(Folie 4) Welche Input- und Output-Modalitäten sind beim Sprachverstehen und Sprechen beteiligt?
Sprachverstehen (Input):
Sprachsignal (gesprochene Sprache)
Schrift (geschriebene Sprache)
Diese Signale werden zunächst analysiert durch:
phonemische Analyse (Laute erkennen)
graphische Analyse (Buchstaben erkennen)
Danach folgt:
lexikalischer Zugriff auf das mentale Lexikon
Weitere Verarbeitungsschritte:
Parsing (syntaktische Analyse)
semantische Interpretation
Zusätzlich genutzt wird:
Weltwissen / Diskursmodell
Sprachproduktion (Output):
Konzepte werden in Wortformen enkodiert
anschließend artikuliert (Sprechen / Schreiben)
(Folie 5) Was passiert nach der Segmentierung von Wörtern in einer Äußerung?
Nach der Segmentierung (Erkennen einzelner Wörter in einer kontinuierlichen Äußerung) folgen zwei zentrale Prozesse:
Parsing
Rekonstruktion der syntaktischen (grammatikalischen) Struktur
bestimmt, wie Wörter grammatisch zusammengehören
Semantische Interpretation
Bestimmung der inhaltlichen Bedeutung der Äußerung
Diese Prozesse ermöglichen das Verstehen des Satzes.
(Folie 5) Wie werden mentale Repräsentationen syntaktischer Strukturen dargestellt?
Sie werden häufig durch Phrasenstrukturbäume dargestellt.
Beispielstruktur:
Satz
→ Nominalphrase
→ Verbalphrase
In der Verbalphrase:
Verb
weitere Nominalphrase
Beispiel aus der Folie:
„Der kleine Junge isst eine saftige Birne.“
Struktur:
Nominalphrase: Der kleine Junge
Verb: isst
Nominalphrase: eine saftige Birne
Der Baum zeigt die hierarchische syntaktische Struktur des Satzes.
(Folie 6) Warum wird Satzbedeutung nicht erst am Satzende interpretiert?
Experimente zeigen, dass Interpretation nicht bis zum Disambiguierungspunkt (Ende des Satzes) aufgeschoben wird.
Stattdessen entstehen bereits während der Wahrnehmung eines Satzes Erwartungen über die Fortsetzung.
„Morgen früh wird Christian Valentin in den Kindergarten …“
Naheliegende Fortsetzungen:
bringen
fahren
tragen
Unwahrscheinliche Fortsetzungen:
gehen
Auto
das
→ Bedeutungen werden schon während des Hörens/Lesens aufgebaut.
(Folie 6) Was zeigen Shadowing-Experimente über das Satzverstehen?
Beim Shadowing sprechen Versuchspersonen gehörte Sprache mit kurzer Verzögerung nach.
Beobachtungen:
Verzögerung beim Nachsprechen: ca. 200–250 ms
kleine Fehler werden kontextgerecht korrigiert
Beispiel:
gehört: „compsiny“
nachgesprochen: „company“
→ Das zeigt, dass Verstehen nicht rein akustisch, sondern bedeutungsbasiert erfolgt.
(Folie 6) Was bedeutet es, dass Satzverständnis inkrementell und antizipatorisch ist?
Inkrementell:
Bedeutung wird fortlaufend während der Wahrnehmung aufgebaut
nicht erst nach vollständigem Satz
Antizipatorisch:
Hörer bilden Erwartungen über mögliche Fortsetzungen
Mit zunehmender Satzlänge:
Genauigkeit des Verständnisses steigt
mögliche Fortsetzungen werden stärker eingegrenzt
(Folie 7) Was ist eine lokale syntaktische Ambiguität?
Eine lokale Ambiguität ist eine Mehrdeutigkeit in einem unvollständigen Satz, die sich erst später im Satz auflöst.
