheit, Werte, Ideologie, Bildung, Einkommen

  • Analyse: Multiple OLS Regression, Standardannahmen geprüft


Hypothesen:

  • Unzufriedenheitshypothese

    • Annahme: Unzufriedene wollen mehr Einfluss auf Entscheidungen

    • H1: Je unzufriedener mit der Demokratie, desto stärker die Befürwortung von Bürgerbeteiligung

    • Ergebnis: ✅ Signifikant bestätigt (höhere Demokratieunzufriedenheit → stärkere Befürwortung)

  • Wertehypothese (Postmaterialismus)

    • Annahme: Postmaterialisten bevorzugen Beteiligung

    • H2: Postmaterialisten unterstützen Bürgerbeteiligung stärker

    • Ergebnis: ✅ Signifikant bestätigt (Selbsttranszendenz & Offenheit für Veränderung positiv)

  • Ideologiehypothese (Links-Rechts / Extreme)

    • Annahme: Linksorientierte & Extreme befürworten Beteiligung

    • H3: Je weiter links, desto stärker die Unterstützung

    • Ergebnis: ❌ Nicht signifikant

  • Sozialer-Bias-Hypothese (Bildung & Einkommen)

    • Annahme: Höherer Status → mehr Unterstützung

    • H4a: Höhere Bildung → stärkere Unterstützung

    • H4b: Höheres Einkommen → stärkere Unterstützung

    • Ergebnis: ❌ Nicht signifikant

Kontrollvariablen: Ost/West, Geschlecht, Alter (keine systematischen Effekte, Alter nur vorsichtig interpretierbar


Fazit

  • Bürgerbeteiligung wird vor allem von Demokratieunzufriedenen und postmaterialistisch orientierten Personen unterstützt

  • Ideologie, Bildung, Einkommen spielen keine Rolle

  • Limitation: keine Paneldaten, keine Aussagen zur tatsächlichen Beteiligung


Lokale Hauptwahl oder nationale Nebenwahl? Der Einfluss von Gemeindegröße, Wahlsystem und Parteiensystem auf die Beteiligung an Kommunalwahlen“ von Frederic Graeb & Patrick Bernhagen (2024)

Der Artikel untersucht,

  • ob Kommunalwahlen primär als nationale Nebenwahlen zu verstehen sind oder ob lokale Kontextfaktoren (Gemeindegröße, Wahlsystem, lokales Parteiensystem) eigenständig die Wahlbeteiligung erklären.


Theoretischer Rahmen

  • Überberichtserstattung: Überschätzung der Wahlbeteiligung durch Sozialeerwünschtheitseffekte

    • Turnout Bias und Participation Bias

    • Ursache:

      • Selbstselektion: Politisch interessierte und wahlaktive Personen nehmen häufiger an Umfragen teil.

      • Soziale Erwünschtheit: Befragte geben eher an, gewählt zu haben, auch wenn dies nicht der Fall war.

      • Unterschiedliche Erhebungslogiken:

        • Offizielle Wahlbeteiligung: Vollerhebung (administrative Daten)

        • Berichtete Wahlbeteiligung: Stichprobendaten mit Verzerrungspotenzial

  • Nebenwahlthese (Reif & Schmitt)

    • Kommunalwahlen gelten als weniger wichtig als nationale Wahlen

    • Geringeres Interesse, geringere Mobilisierung durch Parteien & Medien

    • → niedrigere Wahlbeteiligung

  • LÖsung der Autoren:

    • Nebenwahlthese fokussiert zu stark auf nationale Faktoren und unterschätzt lokale Heterogenität

      • Die Autoren erweitern diesen Ansatz um lokale Kontextbedingungen.

    • Überberichtserstattung: Mehrebennendesign


Daten & Methodik

  • Kommunalwahlen 2014 in 9 Bundesländern

  • Mehrebenendesign Kombination aus:

    • Aggregatdaten (amtliche Wahlstatistiken)

    • Individualdaten (Nachwahlbefragung zur Europawahl)

  • Multivariate Regressionsmodelle (inkl. Kontrollvariablen)

→ Methodisch stark, da Aggregate- und Individualebene kombiniert werden.


