Geschichtliche Entwicklung des Lebenslangen Lernens Seite 15
„Worin unterscheidet sich Volksbildung und Lebenslanges Lernen? Worin liegen gemeinsame Vorstellungen? Diskutieren Sie das auch unter Bezugnahme auf Vorstellungen vom Menschen, Lernkonzeptionen und Adressatinnen und Adressaten.“
„Historisch betrachtet, kann in der Volksbildung ein Ursprung Lebenslangen Lernens gesehen werden. Volksbildung bezieht sich seit seiner Entstehungsgeschichte im 19. Jahrhundert v.a. auf Erwachsene „unterer“ sozialer Schichten bzw. auf das Volk als Kollektiv. Volksbildung kann als Reaktion auf den sozialen Wandel („Soziale Frage“) in dieser Zeit verstanden werden und hatte emanzipatorischen und damit demokratisierenden Charakter („Aufklärung“; „Allgemeinbildung“).
Auch Lebenslanges Lernen wirkt demokratisierend, bezieht sich dabei im Unterschied zur Volksbildung nicht nur v. a. auf Erwachsene „unterer“ sozialer Schichten, sondern auf die Bildungsbeteiligung Aller während der gesamten Lebensdauer in sämtlichen Lebensbereichen. Gleichzeitig adressiert es im Gegensatz zur Volksbildung den Einzelnen. Lebenslanges Lernen zielt auf berufliche Anpassung und bewegt sich damit im Spannungsfeld bildungsidealistischer und ökonomischer Tendenzen.“
Lebenslanges Lernen als bildungspolitisches Programm Seite 19
„Erläutern Sie die wesentlichen Unterschiede der Vorstellungen zum Lebenslangen Lernen innerhalb der UNESCO und innerhalb der OECD?“
„Die UNESCO zielt mit ihrem Konzept des Lebenslangen Lernens auf die Emanzipation des Einzelnen, wohingegen die OECD sich mit ihrem Konzept eher an der ökonomischen Verwertbarkeit von Bildung orientiert. Dieser Unterschied kann an die übergreifenden Ziele der jeweiligen Organisationen rückgebunden werden. Die UNESCO beschäftigt sich auf internationaler Ebene mit Bildung, Wissenschaft und Kultur. Die OECD hingegen beschäftigt sich auf internationaler Ebene mit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung. Beide Organisationen verfassten maßgebliche Dokumente zum Lebenslangen Lernen:
Der UNESCO-Bericht fokussiert die demokratische Entwicklung der internationalen Gemeinschaft und fördert die Partizipation aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Aus ihrer Perspektive soll Lebenslanges Lernen den Einzelnen zu Autonomie verhelfen. Lebenslanges Lernen definiert die UNESCO folglich als Selbstbefähigung zu Lernen – Lernen zu lernen (lernen, Wissen zu erwerben; lernen, zu handeln; lernen, zusammenzuleben; Lernen für das Leben).
Die OECD orientiert sich in ihrem Konzept Lebenslangen Lernens an eher formalen Bildungsqualifikationen und will Einzelne dabei unterstützen, sich in ihrer beruflichen Entwicklung an sich verändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen anzupassen. Außerdem setzt sich die OECD für Veränderungen auf struktureller oder organisatorischer Ebene ein, z. B. für eine höhere Durchlässigkeit der Bildungssysteme. Die drei fundamentalen Ziele Lebenslangen Lernens sind die persönliche Entwicklung, die soziale Kohäsion und das ökonomische Wachstum.“
Theorien Lebenslangen Lernens: Darstellung und Kritik Seite 25
„Erläutern Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten des bildungstheoretischen und bildungsökonomischen Ansatzes.“
„Der bildungstheoretische Ansatz fokussiert eher die Entwicklung des Menschen und der bildungsökonomische Ansatz ist am Arbeitsmarkt orientiert. Konzepte Lebenslangen Lernens bewegen sich in diesem Spannungsfeld. Unterschiede lassen sich also zunächst einmal an den jeweiligen Zielen und Funktionen festmachen: Während der bildungstheoretische Ansatz eher auf die Mündigkeit von Personen abzielt, die auch drin zum Ausdruck kommt, dass diese gesellschaftliche Verhältnisse verändern wollen, zielt der bildungsökonomische Ansatz eher auf deren Funktionalität (Anpassung an ökonomische Rahmenbedingungen). Damit verbunden setzen die Ansätze hinsichtlich der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unterschiedliche Akzente.
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Der bildungstheoretische Ansatz berücksichtigt verstärkt Anforderungen, die aus Individualisierungstendenzen entstehen und der bildungsökonomische Ansatz stellt stärker Konkurrenzverhältnisse in den Vordergrund. Die Ansätze setzen an unterschiedlichen Interessen der Lernenden an. Der bildungstheoretische Ansatz hebt die persönliche Entwicklung (Identität) der Lernenden hervor, betont deren Interesse an Bildung und Aufklärung und geht davon aus, dass Lernende daran interessiert sind, politisch und gesellschaftlich handlungsfähiger zu werden. Der bildungsökonomische Ansatz nimmt bei den Lernenden ein Interesse an, individuell voranzukommen, insbesondere über die formale Qualifizierung und betont die individuelle Verantwortung Lernender für das Lernen (selbstgesteuertes Lernen).
Der bildungstheoretische Ansatz wird folglich eher von Einrichtungen politischer Erwachsenenbildung, Gewerkschaften und Kirchen getragen, der bildungsökonomische Ansatz eher von Betrieben, Anbietern beruflicher Weiterbildung sowie privaten Anbietern. Schließlich adressiert der bildungstheoretische Ansatz alle, wohingegen der bildungsökonomische Ansatz gezielt Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer adressiert.
Hinsichtlich der Annahmen bezüglich gesellschaftlicher Rahmenbedingungen lassen sich auch Gemeinsamkeiten finden: Beide Ansätze beschreiben Gesellschaft als Wissensgesellschaft. Außerdem gehen beide Ansätze davon aus, dass ein objektives Interesse der Lernenden daran besteht, sich subjektiv an objektiv bestehende ökonomische und gesellschaftliche Verhältnisse anzupassen sowie dass ein subjektives Interesse der Lernenden daran besteht, ihre ökonomische und soziale Lage zu erhalten. Schließlich werden beide Konzepte von Volkshochschulen getragen.“
„Benennen und erläutern sie einen Kritikpunkt am Lebenslangen Lernen.“
„Ein Kritikpunkt am Lebenslangen Lernen betrifft dessen ökonomischen Ansatz. Dieser reduziert Individuen auf deren Verwertbarkeit für die wirtschaftliche Entwicklung, die am Wachstum orientiert ist. Da sich Lebenslanges Lernen auf Lernen während der gesamten Lebensdauer in sämtlichen Lebensbereichen bezieht, zeigt sich hier die Gefahr, dass sich Individuen in sämtlichen Lebensphasen und -bereichen an ökonomischen Interessen orientieren und sich diesen nicht mehr entziehen können. Bildung als ganzheitlicher Prozess, an dem sich alle beteiligen können, geht dabei möglicherweise verloren. Auch die Möglichkeiten, Lebenszeit damit zu verbringen, nicht zu lernen bzw. sich nicht zu bilden, werden bisweilen eingeschränkt.“
UNESCO vs. OECD im Lebenslangen Lernen
Was sind die Kernunterschiede zwischen der UNESCO und der OECD in Bezug auf das Lebenslange Lernen?
Zuletzt geändertvor 9 Tagen