Kate Millett: Kritik an der Psychoanalyse Freuds als patriarchialische Ideologie
Schon bei Simone de Beauvoir wird deutlich, dass Freuds Psychoanalyse ein wichtiges Konfliktfeld für feministische Denkerinnen wird.
Eine der schärfsten Kritikerinnen ist Kate Millett. In ihrem Werk Sexus und Herrschaft behauptet sie:
Sexualität ist nicht nur biologisch oder triebhaft.
Sexualität wird gesellschaftlich organisiert.
Diese Organisation folgt patriarchalen Machtstrukturen.
Deshalb ist Sexualität immer auch politisch.
Millett unterscheidet drei Bereiche, die das Geschlecht prägen:
Bereich
Bedeutung
Temperament / Charakter
Persönliche Eigenschaften
Rolle
Gesellschaftliche Erwartungen an Männer und Frauen
Rangordnung
Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern
Wichtig ist dabei:
Diese Bereiche sind nicht automatisch biologisch festgelegt.
Das biologische Geschlecht (Sex) und das kulturelle Geschlecht (Gender / Genus) müssen nicht übereinstimmen.
Das kulturell geprägte Geschlecht ist entscheidender als die Anatomie.
Millett sagt:
Menschen lernen zuerst ihre gesellschaftliche Geschlechtsrolle.
Diese Identität prägt sie dauerhaft.
Millett wirft Freud vor:
Er ignoriere den Einfluss von Kultur und Gesellschaft.
Er erkläre Geschlechterunterschiede ausschließlich biologisch.
Dadurch unterstütze er patriarchale Vorstellungen.
Für Millett ist Freud deshalb ein:
„Konterrevolutionär“
Das bedeutet: Er behindere die sexuelle und gesellschaftliche Befreiung der Frauen.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft Freuds Idee des Penisneids.
Mädchen erkennen angeblich, dass ihnen ein Penis fehlt.
Daraus entsteht ein Gefühl von Mangel und Minderwertigkeit.
Sie bezweifelt, dass Mädchen von selbst den Penis als überlegen ansehen.
Ihre Frage lautet sinngemäß:
Warum sollte ein größeres Organ automatisch besser sein?
Ihr entscheidender Punkt:
Erst die Gesellschaft macht den Penis zum Symbol von Macht und Bedeutung.
Der Penis hat also keine natürliche Überlegenheit, sondern nur eine kulturell erzeugte.
Millett kritisiert außerdem, dass Freud:
Frauen vor allem über Mutterschaft definiert.
Frauen ihre „Erfüllung“ nur im Muttersein zuschreibt.
Frauen kulturell und kreativ als eingeschränkt darstellt.
Nach Freud könne:
der Mann seine Triebe sublimieren → also in Kunst, Kultur oder Wissenschaft umwandeln.
die Frau dazu kaum fähig sein.
Der Grund laut Freud:
Männer entwickeln Kastrationsangst.
Frauen seien bereits mit „Kastration“ vertraut.
Millett hält diese Sichtweise für frauenfeindlich.
Millett kommt zu dem Schluss:
Freud übernimmt bestehende frauenfeindliche Vorurteile seiner Zeit.
Die Psychoanalyse macht diese Vorurteile scheinbar wissenschaftlich.
Dadurch werden Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen legitimiert.
Nach Millett:
Die Psychoanalyse festigt ein misogynes (frauenfeindliches) Frauenbild.
Die Abwertung der Frau wird als wissenschaftliche Wahrheit dargestellt.
Juliet Mitchell: Ehrenrettung von Freuds Theorie des Unbewussten
Mitchell argumentiert:
Psychoanalyse erklärt, wie Weiblichkeit und Männlichkeit entstehen.
Dabei geht es nicht primär um Biologie.
Entscheidend ist vielmehr:
wie gesellschaftliche Vorstellungen psychisch verarbeitet werden.
Freud beschreibt laut Mitchell keine „natürliche“ Weiblichkeit oder Männlichkeit.
Stattdessen zeigt er:
wie Menschen kulturell zu Männern und Frauen gemacht werden.
Ein zentraler Punkt bei Mitchell ist Freuds Idee der ursprünglichen Bisexualität des Menschen.
Jeder Mensch besitzt ursprünglich:
männliche
und weibliche Anteile.
Erst die Gesellschaft verlangt:
dass Männer „männlich“
und Frauen „weiblich“ werden.
Mitchell formuliert deshalb:
Mann und Frau werden kulturell hergestellt.
Mitchell übernimmt einen wichtigen Gedanken des Feminismus:
kann die gesellschaftliche Ordnung verändert werden.
