Einleitung - empirische Studien lesen
Zunehmender Einsatz quantitativer Analyseverfahren (z. B. Wahl-, Evaluations-, Ungleichheitsforschung)
Relevanz für:
Rezeption des Forschungsstands
Eigene Publikationen & Forschungsanträge
Durchführung empirischer Forschungsprojekte
Außerhalb der Wissenschaft wichtig:
Interpretation & Bewertung wissenschaftlicher Studien
Zentrale Kompetenz in Politikberatung, Journalismus, Verbänden, Verwaltung
Fachzeitschriften:
Zentrales Medium zur Veröffentlichung empirischer Forschung
Verständnis empirischer Ergebnisse setzt Methodenkenntnisse voraus
Ohne Kenntnisse zu Regressionen & Signifikanztests:
Empirische Befunde oft nicht zugänglich
Klassische Struktur:
Abstract / Zusammenfassung
Kurze Zusammenfassung der Studie und zentraler Befunde
Länge: 10 bis 15 Zeilen
Prüffragen:
Erfüllt der Text zentrale Kriterien wissenschaftlicher Literatur (z. B. Zitierfähigkeit)?
Relevanter Bezug zur eigenen Forschungsfrage/dem Forschungsthema?
Einleitung
Einführung in das Thema
Formulierung der Forschungsfrage; Darstellung Relevanz (gesellsch./theoretisch)
kurzer Überblick über Ziel und Aufbau des Beitrags
Warum ist die Fragestellung wissenschaftlich und/oder gesellschaftlich relevant?
Welche Forschungslücke wird gefüllt: theoretisch, empirisch, methodisch)?
Ist klar abgegrenzt, was untersucht wird und was nicht?
Forschungsstand und Hypothesen
Kompakte Darstellung des Forschungsstandes mit kritischer Diskussion relev. theoretischer Ansätze und empirischer Befunde
Definition zentraler Begriffe/ KOnzepte
ggf. Entwicklung Hypothesen
Prüffragen: (Kriterien für Hausarbeiten
Zitirfähig und - würigkeit? (Kriterien der Literaturbewertung)
Werden zentrale Konzepte klar definiert?
Sind die Hypothesen präzise, prüfbar und theoretisch begründet?
Daten und Operationalisierung
Funktion:
Darstellung der Datengrundlage (Primär- oder Sekundärdaten);
Darstellung der Operationalisierung (aV/ uVs)
Darstellung methodischer Vorgehensweise:
Beschreibung von Grundgesamtheit und Stichprobe;
Sicherstellung von Nachvollziehbarkeit und Replizierbarkeit.
Welche Datenbasis wird verwendet (z. B. ALLBUS, ESS, eigene Erhebung)?
Wie werden zentrale Konzepte operationalisiert?
Gibt es potenzielle Messprobleme (z. B. Nonresponse, soziale Erwünschtheit)?
Sind Kontrollvariablen sinnvoll begründet?
Empirische Befunde
Prüfung der Hypothesen mittels geeigneter quantitativer Analyseverfahren
Uni- / Bivariate Datenanalyse
multiple lineare oder logistische Regression
Darstellung: Fokus auf Effektstärken, Signifikanz und Robustheit der Befunde.
Welches Forschungsdesign wird genutzt (Querschnitt, Längsschnitt, Experiment)?
Werden die Hypothesen bestätigt oder widerlegt?
Wie groß sind die Effekte (nicht nur Signifikanz)?
Ist die Signifikanz korrekt interpretiert?
Sind die Ergebnisse robust (alternative Modelle/Spezifikationen)?
Sind Tabellen und Abbildungen klar und korrekt?
Fazit und Ausblick
knappe Darstellung der zentralen Ergebnisse;
Benennung von Limitationen (Daten, Methoden, Generalisierbarkeit);
Rückbindung an Forschungsfrage und Theorie; Forschungsperspektiven
Sind die Schlussfolgerungen angemessen oder überinterpretierend?
Welche Implikationen für Forschung, Praxis oder Politik werden gezogen?
Werden weiterführende Forschungsperspektiven entwickelt?
Abschluss (Gesamtbewertung)
Übergreifende Einordnung der Studie; verständliche Zusammenfassung der Kernaussagen; kritische Abwägung von Erkenntnisgewinn und methodischen Einschränkungen
Lassen sich die zentralen Ergebnisse allgemeinverständlich in einem Absatz zusammenfassen?
