Nach welchen Kriterien wählen Sie aus Ihrem Material aus?
Gemäß dem Leitgedanken: „man muss nicht Caesar sein, um Caesar zu verstehen“ möchte ich aufmerksam machen, dass bei ethnografischer Forschung nicht alles gesehen werden muss, um den sozialen Zusammenhang zu verstehen, aber man muss begründet auswählen, welche Szenen, Beobachtungen und Protokolle für das Verstehen zentral sind. Die Auswahl erfolgt dann nicht zufällig, sondern nach ihrer analytischen Relevanz für das Forschungsproblem.
Kriterien für die Auswahl
Gegenstandsangemessenheit nach Flick: Ich habe das Material so behandelt, dass Methode, Theorie und Fragestellung zum Gegenstand passen und nicht umgekehrt.
Relevanz für die Forschungsfrage: Ich habe vor allem Passagen ausgewählt, in denen die für mein Thema zentralen Phänomene sichtbar werden, also etwa Zugehörigkeit, Abgrenzung, Ordnung oder Distinktion.
Crang/Cook kannst du für die Anforderungen an Struktur, Zielklarheit und Rückbindung an die Ausgangsfrage
Analytische Verdichtung: Besonders ergiebig waren Situationen mit Konflikten, Übergängen, Spannungen, Rollenwechseln oder räumlichen Trennungen, weil dort soziale Muster besonders deutlich hervortreten.
Vergleichbarkeit: Ich habe Beobachtungen aus unterschiedlichen Situationen, Zeiten oder Konstellationen herangezogen, um nicht nur Einzelfälle, sondern wiederkehrende Muster zeigen zu können.
Darstellungsfunktion: Einige Sequenzen dienen der dichten Beschreibung, andere der analytischen Zuspitzung; ich habe also Material so gewählt, dass es sowohl anschaulich als auch auswertbar ist.
Thomas steht für ethnografisches Schreiben als Forschungsstil mit methodischer Flexibilität und pragmatischem Vorgehen.
= Die Auswahl ist damit theoriegeleitet, aber offen für das Feld geblieben.
Reflexion
= Mir ist bewusst, dass jede ethnografische Auswahl eine Reduktion ist. Gerade deshalb habe ich Material bevorzugt, das nicht nur exemplarisch, sondern auch theoretisch anschlussfähig ist und unterschiedliche Perspektiven auf das Feld erlaubt. So entsteht keine vollständige Abbildung, aber eine begründete und nachvollziehbare Rekonstruktion.
Native-Status: Herausforderung der Befremdung des Eigenen (Amann/Hirschauer 1997) verdient Vertiefung. Sie sind Feldmitglied, das zu forschen beginnt. Wie stellen Sie dabei sicher, dass Ihnen Vertrautes analytisch fremd genug wird?
Befremdung des Eigenen (Amann & Hirschauer)
= kritische Erschütterung der eigenen identität des Forschenden
Durch den Aufenthalt im Forschungsfeld wird dem Forscher bewusst, wie stark er selbst durch seine eigene soziale Herkunft, sein Geschlecht oder seine akademische Blase geprägt ist.
Das „Eigene“ (die eigene Persönlichkeit und Normalität) wird einem selbst fremd.
Versprachlichung des Selbstverständlichen (Hirschauer)
= “Ethnografie bringt etwas zur Sprache, „das vorher nicht Sprache war“
Also: Die Befremdung erzeugt überhaupt erst die Wahrnehmung von Artikulationsproblemen, die Hirschauer beschreibt.
Jo Reichertz: Darstellung und Überzeugung
= Selbst wenn ich das Vertraute befremde und beschreibe, muss ich es auch überzeugend darstellen.
Ethnografische Texte folgen narrativen Mustern (Ordnung, Dramaturgie, Sinnstiftung).
Sie beruhen auf kulturellen Erwartungen daran, was ein „guter“ Bericht ist.
Entscheidend: Ethnografie entsteht interaktiv zwischen Autor und Fachpublikum.
Verbindung:
Die Befremdung des Eigenen muss im Text so dargestellt werden, dass Leser*innen sie nachvollziehen können.
Das scheinbar Banale muss als erklärungsbedürftig „plausibilisiert“ werden.
Ohne diese Anerkennung durch die scientific community gilt der Bericht nicht als Ethnografie
Stefan Thomas: Reflexiver Realismus als Mittelweg
Basierend auf:
Bergmann: soziale Wirklichkeit ist flüchtig → muss zeitlich reorganisiert werden.
