(Folie 20) Was bedeutet „Diagnostik“ wörtlich – und welche Schritte umfasst sie?
Bedeutung:
griech. διά = „durch“
γνῶσις = „Erkenntnis, Urteil“ → Erkennen, unterscheiden
Umfasst:
Anfangsbefund
Anamnese (Vorgeschichte)
Verlaufsdiagnostik
→ Ziel: Diagnose der Erkrankung
(Folie 21) Wie ist der Ablauf einer ambulanten Psychotherapie strukturiert?
Eingangsdiagnostik
Erstgespräch
Sprechstunde
probatorische Sitzungen
Indikationsstellung
Ist Behandlung notwendig?
Welche Therapieform?
Welche Frequenz?
Therapieplanung & Durchführung
Kurzzeittherapie (KZT)
Langzeittherapie (LZT)
Akut-/Krisenbehandlung
supportive Gespräche
Nachsorge
Transfersicherung
Katamnese
Wiedervorstellung
(Folie 22) Was ist das zentrale Ziel der OPD?
Ziel:
→ Systematische, standardisierte und transparente Operationalisierung
psychodynamischer Diagnostik
und Behandlungsplanung
Entwicklung:
1990er Jahre
OPD-Manual (1996)
OPD-2 (2006)
OPD-3 (2023)
Merkmale:
Diagnostisches Interview
Multiaxiale Struktur
(Folie 25 & 28) Welche fünf Achsen umfasst die OPD?
Die OPD ist multiaxial aufgebaut und umfasst:
Achse I: Krankheitserleben & Behandlungsvoraussetzungen
Achse II: Beziehung
Achse III: Konflikt
Achse IV: Struktur
Achse V: Psychische & psychosomatische Störungen
→ Achse V entspricht der klassifikatorischen Diagnostik (ICD/DSM), wird aber durch Achse I–IV ergänzt
(Folie 25) Was wird auf Achse I erfasst?
Krankheitserleben & Behandlungsvoraussetzungen
Erfasst werden:
subjektive Krankheitstheorien
Veränderungsmotivation
Ressourcen
Hemmnisse
zentrale Aspekte der Erkrankung
→ Fokus: Wie erlebt die Person ihre Erkrankung?
(Folie 25) Was ist das Ziel der Beziehungsachse (Achse II)?
Erfassung eines dysfunktionalen, habituellen Beziehungsmusters
typische leidvolle Reaktionsweisen beschreiben
ersten Anhaltspunkt für Behandlung gewinnen
→ Übertragung & Gegenübertragung sind zentral
(Folie 25) Wie wird ein Konflikt auf Achse III definiert?
Ein Konflikt ist:
zeitlich überdauernd
unbewusst
nicht durch reine Willensanstrengung überwindbar
geprägt durch festgelegte Erlebnismuster
Es werden:
7 Konflikte
mit aktiven und passiven Verarbeitungsmodi beschrieben
(Folie 25) Was beschreibt die Strukturachse (Achse IV)?
Die Strukturachse beschreibt:
→ Basale psychische Funktionen
Diese werden auf vier Integrationsniveaus eingeschätzt:
gut integriert
mäßig integriert
gering integriert
desintegriert
→ Einschätzung hat direkte therapeutische Implikationen
(Folie 29) Welche vier zentralen Foki hat die OPD-Diagnostik?
Die Diagnostik richtet den Blick auf:
Krankheitserleben
Beziehung
Konflikt
Struktur
→ Leitfrage: Welche „Störungen“ liegen vor?
(Folie 30) Wie ist das OPD-Interview aufgebaut?
Semistrukturiertes Interview mit 5 Phasen:
Aktuelles Belastungserleben
Beziehungsepisoden
Objekterleben & Lebensgestaltung → Konflikt + Struktur
Psychotherapiemotivation & Behandlungsvoraussetzungen
Psychische & psychosomatische Störungen
(Folie 31) Was ist das zentrale Anliegen der Beziehungsdiagnostik in der OPD?
Diagnose dysfunktionaler Beziehungsmuster
Sie ist die:
→ Schnittstelle zwischen intrapsychischer und interpersoneller Ebene
Grundlage:
beobachtbares Beziehungsverhalten
das, was der Untersucher im Kontakt erlebt
Wahrnehmungen aus dem Beziehungsangebot des Patienten
eigene Gegenübertragung
(Folie 32) Welche therapeutische Leitfrage steht hinter der Beziehungsdiagnostik?