Das heißt:
Unterdrückung ist nicht naturgegeben.
Sie wurde gesellschaftlich erzeugt.
Deshalb kann sie auch verändert werden.
Mitchell meint: Freud ist für den Feminismus wertvoll, weil er zeigt:
psychische Prozesse hängen eng mit Gesellschaft zusammen.
Menschen übernehmen gesellschaftliche Vorstellungen unbewusst.
Kultur prägt die Psyche tiefgehend.
Dadurch erklärt Freud laut Mitchell besser als viele andere Theorien:
warum patriarchale Strukturen so stabil bleiben.
Ein besonders wichtiger Gedanke des Textes:
Nach Mitchell:
lagern sich patriarchale Vorstellungen im Unbewussten ab.
Diese wirken über Generationen weiter.
Dadurch bleibt die Frau oft „das andere Geschlecht“.
Mitchell widerspricht der feministischen Kritik, Freud sei einfach frauenfeindlich.
Ihre Position:
Freuds pessimistisches Frauenbild zeigt nicht seine persönliche Frauenfeindlichkeit.
Es zeigt vielmehr die reale Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft.
Freud:
beschreibt diese Unterdrückung,
erzeugt sie aber nicht selbst.
Mitchell verbindet:
individuelle Psyche
gesellschaftliche Geschichte.
Ihre Idee:
Gesellschaftliche Machtverhältnisse prägen das Unbewusste.
Diese Prägungen werden psychisch weitergetragen.
Deshalb sind patriarchale Strukturen:
nicht nur sozial,
sondern auch psychisch tief verankert.
Der Text erklärt außerdem:
Auch der Ödipus-Mythos spiegelt patriarchale Strukturen wider.
Das Unbewusste stabilisiert dadurch die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen.
Deshalb erscheinen Mädchen in Freuds Theorie oft:
als „mangelhaft“
oder vom „Neid“ geprägt.
Mitchell erklärt dies jedoch nicht biologisch, sondern gesellschaftlich und psychisch.
Mitchell versucht, Freud feministisch neu zu lesen:
Geschlechterrollen entstehen kulturell und psychisch.
Das Unbewusste übernimmt patriarchale Strukturen.
Freud hilft zu verstehen, warum Unterdrückung so tief verankert ist.
Deshalb sollte der Feminismus Freud nicht einfach ablehnen.
Nancy Chodorow: Entwurf einer mächtigen präödipalen Mutter
Nach Chodorow ist die Mutter:
die wichtigste erste Bezugsperson für Kinder aller Geschlechter
Grund:
Kinderpflege wird gesellschaftlich fast ausschließlich Frauen zugeteilt
Natrülichkeitsgefühl kommt dadurch, dass Frauen
Kinder gebären
stillen können
aber:
Daraus folgt nicht automatisch, dass Frauen allein für Erziehung zuständig sein müssen
Diese Rolle ist gesellschaftlich organisiert
Der Junge erlebt die Mutter als:
„anders“; verschieden von sich selbst
=> Gefühl von Differenz.
Um selbstständig und „männlich“ zu werden, muss sich der Junge von der Mutter lösen
Seine Identität entsteht daher durch:
Trennung
Abgrenzung
Distanzierung
Die starke Bindung an die Mutter wird später als Gefahr erlebt
Dadurch lernen Männer häufig:
Gefühle zu verdrängen
emotionale Nähe abzuwehren
Unabhängigkeit zu betonen
Bindung erscheint:
als Schwäche
oder als Bedrohung der eigenen Identität
Die Tochter erlebt die Mutter nicht als „anders“, sondern als ähnlich.
Die Mutter sieht die Tochter als Erweiterung ihrer selbst.
Dadurch entsteht:
eine längere emotionale Verbindung
starke Identifikation mit der Mutter
Mädchen entwickeln laut Chodorow:
stärkere Beziehungsorientierung
größere Emotionalität
„durchlässigere Ich-Grenzen“
Das bedeutet:
Frauen erleben sich stärker über Beziehungen zu anderen Menschen
Unterschied zu Jungen:
Mutterbindung wird nicht radikal abgebrochen
Chodorow wertet den Vater deutlich anders als Freud.