Denzin: radikale Öffnung hin zu performativen Formen (Gefahr: Verlust von Wissenschaftlichkeit).
Befremdung des Eigenen führt nicht automatisch zu objektiver Wahrheit, sondern zu einer reflektierten Konstruktion:
Man weiß, dass man konstruiert (Reichertz, Hirschauer),
aber versucht trotzdem, nachvollziehbare, überprüfbare Erkenntnisse zu liefern.
Heißt: Die Befremdung des Eigenen nach Amann und Hirschauer bedeutet, dass Ethnografie nicht nur das Fremde untersucht, sondern gerade das Vertraute als erklärungsbedürftig behandelt. Dadurch wird sichtbar, was im Alltag implizit bleibt. Hirschauer zeigt, dass Ethnografie dabei vor allem die Aufgabe hat, dieses „schweigsame“ Soziale zu versprachlichen, was ohne Selbstbeobachtung gar nicht möglich ist. Reichertz ergänzt, dass diese Beschreibungen nur dann als Ethnografie gelten, wenn sie im wissenschaftlichen Diskurs überzeugend dargestellt und von der Fachgemeinschaft anerkannt werden. Ethnografisches Wissen entsteht somit nicht allein durch Beobachtung, sondern im Zusammenspiel von Befremdung, sprachlicher Konstruktion und intersubjektiver Validierung.
Eigene Befremdung im Feld
teilnehmende Forschung mit bewusster Irritation der Abläufe und direkter reflexiver Dokumentation
z.B. Konflikt über Spielverlauf (Satz vs. Training)
Als unreflektierter Native wäre es mir egal gewesen, da die Spielenden ein niedrigeres Spielniveau aufwiesen und ich ein Spielangebot an einem anderen Tisch hätte haben können. Der Konflikt wäre mir entweder gar nicht aufgefallen oder als irrelevant abgestuft worden
(Eigene) Routinen, (informelle) Regeln und Selbstverständlichkeiten wurden erklärungsbedürftig behandelt
Warum spiele ich mit den Personen mit denen ich sonst spiele
Wie wird bestimmt wann wer Aufschlag hat oder wie sich Teams bilden
Weshalb fegt eine Person den Platz schon fast ritualsmäßig, etc
Systematische Selbstbeobachtung, Feldnotizen und Distanzierungsphasen als Lösung
Bewusste Platzwechsel und Teilnahmewechsel (Vollständige Teilnahme bis zur vollständigen verdeckten Beobachtung)
Vogelperspektive des Platzes und Feldbeschreibung waren hierbei zentral
Rücksprache mit anderen Teilnehmenden und auch nicht-Teilnehmenden des Feldes spielten eine große Rolle zur Reflexion meiner Beobachtungen
Führt Vertrautheit dazu, dass Ihnen Dinge nicht mehr auffallen?
Ja, Vertrautheit kann dazu führen, dass Dinge weniger auffallen. Deshalb habe ich mein Material nicht nur gesammelt, sondern durch reflexive Distanzierung bearbeitet
aber
Vertrautheit ist Ausgangspunkt für Irritation: Beobachtungen zur Platzwahl, zur Banknutzung oder zum „Schichtwechsel“ verweisen: Dinge, die dir als Stammspielerin zunächst alltäglich erscheinen, werden analytisch interessant, wenn du fragst, warum bestimmte Personen bestimmte Plätze wählen, wann Gruppen sich mischen oder trennen und wie Ordnung ohne formale Organisation entsteht
heißt nach Amann und Hirschauer:
Ethnografie arbeitet mit der Leitdifferenz von Fremdheit und Vertrautheit und mit dem Befremden des Eigenen. In meinem Fall war meine Vertrautheit mit dem Feld zunächst eine Voraussetzung dafür, dass ich feine Ordnungsprozesse überhaupt sehen konnte, etwa bei Platzwahl, Banknutzung oder Schichtwechsel. Gleichzeitig musste ich diese Nähe reflexiv brechen, damit Vertrautheit nicht dazu führt, dass mir das Selbstverständliche entgeht.“
Die Rückspiegelung Ihrer Beobachtungen an die Spielenden (Abschnitt 2.4) ist methodisch ein sensibler Moment. Was bedeutet eine solche Feldvalidierung, wo liegen deren Grenzen?
