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Ethnografie - Vertiefende Einführung

CC
von Cathérine C.

Kernaussagen zur Ethnografie

Ethnografie bedeutet, soziale Wirklichkeit durch Teilnahme und Nähe zu verstehen – bringt aber erhebliche methodische, ethische und wissenschaftliche Herausforderungen mit sich.

  • = Form der qualitativen (bzw. interpretativen / rekonstruktiven) Sozialforschung, die soziale Wirklichkeit durch unmittelbare, langfristige Teilnahme am Feld untersucht, rekonstruiert und dabei besonders praktisches Handeln und lokale Bedeutungen in den Fokus stellt.


Zwei Bedeutungen von Ethnografie

  1. Forschungsprozess → Feldforschung (Datenerhebung im sozialen Kontext)

  2. Forschungsprodukt → schriftlicher ethnografischer Bericht


Gegenstand ethnografischer Forschung

  • soziales Handeln in konkreten Situationen

  • alltägliche Praktiken

  • Wissensbestände von Akteur*innen

  • lokale soziale Kontexte („kleine Lebenswelten“)

  • kulturelle Differenzierungen im Eigenen (nicht nur im Fremden)

Nicht: stabile Eigenschaften von Gruppen (Ethnien)


Zentrale theoretische Perspektive

  • Alfred Schütz: Fokus auf kleine soziale Lebenswelten

  • Ervin Goffmann: Analye von Interaktionen u. sozialen Prozessen

Ziel: Soziale Realität als prozesshaft hergestellt verstehen

  • Zentrales Erkenntnisinteresse:

    • Alltag („everyday life“)

    • wie Menschen:

      • ihre Welt praktisch herstellen

      • Bedeutungen erzeugen

      • soziale Ordnung stabilisieren


Methodischer Kern

= teilnehmende Beobacchtung / “complete immersion”

  • langfristige Teilnahme am Feld

  • wiederholte Präsenz

  • Kopräsenz von Forschenden und Geschehen

👉 wichtig:

  • Forschung findet in natürlichen Alltagssituationen statt

  • nicht in künstlich erzeugten Settings (z. B. nur Interviews

  • Ergänzende Methoden:

    • Interviews

    • Gruppengespräche

    • Dokumentenanalyse


Zentrale Probleme

  • Methodische Kritik

    • mangelnde Überprüfbarkeit

    • geringe Reproduzierbarkeit

    • hohe Abhängigkeit von der Forscherperson

  • Ethische Probleme

    • Beteiligung an illegalen Handlungen?

    • Nähe vs. wissenschaftliche Distanz

  • Validität

    • Frage: „Kann das wirklich so passiert sein?“



Am Beispiel der Studie “On the Run – Die Kriminalisierung der Armen in Amerika” von Alice Goffman

  • = Darstellung eines Gewaltvorfalls im Milieu einer Straßengang

  • Perspektive: direkte Teilnahme am sozialen Geschehen

    • langfristige Einbindung (hier: ~6 Jahre) als Mitglied der Gang

    • Zugang zu Alltagslogiken, Praktiken und Bedeutungen der Akteure

      • = Forschende sind nicht nur Beobachter („Fliege an der Wand“) sondern Teil des Feldes

  • Erkenntnisse:

    • Studie zeigt Leben unter Bedingungen von:

      • Polizeipräsenz

      • Bewährungsauflagen

      • struktureller Kriminalisierung

    • Perspektive „von innen“ (Betroffene statt Institutionen)

      • Beispiel: angeschossener Alex geht trotz schwerer Verletzung nicht ins Krankenhaus,weil er Verhaftung fürchtet

  • Rolle der Forscherin

    • aktive Teilnahme am Leben der Gruppe

    • zunehmende Integration ins Feld

    • Reflexion eigener Position (z. B. als weiße Frau)

👉 zentrale Einsicht: Ethnografie erfordert Nähe zum Feld, nicht Distanz


Der Fall zeigt exemplarisch:

  • Stärken der Ethnografie:

    • tiefe Einblicke in soziale Wirklichkeit

    • Zugang zu schwer erforschbaren Gruppen

  • Schwächen der Ethnografie:

    • Subjektivität

    • Vertrauensproblem

    • wissenschaftliche Kontroversen



Vertiefende Aufgaben: Kapitel 1.2

  1. Der Begriff Ethnografie hat im Deutschen eine doppelte Bedeutung: Beschreiben Sie den Unterschied.


  • Antwort:

    • Ethnografie als Forschungsprozess (Methode)

      • Fokus: Wie wird Wissen gewonnen?

      • = Durchführung der Forschung im Feld

      • umfasst:

        • Datenerhebung

        • teilnehmende Beobachtung

        • Interaktion mit dem Untersuchungsfeld

      • wird oft gleichgesetzt mit: → Feldforschung

    • Ethnografie als Forschungsprodukt (Text)

      • Fokus: Was wird dargestellt?

      • = Ergebnis der Forschung, also..

        • den schriftlichen Bericht

        • die wissenschaftliche Darstellung der Ergebnisse

      • typische Form: dichte Beschreibung sozialer Praxis


  1. Besorgen Sie sich die drei oben erwähnten Einführungen zur Ethnografie von Georg Breidenstein, Stefan Hirschauer, Herbert Kalthoff und Boris Nieswand (2020), Michael Dellwing und Robert Prus (2012) und Stefan Thomas (2019).

    Beschreiben Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Verständnis von Ethnografie der drei Einführungen.


  • Antwort:

    • Gemeinsamkeiten

      • Verständnis von Ethnografie = qualitativ-empirischer Zugang zur Erforschung sozialer Wirklichkeit, der auf ein Verstehen von Alltagspraktiken, Bedeutungen und kulturellen Sinnzusammenhängen abzielt.

      • Soziale Wirklichkeit ist nicht objektiv gegeben, sondern durch soziale Interaktionen und Bedeutungszuschreibungen konstruiert.

      • Bedeutung der Feldforschung: Forschung, die sich direkt in die Lebenswelt der untersuchten Akteur*innen begibt. Besonders die teilnehmende Beobachtung gilt als zentrales Verfahren, um Zugang zur Binnenperspektive („insider point of view“) zu erhalten.

      • Auffassung, dass Ethnografie eine offene, flexible und prozesshafte Forschungsstrategie ist.

        • Methodische Entscheidungen werden nicht vollständig vorab festgelegt, sondern entwickeln sich im Verlauf der Forschung in Auseinandersetzung mit dem Feld.

        • Damit verbunden ist das Prinzip des „Primats des Gegenstandes“, wonach sich die Methodik am Untersuchungsgegenstand orientiert.

      • Notwendigkeit einer reflexiven Haltung der Forschenden.

        • = Ethnograf*innen müssen ihre eigene Perspektive, ihre Vorannahmen sowie ihre Rolle im Feld kontinuierlich reflektieren, um Verzerrungen wie Ethnozentrismus zu vermeiden.

    • Unterschiede

      • Breidenstein et al. (2020)

        • versteht Ethnografie vor allem als eine praxisorientierte Methode zur Rekonstruktion sozialer Praktiken und Ordnungen im Alltag.

        • Fokus: detaillierte Analysen konkreter Situationen und der empirischen Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit

        • Methodisch: strukturierter Zugang mit kontrolliertem Verfahren innerhalb qualitativer Forschung

      • Dellwing & Prus (2012)

        • begreifen Ethnografie primär als interpretativen Forschungsstil im Sinne des symbolischen Interaktionismus.

        • Fokus: Analyse von sozialen Interaktionen, Bedeutungszuschreibungen und Handlungsprozessen.

        • Ethnografie weniger festes methodisches Set, sondern eher theoretisch fundierte Perspektive auf soziale Wirklichkeit, die stark prozessorientiert ist.

          • Besonderer Fokus: aktive Rolle der Forschenden im Feld sowie die Bedeutung von Interpretation und Theoriebildung.

      • Thomas (2019)

        • positioniert Ethnografie explizit als Forschungsstil und nicht als einzelne Methode.

        • Fokus: methodische Offenheit, den explorativen Charakter und die Orientierung am

          • Primat des Gegenstandes als methodologisches Leitprinzip

            • Methodische Entscheidungen werden dem Gegenstand untergeordnet

            • Das Design ist offen und nicht vollständig vorab fixierbar

            • Forschung entwickelt sich rekursiv aus dem Feld heraus

            • Begründung: Die Sozialwelt existiert bereits als Realität und soll entdeckt, nicht konstruiert werden

          • Unterscheidung zwischen Konstruktionen erster und zweiter Ordnung (nach Schütz)

            • = Ethnografie greift Alltagsbedeutungen auf und überführt sie in wissenschaftliche Theorie.

            • Alltagswelt = Konstruktionen erster Ordnung

            • Wissenschaft = Konstruktionen zweiter Ordnung

        • methodologischen Herausforderungen:

          • Umgang mit Fremdheit, der Gefahr des „going native“ sowie der reflexiven Rolle des Forschers als „Forschungsinstrument“.


  1. Recherchieren Sie die deutschsprachigen und englischsprachigen Stichworte zur Ethnografie bzw. ethnography auf wikipedia und diskutieren Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu den drei zuvor genannten Einführungen.


  • Antwort:

    • Wikipedia und die drei Einführungen teilen ein gemeinsames Grundverständnis von Ethnografie als feldbasierter, qualitativer Forschung zur Untersuchung sozialer Wirklichkeiten mittels teilnehmender Beobachtung und dem Ziel des Verstehens kultureller Bedeutungszusammenhänge.

    • Unterschied:

      • Wikipedia: Methode / Forschungsansatz

        • implizite Realismusannahme:

          • soziale Welt kann beschrieben werden

          • ethnografie liefert Wissen über „Kulturen“

        • Ethnografie = Beschreibung von Kultur

      • Breidenstein et al: methodisch geregeltes Verfahren

      • Dellwing & Prus: eher theoretische Perspetive / interpretativer Ansatz

      • Thomas: Forschungsstil ohne feste Methodensammlung

= Wikipedia stabilisiert Ethnografie als Methode, die Einführungen diskutieren sie als kontroversen Begriff zwischen Methode, Stil und Paradigma.

  • Alle 3 Quellen sehen Ethnografie auch:

    • Theoriegenerierung

    • Strukturrekonstruktion

    • Abstraktion über Einzelfälle hinaus

    • Thomas sieht als Ziel vorallem nicht nur die BEschreibung sondern auch Struktur, Erklärung und Verallgemeinerung


  1. Fordern Sie eine KI auf, Ihnen eine Definition von Ethnografie zu geben und die Quellen dafür zu nennen und diskutieren Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu den drei zuvor genannten Einführungen.

  • Antwort

    • Die KI-Antwort entspricht weitgehend einer klassischen Lehrbuch- bzw. Wikipedia-nahen Standarddefinition von Ethnografie:

      • Feldforschung im „natürlichen Umfeld“

      • teilnehmende Beobachtung als Kern

      • Ziel: Beschreibung und Verstehen

      • Fokus auf Alltag, Verhalten, Bedeutung

      • längerer Aufenthalt im Feld

      • flexible Datenerhebung

      👉 Das entspricht einer methodischen Grundbeschreibung, aber noch keiner theoretischen Ausarbeitung.

    • Im Vergleich dazu zeigen die drei Einführungen jedoch eine theoretisch erweiterte Konzeption. -

      • Während Breidenstein et al. die methodische Rekonstruktion sozialer Praktiken betonen und

      • Dellwing & Prus Ethnografie primär als interpretativen Zugang zu sozialer Interaktion verstehen, entwickelt

      • Thomas Ethnografie als Forschungsstil mit einem klaren epistemologischen Anspruch.

