Wie wird die „Standardsituation“ der Ethik klassischerweise beschrieben?
Eine Person denkt rational, objektiv und distanziert über Handlungsoptionen nach und fragt sich, was richtig oder gut ist
Was besagt der „Primat der Vernunft“ bei Platon?
Dass der Mensch dann „gut“ funktioniert, wenn der höchste Seelenteil (die Vernunft) über die anderen Teile (Wille, Begehren, Leidenschaft) gebietet.
Wie bewertete Immanuel Kant „Affecten und Leidenschaften“?
Er nannte sie eine „Krankheit des Gemüths“, weil sie die Herrschaft der Vernunft ausschließen.
Welche drei Funktionen schreiben moderne Philosophien den Gefühlen zu?
Ordnung: Sie zeigen, was wichtig oder unwichtig ist.
Bewertung: Sie geben Auskunft über Werthaltungen.
Kommunikation: Sie ermöglichen Verständigung jenseits der Sprache
Was ist die Kernbotschaft von Martha Nussbaums Werk „Upheavals of Thought“?
Dass Emotionen eine Form von „intelligenter Bewertung“ sind und keine bloßen Gegenspieler der Vernunft
Aus welchen drei Teilen besteht Nussbaums Konzeption der Emotionen?
Sie sind kognitive Strategien zur Einstufung von Relevanz (z. B. Angst).
Sie enthalten Bewertungen von Dingen in der Welt.
Den Rahmen dafür liefert unsere eigene Idee des Wohlergehens
Können Emotionen laut Nussbaum rational sein?
Ja, da sie auf Kognition und Bewertung beruhen, können sie rational oder irrational sein (Beispiel: unbegründete Furcht vor Fremden).
Wie verhalten sich Vernunft und Emotion bei Aristoteles zueinander?
Sie sind eine Ergänzung, keine Konkurrenz. Der tugendhafte Mensch tut, denkt und fühlt gleichzeitig das Richtige.
Welchen Status haben Gefühle wie die Liebe bei Harry Frankfurt?
Sie liefern nicht nur Bewertungen, sondern sind Handlungsgründe mit einer „zwingenden Kraft“.
Welche zwei Arten zwingender Gründe unterscheidet Frankfurt?
Theoretische Gründe (die Vernunft).
Praktische Gründe (die Liebe).
Warum ist Handeln aus Liebe laut Frankfurt nicht einschränkend?
Weil man dabei eine „Erweiterung unserer selbst“ (expansion of ourselves) erfährt und es befreiend sowie identitätsprägend wirkt.
Was ist mit dem „einen Gedanken zu viel“ (Williams/Frankfurt) gemeint?
Dass in einer emotionalen Notsituation (z. B. Rettung der eigenen Ehefrau vor einem Fremden) die Suche nach einem abstrakten rechtfertigenden Prinzip moralisch unangemessen ist; die Liebe selbst ist hier bereits die Quelle des Grundes
Was kritisiert Annette Baier an der Geschichte der Moraltheorie?
Dass sie fast ausschließlich von Männern (Klerikern, Junggesellen) entwickelt wurde, die Moral wie einen „Männerclub“ mit kühlen, distanzierten Regeln für Fremde konzipierten.
Wie unterscheiden sich laut Baier „männliche“ und „weibliche“ Moral?
Männlich: Fokus auf (vertragliche) Gerechtigkeit, Regelmoral und distanzierte Vernunft.
Weiblich: Fokus auf Vertrauen und (Für-)Sorge; Regeln treten in den Hintergrund
Warum werden Begriffe wie „Unparteilichkeit“ feministisch kritisiert?
Weil sie „genderblind“ sind. Sie machen enge Beziehungen (Eltern/Kind) unverständlich und ignorieren, dass Fürsorgepflichten oft parteiliche Standpunkte erzwingen
Was sind die Leitideale der Care-Ethik?
Fürsorge und Anteilnahme (statt Unparteilichkeit und Gerechtigkeit).
Welches ist das zentrale moralische Vermögen in der Care-Ethik?
Das moralische Mitgefühl.
Welche zwei Arten des „Caring“ unterscheidet Nel Noddings?
Natürliche Sorge: Entspringt direkter Sympathie oder Mitleid.
Ethische Sorge: Greift, wenn natürliche Sorge fehlt; sie entspringt dem Wunsch, das ideale Selbst als sorgendes Wesen zu verwirklichen
Wann ist eine Sorgebeziehung laut Noddings „vollendet“?
Wenn die umsorgte Person reagiert (durch Dankbarkeit oder indirekt durch Freude/Glück)
Nenne einen Kritikpunkt an der Care-Ethik
Sie könnte geschlechtsspezifische Stereotype fortschreiben oder ohne allgemeine Regeln in Selbstausbeutung umschlagen.
Was ist das Ziel des „Differenzfeminismus“ (z. B. Irigaray)?
Die Anerkennung wesentlicher Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei gleichzeitiger Gleichwertigkeit.
Was ist das Ziel von Ansätzen wie denen von Judith Butler oder Simone de Beauvoir?
Die Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht bzw. das Aufzeigen ihrer sozialen Irrelevanz (Beauvoir: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“).
Zuletzt geändertvor 14 Tagen