Bedeutung der Feldvalidierung
zeigt, ob Situationen sozial korrekt verstanden wurden
ob die Deutung nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch trägt
Missverständnisse können aufgedeckt werden
= kommunikative Absicherung
Grenzen
Rückmeldungen aus dem Feld nicht automatisch „die Wahrheit“
Rückspiegelungen beeinflussen selbst das Feld und kann Reaktanz oder Selbstinszenierung auslösen
Sonderpunkt: Aushandlungsprozess
Forschungsethik: verantwortungsvoll mit Menschen, Daten und Situationen umgehen
Würde der Beteiligten, ihre Rechte und ihre Privatsphäre gewahrt bleiben. Dazu gehören Datenschutz, informierte Einwilligung, Freiwilligkeit und die Möglichkeit, sich wieder zurückzuziehen.
Ethik nicht erst bei der Veröffentlichung anfängt. Sie betrifft:
die Planung,
den Feldzugang,
die Beobachtung,
die Auswertung,
und die Darstellung der Ergebnisse.
Das zeigt, dass ethische Verantwortung den gesamten Forschungsprozess begleitet.
Spannungsfeld Offenheit vs. Verdeckung
wissenschaftlicher Offenheit und Validität,
und ethischer Legitimität.
heißt:
Offene Beobachtung ist ethisch sauberer, weil Beteiligte informiert sind und zustimmen können.
Gleichzeitig kann sie das Verhalten verändern. Verdeckte Beobachtung kann authentischere Daten liefern, ist aber ethisch problematisch, weil die informierte Einwilligung fehlt.
Genau deshalb ist Forschungsethik kein einfaches Entweder-oder, sondern ein Abwägen.
Mein Bauchgefühl sagte mit an diesem Tag, dass ein Teilen gut wäre
= Grauzonen-Perspektive nach Michael Dellwing und Robert Prus
„Einweihung ist keine schwarz/weiß-Problematik sondern unvermeidlich eine Frage grauer Grade. Sie hat zwei Achsen:
Erstens, wem etwas mitgeteilt wird, zweitens, was mitgeteilt wird.
Jenseits von schwarz und weiß kommen dazu noch die grauen Fragen, wann unterrichtet wird und zu welchem Zweck.
Eine völlig verdeckte Forschung weist keine der Teilnehmer auf irgendeinen Aspekt davon, dass sie Teil einer Studie sind; die offene Forschung weist Teile der Beobachteten auf Teile der Forschung hin.
Die Einweihung aller Kontaktpersonen bezüglich aller Details ist schlichtweg unmöglich und jede pedantische Maximalposition damit gar nicht befolgbar“ (Dellwing/Prus 2012, S. 128).
Dellwing/Prus betonen, dass Einweihung in der Forschung nicht vollständig oder gar nicht, sondern abgestuft erfolgt.
Es geht dabei um zwei Achsen: wem etwas mitgeteilt wird und was mitgeteilt wird.
Hinzu kommen die Fragen, wann informiert wird und zu welchem Zweck.
Mein Zweck, war es herauszufinden, ob die Distinktionsprozesse intuitiv oder bewusst stattfinden ohne ein Interview zu führen und, da die Anwesenden gute Bekannte waren, auch einen fairen und respektvollen Umgang mit meinen Beobachtungen zu leisten, weil ich an diesem Tag verdeckt geforscht hatte
Eine vollständige Information aller Beteiligten über alle Details ist praktisch nicht möglich und stand auch zu keinem Zeitpunkt für mich zur Debatte
Beobachtung vs. Interpretation: An einigen Stellen transportieren die „Kontextinformationen" aber bereits Deutungen, etwa die kontrastierende Beschreibung von Erscheinungsbildern. Auch das könnte ein guter Diskussionspunkt für das Fachgespräch sein: Lässt sich diese Trennung überhaupt trennscharf bestimmen?
Przyborski unterscheidet in Beobachtungsprotokollen zwischen:
Beobachtungen
Kontextinformationen
methodischen und Rollenreflexion
theoretischer Reflexion
um später nacchvollziehen zu können, was tatsächlich beobachtet wurde und was bereits interpretierend hinzugesetzt wurde
Beispiel: Armheben = Winken (ist bereits eine Interpretation)
heißt: eine völlig reine Beobachtung gibt es nicht
Sobald wir Dinge benennen, ordnen oder zusammenfassen, interpretieren wir bereits.
Aber: Man kann den Interpretationsgrad kontrollieren, indem man möglichst konkret, sequenziell und detailreich protokolliert.
= heißt: Die Trennung ist nicht absolut, aber sie ist methodisch sinnvoll, weil sie die spätere Analyse transparenter macht.