Wie kommt es,
dass Patient:innen ihre Beziehungen unbewusst wiederkehrend
so gestalten,
dass sie andere zu Antworten verleiten,
die sie als leidvoll, enttäuschend oder bedrohlich erleben?
(Folie 33) Worauf wird im Erstgespräch zur Beziehungsdiagnostik geachtet?
Zwei Ebenen:
Alltagsepisoden („Dort & Dann“)
wiederholte Beziehungserfahrungen
Therapeutisches Beziehungsgeschehen („Hier & Jetzt“)
Übertragungsgeschehen
(Folie 35) Was bedeutet „habituelles Beziehungsverhalten“?
Eine:
→ überdauernde psychosoziale Kompromissbildung
zwischen:
Beziehungswünschen
Befürchtungen
Es zeigt sich als:
dominante interpersonelle Einstellung
durchgängig wirksames Muster
(Folie 35) Wann spricht man von einem dysfunktionalen habituellen Beziehungsmuster?
Wenn:
das habituelle Beziehungsverhalten
mit typischen Reaktionsweisen der Sozialpartner
eine für den Patienten leidvolle Konstellation erzeugt
(Folie 36–37) Welche vier analytischen Fragen strukturieren die Beziehungsdiagnostik?
Wie erlebt sich der Patient im Kontakt?
Wie erlebt der Patient andere?
Wie erleben andere den Patienten? → unbewusste Anteile
Wie erleben andere sich gegenüber dem Patienten? → Gegenübertragungsdiagnostik
(Folie 38) Nenne zwei zentrale Beziehungsthemen/-felder der OPD.
Beispiele:
Freiraum gewähren ↔ sich frei entfalten
Zuneigung zeigen ↔ sich einlassen
Aggression angemessen zeigen ↔ sich schützen
Kontakt aufnehmen & abgrenzen
→ Insgesamt 8 Beziehungsthemen
(Folie 40) Wann spricht man in der Psychoanalyse von einem Konflikt?
Ein Konflikt liegt vor, wenn:
→ sich im Subjekt gegensätzliche innere Forderungen gegenüberstehen.
latent oder manifest
äußert sich in Symptomen oder Verhaltensstörungen
konstitutiv für den Menschen
(Folie 41) Was ist ein intrapsychischer Konflikt?
Eine Spannung, die entsteht durch:
zwei unverträgliche
widerstreitende Motive, Wünsche oder Tendenzen
Psychische Störungen gelten als:
→ Kompromissbildungen
→ Lösungsversuche reaktivierter unbewusster Konflikte
(Folie 42) Welche allgemeinen Merkmale haben Konflikte?
beruhen auf einer Motivationstheorie
entstehen durch Widerstreit von Motiven, Bedürfnissen, Werten
innere und äußere Konflikte unterscheidbar
können zu Neurosen führen
(Folie 43) Welche vier Grundkonflikte beschreibt Rudolf?
Nähe (Individuation vs. Abhängigkeit) – 1. LJ
Bindung (Versorgung vs. Autarkie) – 2. HJ bis 2. LJ
Autonomie (Unterwerfung vs. Kontrolle) – 2.–3. LJ
Identität (ödipaler Konflikt) – 3.–6. LJ
(Folie 45) Welche 7 Konflikte umfasst die OPD-3?
K1: Individuation vs. Abhängigkeit
K2: Unterwerfung vs. Kontrolle
K3: Versorgung vs. Autarkie
K4: Selbstwertkonflikt
K5: Schuldkonflikt
K6: Ödipaler Konflikt
K7: Identitätskonflikt
K0: Abgewehrte Konflikt- und Gefühlswahrnehmung
(Folie 46) Welche vier Merkmale definieren ein Konfliktthema?
Repetitives (dys)funktionales motivationales Muster
Kern- und Leitaffekte
Typische auslösende Situationen
Typische Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamiken
(Folie 47) Was ist der Unterschied zwischen Kernaffekt und Leitaffekt?
Kernaffekt:
meist unbewusst
abgewehrter Affektzustand
oft früh entstanden
sehr schmerzlich
Bewältigungsmodi halten ihn fern
Leitaffekt:
bewusst zugänglich
typisches Gefühl im Konfliktmodus
Ergebnis von Abwehr
kann selbst Abwehrfunktion haben
(Folie 52–53) Woran erkennt man einen zentralen Konflikt?