„Der Eigentümer versuchte sofort, die Architektin, die die Bauarbeiter nicht informiert hatten, zu erreichen.“
Bis zum Wort „hatten“ bleibt unklar:
Wer wen nicht informiert hat
Der Punkt, an dem die Mehrdeutigkeit aufgelöst wird, heißt:
Disambiguierungspunkt
(Folie 7) Was zeigen Lesezeitmessungen bei ambigen Sätzen?
Beobachtung:
Innerhalb der ambigen Passage: → keine erhöhten Lesezeiten
Am Disambiguierungspunkt: → oft erhöhte Lesezeiten
Besonders wenn:
die naheliegende Interpretation falsch ist
Interpretation:
Während der Verarbeitung wird meist nur eine Interpretation gewählt.
Wenn diese falsch ist:
muss sie revidiert oder erweitert werden
(Folie 8) Was beschreibt das Holzwegphänomen (Garden-Path-Sätze)?
Holzwegsätze führen Leser zunächst zu einer falschen syntaktischen Interpretation.
Diese Interpretation muss später korrigiert werden, wenn weitere Wörter erscheinen.
„Since Jay always jogs a mile seems like a short distance to him.“
Erste Interpretation:
„Jay joggt immer eine Meile“
Tatsächliche Struktur:
„Eine Meile erscheint ihm kurz, weil er immer joggt.“
(Folie 8) Was zeigen Holzwegsätze über die Satzverarbeitung?
Sie zeigen, dass Interpretation nicht bis zum Ende des Satzes aufgeschoben wird.
Stattdessen:
wird früh eine Interpretation gewählt
diese kann sich später als falsch herausstellen
dann erfolgt eine Re-Interpretation (Reanalyse)
Diese Idee wird in Re-Analyse-Modellen beschrieben.
(Folie 9) Welche Annahme macht das serielle Modell der Satzverarbeitung?
Das serielle Modell geht davon aus:
syntaktische Analyse erfolgt zuerst
semantische Verarbeitung folgt danach
Das bedeutet:
Der Satz wird zunächst grammatikalisch analysiert
Erst danach wird seine Bedeutung interpretiert
→ Syntax hat Vorrang vor Semantik.
(Folie 9) Was beschreibt das syntaktische Prinzip minimal attachment?
Beim Prinzip minimal attachment wird ein neues Wort so interpretiert, dass:
eine möglichst einfache syntaktische Struktur entsteht
Dabei gilt:
Komplexe Strukturen werden vermieden
Neustrukturierungen sollen möglichst nicht nötig sein
Folge:
Parser bevorzugt die einfachste Phrasenstruktur.
(Folie 10) Welche EEG-Effekte zeigen Unterschiede zwischen semantischer und syntaktischer Verarbeitung?
Im EEG zeigen sich unterschiedliche Komponenten:
Semantische Inkorrektheit
→ N400
„Das Hemd wurde gebügelt.“ (korrekt)
„Das Gewitter wurde gebügelt.“ (semantisch inkorrekt)
→ löst N400-Komponente aus.
Syntaktische Inkorrektheit
→ ELAN und P600
„Das Hemd ist gebügelt wurde.“ (syntaktisch inkorrekt)
→ frühe Reaktion: ELAN
→ spätere Reanalyse: P600
(Folie 11) Welche Rolle spielt Weltwissen bei syntaktischer Ambiguität?
Bei inhärent syntaktischer Ambiguität kann ein Satz mehrere grammatikalische Interpretationen haben.
Die Interpretation wird oft durch:
Weltwissen
Kontextwissen
gesteuert.
Beispiele aus Medienüberschriften zeigen:
dieselbe Struktur kann unterschiedlich verstanden werden, je nachdem welches Wissen über die Welt aktiviert wird.
(Folie 12) Wie werden Negativsätze mental repräsentiert?
Hinweise aus Experimenten zeigen:
Negativsätze werden zunächst affirmativ repräsentiert.
Zuerst wird die nicht negierte Bedeutung aktiviert.
Erst danach wird die Negation angewendet.
(Folie 12) Wie untersuchten Clark & Chase (1971) die Verarbeitung von Negativsätzen?