Symbolischer Interaktionismus
Zentrale Vertreter: George Herbert Mead, Herbert Blumer, Erving Goffman, Howard S. Becker, Thomas J. Scheff, Aaron V. Cicourel
Kernprämissen (nach Blumer):
Menschen handeln auf Grundlage von Bedeutungen.
Bedeutungen entstehen in sozialer Interaktion.
Bedeutungen werden interpretativ verarbeitet und modifiziert.
Zentrale Begriffe: Symbol, Selbst, Rollenübernahme, generalisierter Anderer, Definition der Situation, Stigma, Etikettierung
Gesellschaftsbild: Gesellschaft als prozesshafte Konstruktion symbolischer Aushandlungen
Methodologie: Qualitative, interpretative Verfahren (Beobachtung, Interviews, Fallstudien)
Zentrale Leitfrage: Wie wird soziale Wirklichkeit interaktiv hervorgebracht?
Heißt: Nach dem symbolischen Interaktionismus ist soziale Wirklichkeit Ergebnis symbolischer Aushandlungen. Menschen handeln auf Grundlage von Bedeutungen, die in Interaktion entstehen und interpretativ verarbeitet werden. Das bedeutet: Was ich als Beobachtung registriere – etwa Platzwahl oder Schichtwechsel – ist nicht rein objektiv, sondern beruht schon auf meiner Interpretation dessen, was im Feld bedeutsam ist. Die Trennung von Beobachtung und Interpretation ist daher methodisch notwendig, um Analysen transparent zu machen, aber sie ist nicht völlig trennscharf umsetzbar. Genau das zeigt Przyborski
Forschungsethik: In einem räumlich eng begrenzten Feld mit Stammspieler:innen dürften viele Personen trotz Anonymisierung füreinander erkennbar sein. Bitte für das Fachgespräch reflektieren.
Die Situation
In meinem Feld sind die Personen ohne weitere Verschlüsselung identifizierbar, weil das Feld klein, räumlich eng und bekannt ist.
Allerdings gehen die Stammspieler*innen offen mit ihren Themen am Platz um und behandeln diese im Rahmen meiner Beobachtungen genannten Punkte nicht als privat oder schützenswert.
heißt: Die Identifizierbarkeit ist nicht ein ethisches Problem, sondern entspricht der sozialen Praxis des Feldes selbst.
= Meine ethische Verantwortung liegt dann nicht in technischer Anonymisierung, sondern darin, dass ich:
keine bloßstellenden, diskriminierenden oder abwertenden Formulierungen verwende.
sensibel mit Informationen handling, die für die Beteiligten schädlich sein könnten.
die Darstellung so wählt, dass keine Vertrauensverletzungen entstehen.
im Vorfeld über Zweck, Daten, Speicherung und Veröffentlichung informiert und wo möglich informierte Einwilligung herbeigeführt habe.
heißt: Ich verstehe Ethik in diesem Feld nicht als Schutz durch Verschlüsselung, sondern als respektvolle, verantwortliche und reflektierte Darstellung, die der sozialen Praxis des Feldes entspricht.
Theorie: (Bourdieu, Ahrne/Brunsson). Für das Fachgespräch klar begründen können, warum diese Rahmung gegenstandsangemessen ist.
Gegenstand der Arbeit: Interaktionsprozesse und informelle soziale Ordnung an den Tischtennisplatten im Dortmunder Westpark, insbesondere wie soziale Unterschiede, Zugehörigkeit und Distinktion dort über Spielpraxis, Raumaneignung und alltägliche Interaktionen hervorgebracht werden
Bourdieu
weil du im Feld immer wieder beobachtest, dass soziale Unterschiede nicht verschwinden, sondern sich in einer feldspezifischen Form zeigen:
über Spielniveau, Kleidung, Auftreten, Platzwahl, Schlägerqualität, Konsumpraktiken und Formen der Selbstsicherheit.
= Habitus, Kapital und Distinktion nach Bourdieu
Material zeigt, wie soziale Positionierungen nicht nur „von außen“ mitgebracht werden, sondern im Feld praktisch wirksam werden.
Befund, dass Spielstärke als eine Art feldinternes Kapital nach den Kapitalarten nach Bourdieu, das Zugänge, Anerkennung und Rangfolgen mitstrukturiert.