→ Am Leitaffekt
Autonomie vs. Abhängigkeit → Angst
Unterwerfung vs. Kontrolle → Ärger / Wut
Versorgung vs. Autarkie → Depression / Trauer
Selbstwert → Scham / narzisstische Wut
Schuld → Schuldgefühle
Ödipal → Erotisierung
Identität → Identitätsmangel
(Folie 48) Worum geht es motivational im Konflikt „Individuation vs. Abhängigkeit“?
Zentrale Motive:
Streben nach Affiliation (Nähe, Bindung, emotionaler Halt)
Wunsch, sich gleichzeitig als eigenständige Person zu erleben
Entwicklungsannahme:
Frühe Jahre: Beziehungsmotivation überwiegt
Gelungene Entwicklung → Urvertrauen
Misslingt Entwicklung:
ausgeprägte Unsicherheit
Angst vor Trennung oder vor Nähe
übermäßige Sehnsucht nach engen Beziehungen oder Angst davor
(Folie 49) Welcher Kernaffekt und welcher Leitaffekt kennzeichnen K1?
existenzielle, subjektiv unerträgliche Angst
vor Trennung
oder vor Verschmelzung
Passiver Modus → starke Angst
Aktiver Modus → starke Aversion
(Folie 50) Wie unterscheiden sich aktiver und passiver Modus bei K1?
🔹 Aktiver Modus
Übersteigerte Unabhängigkeit
Kampf um Eigenständigkeit
„Ich brauche niemanden“
emotionale Distanz
Kernaffekt: Angst vor Nähe/Verschmelzung
🔹 Passiver Modus
Forciertes Anklammern
Suche nach Sicherheit um jeden Preis
„Ohne dich kann ich nicht leben“
Unterwerfung, Fürsorge
Kernaffekt: Angst vor Trennung
(Folie 52) Woran erkennt man im klinischen Material den zentralen Konflikt?
→ Am emotionalen Geschehen
→ am Leitaffekt
Der Leitaffekt zeigt,
welcher Konflikt aktiviert ist.
(Folie 55) Was sind Abwehrmechanismen?
Abwehrmechanismen sind:
→ meist unbewusste, automatisch verlaufende Prozesse,
die dazu dienen,
das Ich von unlustvollen Gefühlen und Affekten (inkl. zugehöriger kognitiver Inhalte) zu entlasten.
→ Reduktion innerer Unlust
(Folie 57) Wie werden Abwehrformen systematisiert?
Nach Reifegrad:
Reif
Unreif
Psychotisch
Nach Ebene:
Intrapsychisch
Interpersonell
Intellektualisierung
Rationalisierung
Verdrängung
Verschiebung
Projektion
Spaltung
(Folie 58) Was ist Widerstand?
Widerstand ist:
→ alles, was sich dem Zugang zum Unbewussten entgegenstellt
→ richtet sich gegen Veränderung und Bewusstwerdung
→ „gegen die Genesung“
(Folie 58) Welche Formen des Widerstands unterscheidet Freud?
Ich-Widerstände:
Übertragungswiderstand
sekundärer Krankheitsgewinn
Über-Ich-Widerstand:
Strafbedürfnis
unbewusstes Schuldgefühl
Es-Widerstand:
Wiederholungszwang
(Folie 55–58) Worin liegt der Unterschied zwischen Abwehr und Widerstand?
Abwehr
allgemeine unbewusste Mechanismen
regulieren Affekte
Ich-Entlastung
Widerstand
tritt im therapeutischen Prozess auf
richtet sich gegen Bewusstwerdung & Veränderung
blockiert analytische Arbeit
(Folie 60 & 67) Wofür steht „Struktur“ in der OPD?
Struktur =
→ Rohbau / Grundgerüst der Persönlichkeit
Gemeint sind:
eher konstante Charakteristika
intrapsychische & interpersonelle Kompetenzen
basale regulative Funktionen
Nicht:
individuelle Färbung sondern → basale Fähigkeiten & Dispositionen
(Folie 60) Warum ist Struktur Voraussetzung für Konflikt?