Versuchspersonen sahen visuelle Reize und mussten Aussagen als wahr oder falsch beurteilen.
Beispiele aus der Folie:
Der Stern ist über dem Pluszeichen → wahrer Affirmativsatz
Das Pluszeichen ist über dem Stern → falscher Affirmativsatz
Das Pluszeichen ist nicht über dem Stern → wahrer Negativsatz
Der Stern ist nicht über dem Pluszeichen → falscher Negativsatz
Ergebnis:
Antwortzeiten passen zu einem Modell, das zunächst eine affirmative Repräsentation annimmt.
(Folie 13) Was sind mentale Modelle beim Textverstehen?
Beim Textverstehen wird ein mentales Modell der beschriebenen Situation aufgebaut.
Dieses Modell erlaubt:
Antworten auf Fragen, die über den Text hinausgehen
Das mentale Modell repräsentiert z. B.:
räumliche Beziehungen
Situationsstruktur
(Folie 13) Wie zeigt das Beispiel mit Möbeln das Konzept mentaler Modelle?
Gegebene Aussagen:
Das Regal steht rechts von dem Stuhl.
Der Stuhl steht vor dem Tisch.
Das Bett steht hinter dem Tisch.
Aus diesen Aussagen kann ein räumliches mentales Modell gebildet werden.
Dadurch kann eine neue Frage beantwortet werden:
Steht das Bett hinter dem Stuhl?
→ Die Antwort kann aus dem mentalen Modell des Raumes abgeleitet werden.
(Folie 15) Welche Beziehung besteht zwischen Sprachverstehen und Sprachproduktion?
Sprachverstehen und Sprachproduktion greifen größtenteils auf dasselbe sprachspezifische Wissen zurück.
beide nutzen das System des mentalen Lexikons
→ Das bedeutet:
dieselben sprachlichen Wissensstrukturen werden für Verstehen und Produzieren von Sprache genutzt.
(Folie 15) Welche drei Stufen der Sprachproduktion beschreibt das Modell von Levelt (1989)?
Das Modell beschreibt drei Hauptstufen der Sprachproduktion:
Erzeugen einer kognitiven Äußerungsbasis
Sprachliche Enkodierung
Artikulation
Diese Schritte führen von einer nicht-sprachlichen Botschaft zur gesprochenen Äußerung.
(Folie 16) Was passiert in der Stufe Erzeugung der kognitiven Äußerungsbasis?
In dieser Phase wird im Conceptualizer eine kognitiv-nonverbale Botschaft erstellt.
Merkmale:
Botschaft besteht aus Konzepten
sie ist noch nicht sprachlich formuliert
→ Es handelt sich um eine gedankliche Struktur, die später sprachlich umgesetzt wird.
(Folie 16) Welche Teilprozesse gehören zur Erzeugung der kognitiven Äußerungsbasis?
1. Fokussierung
Der Sprecher:
wählt Inhalte aus, die versprachlicht werden sollen (Selektion)
bringt diese Inhalte in eine bestimmte Reihenfolge (Linearisierung)
Fokussierung kann:
Planung erfordern (komplexe Botschaften)
automatisch erfolgen (z. B. Begrüßungen)
2. Parameterfixierung
Teilsysteme der Sprachproduktion werden situationsangepasst eingestellt.
Beispiele:
flüstern / normal sprechen / schreien
Dialekt / Hochsprache
Du / Sie
3. Formatierung
Transformation der kognitiven Inhalte in eine:
situationsangemessene
grammatikalisch korrekte
Äußerung.
„Die Eltern schimpfen mit dem Kind“
„Mit dem Kind schimpfen die Eltern“
(Folie 17) Was passiert in der Stufe der sprachlichen Enkodierung?
Hier wird eine Botschaft sprachlich formuliert.
Dieser Prozess erfolgt im Formulator.
Dabei werden:
Begriffe
sprachliche Wendungen
der Botschaft zugeordnet.
→ Übergang vom nicht-sprachlichen Konzept zur sprachlichen Struktur.