Ahrne/ Brunsson
Feld zwar keine formale Organisation, aber trotzdem klare Ordnungselemente aufweist: Rotation, implizite Regeln, Warteordnungen, Platznutzung, stilles Aushandeln und situative Steuerung.
Partial Organization: Organisation entsteht auch dort, wo keine vollständige Organisation vorliegt, sondern nur einzelne organisationale Elemente im Rahmen von Aushandlungsprozessen wirksam sind
sehr deutlich, etwa wenn Personen Spiele koordinieren, Plätze faktisch zuteilen oder durch Verhalten Erwartungen stabilisieren, ohne formal legitimiert zu sein
Kombination
zwei Ebenen verbindet: Bourdieu erklärt die Ungleichheits- und Distinktionslogik, Ahrne/Brunsson die Ordnungs- und Organisationslogik des Feldes.
also, dass soziale Unterschiede nicht nur als externe Struktur im Hintergrund stehen, sondern in einer informellen Praxis des Platzes fortlaufend organisiert und sichtbar gemacht werden
Makrostruktur, Organisation und Habitus werden zusammenführt
Bei Ihrem Modell: Emergiert es aus den Daten oder ordnen Sie Beobachtungen darin ein?
= Ist das Modell induktiv aus dem Material entstanden (Grounded-Theory-Logik), oder handelt es sich um eine theoretische Heuristik, in die du deine Beobachtungen eingeordnet hast (deduktive Logik)?
Antwort: beides, aber mit deutlichem Schwerpunkt auf induktiver Entwicklung und anschließender theoretischer Verdichtung. Das Modell entstand in einem abduktiven Wechselspiel zwischen empirischer Beobachtung und theoretischer Konzeptualisierung
Das Modell ist nicht aus einer vorab feststehenden Theorie heraus entwickelt worden.
Ausgangspunkt waren wiederkehrende Irritationen im Feld, die ich bereits vor Beginn der eigentlichen Untersuchung wahrgenommen habe.
Besonders auffällig war für mich, dass Personen mit sehr unterschiedlichen sozialen Hintergründen über lange Zeiträume stabile und kooperative Interaktionen aufrechterhalten konnten, obwohl sozialwissenschaftliche Ungleichheitstheorien eher Distinktions- und Abgrenzungsprozesse erwarten lassen würden.
Während der Beobachtungen versuchte ich zunächst, die unterschiedlichen Einflussfaktoren auf die Interaktionsordnung des Feldes sichtbar zu machen. Dazu fertigte ich erste handschriftliche Schaubilder an, in denen soziale Ungleichheit, Spielstärke, Infrastruktur, Zugangsregeln, räumliche Positionierungen und Zugehörigkeitsprozesse miteinander in Beziehung gesetzt wurden.
Im Verlauf der Auswertung wurde deutlich, dass viele dieser Aspekte miteinander korrelierten. So zeigten sich Zusammenhänge zwischen der Nutzung bestimmter Platten, räumlichen Positionierungen, Spielstärke, sozialen Rollen und informellen Verantwortlichkeiten innerhalb des Feldes. Gleichzeitig fiel auf, dass bestimmte organisatorische Leistungen dauerhaft erbracht wurden – etwa die Pflege der Infrastruktur, die Beschaffung von Material oder die Moderation von Konflikten –, obwohl keine formale Organisation existierte.
An dieser Stelle entstand für mich die eigentliche analytische Irritation: Die beobachteten Ordnungsleistungen erinnerten an Organisation, gleichzeitig fehlten klassische organisationale Merkmale wie formale Mitgliedschaft oder eine fest etablierte Hierarchie.
Ich begann zu recherchieren, um dieses Phänomen in wissenschaftlichen Arbeiten zu begründen: Durch die Beschäftigung mit der ethnografischen Organisationssoziologie und insbesondere mit Ahrne und Brunssons Konzept der Partial Organization erhielt diese Beobachtung erstmals einen theoretischen Rahmen. Ich hatte nicht nach einer Theorie gesucht, die ich anwenden wollte, sondern nach einer Erklärung für empirische Phänomene, die bereits im Material sichtbar waren.
Daten → Theorie → erneute Prüfung an den Daten
Die Struktur des Modells entstand aus dem Material, die Begriffe und Zusammenhänge wurden anschließend mit Konzepten Bourdieus sowie Ahrne und Brunssons analytisch geschärft.