Metapher „Hausbau“:
Ohne Fundament kein Haus
Ohne Gerüst keine Stabilität
→ Ohne Struktur ist kein Konflikt möglich
→ sonst Chaos, Haltlosigkeit
(Folie 61) Welche zwei Strukturmodelle unterscheidet Freud?
1. Topisches Modell (1900)
Bewusst
Vorbewusst
Unbewusst
2. Strukturmodell (1923)
Ich
Es
Über-Ich
(Folie 62) Welche Funktionen haben Es, Ich und Über-Ich?
Trieb-Unbewusstes
angeborene & erworbene Triebe
Vermittler zwischen:
Außenwelt
besitzt unbewusste Anteile
verinnerlichte Ideale, Moral, Gewissen
ebenfalls mit unbewussten Anteilen
(Folie 64 & 67) Welche fünf Dimensionen umfasst die Strukturachse?
Wahrnehmung
Steuerung
Kommunikation
Bindung
→ Einschätzung erfolgt auf Integrationsniveaus
(Folie 64) Welche sechs strukturellen Fähigkeiten werden konkret benannt?
Selbstwahrnehmung
Selbststeuerung
Abwehr (internal vs. interpersonal; Flexibilität)
Objektwahrnehmung
Emotionale Kommunikation
(Folie 67 & 70) Welche Integrationsniveaus unterscheidet die OPD?
Vier Niveaus:
Gut integriert
Mäßig integriert
Gering integriert
Desintegriert
→ Von hoher Selbstkohärenz bis fehlender Kohärenz
(Folie 70) Wodurch ist eine gut integrierte Struktur gekennzeichnet?
Relativ autonomes Selbst
Intrapsychischer Binnenraum für Konflikte
Selbstreflexion möglich
Realitätsgerechte Wahrnehmung anderer
Ausreichend gute innere Objekte
(Folie 70) Was kennzeichnet eine desintegrierte Struktur?
Fehlende Kohärenz des Selbst
Überflutende Emotionalität
Empathische Objektwahrnehmung nicht möglich
(Folie 74) Was kennzeichnet die psychotherapeutische Begegnung?
Zentrale Aspekte:
Zuhören → „Ich werde gehört“
Resonanz geben und erfahren
→ Zwei Menschen stellen sich aufeinander ein
→ Gedanken, Empfindungen und Emotionen werden angereichert
(Folie 75) Auf welchen Ebenen findet die therapeutische Begegnung statt?
Auf zwei Ebenen:
Zwischen:
Therapeut:in
Patient:in
(Folie 76) Welche vier klassischen Interventionsformen gibt es?
Klären (Klarifizieren)
Konfrontieren
Deuten
Durcharbeiten
(Folie 77) Was bedeutet Klärung?
Herausarbeiten wesentlicher Details
Nachfragen
Kann sich an eine Konfrontation anschließen
(Folie 78) Was ist Konfrontation?
Aufmerksamkeit auf bestimmtes Phänomen lenken
Andere Sichtweise mitteilen
Vorstufe zur Deutung
Boden für Interpretation bereiten
(Folie 79) Was ist eine Deutung?
Eine verbale Intervention mit dem Ziel:
→ Unbewusstes bewusst zu machen
Bezieht sich auf:
unbewusste Bedeutung
Quelle
Geschichte
Ursache eines psychischen Ereignisses
(Folie 80) Welche Formen der Deutung werden unterschieden?
Inhaltsdeutung
Abwehrdeutung
Widerstandsdeutung
Übertragungsdeutung
Genetische Deutung
(Folie 81–82) Wovon hängt eine gelingende Deutung ab?
Wie?
nahe am Wortlaut bleiben
kurz, präzise, einfach formulieren
Wann?
wenn Prozess ins Stocken gerät
Voraussetzungen:
Denkfähigkeit
Symbolisierungsarbeit
hohe Selbstreflexion
psychohygienische Lebensweise
(Folie 83) Was bedeutet Durcharbeiten?
Gemeinsame Arbeit an Widerständen
Intellektuelle Einsicht allein reicht nicht
Überwindung von Veränderungshemmnissen
(Folie 85) Welche dreifache Bedeutung hat Durcharbeiten?
Durcharbeiten der Behandlungswiderstände
Durcharbeiten der Übertragungen
Inneres Durcharbeiten der Deutungen (inkl. Nacharbeit zwischen Sitzungen)
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