Können die Kernaussagen klar benannt werden, ohne methodische Details zu überbetonen?
Wird berücksichtigt, dass nicht jede Studie alle Bewertungskriterien erfüllen kann?
Indikator: Zufriedenheit mit der Demokratie - empirische Studien lesen
zentraler Indikator der Demokratiezufriedenheit: Politische Stabilität
> Modell der Politischen Unterstützung als zentraler Voraussetzung für die Stabilität politischer Systeme (Easton)
Unterstützungsarten:
spezifische Unterstützung (leistungsbezogen, kurzfristig, volatil)
diffuse Unterstützung (grundlegend, wertbasiert, langfristig stabil)
= „Reservoir“, das kurzfristige Unzufriedenheit abfedern kann.
Formen politischer Unterstützung
Manifeste Unterstützung (overt support): sichtbare Handlungen (z. B. Wahlen, Steuern)
Latente Unterstützung (covert support): zugrundeliegende politische Einstellungen
Unterstützungsobjekte:
politische Gemeinschaft
politisches Regime
politische Autoritäten
Politische Unterstützung Bedeutung für Systemstabilität:
Politische Systeme können zeitweise ohne Unterstützung der Autoritäten bestehen
Fehlende Regimeunterstützung gefährdet Systemstabilität
Erst anhaltende Unzufriedenheit wirkt systemgefährdend
Zufriedenheit mit der Demokratie als Indikator für politische Unterstützung
= empirisch sehr verbreitet, aber theoretisch umstritten, aufgrund der
Uneinigkeit, auf welches Unterstützungsobjekt es sich bezieht.
Uneinigikeit, ob Regimeunterstützung spezifisch/diffus ist:
Vereinbar mit Eastons Konzept:
Specific support = Bewertung der aktuellen Leistungsfähigkeit des politischen Systems
Demokratiezufriedenheit reagiert stark auf:
Wirtschaftslage
politische Krisen
Regierungsperformance
Aber:
Politische Unterstützung nach Fuchs (1989)
= Weiterentwicklung Eastons Unterstützungsarten
instrumentelle
moralische
expressive Unterstützung
Politische Unterstützung nach Westle 1989
diffus-spezifische
spezifisch-diffuse Unterstützung
Politische Unterstützung nach Norris 1999
Kontinuum von diffuser zu spezifischer Unterstützung
Fazit:
Zufriedenheit mit der Demokratie = Individualebene
Messung basiert auf:
Soziodemographische Merkmale
Geschlecht, Alter, Staatsangeh., Erhebungsgebiet, Bildungsgebiet, sub. Schichtzugehörigkeit
individuelle politische Einstellungen
Politische Interessen, Links-Rechts, Wahlentscheidung, Wertoerientierung
Wirtschaftliche Bewertung
in DE und eigene wirtschaftliche Situation
Kontextebene (z.B. regionale, institutionelle Bedingungen) wird bewusst ausgeblendet.
Weitere Indikatoren
Zufriedenheit mit Bundesregierung (spezifische Unterstützung)
Grundsätzliche Zustimmung der Idee einer Demokratie (diffuse Unterstützung)
Datenbasis und Messung:
Politbarometer (1977–2016), ca. 340.000 Befragte
West: ab 1977 | Ost: ab 1990
Operationalisierung: Zufrieden vs. unzufrieden
trotz Wechsel von Skalen & Frageformulierungen keine systematischen Verzerrungen → Zeitreihe gut vergleichbar
Empirische Prüfung
ALLBUS 2014
aV: Demokratiezufriedenheit (6-stufig, pseudometrisch)
Multivariate Analysen
lineare & logistische Regression
erklärte Varianz: ca. 20 % (R² ≈ 0,20)
Hypothesen (Individual)
H1 Bildung: höher → höhere Zufriedenheit ✔ (schwach)
H2 Politisches Interesse: höher → höhere Zufriedenheit ✔
H3 Werte: Postmaterialisten unzufriedener ✖
H4 Wirtschaft:
national (sociotropic) ✔✔ stärkster Effekt
persönlich (pocketbook) ✔
H5 Ost/West: West zufriedener ✔
H6 Geschlecht: Männer zufriedener ✖ nicht signifikant
H7 Alter: Ältere zufriedener ✖ Lebenszykl. schwer nachzuvollziehen
Zentrale Ergebnisse
Zufriedenheit mit der Demokratie umstrittener Indikator der emp. Sozialforschung (Einordnung der Pol. Unterstützung aber möglich)
Effekte nach ALLBUS:
Stärkste Prädiktoren:
nationale Wirtschaft
persönliche Wirtschaft
Ost/West
Schwache Effekte: Bildung, politisches Interesse
Keine Effekte: Geschlecht, Werte, Alter
= Ökonomische Bewertungen und Erhebungsgeb. zentral
Ausblick
Kognitive Pretests sind wünschenswert, z.B: ob Fragen in Ost/Westde unterschiedlich verstanden werden
Limitation: keine Kausalität und nur Individualebene
Indikatoren niemals isoliert betrachten.