Schritte
Irritation vor der Forschung
unterschiedliche soziale Milieus
stabile Kooperation
geringe sichtbare Distinktion
und denkst:
„Das passt irgendwie nicht zu dem, was ich erwarten würde.“
Erste Konzepte entstehen aus beobachteten Material
bestimmte Personen organisieren Dinge
bestimmte Platten werden anders genutzt
es gibt implizite Zuständigkeiten
es gibt Wartelogiken
es gibt Konfliktregeln
Du beginnst zu kategorisieren.
Grounded Theory würde hier von:
ersten Codes nach Strauss
ersten Kategorien
sprechen.
Constant Comparison (Strauss)
Wer sitzt wo?
Wer bekommt welche Platte?
Wer fegt?
Wer organisiert Material?
Erkenntnissprung
Es geht gar nicht primär um Spielstärke.
Es geht auch nicht primär um soziale Herkunft.
Es geht um Zugehörigkeit und die Aufrechterhaltung einer Ordnung.
Theoretische Sensibilisierung: Theorie wird nicht benutzt, um Daten zu beweisen. Sie hilft dabei, bereits beobachtete Muster zu verstehen.
Zusammengefasst:
Rückblickend würde ich meinen Forschungsprozess weder als rein induktiv noch als deduktiv beschreiben. Ausgangspunkt waren empirische Irritationen im Feld. Die Entwicklung des Modells erfolgte anschließend in einem iterativen Wechsel zwischen Beobachtung und Theorie. In diesem Sinne entspricht das Vorgehen am ehesten einer abduktiven Logik, bei der theoretische Konzepte nicht vorab feststehen, sondern zur Erklärung überraschender Beobachtungen herangezogen und anschließend wieder am Material geprüft werden.
Konzentrieren Sie sich in der Prüfungsvorbereitung auf die methodologischen Fragen: Beobachtungsrolle, Verhältnis Beschreibung/Interpretation, Gütekriterien ethnografischer Forschung.
Teilnehmende Beobachtung
Der/die Forschende nimmt aktiv am Alltag teil und beobachtet gleichzeitig systematisch
Grundannahme: Soziale Realität kann man nicht erforschen, ohne Teil von ihr zu sein.
Problem von Interviews: Routinehandeln
Menschen können viele Routinen nicht bewusst erklären
Interviews liefern dann: nachträgliche Rationalisierungen, nicht echtes Handeln
👉 Lösung: → Beobachtung ist geeigneter für implizites Wissen
Phasen der teilnehmenden Beobachtung (nach Spradley)
Deskriptive Phase
breiter Überblick über das Feld
Fokussierte Phase
Konzentration auf relevante Aspekte
Selektive Phase
gezielte Analyse bestimmter Phänomene
Feldnotizen & Beobachtungsprotokolle
= zeitnah, möglichst detailliert und regelmäßig, aber keine objektive Realität!
sondern: interpretative, sprachlich rekonstruierte Texte
Beispiel:
Detailliert: „Der Mann hebt den rechten, leicht gebeugten Arm mit zügiger Bewegung, bis die Hand auf Schulterhöhe ist…“
Kurzfassung/Interpretation: „Der Mann winkt…
= Bewusstsein für Interpretationsgrad: Genauigkeit vs. forschungsökonomische Knappheit.
Ort/ Zeit: jeder Beobachtung dokumentieren
Beobachtungen: möglichst detaillierte, chronologische Beschreibung, um Interpretation zu minimieren.
Dokumentiert was passiert, wer mit wem interagiert, wann und wie.
Fokus auf: Abläufe, Routinen, Interaktionen, Gruppenbildungen, Sonderrollen.
Beispiele: Wer begrüßt wen zuerst? Wer wird wie behandelt? Welche Tätigkeiten werden ausgeführt?
Kontextinformationen: Informationen, die nicht aus der aktuellen Beobachtung stammen.
Wichtig: Quelle angeben, da sie die Interpretation beeinflussen kann.
Quellen: frühere Beobachtungen, Medien, andere Personen.
Relevanz: helfen, Beobachtungen einzuordnen und zu interpretieren.
Beispiel: Kenntnis, dass bestimmte Gruppen normalerweise bestimmte Rollen einnehmen oder vorherige Konflikte zwischen Personen.
Methodische u. Rollenreflexion: eigene Rolle im Feld und deren Einfluss auf die Beobachtungen sowie Rahmenbedingungen (institutionelle Einflüsse, äußere Faktoren, mögliche „Fallen“)
Überlegungen zu methodischen Konsequenzen: Wen besonders beobachten, welche Untergruppen relevant?
Rollenwechseln: Wann wäre ein aktiveres Eingreifen sinnvoll, was wären die Konsequenzen?