        • Insbesondere führt er den Primat des Gegenstandes sowie die Konstruktion sozialer Wirklichkeit als zentrales Prinzip ein.

      • Insgesamt bleibt die KI-Definition auf einer methodischen Grundstufe, während die Fachliteratur Ethnografie stärker als theoretisch reflektierte, erkenntnistheoretisch fundierte und methodologisch offene Forschungslogik begreift.


  1. Lesen Sie in dem Handbuch Qualitative Forschung, hrsg. von Uwe Flick, Ernst von Kardorff und Ines Steinke (2019), den Beitrag von Anne Honer über Lebensweltanalyse in der Ethnographie (S. 194 - 204) und stellen Sie wesentlichen methodologischen Prämissen dieses Ansatzes dar.


  1. Begründen Sie, warum teilnehmende Beobachtung für ethnografisches Vorgehen typisch ist.


  • Antwort:

    • Zugang zur Innenperspektive sozialer Wirklichkeit

      • unmittelbare Präsenz in Alltagssituationen herstellt

      • Beobachtung und Mitvollzug sozialer Praktiken verbindet

      • Interpretationen der Beteiligten im situativen Kontext zugänglich macht

    • Rekonstruktion von Bedeutungen im Handeln

      • = Annahme, dass soziale Wirklichkeit bedeutungshaft konstruiert ist

        • Bedeutungen oft nur im Handeln sichtbar werden

        • Interviewaussagen allein Alltagsroutinen nicht vollständig rekonstruieren

        • viele Selbstverständlichkeiten im Feld nicht thematisiert, sondern praktiziert werden

    • Vermeidung von Kontextverlust

      • Handlungen lassen sich nur verstehen, wenn:

        • soziale Situationen

        • Interaktionsverläufe

        • räumliche und zeitliche Bedingungen

        mitberücksichtigt werden.

        Die teilnehmende Beobachtung verhindert, dass soziale Phänomene:

        • aus ihrem Kontext herausgelöst

        • nur als abstrakte Aussagen verarbeitet werden.

    • Thomas: Prinzip, die Sozialwelt im Vollzug zu untersuchen

  • Zugang zu implizitem und verkörpertem Wissen

    • viele soziale Praktiken sind:

      • routinisiert

      • habitualisiert

      • nicht vollständig sprachlich verfügbar

    • Teilnehmende Beobachtung erlaubt

      • das Erfassen impliziter Regeln

      • die Beobachtung von Körpersprache, Routinen und Interaktionsmustern

      • das Verstehen von „Selbstverständlichkeiten“ im Feld

  • Methodologische Passung zur ethnografischen Offenheit, weil sie:

    • keine vollständig standardisierte Erhebung ist

    • Anpassung an Situationen im Feld erlaubt

    • verschiedene Datenformen integriert (Gespräche, Beobachtungen, Interaktionen)

  • Erkenntnis durch Teilnahme (nicht nur Distanz)

    • zweite Sozialisation: Die Forschenden lernen den Bedeutungsrahmen des Feldes durch Teilnahme selbst kennen. Teilnehmende Beobachtung ist dafür entscheidend, weil sie:

      • Lernen durch soziale Praxis ermöglicht

      • Perspektivübernahme („insider point of view“) unterstützt

      • die soziale Welt nicht nur beschreibt, sondern erfahrbar macht


  1. Wählen Sie eine empirische Studie Ihres Interesses, die von sich selbst behauptet, sie sei eine Ethnografie. Begründen Sie, warum aus Ihrer Sicht diese Selbstbeschreibung in dem ausgewählten Fall zutrifft bzw. ggf. irreführend ist.


  • Antwort:

    • Die Pilgerstudie von Patrick Heiser kann grundsätzlich als Ethnografie eingeordnet werden, da sie – im Sinne der drei Einführungen –

      • soziale Praxis im natürlichen Kontext untersucht,

      • auf Feldforschung basiert und

      • darauf abzielt, die Bedeutungsstrukturen der Akteur*innen aus deren Perspektive zu rekonstruieren.

      • Insbesondere die Nähe zum Untersuchungsfeld und die Orientierung an gelebter religiöser Praxis sprechen für eine ethnografische Vorgehensweise.

      • Patrick Heiser ist für seine Pilgerstudie selbst den Jakobsweg (Camino de Santiago) gepilgert. Er und sein Kollege Christian Kurrat, beide Sozialwissenschaftler an der FernUniversität in Hagen, haben den Weg persönlich erlebt, um ihre Forschung über das Pilgern zu vertiefen und authentisch zu gestalten, was als Eintauchen in das Feld zu bezeichnen wäre.

      • = Die Kombination aus Selbsterfahrung, teilnehmender Beobachtung und qualitativer Analyse macht Heisers Pilgerstudie zu einer ethnografischen Forschung. Sie geht über reine Beobachtung hinaus und liefert tiefere Einblicke in die soziale und spirituelle Praxis des Pilgerns auf dem Jakobsweg.



Ethnografie von und in Organisationen

= “organizational ethnography” wird im Deutschen unterschiedlich übersetzt:

  • „organisatorische/organisationale Ethnografie“ (ungenau, da Adjektivstruktur missverständlich)

  • präziser:

    • Organisationsethnografie

    • Ethnografie von Organisationen

    • Ethnografie in Organisationen

    • genauer: Ethnografie des Organisierens

➡️ Zentral ist nicht die Organisation als statisches Objekt, sondern Organisieren als soziale Praxis.


heißt: untersucht Organisationen nicht als feste Strukturen, sondern als Ergebnis von alltäglichen Praktiken des Organisierens.


👉 Organisationen werden als prozesshafte, durch Handeln hervorgebrachte soziale Ordnungen verstanden

  • = Organisationen -> praktisch hergestellt und kontinuierlich reproduziert

  • heißt: Organisationen existieren nicht „an sich“, sondern werden im Handeln ständig hergestellt


Theoretische Grundlage:

  • Anschluss an praxeologische Organisationstheorien (u. a. Giddens)


Zentrales Prinzip: Gegenstandsverständnis

Organisationen umfassen u.a.: Schulen, Krankenhäuser, Verwaltungen, Unternehmen, Gerichte usw.

Aber entscheidend ist nicht die Institution als solche, sondern: 👉 das, was Menschen darin tun

Typische Prozesse:

  • Entscheiden

  • Auswählen

  • Rekrutieren

  • Kontrollieren

  • Aushandeln

  • Koordinieren

  • Bewerten

Beispiel: Schule

  • Unterricht als Kernpraktik

  • Praktiken wie:

    • Disziplinierung

    • Leistungsbewertung

    • Homogenisierung

    • Rollenproduktion (Schüler*in, Lehrkraft)

    • Verwaltung und Konferenzen


Forschungslogik

Organisation = Ergebnis von Organisieren

Ethnografie untersucht:

  • wie soziale Ordnung hergestellt wird

  • wie Regeln praktisch angewendet werden

  • wie informelle und formale Praxis ineinandergreifen


Abgrenzung zu anderen Perspektiven

Organisationsethnografie unterscheidet sich von:

  • funktionalistischen Ansätzen (Organisation als „System“)

  • formalen Strukturmodellen (Hierarchie, Regeln)

  • Effizienz- oder Managementperspektiven

👉 Stattdessen:

  • Fokus auf Praxis statt Struktur

    • Beobachtung von alltäglichen Praktiken im Feld

  • Fokus auf Prozess statt Zustand

    • Analyse von realen Interaktionen und Situationen

    • Interesse an allem, was im Organisationsalltag passiert: „no matter how rare or common it turns out to be“


Aber: Trotz breitem Gegenstandsbereich:

  • im deutsch- und englischsprachigen Raum nicht vollständig etabliert

  • Wichtige Entwicklungen:

    • eigenes Journal: Journal of Organizational Ethnography (seit 2012)

    • zunehmende Anwendung in Beratung, Entwicklung, Managementforschung


Zusammengefasst: Organisationsethnografie = praktisch hergestellte soziale Ordnungen, die nur durch das alltägliche Handeln ihrer Mitglieder existieren und nicht primär als formale Strukturen (Hierarchie, Funktion, Effizienz),



Vertiefende Aufgaben: Kapitel 1.3 + 1.4

  1. Versuchen Sie den Text von Sylwia Ciuk u a. (2018) in die Hände zu bekommen (er ist u. a. über ResearchGate verfügbar) und beschreiben Sie, inwiefern aus der Sicht der Autorinnen Organisationsethnografie als eine besondere Form von Ethnografie verstanden wird


  • Antwort:

    • Sie vertreten eine Position, die die Organisationsethnografie als ein zentrales Werkzeug begreift, um die komplexen, oft verborgenen Dynamiken des Organisationslebens – insbesondere in Bezug auf Sprache, Macht und Identität – zu entschlüsseln.

      • Ciuk betont, dass Ethnografie es ermöglicht, Organisationen nicht als statische Gebilde, sondern als durch Sprache und Diskurs ständig neu verhandelte soziale Räume zu verstehen.

    • Ein Kernpunkt ihrer Forschung ist die interlinguale Übersetzung in multinationalen Unternehmen. Sie nutzt ethnografische Methoden, um zu zeigen, wie Manager und Mitarbeiter als "paraprofessionelle Übersetzer" fungieren und wie diese Sprachprozesse den Wissens- und Machttransfer beeinflussen.

    • Zusammen mit Forscherinnen wie Monika Kostera hat sie Konzepte wie die Co-Ethnografie (eine Form der Team-Ethnografie) diskutiert, bei der Forscher wechselseitig die Felder der anderen besuchen, um durch den Vergleich tiefere Einsichten zu gewinnen.


  1. Stellen Sie Gemeinsamkeiten und Differenzen zu dem Ihnen im Studium vermittelten Verständnis von Organisation her.


Antwort:

  • Max Weber: System rationaler Herrschaft, das auf klaren Regeln, Hierarchien und spezialisierten Rollen basiert, um gezielte Ziele effizient zu erreichen.

  • Verwaltungswissenschaftliche Perspektive:

    • Fokus liegt oft auf öffentlichen Organisationen (Behörden, Ministerien, Kommunalverwaltungen).

    • Es wird Wert gelegt auf Rechtsgebundenheit, Verantwortlichkeit und Bürokratie als Organisationsform.

    • Organisationen sind eingebettet in politische und rechtliche Rahmenbedingungen.

    • Organisationen = Netzwerke mit individuellen Handlungsspielräumen und handeln oft nur begrenzt rational.



  1. Besorgen Sie sich den Text von Thomas Eberle und Christoph Maeder Organizational Ethnography aus dem von David Silverman herausgegebenen Handbook Qualitative Research (2026). Benennen Sie die wesentlichen Charakteristika von organisationsbezogenen Ethnografien, wie sie in diesem Text beschrieben werden.


Antwort:

  • 1. **Fokus auf Organisationen als soziale Felder**

    Organisationsethnografie untersucht Organisationen als komplexe soziale Systeme, in denen Menschen durch Interaktionen, Routinen und Machtverhältnisse ihre soziale Wirklichkeit konstruieren und reproduzieren[1][2].

  • 2. **Multimethodischer Ansatz**

    Die Methode kombiniert teilnehmende Beobachtung, Interviews, Dokumentenanalyse und Artefaktanalyse, um ein vielschichtiges und tiefgehendes Verständnis organisationaler Praktiken zu gewinnen[1][3].

  • 3. **Prozessuale und dynamische Perspektive**

    Organisationen werden nicht als statisch, sondern als sich ständig wandelnde soziale Gebilde betrachtet. Ethnografien erfassen, wie Bedeutungen und soziale Ordnungen im Alltag ausgehandelt werden[1][2].