Zeitlicher Verlauf (Deutschland)
1970er: ~75–80 % zufrieden
1980–82: starker Einbruch (~55 %)
1990: Wiedervereinigung → ~80 %
2003–05: Tiefphase (<60 %)
seit 2013: stabil ~70 %
Persistente Ost-West-Differenz (~−20 PP)
Indikator: Einstellung der Bevölkerung zu Bürgerbeteiligung - Empirische Studien lesen
Zentrale Forschungsfrage: Welche Bevölkerungsgruppen unterstützen Bürgerbeteiligung und warum?
Ausgangspunkt: Legitimationskrise (sinkende Wahlbeteiligung, Politikverdrossenheit, Misstrauen) → Bürgerbeteiligung als Reforminstrument (partizipative & deliberative Demokratietheorien)
Datenanalyse
Datenbasis: GESIS-Panel, Kommunalebene, N≈4.800 (Teil-N=1.222)
aV: Einstellung zur Bürgerbeteiligung - Additiver Index 0–5 (4 Beteiligungsformen)
1. „Regelmäßig Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger
= niedrigste Beteiligungstiefe
2. Beteiligung an wichtigen politischen Entscheidungen
= mittlere Beteiligungstiefe
3. Disskussionen der BürgerInnen über wichtige politische Themen, die in Entscheidungen einbezogen werden
= mittlere bis hohe Beteiligungstiefe
4. BürgerInnen entscheiden über wichtige politische Themen
höchste Beteiligungstiefe
uVs: Demokratiezufriedenheit, Werte, Ideologie, Bildung, Einkommen
Analyse: Multiple OLS Regression, Standardannahmen geprüft
Hypothesen:
Unzufriedenheitshypothese
Annahme: Unzufriedene wollen mehr Einfluss auf Entscheidungen
H1: Je unzufriedener mit der Demokratie, desto stärker die Befürwortung von Bürgerbeteiligung
Ergebnis: ✅ Signifikant bestätigt (höhere Demokratieunzufriedenheit → stärkere Befürwortung)
Wertehypothese (Postmaterialismus)
Annahme: Postmaterialisten bevorzugen Beteiligung
H2: Postmaterialisten unterstützen Bürgerbeteiligung stärker
Ergebnis: ✅ Signifikant bestätigt (Selbsttranszendenz & Offenheit für Veränderung positiv)
Ideologiehypothese (Links-Rechts / Extreme)
Annahme: Linksorientierte & Extreme befürworten Beteiligung
H3: Je weiter links, desto stärker die Unterstützung
Ergebnis: ❌ Nicht signifikant
Sozialer-Bias-Hypothese (Bildung & Einkommen)
Annahme: Höherer Status → mehr Unterstützung
H4a: Höhere Bildung → stärkere Unterstützung
H4b: Höheres Einkommen → stärkere Unterstützung
Kontrollvariablen: Ost/West, Geschlecht, Alter (keine systematischen Effekte, Alter nur vorsichtig interpretierbar
Fazit
Bürgerbeteiligung wird vor allem von Demokratieunzufriedenen und postmaterialistisch orientierten Personen unterstützt
Ideologie, Bildung, Einkommen spielen keine Rolle
Limitation: keine Paneldaten, keine Aussagen zur tatsächlichen Beteiligung
Lokale Hauptwahl oder nationale Nebenwahl? Der Einfluss von Gemeindegröße, Wahlsystem und Parteiensystem auf die Beteiligung an Kommunalwahlen“ von Frederic Graeb & Patrick Bernhagen (2024)
Der Artikel untersucht,
ob Kommunalwahlen primär als nationale Nebenwahlen zu verstehen sind oder ob lokale Kontextfaktoren (Gemeindegröße, Wahlsystem, lokales Parteiensystem) eigenständig die Wahlbeteiligung erklären.