Ziel: die Forschungsrolle bewusst steuern und methodische Entscheidungen dokumentieren.
Theoretische Reflexion: Erste Interpretationen des Beobachteten in einer Theoriesprache (z. B. Soziologie, Psychologie).
Trennung von Beobachtungen wichtig → Beobachtung nicht vorschnell theoretisieren.
Ziel: erste Hypothesen und theoretische Zusammenhänge entwickeln, die später überprüft werden können.
Beispiele: Machtstrukturen, Rollenverteilungen, Konformität vs. Abweichung, ethnische/genderbezogene Segregation.
Achtung:
Rubriken können mit Buchstaben gekennzeichnet werden (B, K, M, T) oder durch Schriftformatierung unterschieden werden.
Beobachten kann den Ablauf im Feld beeinflussen (z. B. Aufmerksamkeit der Teilnehmer).
Forscherrolle sichtbar → kann „natürliche Abläufe“ stören.
Entscheidung: Protokollieren direkt im Feld vs. zurückgezogen bzw. nachträglich.
Empfehlung nach Przyborski:
Feldforschungsnotizen sollten unmittelbar nach der Beobachtung gemacht werden.
Um die Interaktion im Forschungsfeld nicht zu beeinträchtigen, wird es in den meisten Kontexten angebracht sein, die Beobachtungen nicht in Anwesenheit der Untersuchungspersonen nie derzuschreiben.
Beobachterrollen (4 Typen)
Vollständige/r Teilnehmer/in
Gefahr: „going native“ (Verlust der Distanz)
Teilnehmer/in als Beobachter/in
Teilnahme im Vordergrund, aber reflektiert
Beobachter/in als Teilnehmer/in
Beobachtung im Vordergrund
Vollständige/r Beobachter/in
keine Teilnahme → Gefahr von Missverständnissen
Dilemma: Nähe - Distanz
Forschende müssen gleichzeitig:
teilnehmen (Vertrauen, Verständnis)
Inklusion: Zugang zum Feld, Vertrauensaufbau, Empathie für die Perspektive der Beforschten.
distanziert bleiben (wissenschaftliche Analyse)
Exklusion: Schutz der eigenen analytischen Distanz, klare Grenzen, damit wissenschaftliche Objektivität gewahrt bleibt.
👉 Klassisches Spannungsfeld:
Involvement vs. Detachment = going native
going native = Gefahr, zu stark in die Welt der Beforschten einzutauchen und die notwendige Distanz zu verlieren.
Die Balance ist situationsabhängig, kann sich im Verlauf der Forschung verändern und muss immer wieder neu ausgelotet werden.
Professionelle Handhabung der Forscherrolle (nach Przyborski)
Reflexion: Sowohl eigenes Verhalten als auch Veränderungen der eigenen Rolle beobachten.
Phasenwechsel: Intensive Feldforschung vs. distanzierte Analysephasen.
Externe Unterstützung: Austausch mit Betreuern oder anderen Forschenden kann helfen, die Balance zu halten.
Empathie vs. Rolle: Forscher können Aufmerksamkeit, Sympathie oder Mitgefühl zeigen, bleiben aber Wissenschaftler und keine Freunde/Therapeuten.
Zentrale Erkenntnis:
Beobachtung allein reicht nicht – entscheidend ist das Sinnverstehen.
Beispiel: rein technische Beschreibung (z. B. Fußballbewegungen) ≠ Verständnis des sozialen Sinns
Verhältnis Beschreibung/ Interpretation
Przyborski argumentiert: Qualitative Forschung untersucht nicht primär Korrelationen zwischen Merkmalen sondern Wie soziale Wirklichkeit hergestellt, interpretiert und erlebt wird.
Beobachtung:
Spieler A trägt ein Hemd und Lederschuhe.
Spieler B trägt Trainingskleidung und Sportschuhe.
Interpretation: Spieler A wirkt wohlhabender als Spieler B.
Noch stärker: Die unterschiedliche Kleidung verweist auf unterschiedliche Klassenlagen.
Meine Arbeit:
Native Status: bereits vor Beginn der Forschung:
Wissen über das Feld
Erfahrungen im Feld
implizite Regeln des Feldes verinnerlich
das heißt: Beobachtungen waren durch Vorwissen strukturiert.