  • 4. **Reflexivität der Forschenden**

    Forschende sind nicht nur externe Beobachter, sondern werden Teil der organisationalen Welt. Ihre eigene Rolle und Einfluss auf die Forschung werden reflektiert und in die Analyse einbezogen[1].

  • 5. **Ziel der Sinnverstehens**

    Die Ethnografie zielt darauf ab, die verborgenen Bedeutungen, kulturellen Codes und symbolischen Ordnungen innerhalb von Organisationen sichtbar zu machen, um so ein tieferes Verständnis organisationaler Kulturen zu ermöglichen[1][2].

  • 6. **Praktische Relevanz**

    Erkenntnisse aus der Organisationsethnografie können für Management, Organisationsentwicklung und Veränderungsprozesse nutzbar gemacht werden, indem sie Einblicke in die tatsächlichen Arbeitsweisen und sozialen Dynamiken geben[1].



  1. Stellen Sie dar, welche der in dem Text genannten ausgewählten wichtigen theoretischen Zugänge für Organisationsethnografien (Eberle/Maeder 2026, S. 132 ff.) Sie aus dem Studium kennen



  1. Nutzen Sie eine KI Ihrer Wahl. Lassen sich Sie sich von der KI mit ausdrücklichem Bezug auf neuere Literatur (seit 2015) den Begriff Organisationsethnografie bzw. verwandte Begriffe erläutern und prüfen Sie, inwiefern die Ihnen gelieferten Definitionen der KI den Stand der Diskussion entsprechen.

Antwort:

  • Zur Bearbeitung der Aufgabe wurde eine KI (ChatGPT) genutzt, um den Begriff der Organisationsethnografie unter Bezug auf neuere Literatur (seit ca. 2015) erläutern zu lassen. Die KI definierte Organisationsethnografie als einen ethnografischen Forschungsansatz, der Organisationen durch langfristige teilnehmende Beobachtung untersucht und dabei insbesondere soziale Praktiken, Interaktionen sowie implizite Wissensbestände innerhalb organisationaler Kontexte in den Blick nimmt. Zudem wurde hervorgehoben, dass neuere Ansätze – etwa unter Begriffen wie organizational ethnography, corporate ethnography oder digital ethnography – verstärkt Prozesse, Praktiken und situative Hervorbringung von Organisationen betonen sowie methodologisch eine zunehmende Reflexivität und Vielfalt der Zugänge aufweisen.

    Diese Darstellung entspricht in zentralen Punkten dem aktuellen Stand der Diskussion, wie er auch in den bereitgestellten Materialien deutlich wird. Insbesondere die Betonung von Organisationen als prozesshafte, praxeologisch hervorgebrachte Gebilde stimmt mit dem im Text dargestellten Verständnis überein. Dort wird Organisation explizit nicht als statische Struktur, sondern als Ergebnis des praktischen Handelns von Akteur*innen verstanden („Organisationen werden praxeologisch hergestellt“). Auch die Fokussierung auf alltägliche Praktiken, lokale Interaktionen und implizites Wissen deckt sich mit dem ethnografischen Zugriff, wie er in der Lerneinheit beschrieben wird.

  • Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die KI eine im Kern zutreffende, aber vereinfachte und leicht verkürzte Darstellung der Organisationsethnografie liefert. Die zentralen Grundannahmen – insbesondere der Praxisbezug, die Prozessualität von Organisationen und die methodische Offenheit – entsprechen dem aktuellen Stand der Diskussion. Für eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung ist jedoch eine Ergänzung um die methodologischen Tiefendimensionen, theoretischen Spannungen und konkreten Literaturbezüge erforderlich.


  1. Recherchieren Sie im Netz und in der Bibliothek nach einer Sie interessierenden empirischen Studie aus dem Bereich Organisationsethnografie. Stellen Sie dar, inwiefern diese den Kriterien von Sylwia Ciuk u. a. bzw. Thomas Eberle und Christoph Maeder entspricht bzw. davon ggf. abweicht


  1. Lesen Sie in dem Handbuch Qualitative Sozialforschung, hrsg. von Uwe Flick, Ernst von Kardorff und Ines Steinke (Reinbek, Rowohlt 2019) den Beitrag von Stephan Wolff über Clifford Geertz (S. 84 – 96). Diskutieren Sie, ob und inwiefern die Arbeiten von Clifford Geertz ein wichtiger Bezugspunkt für die Diskussion um Ethnografie darstellen. Begründen Sie, warum die Studie Street Corner Society von William Foot Whyte zu den Klassikern der Ethnografie gehört.


Grundlagen ethnografischer Forschung

= Ethnografisches Wissen ist nicht objektiv gegeben, sondern entsteht abhängig von:

  • Verfahren (Methoden und theoretischer Rahmung)

  • Gegenstand

  • Vorannahmen der Forschenden

➡️ Erkenntnis ist immer perspektivisch und konstruiert


Verfahren (Methoden)

= Unterschiedliche Methoden erzeugen unterschiedliche Wirklichkeitsausschnitte

  • Standardisierte Befragung → begrenzte, quantitative Daten

  • Offene Interviews → vielfältige, unerwartete Antworten

  • Teilnehmende Beobachtung → situative Praxis und implizites Wissen

➡️ Methode bestimmt, was überhaupt erkennbar ist

  • Wahrnehmung ist immer durch Vorwissen geprägt:

    • Alltagswissen

    • theoretische Konzepte

    • normative Vorstellungen

➡️ Vorannahmen steuern:

  • Auswahl des Gegenstands

  • Beobachtung

  • Interpretation


Theoretische Rahmungen

  • Praxeologische Ansätze (z. B. Andreas Reckwitz): Fokus auf routinisierte Praktiken

  • Symbolischer Interaktionismus (z. B. Erving Goffman): Interaktionsordnung, „zivilisierte Gleichgültigkeit“

  • Konzept der Ko-Präsenz und situativen Ordnung


Gegenstände

sind keine objektiven Fakten, sondern:

  • sozial hergestellt (durch Akteur*innen im Feld)

  • bedeutungsgeladen

  • Forschung konstruiert Gegenstände zusätzlich selbst

🔑 Nach Alfred Schütz:

  • Ethnografie arbeitet mit „Konstruktionen zweiten Grades“

    • Forschende rekonstruieren bereits interpretierte soziale Wirklichkeit


Zentrales Prinzip: Gegenstandsangemessenheit

= Methode und Theorie müssen zum Gegenstand passen

  • heißt: Der Gegenstand bestimmt die Methode – nicht umgekehrt


Methodologische Konsequenzen

  • Offenheit

    • keine festen Methoden

    • flexible, situative Anpassung

  • Methodenpluralität

    • Triangulation: Kombination verschiedener Zugänge

  • Forschungsstil statt Methode

    • Ethnografie = offener pragmatischer Forschungsstil nach Thomas: methodische Flexibilität

  • Reflexivität (zentrales Gütekriterium)

    • = kontinuierliche Selbstbeobachtung der Forschung:

      • Rolle der Forschenden

      • Einfluss von Position, Habitus, Zugang

      • Datenerhebung und Darstellung

    ➡️ Ethnografische Daten sind immer mitproduziert


Gute Ethnografie = stimmiges Zusammenspiel von:

  • Fragestellung

  • Gegenstand

  • Methode

  • Vorannahmen

❗ Kein universelles Gütekriterium – aber klare Fehler:

  • unpassende Methode zum Gegenstand (z. B. standardisierte Befragung für komplexe Praxis)




Vertiefende Aufgaben: Kapitel 1.5

  1. Begründen Sie, warum es sinnvoll ist, heuristisch zwischen Verfahren, Gegenständen und Vorannahmen zu unterscheiden

  2. In Ihrem Beitrag Gütekriterien qualitativer Forschung in dem Handbuch Qualitative Forschung, hrsg. von Uwe Flick u. a. (2019), diskutiert Ines Steinke sechs Formen der Gegenstandsangemessenheit mit Blick auf qualitative/ethnografische Forschungsprozesse:

    (1) Angemessenheit der qualitativen Vorgehens angesichts der Fragestellung

    (2) Angemessenheit der Methodenwahl

    (3) Angemessenheit der Transkriptionsregeln

    (4) Angemessenheit der Samplingstrategie

    (5) Angemessenheit der methodischen Einzelentscheidungen im Kontext der gesamt Untersuchung und

    (6) Angemessenheit der Bewertungskriterien (Steinke 2019, S. 326 - 327).

    Diskutieren Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu dem hier vorgestellten Verständnis von Gegenstandangemessenheit.


  • Antwort:

    • Lerneinheit betont, dass sich Methoden, theoretische Vorannahmen und Forschungsdesign am Gegenstand orientieren müssen. Der Gegenstand fungiert dabei als primärer Bezugspunkt, während Methodenwahl, Datenerhebung und Auswertung flexibel und offen gestaltet werden sollen.

      • = zentrales Qualitätskriterium ethnografischer Forschung

    • Gemeinsamkeit: es gibt keine standardisierten, universell gültigen Verfahren, sondern Forschungsentscheidungen müssen stets situativ und gegenstandsbezogen getroffen werden und Offenheit

    • heißt: dargestellte Grundprinzip nicht infrage stellen, sondern präzisieren und erweitern

    • Unterschied: Grad der Systematisierung und Ausdifferenzierung

      • Lerneinheit: Gegenstandsangemessenheit = heuristisches, übergeordnetes Prinzip

      • Steinke: = konkrete prüfbare Dimensionen des Forschungsprozesses.

        • Angemessenheit der Transkriptionsregeln

        • Samplingstrategie

        • Bewertungskriterien

      • = stärkerer Fokus auf: methodologische Explikation und intersubjektive Nachvollziehbarkeit


  1. Wählen Sie einen Gegenstand aus Ihren Alltagserfahrungen und arbeiten Sie zwei Varianten für mögliche empirische Studien aus, indem Sie die Aspekte methodischer Zugang und Vorannahmen/theoretische Rahmung bzw. Fragestellung variieren. Greifen Sie dabei auf theoretische Konzepte zurück, die Ihnen aus Ihrem Studium vertraut sind


  • Antwort 1:

    • Gegenstand: Nutzung von Smartphones im öffentlichen Nahverkehr (z.B. Bus oder Bahn)

    • Theoretische Rahmung:

      • Praxeologische Ansätze (z. B. Andreas Reckwitz): Fokus auf routinisierte Praktiken

      • Symbolischer Interaktionismus (z. B. Erving Goffman): Interaktionsordnung, „zivilisierte Gleichgültigkeit“

      • Konzept der Ko-Präsenz und situativen Ordnung

    • Vorannahmen

      • Soziale Ordnung wird situativ durch Praktiken hergestellt

      • Smartphone-Nutzung ist nicht individuell isoliert, sondern sozial eingebettet

      • „Nicht-Interaktion“ ist selbst eine Form sozialer Interaktion

    • Methodischer Zugang:

      • Teilnehmende Beobachtung im ÖPNV

      • Detaillierte Protokolle von Interaktionssituationen

      • Fokus auf:

        • Blickkontakte / deren Vermeidung

        • Körperhaltungen

        • Übergänge zwischen Aufmerksamkeit und Abschottung

    • Ziel: Rekonstruktion der impliziten Regeln, mit denen Menschen Nähe, Distanz und Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum organisieren.

    • Fragestellung: Wie strukturieren Smartphone-Nutzungspraktiken soziale Interaktionen und Ko-Präsenz im öffentlichen Raum?