Theoretischer Rahmen
Überberichtserstattung: Überschätzung der Wahlbeteiligung durch Sozialeerwünschtheitseffekte
Turnout Bias und Participation Bias
Ursache:
Selbstselektion: Politisch interessierte und wahlaktive Personen nehmen häufiger an Umfragen teil.
Soziale Erwünschtheit: Befragte geben eher an, gewählt zu haben, auch wenn dies nicht der Fall war.
Unterschiedliche Erhebungslogiken:
Offizielle Wahlbeteiligung: Vollerhebung (administrative Daten)
Berichtete Wahlbeteiligung: Stichprobendaten mit Verzerrungspotenzial
Nebenwahlthese (Reif & Schmitt)
Kommunalwahlen gelten als weniger wichtig als nationale Wahlen
Geringeres Interesse, geringere Mobilisierung durch Parteien & Medien
→ niedrigere Wahlbeteiligung
LÖsung der Autoren:
Nebenwahlthese fokussiert zu stark auf nationale Faktoren und unterschätzt lokale Heterogenität
Die Autoren erweitern diesen Ansatz um lokale Kontextbedingungen.
Überberichtserstattung: Mehrebennendesign
Daten & Methodik
Kommunalwahlen 2014 in 9 Bundesländern
Mehrebenendesign Kombination aus:
Aggregatdaten (amtliche Wahlstatistiken)
Individualdaten (Nachwahlbefragung zur Europawahl)
Multivariate Regressionsmodelle (inkl. Kontrollvariablen)
→ Methodisch stark, da Aggregate- und Individualebene kombiniert werden.
Hypothesen
H1 – Gemeindegröße: Je größer die Gemeinde, desto niedriger die Wahlbeteiligung.
teilweise bestätigt:
Negativer Effekt nur auf Aggregatebene
Auf Individualebene nicht signifikant
H2 – Wahlsystem: Wahlsysteme freier Listen (Kumulieren/Panaschieren) senken die Wahlbeteiligung.
klar bestätigt:
auf Aggregatebene und Individualebene
H3 – Parteiensystem: Ein stärker nationalisiertes lokales Parteiensystem erhöht die Wahlbeteiligung.
nicht bestätigt
Nationalisierte Parteiensysteme zeigen leicht höhere Beteiligung aber nicht signfikant
H4 – Nebenwahlthese (Individualebene): Je höher die wahrgenommene Bedeutung der Kommunalpolitik, desto höher die individuelle Wahlteilnahme.
bestätigt und damit klare Unterstützung der Nebenwahlthese
Kontrollvariablen
Ostdeutschland: deutlich niedrigere Wahlbeteiligung
Wahlalter 16: senkt die Beteiligung
AfD-Stimmenanteil: kein Effekt
Persönlicher Kontakt zu Kommunalpolitiker*innen: mobilisiert stark
Zentrale Schlussfolgerungen
Kommunalwahlen sind weder reine Nebenwahlen noch reine Hauptwahlen.
Lokale Kontextfaktoren – insbesondere das Wahlsystem – sind entscheidend.
Die Nebenwahlthese erklärt individuelle Motivation, aber nicht die starke Variation zwischen Kommunen.
Institutionelle Gestaltung (v. a. Wahlrecht) hat demokratietheoretisch relevante Folgen.
Relevanz
Empirisch: Schließt eine Forschungslücke durch Mehrebenen-Design
Theoretisch: Präzisiert die Nebenwahlthese
Gesellschaftlich: Wahlrechtsgestaltung beeinflusst demokratische Teilhabe direkt
„Pulp Science? Zur Berichterstattung über Meinungsforschung in den Massenmedien“ von Kohler, Ulrich & Post, Julia C. (2023):
Kohler & Post (2023) liefern keine eigene empirische Studie, sondern zeigen anhand statistischer Modelle und Rechenbeispiele, dass mediale Berichterstattung über Online-Panel-Umfragen systematisch verzerrte Meinungsbilder produziert.
Der Beitrag argumentiert, dass
Massenmedien – auch Qualitätsmedien – systematisch ein verzerrtes Bild öffentlicher Meinung erzeugen, weil sie:
methodisch schwache Umfragen (v. a. Online-Access-Panels)
mit hohem Nachrichtenwert (Überraschung, Aktualität, Neuigkeit)
kombinieren.
Diese Kombination =„Pulp Science“: wissenschaftlich anmutende, aber inhaltlich hochgradig verzerrte Berichterstattung über Meinungsforschung.