= Amann & Hirschauer: Die Herausforderung bestand nicht darin, Fremdes zu verstehen, sondern Vertrautes zu befremden.
bestimmte Personen sitzen häufiger an bestimmten Orten
bestimmte Personen organisieren Infrastruktur
bestimmte Personen greifen bei Konflikten ein
= Beobachtungen
Das Feld reproduziert soziale Ungleichheit.
= Interpretation
Breidenstein, Thomas und Przyborski: Bereits die Beobachtung ist selektiv.
Przyborski: Die Forscherin bewegt sich immer innerhalb eines methodologischen Paradigmas.
Thomas: Reflexivität ist deshalb ein zentrales Gütekriterium.
Breidenstein: Beobachtungen werden immer durch analytische Themen strukturiert.
heißt: Nicht die Frage, ob Beobachtung und Interpretation trennbar sind, sondern wie du methodisch mit ihrer Untrennbarkeit umgegangen bist.
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Gütekriterien Ethnografischer Forschung nach Stefan Thomas
Gegenstandsangemessenheit
nach Flick: Methoden müssen dem Gegenstand angemessen sein und dürfen nicht nach universellen Standards ausgewählt werden.
Meine Arbeit: Untersuchungsfeld durch situative Interaktionen und informelle Regeln ausgezeichnet = ethnografische Beobachtung
Reflexivität
Forschenden müssen ihre eigene Rolle kontinuierlich reflektieren:
eigene Vorannahmen
Position im Feld
Einfluss auf das Geschehen
theoretische Vorverständnisse
ZitatTracy: “Self-reflexivity encourages writers to be frank about their strengths and shortcomings."
Reflexivität bedeutet also nicht Fehlerfreiheit, sondern Transparenz über die Bedingungen der Erkenntnisgewinnung.
Meine Arbeit: Native-Status, Rollenwechsel, Nähe-Distanz-Dilemma, Erinnergungsprotokolle und eigenen Irritationen ausdrücklich mitreflektiert.
Intersubjektive Nachvollziehbarkeit
nach Ines Steinke: Studie ist qualitativ hochwertig, wenn Außenstehende nachvollziehen können:
wie Daten erhoben wurden
warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden
wie Interpretationen entstanden sind
Nicht die Reproduzierbarkeit steht im Mittelpunkt, sondern die Transparenz des Forschungsprozesses.
= Forschende müssen Entscheidungspunkte offenlegen und begründen
Meine Arbeit: Ort, Zeit, Dauer, Wetter, Rollenposition und Beobachtungsanlass, Trennung Beobachtung und Interpretation und Reflexion
Empirische Akkuratesse (dichte Feldbeschreibung)
gute Ethnografie muss die soziale Wirklichkeit möglichst reichhaltig und präzise erfassen.
= „empirisch akkuraten und reichhaltigen Erfassung der Gegebenheiten des Feldes“.
Meine Arbeit: Feldeinführung, Raumaufteilung, Plattenqualität, Banknutzung, Gruppenbewegungen, Konsum, Spielniveaus und konkrete Sequenzen
Theoretische Verdichtung
Ethnografie endet nicht bei der Beschreibung, sondern aus Beobachtungen entstehen theoretische Interpretationen
Konstruktionen 1. Ordnung: Emische Perspektive
Wie verstehen die Akteur:innen ihre Welt?
= Innenperspektive
Konstruktionen 2. Ordnung: etische Perspektive
Wie kann die Forschung diese Beobachtungen theoretisch erklären?
= Außenperspektive
Meine Arbeit: Bourdieu/ Ahrne und Brunsson
ich beschreibe nicht nur:
Wer spielt.
Wer wartet.
Wer fegt.
Sondern frage:
Welche sozialen Mechanismen produzieren diese Ordnung?
Wie entstehen Zugehörigkeit und Distinktion?
Welche Rolle spielt informelle Organisation?
= Beobachtungen werden nicht bloß gesammelt, sondern unter Begriffe wie Habitus, Distinktion, soziale Ungleichheit und partial organization gefasst
Achtung: Stefan Thomas versteht Gütekriterien nicht als starre Standards, sondern als Reflexionsinstrumente.
In meiner Untersuchung habe ich versucht, diese Kriterien umzusetzen, indem ich das offene ethnografische Vorgehen an die Eigenlogik des Feldes angepasst, meine Rolle als Native kontinuierlich reflektiert, sämtliche Beobachtungen transparent dokumentiert und die Feldbeobachtungen schließlich mit den theoretischen Konzepten von Bourdieu sowie Ahrne und Brunsson in Beziehung gesetzt habe.
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