Abwehrmechanismen („Ich-Abwehr“/Widerstand) sind unbewusste Prozesse, die dem Schutz des „Ichs“ dienen. Diese Abwehrmechanismen können in Stresssituationen oder als Bestandteil von Persönlichkeitsstörungen auftreten. Die Mechanismen können zwar eine schnelle, kurzfristige Linderung unangenehmer Gefühle (Angst, Scham, Schuldgefühle) bewirken, sie können aber auch langfristige Folgen haben (Behinderung der Krankheitseinsicht, mangelnde Compliance).
Sie werden nach dem relativen Strukturniveau und Reifegrad eingeteilt:
Auf höherem Strukturniveau
Auf mittlerem Strukturniveau
Auf niederem Strukturniveau
Reife Abwehrmechanismen
Fremde Motive/Eigenschaften werden als Eigene verinnerlicht
Bewusste Nachahmen von Mustern wird als Imitation bezeichnet
Beispiel: Kinder übernehmen die Verhaltensweisen und Einstellungen ihrer Eltern
Überfordernde Angst wird in eine Beziehungserfahrung übertragen und so von anderen Erfahrungen getrennt
Abgekapselter Fremdkörper im Ich
Beispiel: Eine Missbrauchserfahrung in der Kindheit wird an das Gebäude der Kindheit gebunden und so von den anderen Erfahrungen abgekapselt
Rückfall in ein eher kindliches Verhalten (Rückkehr zu einer früheren Entwicklungsstufe) in Stresssituationen
Auch als Ich-Regression bezeichnet
Beispiel: Wenn das zweite Kind geboren wird, bekommt das ältere 4-jährige Geschwisterkind Wutanfälle oder verlangt ebenfalls Muttermilch
Verleugnung der schmerzhaften Realität, indem so getan wird, als gäbe es sie nicht
Partielle oder totale Verleugnung
Beispiel: Die Frau eines Soldaten glaubt weiterhin, dass ihr Mann nach Hause zurückkehren wird, obwohl sie einen Brief über seinen Tod erhalten hat
Ausdruck psychischer Inhalte (Triebwunsch, Traumaerleben) mit Körpersprache
Einsatz symbolischer Sprache/körperliche Symptome
Beispiel: Ein Kind äußert starke Bauchschmerzen, welche ein Ausdruck des Wunsches sind, nicht in die Schule gehen zu müssen
Gefühl der Trennung von einem belastenden oder traumatischen Ereignis
Ermöglicht es Personen, psychische Traumata und Stress zu verdrängen, indem sie sich einer unangenehmen Situation entziehen.
Kann sich zu einer dissoziativen Störung entwickeln
Beispiel: Ein Junge, der sexuellen Missbrauch erlebt hat, starrt an die Wand und träumt, wenn er mit traumatischen Erinnerungen konfrontiert wird
Unfreiwilliges Verdrängen eines unangenehmen oder inakzeptablen Gefühls oder Gedankens aus dem Bewusstsein
Damit einher geht eine lückenhafte Selbst- und Objektwahrnehmung
Beispiel: Opfer von sexuellem Missbrauch verdrängen oft die damit verbundenen Erinnerungen, die dann schwer zugänglich sind
Verschiebung unangenehmer Emotionen oder Impulse auf eine andere Person oder ein Objekt (von einer höheren zu einer niedrigeren Position in der wahrgenommenen Hierarchie)
Typisch für Phobien und Ängste
Beispiel: Ein Ehemann, der wütend auf seinen Chef ist, schreit seine Kinder an, wenn er nach Hause kommt
Umwandlung inakzeptabler Emotionen oder Impulse in genau die entgegengesetzte Richtung
Beispiel: Eine Person, die von bestimmten Ideen fasziniert ist, äußert sich unverblümt und vehement gegen diese Ideen/Aktionen
Informationen und Fakten nutzen, um unangenehme Situationen zu vermeiden
Beispiel: Während ein Patient aufgrund eines Fehlers auf dem Operationstisch stirbt, erklärt eine Chirurgin den Schüler*innen in aller Ruhe die technischen Details/Komplikationen des Eingriffs
Andere rationale Erklärungen für ein Ereignis finden als die eigentliche Ursache
Bei Personen mit Zwangsstörungen
Beispiel: Ein Schüler gibt seinem Lehrer die Schuld daran, dass er eine Prüfung nicht bestanden hat, um nicht die Wahrheit zu sagen, dass er selbst nicht gut gelernt hat
Trennen eines Ereignisses von den einhergehenden Emotionen
Beispiel: Eine Frau, die einen Bombenanschlag erlebt hat, berichtet sachlich über den Vorfall
Verhaltensweisen oder Handlungen, die inakzeptables Verhalten ungeschehen machen sollen
Beispiel: religiöse Buße, einschließlich Beten und Beichten der Sünde
Nur die besten/schlechtesten Eigenschaften einer Person werden wahrgenommen und sich auf diese konzentriert
Typisch bei Selbstwertpathologien
Beispiel: Ein Arbeitnehmer beschreibt seinen Chef als den besten der Welt und ignoriert alle Mängel
Unterwerfung unter die Erwartung von Anderen, um deren Zuwendung zu erhalten
Beispiel: Eine Jugendliche, welche neu in einer Klasse ist, beginnt zu rauchen, um Teil der Gruppe zu sein, obwohl sie Rauchen eigentlich ablehnt
Unfähigkeit, sowohl negative als auch positive Eigenschaften von sich selbst oder anderen wahrzunehmen
Häufig bei Personen mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ
Beispiel: eine Person, die alle Ärzt*innen für kompetent hält, während sie die Pflege für schrecklich hält
Übertragung von inakzeptablen Gefühlen, Wünschen oder Gedanken auf eine andere Person
Assoziiert mit paranoider Persönlichkeitsstörung
Beispiel: Ein Mann, der eine außereheliche Affäre hatte, beschuldigt seine Frau, untreu zu sein
Indirekter Ausdruck von Aggression
Bei Personen mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ
Beispiel: Ein Büroangestellter kommt jeden Tag zu spät zur Arbeit, seit er einen Konflikt mit seinem Vorgesetzten hatte
Reife Abwehrmechanismen sind ausgefeilter und erfordern mehr Erfahrung und Kenntnisse über das eigene Selbst. Reife Abwehrmechanismen helfen, sich der Realität auf eine sinnvollere und sozial adäquate Weise zu nähern.
Handlungen, die anderen zugutekommen, um indirekt Freude zu erleben
Kann Menschen dabei helfen, negative Gefühle zu vermeiden
Beispiel: Ein unmenschlicher Vorstandsvorsitzender spendet regelmäßig für wohltätige Organisationen
Unangenehme Gefühle ausdrücken (oft in Form von Witzen), ohne sich selbst Unbehagen zu bereiten
Beispiel: Ein Mann mit Schlafapnoe macht Witze über seine CPAP-Maske (Continuous Positive Airway Pressure)
Befriedigung der eigenen Wünsche oder Impulse auf sozial adäquate Weise → Kanalisierung statt Verhinderung von Impulsen
Beispiel: Ein kinderloser älterer Mann, der immer Kinder haben wollte, verbringt viel Zeit damit, seinem Neffen Fußball beizubringen
Bewusstes Ignorieren eines unangenehmen oder inakzeptablen Impulses oder Gefühls, um das Unbehagen zu verringern und eine Aufgabe bewältigen zu können
Beispiel: Ein Student trennt sich am Abend vor einer wichtigen Prüfung von seiner Freundin. Er zeigt keine Emotionen, bis er seine Prüfung abgelegt hat
Zuletzt geändertvor 10 Tagen