Online-Access-Panels
sind für Redaktionen besonders geeignet, weil sie:
sehr schnell Ergebnisse liefern
kostengünstig sind
gezielt zu aktuellen oder medial verwertbaren Themen eingesetzt werden können
keine kontrollierte Auswahlwahrscheinlichkeit haben
stark unter Selbstselektion leiden
hohe und oft unbekannte Verzerrungen (Bias) aufweisen
insbesondere bei politisch oder moralisch aufgeladenen Themen extrem fehleranfällig sind
Demgegenüber sind wissenschaftlich hochwertige Zufallsstichproben:
langsam
teuer
journalistisch kaum „verwertbar“
➡️ Für Medien entsteht ein struktureller Anreiz, methodisch problematische Umfragen zu nutzen.
Verschleierung fehlender medialer Qualitätskontrollen
Die Autoren stellen klar:
Der Begriff „repräsentativ“ ist wissenschaftlich weitgehend bedeutungslos
Entscheidend sind zwei Kriterien:
Unverzerrtheit (bias)
Effizienz (Fehlergröße)
Ein beobachteter Umfragewert setzt sich immer zusammen aus:
Beobachteter Wert = Wahrer Wert + Fehler
aber:
Ein zentrales Argument des Artikels:
Medien bewerten Nachrichten nach Überraschung
Überraschung entsteht, wenn Ergebnisse stark von Erwartungen abweichen
Je größer der Fehler einer Umfrage, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines überraschenden Ergebnisses
➡️ Verzerrte Umfragen sind systematisch attraktiver für Medien als unverzerrte.
Wichtig:Die Autoren unterstellen keine bewusste Manipulation, sondern fehlende methodische Expertise in Redaktionen.
Zentrale Kritik:
Besonders scharf kritisieren Kohler & Post das häufige Argument:
„Die Umfrage zeigt zumindest eine Tendenz.“
Warum dieses Argument unhaltbar ist:
Man kennt den wahren Wert nicht
Man kann daher nicht beurteilen, wie weit das Ergebnis danebenliegt
Auch die Richtung der Verzerrung ist nicht sicher bestimmbar
➡️ „Tendenzen“ aus verzerrten Umfragen sind epistemisch wertlos.
Verzerrungsmodell
= Verzerrung durch Auswahl der Befragten (nicht-willkürliche Stichprobe)
Heterogenität des Merkmals
Ungleichheit der Teilnahmewahrscheinlichkeit (zB. Internetzugang)
Zusammenhang zwischen Teilnahem und Merkmal
Beispiel:
Gewalt gegen Frauen akzeptabel?
Anhand einer realen, stark kritisierten Umfrage zeigen die Autoren:
Unter plausiblen Annahmen kann eine Online-Panel-Umfrage
den wahren Wert um über 30 Prozentpunkte verfehlen
selbst dann, wenn der wahre Wert sehr niedrig ist (z. B. 5 %)
➡️ Ein medial berichteter Wert von ~33 % kann vollständig artefaktisch sein.
Zum Vergleich:
Zufallsstichprobe (5 % Ausschöpfung): Verzerrung ca. 11 Prozentpunkte
Online-Access-Panel: Verzerrung bis 32 Prozentpunkte
Krake-Paul - Schubladenproblem
Bei vielen schlechten Messungen wird immer irgendein Ergebnis zufällig „richtig“ sein
Medien berichten genau diese Treffer, wenn es zum gesuchten Narrativ passt.
➡️ Nachträgliche Bestätigung („war doch korrekt“) ist kein Qualitätskriterium.
Das Problem:
Medien suchen nicht nach Wahrheit
sondern nach berichtenswerten Ergebnissen
Zentrale Schlussfolgerung
Online-Access-Panel-Umfragen haben ein sehr hohes Verzerrungspotential
Medien bevorzugen sie gerade wegen dieser Verzerrung
Die resultierende Berichterstattung erzeugt ein systematisches Zerrbild öffentlicher Meinung
Das Problem betrifft zunehmend auch Qualitätsmedien
Meinungsumfragen sind kein harmloses Infotainment, sondern politisch wirksam
Die Autoren fordern:
stärkere methodische Kompetenz in Redaktionen
klare, verbindliche Kriterien für „repräsentative“ Umfragen
stärkere öffentliche Intervention der Methodenforschung
Bevorzugung:
regelmäßiger, standardisierter Erhebungen
statt tagesaktueller Ad-hoc-Umfragen
Zuletzt geändertvor 13 Tagen