Buffl

Varianz & simultane Karten

O
von OneMoreCoookie

22a. Erläutern Sie die Shewhart-Karte zur Streuungsüberwachung - welche Varianten gibt es und worin unterscheiden sie sich?


Setup: Kontrolle der Streuung, Lage konstant. Voraussetzung: X normalverteilt, σ unbekannt, N > 1.

Alle vier Karten basieren auf der χ²-Verteilung und unterscheiden sich nur in der Prüfgröße:

Karte

Prüfgröße

Eigenschaft

Bewertung

S²-Karte

Sᵢ² = 1/(N−1) Σ(Xᵢⱼ−X̄ᵢ)²

(N−1)Sᵢ²/σ₀² ∼ χ²_{N−1}; schief, ≥ 0

Mathematisch sauber; 2-seitig: Asymmetrie + Verfälschtheit (→ Karte 23)

S-Karte

Sᵢ = √Sᵢ²

E₁(S) = c₄·σ₀; 1-seitig äquivalent zu S²

Praktischer (Standardabw.); 2-seitig: c-Bestimmung umständlich; mit N→∞ unverfälscht

ln(S²)-Karte

ln(Sᵢ²)

Symmetrisiert die χ²-Schiefe; verhält sich wie X̄-Karte bei Lage

Theoretisch ideal: ARL-Max bei Δ=1; in Praxis selten

R-Karte

Rᵢ = max Xᵢⱼ − min Xᵢⱼ

E(Rᵢ) = d₂·σ; Quantile numerisch

Praktisch (nur min/max), aber informationsärmer als S²

 

📌 Merksatz: S² mathematisch sauber, S praktisch, ln(S²) theoretisch ideal, R historisch beliebt. ARL-Approximation generell ungenauer als bei Lage (χ² statt Φ).

Brötchen-Erklärung zur Streuungsüberwachung (Karte 22a)

Du backst jeden Tag 5 Brötchen pro Charge. Sollwert: 100 g, Streuung σ₀ = 1 g (also normal: 99–101 g).

Frage: Wie misst du, ob die Brötchen "gleichmäßig" gebacken werden? Es gibt vier Antworten – jede mit eigenem Charakter.

S²-Karte: "Wie groß ist der durchschnittliche quadratische Abstand vom Mittelwert?"

  • Du rechnest jeden Tag aus: (99-100)² + (101-100)² + ... / 4

  • Klingt mathematisch sauber, aber: Quadrate sind unintuitiv ("4 g²" sagt dir nichts)

  • Außerdem schief verteilt → 2-seitige Grenzen sind heikel

S-Karte: "Wie viel weichen die Brötchen im Schnitt vom Mittel ab?"

  • Du ziehst die Wurzel: einfach "0,8 g Standardabweichung"

  • Praktisch lesbar – jeder Bäcker versteht "0,8 Gramm Schwankung"

  • Aber: nicht ganz erwartungstreu, deshalb Korrektur c₄

ln(S²)-Karte: "Logarithmiere die Varianz."

  • Du rechnest mit ln(S²)

  • Verteilung wird symmetrisch – heißt: Karte verhält sich wie eine X̄-Karte für die Lage

  • Theoretisch perfekt, in echten Bäckereien nimmt das aber niemand

R-Karte: "Schwerstes Brötchen minus leichtestes Brötchen."

  • Heute: 102 g − 98 g = 4 g – fertig

  • Im Kopf rechenbar, kein Taschenrechner nötig

  • Aber: Du wirfst Information weg (die mittleren 3 Brötchen ignorierst du)



22b. Wie sehen die Alarmgrenzen der der S²-Karte konkret aus (1-seitig vs. 2-seitig)?

Prüfgröße unter Kontrolle: (N−1)·Sᵢ²/σ₀² ∼ χ²_{N−1},

ARL₀ = A vorgegeben.

1-seitige Karte:

  • Kritischer Wert: c = χ²_{N−1; 1−1/A}

  • Alarm bei Streuungs-Zunahme

2-seitige Karte:

  • c₁ = χ²_{N−1; 1/(2A)} (untere Grenze)

  • c₂ = χ²_{N−1; 1−1/(2A)} (obere Grenze)

  • Alarmwahrscheinlichkeit symmetrisch: 1/(2A) auf jedem Schwanz

Probleme der 2-seitigen Karte:

Asymmetrie: σ₀² liegt nicht in Intervallmitte (χ² ist schief)

Verfälschtheit: ARL-Maximum nicht bei Δ = 1

⇒ Bei kleiner Störung kommt der Alarm später als unter Kontrolle (siehe Karte 23)

Grenzen von oben in (c-σ₀²)/(N-1)

📌 Brötchen-Beispiel zu den S²-Karten-Grenzen

Sollwert: σ₀ = 1 g (also normales Wackeln zwischen 99 und 101 g). Du backst jeden Tag 5 Brötchen (N = 5) und rechnest die Streuung S² aus.