Hypothesen

  • H1 – Gemeindegröße: Je größer die Gemeinde, desto niedriger die Wahlbeteiligung.

    • teilweise bestätigt:

      • Negativer Effekt nur auf Aggregatebene

      • Auf Individualebene nicht signifikant

  • H2 – Wahlsystem: Wahlsysteme freier Listen (Kumulieren/Panaschieren) senken die Wahlbeteiligung.

    • klar bestätigt:

      • auf Aggregatebene und Individualebene

  • H3 – Parteiensystem: Ein stärker nationalisiertes lokales Parteiensystem erhöht die Wahlbeteiligung.

    • nicht bestätigt

      • Nationalisierte Parteiensysteme zeigen leicht höhere Beteiligung aber nicht signfikant

  • H4 – Nebenwahlthese (Individualebene): Je höher die wahrgenommene Bedeutung der Kommunalpolitik, desto höher die individuelle Wahlteilnahme.

    • bestätigt und damit klare Unterstützung der Nebenwahlthese


Kontrollvariablen

  • Ostdeutschland: deutlich niedrigere Wahlbeteiligung

  • Wahlalter 16: senkt die Beteiligung

  • AfD-Stimmenanteil: kein Effekt

  • Persönlicher Kontakt zu Kommunalpolitiker*innen: mobilisiert stark


Zentrale Schlussfolgerungen

  • Kommunalwahlen sind weder reine Nebenwahlen noch reine Hauptwahlen.

  • Lokale Kontextfaktoren – insbesondere das Wahlsystem – sind entscheidend.

  • Die Nebenwahlthese erklärt individuelle Motivation, aber nicht die starke Variation zwischen Kommunen.

  • Institutionelle Gestaltung (v. a. Wahlrecht) hat demokratietheoretisch relevante Folgen.


Relevanz

  • Empirisch: Schließt eine Forschungslücke durch Mehrebenen-Design

  • Theoretisch: Präzisiert die Nebenwahlthese

  • Gesellschaftlich: Wahlrechtsgestaltung beeinflusst demokratische Teilhabe direkt


„Pulp Science? Zur Berichterstattung über Meinungsforschung in den Massenmedien“ von Kohler, Ulrich & Post, Julia C. (2023):

Kohler & Post (2023) liefern keine eigene empirische Studie, sondern zeigen anhand statistischer Modelle und Rechenbeispiele, dass mediale Berichterstattung über Online-Panel-Umfragen systematisch verzerrte Meinungsbilder produziert.


Der Beitrag argumentiert, dass

  • Massenmedien – auch Qualitätsmedien – systematisch ein verzerrtes Bild öffentlicher Meinung erzeugen, weil sie:

    • methodisch schwache Umfragen (v. a. Online-Access-Panels)

    • mit hohem Nachrichtenwert (Überraschung, Aktualität, Neuigkeit)

kombinieren.


Diese Kombination =„Pulp Science“: wissenschaftlich anmutende, aber inhaltlich hochgradig verzerrte Berichterstattung über Meinungsforschung.


Online-Access-Panels

sind für Redaktionen besonders geeignet, weil sie:

  • sehr schnell Ergebnisse liefern

  • kostengünstig sind

  • gezielt zu aktuellen oder medial verwertbaren Themen eingesetzt werden können

  • Aber:

    • keine kontrollierte Auswahlwahrscheinlichkeit haben

    • stark unter Selbstselektion leiden

    • hohe und oft unbekannte Verzerrungen (Bias) aufweisen

    • insbesondere bei politisch oder moralisch aufgeladenen Themen extrem fehleranfällig sind

Demgegenüber sind wissenschaftlich hochwertige Zufallsstichproben:

  • langsam

  • teuer

  • journalistisch kaum „verwertbar“

➡️ Für Medien entsteht ein struktureller Anreiz, methodisch problematische Umfragen zu nutzen.