  • Antwort 2:

    • Theoretische Rahmung:

      • Subjektivierungstheorie (z. B. Michel Foucault)

      • Konzepte wie:

        • Selbstüberwachung

        • Gouvernementalität

        • Digitale Disziplinierung

    • Vorannahmen:

      • Subjekte werden durch soziale und technologische Praktiken hervorgebracht

      • Smartphone-Nutzung ist Teil neoliberaler Selbststeuerung (Effizienz, Erreichbarkeit, Selbstoptimierung)

      • Öffentlicher Raum wird durch digitale Medien transformiert

    • Methodischer Zugang:

      • Ethnografischer Beobachtung

      • Leitfadeninterviews (z. B. zu Nutzungsmotiven)

      • Analyse von Selbstbeschreibungen (z. B. „Ich nutze die Zeit sinnvoll“)

    • Forschungsfrage: Wie verändert die Smartphone-Nutzung im öffentlichen Raum, wie Menschen sich selbst wahrnehmen und darstellen?



  1. Stellen Sie anhand Ihres Beispiels zwei weitere Varianten dar, die im oben beschriebenen Sinne zum Scheitern verurteilt sein dürften, weil das Zusammenspiel zwischen Verfahren, Gegenstand und Vorannahmen nicht stimmig ist. Begründen Sie kurz, was die Gründe für die Nicht-Passung sind.


  • Antwort 1:

    • Methode: Standardisierte Befragung zur Interaktionsordnung

    • Vorannahme: Interaktion ist situativ, körperlich und implizit organisiert

      • = Bedeutungen entstehen im Vollzug von Praktiken

    • = nicht gegenstandsangemessen, da sie nur explizites, reflexives Wissen erhebt, während Interaktionsordnungen primär implizit und situativ hergestellt werden. Die Methode verfehlt somit den Gegenstand.

  • Antwort 2:

    • Methode: teilnehmende Beobachtung ohne Gespräche oder Interviews

    • Vorannahmen: Subjektivierung betrifft:

      • Selbstdeutungen

      • Normen

      • innere Orientierungen

    • = Subjektivierung zeigt sich nicht nur im Verhalten, sondern in:

      • Deutungen

      • Rechtfertigungen

      • Selbstbeschreibungen

    ➡️ Reine Beobachtung liefert nur:

    • sichtbares Verhalten (z. B. „Person schaut aufs Handy“) Warum und mit welchem Selbstverständnis fehlt



  1. Lassen Sie sich von einer KI ein Forschungsdesign für eine Sie interessierende Fragestellung in einer Sie interessierenden Organisation entwerfen. Fordern Sie die KI auf, durch Nachfragen, das Design zu verbessern. Berücksichtigen Sie dabei die oben genannten Aspekte der Gegenstandsangemessenheit.

  2. Diskutieren Sie, inwiefern das Prinzip der Gegenstandsangemessenheit zu „fortgesetzten Justierungsprozessen“ während des Forschungsprozesses, wie dies Jörg Strübing u. a. (2018, S. 208) bezeichnet, führen kann.


  • Antwort:

    • Prinzip der Gegenstandsangemessenheit in der qualitativen Forschung besagt, dass Forschungsmethoden, -designs und -strategien flexibel und passend zum jeweiligen Forschungsgegenstand ausgewählt und angepasst werden müssen

    • Jörg Strübing und Kolleg*innen: fortgesetzten Justierungsprozessen“ = kontinuierliche Anpassung und Überarbeitung von Forschungsfragen, Methoden und Analysewegen während des gesamten Forschungsprozesses.

      • Prozesse entstehen aus der Notwendigkeit, die Forschung immer wieder an neue Erkenntnisse und Gegebenheiten des Feldes anzupassen.

    • Fazit: Prinzip der Gegenstandsangemessenheit impliziert eine flexible, iterative Forschungslogik. Es führt zwangsläufig zu fortgesetzten Justierungsprozessen


Methodologische Prämissen der Ethnografie

Ethnografie ist keine klar standardisierte Methode, sondern eine flexible, reflexive Methodologie, die auf situatives, feldangemessenes Vorgehen abzielt.

  • Methode: standardisierte, klar definierte Verfahrensschritte

  • Ethnografie: nicht vollständig standardisierbar

  • → heute eher verstanden als:

    • Methodologie (reflektierter Forschungsrahmen)

    • Forschungsstrategie / Haltung


Historische Entwicklung

  • Früherer Versuch: Ethnografie als Methode systematisieren

  • Problem: enorme Vielfalt von Feldern, Situationen, Rollen

  • Ergebnis: → vollständige Standardisierung nicht möglich → Fokus verschiebt sich auf Forschungspraxis und Reflexion


Ethnografie als Kunstlehre / Praxisform

Forschung ist situativ, kontextabhängig und nicht planbar und Forschende sind selbst Teil des Feldes, da Erkenntnis durch Teilnahme am Alltag (Insider-Perspektive) entsteht. Dies erfordert:

  • Urteilskraft

  • Flexibilität

  • Kreativität

kein festes Regelwerk, sondern: → fall- und situationsangemessenes Handeln durch


Zentrale Haltung der Forschenden

  • Reflexivität: eigenes Handeln und Voraussetzungen reflektieren

  • „künstliche Dummheit“ (Hitzler):

    • Alltagswissen bewusst ausklammern

    • scheinbar Selbstverständliches hinterfragen

  • Befremdung:

    • Vertrautes wie Fremdes betrachten

    • Distanz zur eigenen Lebenswelt herstellen


Spannungsfeld

  • Vorteil: hohe Nähe zur sozialen Realität

  • Problem:

    • schwer standardisierbar

    • Abgrenzung zu Alltag/Journalismus notwendig

  • Lösung: → Transparenz und Reflexion als wissenschaftliche Kriterien


Autoethnography

ist eine besondere Form der Ethnografie, bei der die Forschenden ihre eigene Person, Erfahrungen und Identität in den Mittelpunkt der Untersuchung stellen. Es ist ein selbstreflexiver Zugang, der persönliche Geschichten mit kulturellen und sozialen Kontexten verbindet.

  • = die eigene Biografie, Perspektive und Reflexion sind integraler Bestandteil der Forschung und Darstellung



Ethnografisches Schreiben

Ethnografisches Schreiben ist kein neutrales Abbild der Realität, sondern ein aktiver Konstruktions- und Überzeugungsprozess, der zwischen Autorinnen und Leserinnen entsteht.


Grundproblem ethnografischen Schreibens

  • Ziel: Leser*innen überzeugen (Güte der Daten & Interpretation)

  • Mittel: ausschließlich Text

  • → Schreiben ist zentraler Bestandteil wissenschaftlicher Erkenntnis


Zentrale Strategien des Schreibens

  • Feldnotizen & Tagebücher

  • Reflexion eigener Wahrnehmungen

  • Wiederholte Beobachtungen

  • Zeitliche Reorganisation von Ereignissen:

    • Sequenzierung

    • Verdichtung / Dehnung

    • Auswahl


Jo Reichertz: Ethnografie = kommunikative Praxis zwischen Autor und Fachöffentlichkeit

  • Texte folgen narrativen Mustern:

    • Ordnung von Ereignissen

    • Hervorhebung von Wendepunkten

    • Vereinfachung von Komplexität

  • Ethnografische Berichte beruhen auf kulturellen Standards (z. B. was als „gute Forschung“ gilt)

  • Zentrale These: → Ethnografie entsteht erst im Zusammenspiel von Autor und Leser


Gelingensbedingungen (nach Reichertz)

  1. Rahmung als „Ethnografie“ erzeugt Erwartungen

  2. Anspruch auf wissenschaftliche Kompetenz

  3. Aufforderung zur Prüfung durch Fachkollegen

  4. Transparenz (Offenlegung relevanter Informationen)

  5. Reziprozität (gleiche Maßstäbe für alle)

  6. Anerkennung durch Fachgemeinschaft

  7. Sanktionen bei Verstößen (z. B. Ignorieren der Arbeit)

→ Ethnografien sind soziale Produkte wissenschaftlicher Gemeinschaften


Stefan Hirschauer: Ethnografisches Schreiben = Übersetzungsleistung

  • Zentrale These: Ethnografie macht Nicht-Sprachliches sprachlich

  • Fokus auf Probleme:

    • „Schweigsamkeit des Sozialen“

    • Komplexität und Flüchtigkeit von Situationen

    • vorsprachliches Wissen und Routinen

  • Rolle der Forschenden: → nicht nur Autor, sondern „Verbalisierer“

heißt:

  • Ethnografisches Wissen ist immer:

    • sprachlich konstruiert

    • perspektivisch

    • interpretativ

→ Keine „reine“ Abbildung von Realität möglich


Aktuelle Spannungsfelder

  • Extreme vermeiden:

    • ❌ völlige Auflösung wissenschaftlicher Formen (z. B. performative Ethnografie)

    • ❌ naiver Realismus („einfaches Abbild der Realität“)

  • Lösung: → reflexiver Realismus

    • Bewusstsein für eigene Konstruktionen

    • dennoch Anspruch auf Erkenntnis



John Van Maanen: „Tales of the Field“

= beschreibt, dass ethnografische Forschungen häufig bestimmte Darstellungsformate (narrative Formen/ Tales) nutzen, um ihre Beobachtungen und Analysen zu präsentieren:

  • Realist Tales: Objektive, scheinbar „neutrale“ Darstellungen, die den Eindruck von wissenschaftlicher Distanz und Genauigkeit vermitteln.

  • Confessional Tales: Reflexive Berichte, in denen die Forscher*innen ihre eigenen Zweifel, Unsicherheiten und Einflüsse transparent machen.

  • Impressionist Tales: Literarisch-poetische Darstellungen, die versuchen, die Atmosphäre und subjektive Eindrücke des Feldes lebendig zu machen.


Unterschiedliche Schreibkulturen

  • USA:

    • erzählerisch, narrativ, „story-driven“

    • Methode oft erst am Ende sichtbar

  • 🇩🇪 deutschsprachig:

    • klassischer wissenschaftlicher Aufbau

    • klare Trennung von Theorie, Methode, Ergebnissen


Zusammengefasst: Ethnografisches Schreiben ist eine reflexive Übersetzungs- und Überzeugungsleistung, die soziale Wirklichkeit nicht einfach darstellt, sondern im Zusammenspiel von Sprache, Autor und Fachgemeinschaft erst hervorbringt.

Vertiefende Aufgaben: Kapitel 1.6

  1. Beschaffen Sie sich eine monografisch angelegte Ethnografie und begründen Sie anhand dieser Ethnografie, inwiefern die Analyse von John Van Maanen, dass in Ethnografien immer wieder bestimmte Darstellungsformale („tales of the field“) anzutreffen sind, Sie überzeugt bzw. ggf. nicht überzeugt. Stellen Sie ggf. dar, welche der von John Van Maanen identifizierten Formate Sie in der von Ihnen ausgewählten Ethnografie wiederfinden.


  • Antwort:

    • In der Pilgerstudie von Patrick Heiser findet sich überwiegend das „Impressionist Tale“ nach John Van Maanen wieder.

      • Lebendige und atmosphärische Darstellung: Heiser nutzt in seiner Studie eine sehr anschauliche, fast literarische Sprache, um die Erfahrungen und Sinnwelten der Pilger*innen erlebbar zu machen. Er vermittelt Eindrücke, Stimmungen und subjektive Bedeutungen, statt nur nüchtern Fakten zu präsentieren.

      • Subjektive Perspektiven: Die Studie legt Wert darauf, die individuellen Erlebnisse und Emotionen der Pilger*innen zu schildern, was typisch für impressionistische Ethnografien ist.

      • Narrative und sinnliche Zugänge: Heiser arbeitet mit erzählerischen Elementen, die den Leser*innen die Pilgerreise nicht nur erklären, sondern fühlbar machen.