1-seitige Karte: "Wann ist es zu unruhig?"

Du achtest nur darauf, dass die Brötchen nicht zu sehr schwanken.

  • Heute: 99, 100, 101, 100, 101 g → S² klein → ✅ alles gut

  • Morgen: 95, 102, 98, 105, 99 g → S² groß → 🚨 ALARM

Eine rote Wand rechts: nur zu viel Streuung löst Alarm aus. Zu wenig Streuung (= alle Brötchen perfekt 100 g) ist ja super – warum sollte das Alarm sein?

Standard in der Praxis. Das ist der Fall, in dem du die Maschine eigentlich überwachst.

2-seitige Karte: "Wann ist irgendwas ungewöhnlich?"

Du achtest auch darauf, dass die Streuung nicht plötzlich zu klein wird.

  • Brötchen plötzlich alle exakt 100,00 g → S² fast 0 → 🚨 ALARM unten

"Aber das wäre doch perfekt!" – ja, aber verdächtig perfekt. Das deutet auf:

  • jemand hat geschummelt und alle gleich gewogen

  • der Sensor klemmt und zeigt immer denselben Wert

  • ein Mitarbeiter hat manuell alle auf 100 g korrigiert

Zwei rote Wände: zu unruhig links wäre kaputt, zu perfekt rechts wäre auch verdächtig.

23b unverfälschtes Brötchen Beispiel

Brötchen-Beispiel zu Karte 23 (Unverfälschtheit)

Sollwert: σ₀ = 1 g (Brötchen schwanken normal um 100 g mit ±1 g). Du betreibst eine 2-seitige S²-Karte, ARL₀ = 500 → "im Schnitt alle 500 Tage ein Fehlalarm, wenn alles okay läuft".

Was du dir wünschst (Definition Unverfälschtheit):

  • Maschine läuft sauber (σ = 1 g) → 500 Tage bis Fehlalarm

  • Maschine wird unruhiger (σ = 1,1 g) → schneller Alarm, sagen wir 200 Tage

  • Maschine wird ruhiger (σ = 0,9 g) → schneller Alarm, sagen wir 200 Tage

⟹ Egal wohin's kippt, die Karte reagiert. Sollwert = längste Wartezeit.

Was tatsächlich passiert (verfälschte Karte, N=5):

Streuung der Brötchen

Was die Karte tut

σ = 0,9 g (Maschine zu präzise)

620 Tage bis Alarm — länger als unter Kontrolle! 🤦

σ = 1,0 g (Sollwert)

500 Tage

σ = 1,1 g (Maschine unruhiger)

200 Tage

Das Absurde: Wenn die Maschine zu präzise arbeitet (was eigentlich super wäre, aber verdächtig sein könnte), wartet die Karte noch länger als unter Kontrolle. Sie schläft genau dann am tiefsten, wenn sie aufmerken sollte.

⟹ Das ist Verfälschtheit: Das ARL-Maximum liegt bei σ ≈ 0,93, nicht bei σ = 1.

Die Reparatur (Quantilgrenzen): Statt symmetrischer Alarmwahrscheinlichkeiten (jeweils 1/(2A) auf jedem Schwanz) verschiebt man die Grenzen so, dass die Karte bei σ = 1 g am längsten wartet — und in beide Richtungen schneller anschlägt.

Mit wachsendem N (5 → 20 → 50): Das Problem entschärft sich von selbst. Bei 5 Brötchen pro Charge ist die χ²-Verteilung schief und die Karte verfälscht. Bei 50 Brötchen pro Charge ist die χ²-Verteilung schon fast symmetrisch — und damit ist auch die Karte fast unverfälscht. Mehr Daten = weniger Schiefe = weniger Verfälschtheit.

Der Nachteil: 50 Brötchen pro Charge messen ist teurer als 5. In der Industrie wählt man deshalb meist N = 5 und repariert die Verfälschtheit über modifizierte Grenzen — siehe Karte 24.


Author

OneMoreCoookie

Informationen

Zuletzt geändert