(Folie 17) Welche sprachlichen Elemente werden während der Enkodierung spezifiziert?
Während der Enkodierung werden bestimmt:
Phoneme
Reihenfolge der Phoneme
Wortgrenzen
Silbensegmentierung
Betonung
Tonverläufe
Diese Informationen bilden die sprachliche Struktur der Äußerung.
(Folie 17) Was beschreibt die Dreikomponententheorie der Sprachproduktion (Levelt et al., 1999)?
Die Theorie unterscheidet zentrale Komponenten:
Lexikalischer Zugriff und grammatische Enkodierung
Phonologische Enkodierung
Das Lexikon enthält dabei:
Lemma (syntaktisch-semantische Information)
Lexem (phonologische Form)
(Folie 18) Was passiert in der Stufe der Artikulation?
In dieser Phase wird die sprachliche Äußerung motorisch umgesetzt.
Dies erfolgt im Artikulator.
Dabei werden gesteuert:
Zunge
Lippen
andere Artikulatoren
hörbare Sprachsignale
(Folie 18) Welche weiteren Prozesse werden bei der Artikulation geplant und umgesetzt?
Neben der Lautbildung werden auch organisiert:
Silben
Wörter
Wortfolgen
sowie:
Sprachrhythmus
Pausen
Diese bestimmen die prosodische Struktur der Äußerung.
(Folie 21) Was sind Aphasien?
Aphasien sind Störungen der Sprache, die folgende Bereiche betreffen können:
Schreiben
Lesen
Sprachverstehen
Sprachproduktion
Ursache:
Schädigung von Gehirnarealen, die an Sprachverstehen und Sprachproduktion beteiligt sind.
Wichtig:
Die Störung ist nicht auf nicht-sprachliche Ursachen zurückzuführen, z. B.:
allgemeine intellektuelle Beeinträchtigungen
motorische Beeinträchtigungen
sensorische Beeinträchtigungen.
(Folie 21) Wie werden Aphasien grundsätzlich klassifiziert?
Aphasien werden in zwei Hauptgruppen unterteilt:
Flüssige Aphasien
gutes Sprechen
gestörtes Sprachverständnis
Nichtflüssige Aphasien
Produktionsschwierigkeiten
relativ gutes Verständnis
(Folie 21) Welche flüssigen Aphasien werden auf der Folie beschrieben?
1. Wernicke-Aphasie (sensorisch)
flüssige Sprache
Artikulation normal
Prosodie erhalten
Paragrammatismus
semantische Paraphasien
Neologismen
stark gestörtes Sprachverständnis
2. Leitungsaphasie
flüssige, teilweise stockende Sprache
keine Artikulationsprobleme
Sprachverständnis meist erhalten
Schwierigkeiten bei:
grammatischen Strukturen
Nachsprechen
Wortfindung
Zusätzlich:
phonematische Paraphasien
3. Amnestische Aphasie
gute Sprachproduktion
Artikulation und Prosodie erhalten
Probleme bei:
→ häufig Nutzung von Ausweichstrategien.
(Folie 21) Welche nichtflüssigen Aphasien werden auf der Folie beschrieben?
1. Broca-Aphasie
mühsame Sprachproduktion
Dysarthrie
abgehackte Prosodie
Agrammatismus
eingeschränkter Wortschatz
leicht gestörtes Sprachverständnis
2. Globale Aphasie
sehr eingeschränkte Sprachproduktion
eingeschränkte Prosodie
begrenzter Wortschatz
(Folie 22) Welche Rückschlüsse über Gehirnareale ermöglichen Aphasien?
Aphasien geben Hinweise auf die Funktion bestimmter Gehirnareale.
Beispiel aus der Abbildung:
Broca-Areal → verbunden mit Broca-Aphasie
Wernicke-Areal → verbunden mit Wernicke-Aphasie
Diese Areale sind verbunden durch:
Fasciculus arcuatus
→ eine Nervenbahn zwischen Sprachverstehen und Sprachproduktion.
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