  1. Recherchieren Sie im Internet, was man unter „autoethnography“ versteht und begründen Sie, inwiefern dieser Typus von Ethnografie mit der Betonung der Autor*innenschaft zusammenhängt.


  • Antwort: Autoethnography

    ist eine besondere Form der Ethnografie, bei der die Forschenden ihre eigene Person, Erfahrungen und Identität in den Mittelpunkt der Untersuchung stellen. Es ist ein selbstreflexiver Zugang, der persönliche Geschichten mit kulturellen und sozialen Kontexten verbindet.

    • = die eigene Biografie, Perspektive und Reflexion sind integraler Bestandteil der Forschung und Darstellung


  1. Stellen Sie dar, worin die wichtigsten Unterschiede zwischen einer qualitativen Befragung auf der Basis eines Leitfadeninterviews und einem ethnografischen Interview bestehen.


  • Antwort: Unterschiede zwischen Leitfadeninterview und ethnografischem Interview

    Aspekt

    Leitfadeninterview

    Ethnografisches Interview

    Ziel

    Strukturierte Erfassung bestimmter Themen

    Offenere, explorative Erkundung von Alltag, Bedeutungen und Beziehungen

    Struktur

    Vorab festgelegter Leitfaden mit Fragen

    Flexible, dialogische Form, oft ohne strikten Leitfaden

    Dauer

    Kürzer, fokussiert

    Länger, kann sich über mehrere Gespräche erstrecken

    Beziehung

    Forscher*in als Fragender, Interviewter als Antwortgeber

    Mehr dialogisch, Forscher*in als teilnehmender Beobachter

    Kontextbezug

    Weniger Kontextbezug

    Hoher Kontextbezug, oft vor Ort im Feld

    Ergebnis

    Antworten auf spezifische Forschungsfragen

    Tiefes Verständnis von sozialen Prozessen und Bedeutungen



  1. Stellen Sie dar, was Stefan Hirschauer (2001) mit der Formulierung „die Schweigsamkeit des Sozialen in Worte fassen“ meint und warum dies eine Stärke ethnografischer Forschung sein könnte.


  • Antwort:

    • Hirschauer meint damit, dass viele soziale Phänomene und Interaktionen nicht explizit ausgesprochen werden, sondern sich in Stillen, Routinen und impliziten Regeln zeigen. Ethnografische Forschung hat die Stärke, gerade diese „stummen“ Aspekte des Sozialen sichtbar und verstehbar zu machen, indem sie genau hinschaut und interpretiert, was oft übersehen wird.


  1. Beschreiben Sie die Rolle der Leser*innen von Ethnografien, wie sie Jo Reichertz als wesentliche Voraussetzung bei dem Verfassen ethnografischer Berichte sieht (siehe hierzu auch Abs. 3.1)


  • Antwort:

    • Reichertz:

      • Ethnografie entsteht im Zusammenspiel von Autor und wissenschaftlicher Leserschaft

      • Texte folgen narrativen Mustern und müssen Gütekriterien kommunikativ einlösen


Der ethnografische Forschungsprozess (Einführung & Herausforderungen)

Ethnografisches Forschen lässt sich nicht als feste Schrittfolge lernen, sondern nur durch das Zusammenspiel von Theorie, Praxis und Reflexion.

  • = keine vollständige Anleitung möglich

  • Ziel der Lerneinheit:

    • Orientierung geben

    • ohne starre „Checkliste“ zu erzeugen


Herausforderungen:

  • Keine Standardisierung

    • sondern: situatives, flexibles Vorgehen

  • Lernen nur durch Praxis

  • Klassisches Forsches:

    • Lesen

    • Forschen

    • Schreiben

    • Ethnografie: alles parallel und iterativ

  • Umgekehrte Logik in der Lehre

    • Normal: Fragestellung -> Methode

    • Ethnografie: Methode -> Fragestellung

  • im Feld:

    • Zugang (organisatorisch undd sozial)

    • Passung: Gefahr "aufzufallen oder nicht dazuzugehören

    • Rollenfindung: Gleichzeitige Teilnahme und Beobachtung


Empfehlung für den Forschungsprozess

  • Theorie, Praxis und Schreiben von Anfang an verbinden

  • Forschungsfragen flexibel halten

  • Projekt kontinuierlich anpassen und reflektieren

  • akzeptieren: → Forschungsgegenstand verändert sich im Verlauf

  • Forschung basiert auf dem Zusammenspiel von:

    • Gegenstand (was wird untersucht?)

    • Vorannahmen (Perspektive/Theorie)

    • Verfahren (Methoden)

→ Ziel: Gegenstandsangemessenheit


Auswahl des Untersuchungsfeldes

überall möglich mit großen Unterschieden der Zugänglichkeit und Aufwand


Typen von Forschungsfeldern

  • Schwer zugänglich: z. B. Regierungsinstitutionen, Geheimdienste → Zugang meist kaum möglich

  • Formal zugänglich, aber aufwendig: z. B. Klöster, Intensivstationen, Polizei → benötigt Genehmigungen, Begründungen, Rollenfindung

  • Leicht zugänglich (empfohlen für Einstieg): z. B. Arbeitsplatz, Familie, öffentliche Orte → dennoch soziale Regeln beachten


Zugangsempfehlung

  • Wähle ein Feld, das

    • das zugänglich, aber nicht völlig vertraut ist (leichte Fremdheit)

    • das persönlich interessiert (Motivation wichtig)

  • Ziel: Balance zwischen Nähe und Distanz


Kriterien nach Angrosino

  • Feld zeigt das Forschungsproblem klar

  • Vergleichbarkeit mit anderen Studien

  • Nicht überforscht

  • Geringe Zugangshürden (wenig „Gatekeeping“)

  • Forschende sollen keine Belastung für das Feld sein



Entwicklung einer Fragestellung & Rahmenanalyse

Fragestellungen sind prinzipiell unbegrenzt möglich, aber nie voraussetzungslos.

  • Ethnografische Forschung erfordert:

    • Reflexion eigener Vorannahmen ODER

    • bewusste Wahl theoretischer Prämissen


Zwei Wege der Fragestellung

  1. Explikation vorhandener Vorannahmen

    • Was interessiert mich konkret?

    • Welcher Ausschnitt der Wirklichkeit wird betrachtet?

    • Warum ist dieser relevant?

    • Ist das Feld geeignet?

  2. Theoretische Rahmung

    • Orientierung an Konzepten (z. B. handlungstheoretisch, interaktionistisch, wissenssoziologisch)

    • Theorie lenkt:

      • Wahrnehmung

      • Fragestellung

      • Interpretation


Vorschlag: Rahmenanalyse nach Erving Goffman

“Was geht hier eigentlich vor?”

  • Grundidee: Menschen interpretieren Situationen mithilfe von „Rahmen“ (frames):

    • kulturelle Deutungsmuster

    • strukturieren Wahrnehmung und Handeln

  • → Realität ist immer gerahmt und bedeutungsvoll

  • Anwendung auf Organisationen:

    • Organisationen entstehen durch geteilte Rahmungen

    • Mitglieder:

      • reproduzieren diese im Alltag

      • bestätigen und verändern sie

    • Forschung fragt:

      • Welche Rahmen strukturieren Handeln?

      • Wie werden sie praktisch hergestellt?

  • Zentrale Analyseebenen

    • Primärer Rahmen

      • grundlegende, als selbstverständlich scheinende Deutungsmuster (z.B. Organisation, Arbeit, etc)

    • Transformationen von Rahmen

      • Modulationen: z. B. Spiel, Ironie, Simulation

      • Täuschungen: gezielte Irreführung

      • Inszenierungen: Rollen, Darstellung (Performance)

      • Informelle Praktiken: Abweichungen vom offiziellen Rahmen

  • Zentrale Erkenntnisse

    • Situationen enthalten oft mehrere Rahmen gleichzeitig

    • Rahmen sind:

      • veränderbar

      • kontextabhängig

    • Sie geben auch vor:

      • was als angemessenes Handeln gilt


Ethografie = Rekonstruktion von Rahmungen und des praktischen Handelns im Kontext dieser Rahmungen durch

  • „künstliche Dummheit“ (Hitzler):

    • Alltagswissen bewusst zurückstellen

  • „Befremdung“:

    • Vertrautes als fremd betrachten


Zusammengefasst

Ethnografische Fragestellungen entstehen im Zusammenspiel von Vorannahmen, Theorie und Feld – die Rahmenanalyse bietet eine besonders alltagsnahe und flexible Heuristik, um zu verstehen: Wie wird soziale Wirklichkeit praktisch hergestellt und gedeutet?

Vertiefende Aufgaben: Kapitel 2.3

  1. Überlegen Sie, welche Ihnen zugängliche(n) Situation(en) – soweit möglich im Kontext einer Organisation – Sie gerne einmal im Detail beobachten möchten und begründen Sie Ihre Entscheidung.


  • Antwort:

    • eine öffentlich zugängliche Tischtennisanlage in einem Park gewählt. Konkret interessiert die soziale Situation spontaner oder halb-organisierter Tischtennisspiele zwischen Anwesenden.


  1. Recherchieren Sie, ob es zu Ihrem Thema bereits deutschsprachige, ggf. auch englischsprachige Forschungsliteratur gibt und listen Sie diese ggf. auf. Diskutieren Sie, ob und inwiefern die vorliegende Forschungsliteratur Ihre Fragestellung beeinflusst.

  • Antwort:



  1. Entwickeln Sie für die Sie interessierende Situation eine rahmentheoretisch inspirierte Fragestellung und formulieren Sie diese in Form von Fragesätzen. Alternativ können Sie auch ein anderes aus dem Studium bekanntes Konzept, das Prozesse des Organisierens in den Mittelpunkt rückt, zurückgreifen.

  • Antwort:

    • Wie entstehen spontane soziale Ordnungen ohne formale Institution?


  1. Überlegen Sie, welche Ihnen eher unzugängliche Situation Sie gerne einmal genauer beobachten möchten und recherchieren Sie, ob es dazu bereits Forschung gibt. Formulieren Sie auf der Basis der vorliegenden Literatur ein Exposé für eine mögliche ethnografische Studie (Auswahl des Untersuchungsfeldes und Fragestellung).

  • Kriminelle Banden im Bereich des Menschenhandels, insbesondere Netzwerke, die Menschen zur Ausbeutung (etwa Zwangsarbeit, Prostitution) rekrutieren und kontrollieren.

  • Begründung der Wahl: Menschenhandel ist eine schwer zugängliche, verdeckte soziale Realität mit gravierenden Menschenrechtsverletzungen. Kriminelle Banden agieren meist im Verborgenen, und ihre Strukturen, Praktiken sowie die Lebensrealitäten der Betroffenen sind wenig erforscht. Eine ethnografische Studie kann durch intensive Feldarbeit und teilnehmende Beobachtung tiefere Einsichten in die Funktionsweise dieser Netzwerke und die sozialen Dynamiken ermöglichen, die hinter der Kriminalität stehen

  • Forschungsfrage: Inwiefern tragen gesellschaftliche Prozesse und Strukturen dazu bei, dass sich Kollektive entwickeln, die Menschen als Ware behandeln? Welche gemeinsamen biografischen und sozialen Faktoren lassen sich in den Mitgliedern und Betroffenen dieser Kollektive erkennen, und wie könnten diese durch gesellschaftliche Interventionen verändert werden?