Im Zentrum des Ödipuskonflikts
Vater zunächst nur Nebenrolle
wichtigste Beziehung ist die zur Mutter
Die Sexualisierung der Vater-Tochter-Beziehung gehe vom Vater aus
= direkte Umkehrung von Freuds Theorie
Freud
Chodorow
Vater zentral
Mutter zentral
Weiblichkeit = Mangel
Weiblichkeit positiv
Penis/Phallus wichtig
Weiblichkeit unabhängig vom Phallus
Mädchen begehren den Vater
Sexualisierung geht vom Vater aus
Für Chodorow entsteht die typische Geschlechterordnung, weil Frauen fast allein die Kinder erziehen
reproduziert:
Weiblichkeit bei Mädchen
männliche Distanzierung bei Jungen
Geschlechterrollen werden also immer wieder neu erzeugt
Ihre wichtigste Konsequenz lautet:
Männer müssen stärker an der Kindererziehung beteiligt werden.
Nur dann kann die starre Geschlechterordnung verändert werden
Berühmte Forderung:
„Männer an die Wiege!“
Wenn Männer ebenfalls „Muttern“ übernehmen:
lernen Jungen andere Formen von Männlichkeit
Frauen werden nicht mehr allein auf Fürsorge reduziert
emotionale Fähigkeiten verteilen sich gleichmäßiger
Chodorow trennt:
biologische Fähigkeiten (Geburt, Stillen)
und gesellschaftlichen Rollen
= Frauen sind nicht „von Natur aus“ allein für Kinder zuständig.
Mutterrolle ist:
gesellschaftlich erzeugt
nicht biologisch festgelegt
Renate Schlesier: Konstruktionen der Weiblichkeit bei Sigmund Freud
- Freud versucht psychisches Leiden verständlich zu machen
Hauptfokus auf:
dem Unbewussten
Verdrängung
Fantasien
hysterische Symptome
Freud analysiert:
wie Menschen unbewusst Bedeutungen und Geschichten erzeugen
= „Mythen“ über sich selbst bilden
„Wo Es war, soll Ich werden.“
Unbewusste soll bewusst gemacht werden
Verdrängte Konflikte sollen erkannt werden
Damit verfolgt Freud eigentlich ein aufklärerisches Ziel:
unbewusste Illusionen sichtbar machen
Obwohl Freud Mythen analysiert, erschafft er selbst einen Mythos: Frauen
Frauen seien „kastriert“
und grundsätzlich durch Mangel bestimmt
Nach Freud:
erkennt das Mädchen, dass ihm ein Penis fehlt
daraus entsteht ein Gefühl des Mangels
Schlesier kritisiert:
Freud behandelt diese Vorstellung wie objektive Wahrheit
Dabei sei Vorstellung selbst nur psychisches Fantasiebild
Entscheidender Vorwurf
Freud erkennt bei anderen Menschen:
Verdrängungen
symbolische Bilder
Aber:
Die eigenen Vorstellungen über Weiblichkeit hinterfragt er nicht
Schlesier betont: Freud selbst gibt mehrfach zu, dass Weiblichkeit für ihn rätselhaft bleibt
seine Worte:
„Rätsel der Weiblichkeit“
„dark continent der Psychologie“
Außerdem:
seine Erkenntnisse über Mädchenentwicklung sind „lückenhaft“
Gerade deshalb erscheint es widersprüchlich, dass Freud trotzdem behauptet:
Weiblichkeit sei durch „Mangel“ bestimmt
These: Der eigentliche Mangel liegt nicht bei den Frauen, sondern in Freuds Theorie selbst
Freud weiß:
Aussagen können versteckte Bedeutungen haben
Ein „Nein“ kann eigentlich ein „Ja“ bedeuten
Bilder und Fantasien sind symbolisch verschlüsselt
Freud hätte dieselbe Methode auch auf seine eigenen Weiblichkeitsbilder anwenden müssen
Zum Beispiel:
die Angst vor der „kastrierten Mutter“
oder Bilder wie die Medusa
Diese Bilder könnten sein:
Ausdruck kindlicher Ängste
aber Freud behandelt sie stattdessen als reale Wahrheit über Frauen
Freud führt Bild der Medusa an; er verbindet:
Mythos der Medusa
Vorstellung der „kastrierten Frau“
Schlesiers Kritik:
Freud erkennt nicht, dass dies selbst ein Mythos ist
kindliche Fantasie wird zur wissenschaftlichen Theorie erhoben
Schlesier analysiert Freud:
mit Freuds eigenen psychoanalytischen Werkzeugen
untersucht Theorie auf Verdrängungen
unbewusste Ängste
Mythenbildung
Dadurch zeigt sie:
auch Freud ist nicht frei von unbewussten Konstruktionen
Christa Rohde-Dachser: Expedition in den dunklen Kontinent
Feminismus und Moralentwicklung: Carol Gilligan
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