Begriffliche Entwicklung „Literatur“ (letzte 3 Jh.)
Bis 19. Jh.: Weiter Begriff; meinte allgemein Gelehrsamkeit, Wissenschaften und jegliche veröffentlichte Schriften.
1730–1830: Wandel durch Literaturzeitschriften. Fokus verschiebt sich von den Wissenschaften hin zu den belles lettres (schöne Literatur, Poesie, Erzähltexte).
Seit 19. Jh.: Enge Begrenzung auf Werke mit besonderem künstlerischen Wert (Literatur als Kunstgattung) zur Abgrenzung von Trivialliteratur.
Intensiver Literaturbegriff & die 3 anderen Begriffe
Intensiver Literaturbegriff: Klassifiziert Texte rein beschreibend (deskriptiv) anhand ihrer spezifischen Merkmale (ohne qualitative Wertung).
Die anderen drei Begriffe:
Extensiver Begriff: Bezweifelt, dass es Merkmale gibt, die nur für literarische Texte gelten.
Normativer/wertender Begriff: Definiert Literatur über einen besonderen inhaltlichen oder geistigen Qualitätswert.
Relativistischer Begriff: Keine objektive Definition möglich; Literatur ist das, was der Einzelne dafür hält.
Fiktionalität, Poetizität, Autoreferenzialität & Polysemie
Fiktionalität: Der besondere Wirklichkeitsbezug (Unterscheidung von fiktional/faktual und fiktiv/real).
Poetizität: Die besondere, kunstvolle Verwendung von Sprache.
Die Verbindung:
Weil ein Text fiktional ist, verweist er nicht auf die reale Welt, sondern bezieht sich selbstbezüglich (Autoreferenzialität) auf seine eigene fiktive Wirklichkeit.
Durch die kunstvolle Sprache (Poetizität) entstehen mehrdeutige Sinnstrukturen (Polysemie), die verschiedene Interpretationen erlauben.
Rolle der kulturell-diachronen Perspektive
Eine zeitlose Definition gibt es nicht. Literatur ist das, was eine Kulturgemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt dafür hält.
Da sich dieser Konsens und der literarische Kanon über die Zeit (diachron) schleichend verändern, muss man den Begriff historisch und kulturell flexibel betrachten.
Probleme der Literaturgeschichtsschreibung
Subjektive Konstruktion: Jede Darstellung basiert auf Auswahl und Wertung, um ein künstlich stimmiges Gesamtbild zu erzeugen.
Isolierung: Literarische Texte werden oft fälschlich von anderen historischen/gesellschaftlichen Texten isoliert.
Nationale Verengung: Spanische Literaturgeschichte wird oft auf kastilische Literatur reduziert, wodurch regionalsprachliche Literaturen (z. B. Katalanisch) ausgegrenzt werden.
Vorteile und Probleme von Literaturepochen
Vorteil: Dienen als nützliches Ordnungsprinzip (Heuristik), um der Textfülle durch zeitliche Abschnitte mit dominanten Merkmalen Struktur zu geben.
Probleme: Sie werden meist erst nachträglich konstruiert (Zirkelschluss: Schafft der Zeitgeist die Epoche oder sucht man Autoren passend zur Epoche?). Zudem sind die Namen uneinheitlich (politisch, kunstgeschichtlich), oft überschneidend oder exkludierend.
Probleme literarischer Generationenbezeichnungen
Vage Kohärenz: Die Einheit basiert bloß auf ähnlichem Geburtsalter und geteilten Lebensphasen, nicht zwingend auf den echten gesellschaftlichen Problemen.
Monokausale Verengung: Es wird fälschlich angenommen, dass ein einziges historisches Ereignis oder ein bestimmtes Jahr die Werke einer ganzen Autorengruppe gleichermaßen und homogen bestimmt hat.
Zuletzt geändertvor 7 Tagen