    Begründung der Wahl: Menschenhandel ist nicht nur ein individuelles Verbrechen, sondern eingebettet in gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie soziale Ungleichheit, Marginalisierung, ökonomische Zwänge und kulturelle Normen. Eine ethnografische Studie kann aufzeigen, wie diese gesellschaftlichen Faktoren in den Lebensgeschichten der Beteiligten wirksam werden und zur Herausbildung von Kollektiven mit entmenschlichenden Praktiken führen.

  • Fachliteratur:

  • Expose (siehe Word Dokument)


Ethnografischer Forschungsprozess - Vorbereitung und Feldzugang - Forschungsethik

Ethnografische Forschung beginnt nicht direkt im Feld, sondern mit einer entscheidenden Transformationsleistung:


Vorbereitung:

➡️ Von abstrakten Ideen → zu praktischer Feldrealität

aber: Ethnografische Forschung lässt sich nicht vollständig vorab planen, da sie stark von realen Feldbedingungen abhängt.


Zentrale Hürden

  • Zugang zum Feld

  • Festlegung der eigenen Rolle

  • methodisches Vorgehen

  • ethische Legitimation

👉 Wichtig: Diese Dimensionen sind analytisch trennbar, aber in der Praxis eng miteinander verflochten. Zugang hängt immer davon ab:

  • was untersucht wird

  • wie untersucht wird


Vier zentrale Vorbereitungsdimensionen

  1. Feldzugang

    • Grundvoraussetzung jeder Ethnografie

    • bestimmt die Perspektive der Beobachtung

    • = Wie man ins Feld kommt, bestimmt was man sehen kann

  2. Rolle der Beobachtenden

    • offene/r Forscher*in (sichtbar)

    • teilweise bekannte Rolle (nur bestimmte Akteure informiert)

    • verdeckte Beobachtung (Tarnrolle)

    👉 Konsequenzen:

    • beeinflusst Zugang, Datenqualität und Vertrauen

    • erzeugt unterschiedliche Interaktionsdynamiken im Feld

  3. Forschungsdesign/ Methodisches Vorgehen

    • Zentrale Spannungen

      • Unauffälligkeit vs. Datentiefe

      • Teilnahme vs. Intervention

    • Beispielproblem

      • Verdeckte Beobachtung + Kamera = Widerspruch

      • Intensive Befragung = Störung des Feldes

    • Grundprinzip: Je weniger störend, desto eher akpzeptiert das Feld die Forschung

  4. Forschungsethik, zwei Ebenen:

    • 1) Allgemeine Standards (z.B. Datenschutz)

    • 2) fallbezogene Rechtfertigung

    • Grundprinzip: Ist mein Vorgehen ggü den Beteiligten legitim?


Drei Formen der Auseinandersetzung mit Feldzugang in der Literatur

  1. Erfolgreicher Feldzugang

    • Zugang erfordert Plausibilität und Vertrauensaufbau

    • Beispiel: Herbert Kalthoff

      • Zugang zu Internatsschulen über:

        • formelle Briefe

        • Darstellung von:

          • Forschungsprojekt

          • Methode

          • eigener Person

      • Nutzung von symbolischem Kapital (Empfehlungsschreiben)

  2. Gescheiterter Feldzugang

    • ebenfalls analytisch wertvoll, zeigt:

      • Widerstände

      • implizite Strukturen des Feldes

    • = Auch Ablehnung ist Datenmaterial

  3. Praktische Empfehlung (Methodenliteratur)

    • z. B. bei Mike Crang & Ian Cook:

      • frühe Kontakte knüpfen

      • mit relevanten Akteur*innen sprechen

      • Organisationen kontaktieren

      • digitale Recherche nutzen

    • Realistische Einschätzung von Machbarkeit und Zugangschancen


Gatekeeper (Zugangsstrukturen)

  • kontrollieren Zugang zum Feld und können Zugang:

    • ermöglichen

    • begrenzen

    • verhindern

  • weitere Rollen:

    • Sponsor*innen

    • Patron*innen

    • Vermittler*innen

= Feldzugang ist ein sozialer Aushandlungsprozess


heißt: 👉 Ethnografische Forschung ist keine rein methodische Entscheidung, sondern ein situativer, sozialer und reflexiver Aushandlungsprozess zwischen

  • Forschenden

  • Feldakteur*innen

  • institutionellen Strukturen

  • ethischen Anforderungen


Ethnografische Vorbereitung ist kein linearer Planungsprozess, sondern ein reflexiver, dynamischer Aushandlungsprozess


Grundverständnis von Forschundethik

= Was ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Menschen im Feld?


Zentrale ethische Dimensionen

  • Schutz der Würde der Beteiligten

  • Datenschutz & Persönlichkeitsschutz

  • Angemessenheit der Methoden

  • Zweck & Nutzen der Forschung

Ethik betrifft alle Phasen: Planung, Durchführung, Auswertung, Veröffentlichung


Institutionelle Regelungen

  • Ethikkommussionen: prüfen Forschungsprojekte vorab

  • Ombudsstellen: Ansprechpartner bei Konflikten

  • Leitlinien von:

    • Deutsche Gesellschaft für Soziologie

    • Deutsche Forschungsgemeinschaft

  • Inhalte:

    • allgemeine Forschungsstandards

    • selten spezifisch für Ethnografie

➡️ Übertragung auf eigene Forschung notwendig, Verantwortung bleibt bei Forschenden

  • Besonderheit ethnografische Forschung:

    • 👉 situationsabhängig & kontextgebunden


Konkrete ethische Leitlinie

  • respektvoll & rücksichtsvoll handeln

  • Würde wahren

  • keine Bloßstellung

  • keine:

    • unethische Fragestellungen

    • diskriminierende Perspektiven

    • strafbare Handlungen

    • Audio-/Videoaufnahmen ohne informierte Zustimmung

      • Teilnehmende müssen wissen:

        • Zweck der Studie

        • Art der Daten

        • Speicherung & Sicherung

        • Veröffentlichung

        • Löschung

        👉 besonders streng bei:

        • Kindern & Minderjährigen

  • Rechte der Beteiligten:

    • Freiwilligkeit

    • Möglichkeit des Rückzugs

    • informierte Einwilligung

  • Orientierung an: Standards guter wissenschaftlicher Praxis

  • keine Manipulation oder Täuschung (ohne Reflexion/Begründung)

  • Datenschutz:

    • Vertraulichkeit sicherstellen

    • sensible Informationen schützen

    👉 Rechtlicher Rahmen:

    • § 27 BDSG (Forschungsdaten)


Zentrales Dilemma

  • Offene Beobachtung:

    • Vorteile:

      • transparent

      • Zustimmung möglich

      • ethisch sauberer

    • Nachteile:

      • Verhalten verändert sich

      • strategische Selbstdarstellung

      • evtl. Zugang verweigert

  • Verdeckte Beobachtung

    • Vorteile:

      • Authentische Daten

      • Zugang zu sensiblen Feldern

    • Nachteile:

      • Täuschung

      • keine informierte Einwilligung

      • ethisch problematisch

👉 Unauflösbares Spannungsfeld zwischen:

  • wissenschaftlicher Validität

  • ethischer Legitimität


Grauzonen-Perspektive

Forschung ist selten:

  • völlig offen oder

  • völlig verdeck

  • Abstufungen („graue Grade“)

    • wer wird informiert?

    • was wird offengelegt?

    • wann erfolgt Information?

Ethik = kein Checklistenproblem, sondern kontinuierliche Reflexion, heißt: eigene Entscheidungen immer hinterfragen:

  • Warum dieses Vorgehen?

  • Welche Konsequenzen hat es?


Vertiefende Aufgaben: Kapitel 2.4

  1. Stellen Sie dar, wie Sie in der von Ihnen geplanten Studie den Zugang zum Feld bewältigen wollen, mit welchen Hürden ggf. zu rechnen sind und welche Vorabklärungen notwendig erscheinen.

  • Antwort: Niedrige Zugangshürden: Öffentliche Parks sind frei zugänglich; formale Gatekeeper (z. B. Institutionen) entfallen weitgehend.

  • Natürliche Interaktionen: Es handelt sich um alltagsnahe, nicht-institutionalisierte soziale Praktiken, die sich besonders für ethnografische Beobachtung eignen.

  • Wiederkehrende Situationen: Tischtennis erzeugt regelmäßig ähnliche Interaktionssituationen (Spielbeginn, Aushandlung von Regeln, Spielerwechsel etc.), was Vergleichbarkeit ermöglicht.

  • Persönlicher Zugang: Eigene Vertrautheit mit der Praxis erleichtert initiale Teilnahme und reduziert Einstiegshürden (wichtig im Sinne von Feldzugang und Plausibilität der Rolle).



  1. Klären Sie, welche Gatekeeper für Ihre Studie einbezogen werden müssen, um Zugang zu dem Feld zu bekommen. Stellen Sie dar und begründen Sie, in welcher Rolle Sie im Feld auftreten und beobachten wollen.

  • Antwort:



  1. Diskutieren Sie Vor- und Nachteil der gewählten Rolle. Skizzieren Sie für Ihre geplante Studie ein vorläufiges Forschungsdesign und beschreiben Sie, welche Verfahren und Materialien (Beobachtungsprotokolle, Gesprächstranskripte, Dokumente) von Ihnen voraussichtlich genutzt werden.

  • Antwort: Beobachtung:

    • ✔ Vorteil: Erfassung realer Praxis

    • ✖ Nachteil: Interpretationsabhängigkeit

    Informelle Gespräche:

    • ✔ Kontextualisierung von Beobachtungen

    • ✖ Verzerrung durch Selbstdarstellung

    Protokolle:

    • ✔ Systematisierung und Reflexion

    • ✖ Selektivität (nicht alles wird erfasst)


  1. Diskutieren Sie die darin enthaltenden Vorgaben für Ihre geplante kleine Ethnographie. Benennen Sie, an welchen Stellen, die Vorgaben Ihr Interesse einschränken.

  • Antwort:

    • Anonymisierung aller Daten

    • keine identifizierbaren personenbezogenen Informationen

    • keine Aufnahmen ohne Einwilligung

    • Freiwilligkeit der Beteiligten

    • Transparenz über Forschung (sofern möglich)

    • Orientierung an Standards z. B. der Deutsche Forschungsgemeinschaft

    • Einschränkungen:

      • Keine Videoanalyse → Verlust an Detailtiefe (z. B. Körpersprache)

      • Schwierige vollständige Aufklärung aller Beteiligten im offenen Feld

      • Begrenzte Dokumentation spontaner Interaktionen

      Konsequenz: Fokus stärker auf situative Beobachtung und Reflexion statt auf technische Datenerhebung.


  1. Diskutieren Sie mögliche ethische Dilemmata, in die Sie im Rahmen ihrer geplanten Studie geraten können.


  • Antwort:

    • Offenheit → Reaktivität

    • Verdecktheit → ethisch problematisch (Täuschung)

    → Realistisch: teilweise Offenheit (situativ erklären, keine vollständige Formalisierung)

    • Park = öffentlicher Raum

    • Aber: subjektives Privatheitsempfinden der Beteiligten

    → Lösung: keine sensiblen Daten erfassen, keine Identifizierbarkeit

    • Teilnahme fördert Verständnis

    • Gefährdet kritische Analyse

    → Lösung: systematische Reflexion (Memos)

    • Gespräche entstehen spontan → keine formale Einwilligung

    → Lösung: keine wörtlichen Zitate ohne Zustimmung, nur paraphrasieren


Die größte Herausforderung liegt nicht im Zugang, sondern in:

  • Reflexion der eigenen Rolle

  • ethischer Abwägung zwischen Nähe und Transparenz

  • selektiver Datenerhebung ohne technische Hilfsmittel


Feldaufenthalt & Datenerhebung (Ethnografie)

Ethnografische Forschung basiert auf Teilnahme und Kopräsenz im Feld <-> Datenerhebung erfolgt primär durch Beobachtung und deren Verschriftlichung (Feldnotizen/Protokolle).