Verschleierung fehlender medialer Qualitätskontrollen

Die Autoren stellen klar:

  • Der Begriff „repräsentativ“ ist wissenschaftlich weitgehend bedeutungslos

  • Entscheidend sind zwei Kriterien:

    • Unverzerrtheit (bias)

    • Effizienz (Fehlergröße)

Ein beobachteter Umfragewert setzt sich immer zusammen aus:

Beobachteter Wert = Wahrer Wert + Fehler


aber:


Ein zentrales Argument des Artikels:

  • Medien bewerten Nachrichten nach Überraschung

  • Überraschung entsteht, wenn Ergebnisse stark von Erwartungen abweichen

  • Je größer der Fehler einer Umfrage, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines überraschenden Ergebnisses

➡️ Verzerrte Umfragen sind systematisch attraktiver für Medien als unverzerrte.

  • Wichtig:Die Autoren unterstellen keine bewusste Manipulation, sondern fehlende methodische Expertise in Redaktionen.


Zentrale Kritik:

Besonders scharf kritisieren Kohler & Post das häufige Argument:

  • „Die Umfrage zeigt zumindest eine Tendenz.“

Warum dieses Argument unhaltbar ist:

  • Man kennt den wahren Wert nicht

  • Man kann daher nicht beurteilen, wie weit das Ergebnis danebenliegt

  • Auch die Richtung der Verzerrung ist nicht sicher bestimmbar

➡️ „Tendenzen“ aus verzerrten Umfragen sind epistemisch wertlos.


Verzerrungsmodell

= Verzerrung durch Auswahl der Befragten (nicht-willkürliche Stichprobe)

  • Heterogenität des Merkmals

  • Ungleichheit der Teilnahmewahrscheinlichkeit (zB. Internetzugang)

  • Zusammenhang zwischen Teilnahem und Merkmal


Beispiel:

Gewalt gegen Frauen akzeptabel?

Anhand einer realen, stark kritisierten Umfrage zeigen die Autoren:

  • Unter plausiblen Annahmen kann eine Online-Panel-Umfrage

  • den wahren Wert um über 30 Prozentpunkte verfehlen

  • selbst dann, wenn der wahre Wert sehr niedrig ist (z. B. 5 %)

➡️ Ein medial berichteter Wert von ~33 % kann vollständig artefaktisch sein.

Zum Vergleich:

  • Zufallsstichprobe (5 % Ausschöpfung): Verzerrung ca. 11 Prozentpunkte

  • Online-Access-Panel: Verzerrung bis 32 Prozentpunkte


Krake-Paul - Schubladenproblem

  • Bei vielen schlechten Messungen wird immer irgendein Ergebnis zufällig „richtig“ sein

  • Medien berichten genau diese Treffer, wenn es zum gesuchten Narrativ passt.

➡️ Nachträgliche Bestätigung („war doch korrekt“) ist kein Qualitätskriterium.

Das Problem:

  • Medien suchen nicht nach Wahrheit

  • sondern nach berichtenswerten Ergebnissen


Zentrale Schlussfolgerung

  • Online-Access-Panel-Umfragen haben ein sehr hohes Verzerrungspotential

    • Medien bevorzugen sie gerade wegen dieser Verzerrung

  • Die resultierende Berichterstattung erzeugt ein systematisches Zerrbild öffentlicher Meinung

  • Das Problem betrifft zunehmend auch Qualitätsmedien

    • Meinungsumfragen sind kein harmloses Infotainment, sondern politisch wirksam


Die Autoren fordern:

  • stärkere methodische Kompetenz in Redaktionen

  • klare, verbindliche Kriterien für „repräsentative“ Umfragen

  • stärkere öffentliche Intervention der Methodenforschung

  • Bevorzugung:

    • regelmäßiger, standardisierter Erhebungen

    • statt tagesaktueller Ad-hoc-Umfragen


Author

Cathérine C.

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