Zentrale Herausforderungen im Feld

  • Teilnahme vs. Beobachtung

  • Nähe vs. Distanz

  • Neutralität vs. situative Positionierung

  • Mitmachen vs. analytische Distanz

👉 Diese Balance ist nicht standardisierbar, sondern situationsabhängig zu bewältigen.

  • Nähe zum Feld kann problematisch werden („Going Native“)

  • Gefahr der Verwechslung von Verstehen und Vereinnahmung

  • Risiko der Kolonialisierung von Lebenswelten

  • Spannung zwischen:

    • wissenschaftlicher Offenlegung

    • Schutz von Privatsphäre

    • ethischer Verantwortung

Besonders relevant sind hier:

  • postkoloniale Perspektiven

  • feministische und diversity-sensible Ethnografie

  • Debatten um „the other“ und die Würde der Beforschten



Erste Schritte (Anfängerperspektive)

  • Was ist relevant zu beobachten?

  • Wie soll ich mich verhalten?

  • Wie dokumentiere ich Beobachtungen sinnvoll?

  • Darf ich Aufnahmen machen?

  • Wo beginne ich überhaupt?

👉 Wichtig: Fehler sind normal und Teil des Lernprozesses.


Grundprinzip: Trennung von Teilnahme & Protokollierung

  • Gleichzeitiges Beobachten und detailliertes Schreiben ist kaum möglich

  • Ethnografie besteht aus:

    • Teilnahmephasen

    • Rückzugsphasen (Verschriftlichung)

👉 Stichworte (Memos) im Feld sind erlaubt, aber:

  • meist kurz & fragmentarisch

  • dienen als Gedächtnisstütze


Charakter von Beobachtungsprotokollen

= rekonstruierende Konvervierung

  • Deskriptiv (nicht wertend!)

  • Nachvollziehbare Handlungsabläufe

  • Mehrstimmigkeit sichtbar machen

  • Kontext verständlich darstellen

Problem: Unklare, kontextlose Notizen = analytisch wertlos


Leitfragen für gute Protokolle nach Crang & Cook

  1. Feldverortung

    • In welchem geografischen und sozialen Umfeld findet die Forschung statt?

    • Wo genau befindet sich das konkrete Setting?

    • Welche Informationen braucht man, damit Außenstehende den Kontext verstehen?

  2. Physischer Raum

    • Wie ist das Feld räumlich aufgebaut?

    • Welche materiellen Strukturen sind relevant?

    • Können Skizzen, Karten oder Fotos helfen?

  3. Beschreibung sozialer Praxen

    • Ziel: Erfassung von Handlung und Interaktion

      • Wer ist anwesend?

      • Was tun die Akteur*innen konkret?

      • Wie verlaufen Interaktionen?

      • Welche Praktiken sind beobachtbar oder werden berichtet?

  4. Eigene Rolle: Ziel: Reflexion der Forscherrolle

    • Welche Rolle nehme ich ein?

    • Wie wurde ich eingeführt?

    • Wie beteilige ich mich?

    • Wie verändert sich meine Position im Feld?

  5. Reflexion des Forschungsprozesses

    • Überraschungen?

    • Veränderungen der Perspektive

    • Einfluss auf das Feld?

  6. Selbstreflexion:

    • Ziel: Einbezug der subjektiven Dimension

    • Welche Gefühle entstehen im Feld?

    • Wie gehe ich mit Unsicherheiten um?

    • Welche persönlichen Reaktionen beeinflussen meine Wahrnehmung?

= Reflexion ist integraler Bestandteil der Datenerhebung


Typen von Feldnotizen

  • Memos

    • Kurz, stichwortartig

    • direkt im Feld

    • Erinnerungsstützen

  • Ausformulierte Protokolle

    • Nachträglich geschrieben

    • detaillierte Beschreibungen

    • zentrale Datenbasis

  • Analytische Notizen

    • erste Interpretationen

    • Hypothesenbildung

    • Verbindung zur Theorie

  • Forschuntstagebuch

    • persönliche Reflexion

    • Emotionen, Zweifel, Probleme

    • „subjektive Seite“ der Forschung


Achtung vor Anfängerfehlern:

  • Fehlende Kontextangaben (Ort, Zeit)

  • Zu starke Interpretation statt Beschreibung

  • Unklare Handlungssituationen

  • Vernachlässigung der eigenen Rolle


heißt: Ethnografie ist kein linearer Prozess:

  • Datenerhebung und Analyse sind untrennbar

  • Schon beim Schreiben:

    • wird selektiert

    • wird interpretiert

    • wird strukturiert

👉 Protokolle sind immer schon theoriegeladen


Zusammenfassung

  • Es gibt keine perfekten Regeln

  • Ethnografie lernt man durch Praxis

  • Entscheidend ist:

    • kontinuierliches Schreiben

    • systematische Reflexion

    • Bewusstsein für eigene Perspektive

👉 Kurzformel: Beobachten → Notieren → Reflektieren → Anpassen


Erweiterung der Datenbasis

Nach ersten Beobachtungen wird geprüft, ob die Datenbasis ausreicht. Dabei stehen zentrale Entscheidungsfragen im Fokus

  • Reicht die erste Beobachtung zur Beantwortung der Forschungsfrage?

  • Müssen weitere ähnliche oder kontrastierende Situationen beobachtet werden?

  • Sollen andere Akteur*innen einbezogen oder befragt werden?

  • Braucht es zusätzliche Hintergrundinformationen?

  • Ist ein Wechsel oder eine Neuorientierung des Feldzugangs nötig?

👉 Ziel: Optimierung und Absicherung der empirischen Grundlage


Erweiterung durch Methodenmix

Zur Ergänzung der Beobachtung können eingesetzt werden:

  • Interviews (informell, leitfadengestützt, biografisch, Expert*innen)

  • Gruppengespräche / Fokusgruppen

  • Audio-visuelle Daten (Video, Audio, Feldmaterial)

  • Dokumente (z. B. Organigramme, Akten, E-Mails, Regelwerke)

👉 Wichtig: Unterschied zwischen

  • feldproduzierten Daten (natürlich entstanden)

  • forschungsinduzierten Daten (durch Forschung erzeugt)


= Triangulation: Verbindung verschiedener Datenquellen und Methoden um gegenseitige Validierung oder Irritation von Daten herzustellen durch minimalen oder maximalen Vergleich

  • Konsequenz:

    • Analyse beginnt sofort im Feldprozess

    • Forschung ist iterativ und nicht linear


Rahmenbedingungen

  • Zeit ist ein limitierender Faktor (oft unterschätzt)

  • Feldaufenthalte sind projektgebunden und begrenzt

  • Fokus ethnografischer Arbeit wird dadurch pragmatisch gesteuert


Datenaufbereitung

  • Transkription von Audio/Video (manuell oder Software), inkl. Prüfung auf Fehler

  • Intensives Lesen/Hören aller Primärdaten (iterativ, nicht einmalig)

  • Anonymisierung: Personen, Orte, Institutionen, Ereignisse verschlüsseln

  • Datenorganisation:

    • Sortieren von Protokollen, Interviews, Dokumenten

    • ggf. Import in Auswertungssoftware (z. B. MAXQDA, NVivo, ATLAS.ti)

  • Kodierung von Textsegmenten (thematische Labels / Codes)

  • Erstellung von Übersichten (Tabellen, Datenbanken, Fallübersichten)

  • Einbindung des Forschungstagebuchs in die Gesamtdatenlage


Zentrale Auswertungslogik (kein festes Standardverfahren)

  • Keine einheitliche Auswertungsmethode in der Ethnografie

  • Typische Verfahren:

    • Kodierung & Kategorisierung

    • Vergleich & Kontrastierung von Fällen

    • Nutzung „sensitizing concepts“ (heuristische Leitbegriffe)

    • Grounded Theory-nahe Vorgehensweisen

    • Inhaltsanalytische oder interpretative Verfahren (kombinierbar)


Grundprinzipien der Auswertung

  • Daten sind immer schon interpretiert, nicht „roh“

  • Erhebung, Aufbereitung und Analyse sind ineinander verschränkt

  • Erste Analysen beginnen bereits bei der Datenaufbereitung

  • Gefahr: vorschnelle Selektion („scheinbar irrelevante Daten“ werden übersehen)

  • Ziel: Abstraktion, Verdichtung, Mustererkennung


Analytische Leitidee

  • Ethnografische Auswertung ist ein Prozess aus:

    • Daten sichten & sortieren

    • Widersprüche/Überraschungen markieren

    • Muster & Themen herausarbeiten

    • Fälle vergleichen (Ähnlichkeit vs. Kontrast)

    • schrittweise theoretische Verdichtung


Zusammenfassend:

Der Forschungsbericht ist kein später, separater Schritt, sondern entsteht parallel und rückwirkend aus Analyseprozessen:

  • erste Notizen → später Berichtsmaterial

  • Analysen → strukturieren Kapitel

  • theoretische Themen → Gliederung des Endtexts


Gütekriterien ethnografischer Forschung

In der empirischen Sozialforschung werden traditionell drei Kriterien verwendet:

  • Objektivität → Unabhängigkeit der Ergebnisse vom Forschenden + Übereinstimmung von Aussage und Realität

  • Reliabilität → Zuverlässigkeit der Datenerhebung / Messung (Reproduzierbarkeit)

  • Validität → Gültigkeit der Ergebnisse

    • intern: stimmt die Interpretation im Untersuchungsfeld?

    • extern: übertragbar auf andere Kontexte?


Problem: Diese Kriterien sind nur bedingt übertragbar, weil:

  • Daten sind immer interpretiert, nicht „roh“

  • Forschende sind Teil des Erkenntnisprozesses

  • Feldzugang, Wahrnehmung und Darstellung sind kontextabhängig

  • Ergebnisse entstehen durch Interaktion zwischen Feld und Forschenden

➡️ Daher: Reformulierungs- und Ersatzversuche der Gütekriterien


Beispiel: Steinke (1999) – qualitative Kriterien

  • Intersubjektive Nachvollziehbarkeit (Transparenz des Vorgehens)

  • Gegenstandsangemessenheit

  • Empirische Verankerung (Theorie basiert auf Daten)

  • Limitationen (Grenzen der Verallgemeinerbarkeit)

  • Reflektierte Subjektivität

  • Kohärenz (innere Stimmigkeit)

  • Relevanz


Weitere Ansätze

  • Lincoln & Guba (1985):

    • credibility (Glaubwürdigkeit)

    • transferability (Übertragbarkeit)

    • dependability (Zuverlässigkeit)

    • confirmability (Nachprüfbarkeit)

    Crang & Cook (2007):

    • credibility

    • transferability

    • dependability

    • confirmability

    Strübing et al. (2018):

    • Gegenstandsangemessenheit

    • empirische Sättigung

    • theoretische Durchdringung

    • textuelle Performanz

    • Originalität


Zentrale Erkenntnis

  • Es gibt keinen einheitlichen Konsens über Gütekriterien in der Ethnografie.

  • Kriterien hängen stark von Theorie, Methodologie und Forschungsziel ab.

  • Ethnografische Qualität entsteht weniger durch Checklisten, sondern durch:

➡️ reflexive Nachvollziehbarkeit der Forschungspraxis


heißt: Ethnografische Güte ist weniger messbar als vielmehr begründbar durch transparente, reflexive Darstellung des gesamten Forschungsprozesses.


Gütekriterien aus Sicht der Rezeption

Die Bewertung ethnografischer Forschung hängt stark von den Leser*innen ab. Damit verschiebt sich die klassische Diskussion um Gütekriterien (Validität, Transparenz etc.) in die Rezeption hinein.

Martyn Hammersley hebt hervor:

  • Erkenntniswert für Informationsbedürfnisse

  • Überzeugungskraft (auch praktisch/politisch)

  • methodische Angemessenheit

  • Kompetenz der Forschenden

  • ethische Fragen (Täuschung, Datenschutz, Schäden)


Verlassen des Feldes

Das Verlassen des Feldes ist ein zentrale, aber oft unterbelichtete Phase ethnografischer Forschung (im Vergleich zum Feldzugang).

  • kann geplant oder faktisch erzwungen sein (z. B. Finanzierung, Zeit, Konflikte)

  • betrifft sowohl Forschungslogik als auch soziale Beziehungen im Feld


Der Feldausstieg ist selbst ein analytisch relevanter Prozess:

  • zeigt soziale Strukturen und Machtverhältnisse im Feld

  • offenbart Zugehörigkeit, Bindungen und Konflikte

  • kann neue Perspektiven auf das Feld erzeugen

➡️ Auch der Abschied ist Teil der Datenproduktion


Gründe des Verlassens

  • begrenzte Zeit- und Projektressourcen

  • Auslaufen von Finanzierung / Projektlaufzeit

  • Sicherheits- oder ethische Risiken

  • „Sättigung“ des Datenmaterials (kein zusätzlicher Erkenntnisgewinn)

  • praktische Unauffälligkeit oder Felddynamiken

➡️ In der Praxis oft Mischung aus externen Zwängen + methodischer Entscheidung


Das Feld wird selten abrupt verlassen:

  • häufig schrittweiser Ausstieg

  • wiederholte Rückkehr- oder Übergangsphasen möglich

  • erneute Reflexion über Datenlage („reicht das Material wirklich?“)


Verlassen in Organisationen: Soziale Komplexität

  • Aufbau und Beendigung von Beziehungen

  • soziale Verpflichtungen gegenüber Akteur*innen

  • „ending rituals“ (Monties 2022), z. B.:

    • Dankeskarten / -mails

    • Abschiedsgespräche oder -partys

    • Rückbesuche oder Follow-up-Kommunikation

➡️ Ziel: keine „verbrannte Erde“ hinterlassen


Formen des Abschieds variieren je nach Feld:

  • stilles Verschwinden

  • formale Ankündigung

  • kontroverse Aushandlung

  • kooperative Übergabe

  1. stark abhängig von Feldnormen und Etikette


Nach dem Feldaufenthalt stellt sich häufig die Frage:

  • Werden Ergebnisse ins Feld zurückgespiegelt?

  • An wen (Gatekeeper, Organisation, Einzelakteure)?

  • In welcher Form (Bericht, Präsentation, Diskussion)?

  • Welche Risiken (Reputation, Vertraulichkeit, Kontrolle der Daten)?


Vertiefende Aufgaben: Kapitel 2.5

  1. Beobachten Sie, wie geplant, eine von Ihnen ausgewählte Situation mindestens 30 Minuten lang. Machen Sie sich, falls möglich, kurze Feldnotizen.

  2. Erstellen Sie von der von Ihnen beobachteten Situation ein präzises Protokoll. Beschreiben Sie darin auch Ihre eigene Rolle, die räumlichen Bedingungen, die sozialen Kontexte und alle für Ihre Fragestellung relevanten Aspekte. Versuchen Sie dabei, Feldnotizen zu erstellen.

  3. Lesen Sie Ihr erstes Protokoll gründlich und vergleichen Sie es mit den oben zitierten Empfehlen Mike Crang und Ian Cook. Überprüfen Sie, welche Aspekte von Interesse Sie ggf. vergessen haben bzw. unvollständig dokumentiert haben.

  4. Diskutieren Sie, wie die von Ihnen erhobenen Daten im Hinblick auf Ihre Fragestellung empirisch gestärkt und gesättigt werden könnte durch (a) die Beobachtung weiterer Situationen, durch (b) die Ergänzung durch anderes Datenmaterial und/oder durch (c) die Orientierung an ersten (rahmen-) theoretischen Analysen. Diskutieren Sie, ob weitere Möglichkeiten der Optimierung der Datengrundlagen bestehen.

  5. Versuchen Sie ggf. in einer zweiten Erhebungsrunde die Datengrundlagen zu verbessern.

  6. Anonymisieren Sie Ihre Daten und stellen die dabei zugrunde gelegten Regeln dar.

  7. Diskutieren Sie, inwiefern EDV-basierte Programme (Transkription, Sortierung, Verkodung etc.) Ihnen bei der Aufbereitung und Auswertung der Daten helfen könnten. Laden Sie sich mindestens zwei von Ihnen als hilfreich betrachtete Programme als kostenlose Testversionen auf den Rechner und testen Sie die Programme auf der Basis Ihrer Daten. Diskutieren Sie Stärken und Schwächen der Programme mit Blick auf Ihre Daten und Ihre Fragestellung.

  8. Lesen Sie den oben am Ende des Abschnittes 2.5.1 zitierten Ausschnitts des Beobachtungsprotokolls „Feldnotizen IV: Heute ist Freitag, 5. Mai 1988“ von Jo Reichertz gründlich durch. Analysieren Sie diesen Protokollausschnitt vor dem Hintergrund des im Abschnitt 2.3 dargestellten Goffmanschen Rahmen-Konzeptes unter folgenden Perspektiven

  9. Welche Äußerungen in dem Protokoll werden aus Ihrer Sicht als Anweisungen und Bitten gerahmt, aus welcher Perspektive werden diese geäußert und anhand welcher Protokollelemente sind diese erkennbar?

  10. Welchen Passagen in dem Protokoll lassen sich als Explikationen von Regeln verstehen und sind entsprechend gerahmt. Welche Formulierungen in dem Protokoll lassen sich als Hinweise für diese Rahmungen entdecken?

  11. Wie würden Sie die Darstellung des Funksystems rahmentheoretisch unter Berücksichtigung der Rollen der beteiligten Akteur*innen beschreiben?

  12. Finden sich in dem Protokoll ironisierende Rahmungen und wenn ja, anhand welcher Formulierungen im Protokoll sind diese zu erkennen?

  13. Benennen Sie mindestens vier Stellen, an denen im Protokoll der Interaktionsrahmen gewechselt wird. Beschreiben Sie, was an diesen Stellen passiert und wie sich der Beobachter jeweils darauf bezieht.

  14. Diskutieren Sie, inwiefern der Protokollausschnitt sich als ein Beispiel für eine reflexive Form der Protokollerstellung erweist und benennen sie exemplarische Belegstellen dafür

  15. Diskutieren Sie die zuletzt gestellten Fragen an einem der im Anhang widergegebenen Protokolle bzw. Auszüge aus Ethnografien.

  16. Beschaffen Sie sich zwei monografische Ethnografien Ihrer Wahl und prüfen Sie, ob und inwiefern die Texte Aussagen zum Feldausstieg beinhalten. Diskutieren Sie die im Text genannten Bedingungen und die Art und Weise des Verlassens des Feldes

  17. Stellen Sie dar, welche Schritte mit Blick auf den Feldausstieg im Rahmen Ihrer geplanten Studie als angemessen erscheinen.



Ethnografien lesen als Rezeptionspraxis

Ethnografien begegnen Leser*innen meist als Monografien (Bücher/eBooks), zunehmend auch als ethnografische Videos. Der Markt ist dabei deutlich breiter, als es eine rein akademische Nutzung vermuten lässt: Ethnografische Werke sind nicht nur Fachtexte, sondern teilweise auch populärwissenschaftlich erfolgreich oder in bestimmten Szenen sehr verbreitet.

  • klassische Studien wie Street Corner Society (Whyte)

  • populäre oder einflussreiche Werke wie Zwangsgeräumt (Desmond)

  • Forschung zu Gangs und urbanen Milieus (Goffman)

  • Studien zu Untergrundökonomien (Venkatesh)

  • Arbeiten zu globalen Verflechtungen (Tsing)

  • Forschung zu Polizei, Religion, Gesundheit oder alternativen Lebensformen

Zentrale Aussage: Ethnografie behandelt kein einheitliches „exotisches“ Feld, sondern sehr unterschiedliche soziale Welten – von alltäglichen Institutionen bis zu extremen sozialen Randlagen.


Interaktionsprozess nach Jo Reichertz

Ein zentraler Gedanke ist, dass Ethnografien nicht einfach „verstanden“, sondern aktiv beurteilt werden müssen.

Leser*innen übernehmen dabei eine analytische Rolle:

  • Sie prüfen Plausibilität und Stimmigkeit der Darstellung.

  • Sie bewerten, ob soziale Praktiken verständlich gemacht werden.

  • Sie entscheiden, ob die Darstellung authentisch und wissenschaftlich überzeugend ist.

Konsequenz: Ethnografie ist immer ein kommunikativer Prozess zwischen Forschenden und Publikum


Leitfragen zur kritischen Lektüre

  • Ist die Kompetenz der Forschenden erkennbar?

  • Sind alle relevanten Informationen für eine Qualitätsbewertung vorhanden?

  • Ist der Forschungsprozess transparent dargestellt?

  • Wird die Rolle der Forschenden im Feld reflektiert?

  • Gibt es problematische Darstellungen der Beforschten (z. B. Bloßstellung)?

  • Sind Theorie und empirisches Material gut verbunden?

  • Werden Widersprüche und Mehrdeutigkeiten des Feldes sichtbar gemacht?

  • Wird das im Vorfeld angekündigte Erkenntnisziel tatsächlich erfüllt?

Beispielhafte Kontroversen (z. B. um Goffman) zeigen, dass diese Fragen praktisch hochrelevant sind.



Probleme: Verwendung ethnografischer Ergebnisse nach der Veröffentlichung

  • Geringe Kontrolle über Nutzung: Wirkung ist schwer kontrollierbar. Es gibt kaum systematische Forschung darüber, wie sie tatsächlich genutzt werden.

    • Verwendung außerhalb der Wissenschaft:

      • Politik und Verwaltung

      • Fachpraxis

      • Organisationsentwicklung

  • Autonome Nutzung von Wissen: Ein zentrales Ergebnis der Wissenschaftsforschung:

    • Sozialwissenschaftliches Wissen wird autonom verwendet

    • Nutzer*innen interpretieren Ergebnisse nach eigenen Interessen

    • Originalkontexte (Theorie, Methode, Gütekriterien) gehen oft verloren

    ➡️ Wissen wird „entkontextualisiert“ und teilweise trivialisiert oder vereinfacht übernommen


Ethnografie ist trotz dieser „Verluste“ wichtig, weil sie:

  • soziale Prozesse sichtbar macht, die quantitative Forschung nicht erfasst

  • als „empirischer Stachel“ für Theoriebildung wirkt

  • bestehende theoretische Annahmen irritiert und reflektierbar macht

Allerdings bleibt die tatsächliche theoretische Wirkung in vielen Fällen begrenzt oder indirekt.


Zusammenfassung:

Ethnografie ist kein neutraler oder abgeschlossener Erkenntnisprozess, sondern:

  • ein rekursiver Prozess von Produktion und Rezeption

  • ein Wissenstyp, der kontext

  • abhängig interpretiert und genutzt wird

  • eine Methode, die stark von ethischen und politischen Spannungen geprägt ist

Abschließend wird betont: 👉 Ethnografie muss immer reflektieren, wie nah sie an Lebenswelten herangeht – und wo sie Grenzen des Zeigbaren respektieren muss

Author

Cathérine C.

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