Was ist das System I?
XSystem I
Das schnelle, automatische und intuitive Entscheidungssystem.
Erzeugt kontinuierlich und unwillkürlich Eindrücke, Intuitionen, Absichten und Gefühle
Unsere "Bauchreaktion": Reaktion auf Ausdrücke, Klänge, Farben, Bilder
Was es gut kann:
Nutzt Heuristiken (Daumenregeln, minimaler Rechenaufwand, Simon 1990)
Modelle vertrauter Situationen sind meist genau
Kurzfristige Vorhersagen sind meist zuverlässig
Erste Reaktionen sind schnell und angemessen
Wo es scheitert:
Heuristiken erzeugen systematische Biases
Beantwortet manchmal eine einfachere als die gestellte Frage
Kaum Verständnis für Logik und Statistik
Kernlimitation: System I kann nicht abgeschaltet werden.
Was ist System II?
XSystem II
Das langsame, bewusste und reflektierende Entscheidungssystem.
Das bewusste, vernunftbasierte Selbst mit Überzeugungen, Entscheidungen und Kontrolle über Denken/Handeln
Langsamer, evidenzbasierter Ansatz, hinterfragt Annahmen
Verantwortlich für sozial angepasstes Verhalten, kann widersprüchliche Ideen gleichzeitig halten
Bewusste, analytische Verarbeitung über Heuristiken hinaus
Korrigiert Fehler von System I bei aktiver Beteiligung
Bewältigt neue, folgenreiche Situationen, in denen Abkürzungen unzuverlässig wären
Dauerhafte Wachsamkeit ist unpraktisch und ermüdend
Zu langsam/ineffizient als Ersatz für System I bei Routineentscheidungen
Eigene Fehler schwerer zu erkennen als die anderer
Kernlimitation: System II kann nicht dauerhaft eingeschaltet bleiben.
Wie unterscheiden sich System I und System II?
XSystem I vs System II
Merkmal
System I
System II
Geschwindigkeit
schnell, automatisch
langsam, bewusst
Fehleranfälligkeit
fehleranfällig (Biases)
analytisch, korrigierend
Aufwand
minimal
hoch, ermüdend
Anwendungsfall
Routine, vertraute Situationen
neue, folgenreiche Situationen
Abschaltbarkeit
kann nie abgeschaltet werden
kann nicht dauerhaft aktiv bleiben
Was sind Heuristiken?
Heuristiken
Mentale Abkürzungen (Daumenregeln), die schnelle, "gut genug"-Entscheidungen ermöglichen, ohne alle verfügbaren Informationen zu verarbeiten.
Beispiel-Regel: "Wenn viele Leute es gekauft haben, ist es wahrscheinlich gut."
Funktionieren meist gut, mit minimalem kognitivem Aufwand.
Was sind kognitive Verzerrungen (Cognitive Biases)?
kognitive Verzerrungen
Systematische Fehler, die entstehen, wenn Heuristiken "danebenliegen".
Keine Zufallsfehler, sondern wiederkehrende, vorhersehbare Abweichungen von rationalem Urteil
Betreffen praktisch jeden Menschen unter denselben Bedingungen
Beispiel: „Nur noch 3 auf Lager!“ aktiviert die Scarcity-Heuristik ("Seltenes ist wertvoll") → Scarcity Bias: Käufer überschätzen den Wert und kaufen überstürzt.
Was ist ein Nudging?
XNudging
Konzept, das durch positive Bestärkung und indirekte Vorschläge das Verhalten beeinflusst.
Verändert die Choice Architecture, sodass System I eher zum gewünschten Ergebnis führt, ohne Optionen einzuschränken oder Anreize wesentlich zu ändern
Muss immer leicht und kostenlos ignorierbar bleiben – Nudges lenken, sie zwingen nicht - kein Verbot
Wirkt über kognitive Leichtigkeit: Salienz, Default-Setzung oder positive Framing verändern die Verarbeitung, nicht die Substanz der Entscheidung
Beispiele: Nudges
XNudges
kein Verbot/finanzielle Sanktion, leicht zu ignorieren, aber wirksam auf System-I-Ebene.
Erkläre die Libertarian-Paternalism-Idee hinter nudging
Libertarian-Paternalism
"Versuch, Entscheidungen so zu beeinflussen, dass die Wählenden nach eigenem Urteil besser dastehen."
Libertär:
Wahlfreiheit bleibt erhalten
Architekten sollen Anzahl der Wahlmöglichkeiten erhalten oder erhöhen
Paternalistisch:
Menschen treffen oft schlechte Entscheidungen (die sie bei voller Aufmerksamkeit, Information, kognitiven Fähigkeiten und Selbstkontrolle nicht getroffen hätten)
Architekten können Verhalten so beeinflussen, dass das Leben länger, gesünder und besser wird (nach eigenem Urteil der Person)
Was unterscheidet Nudges von Sludges/Dark Patterns?
Frage: Ist Nutzung von Nudges durch Unternehmen immer libertär-paternalistisch, oder kann sie zur Manipulation werden?
Beispiel: Ein Cookie-Banner, bei dem "Ablehnen" schwer zu finden ist, ist kein libertärer Paternalismus mehr – er erhält keine echte Wahlfreiheit, sondern nutzt gezielt Aufmerksamkeit, Trägheit oder kognitive Grenzen aus.
→ Der Nudge wird dann zum Dark Pattern: eine manipulative Choice Architecture, die Nutzer zu Entscheidungen lenkt, die sie unter klaren, fairen, transparenten Bedingungen wahrscheinlich nicht treffen würden.
Vergleiche legitimen Nudge vs. Dark Pattern anhand der Dimensionen.
Dimension
Legitimer Nudge
Dark Pattern
Hauptziel
Nutzerwohl / gesellschaftlich erwünschtes Ergebnis
Anbieterinteresse zulasten des Nutzers
Transparenz
verständlich, leicht erkennbar
versteckt, verwirrend, irreführend
Wahlfreiheit
Alternativen bleiben leicht wählbar
Alternativen werden verschleiert/erschwert
Kognitiver Mechanismus
hilft Nutzern, eigene Ziele zu erreichen
nutzt Bias, Trägheit, Verwirrung, Druck aus
Reversibilität
leicht rückgängig zu machen
schwer zu kündigen/rückgängig zu machen
Ethischer Status
Libertarian Paternalism
manipulative Choice Architecture
Was ist Digital Nudging?
XDigital Nudging
Der Einsatz von Nutzeroberflächen-Designelementen (User-Interface Design Elements), um das Verhalten von Menschen in digitalen Entscheidungsumgebungen zu lenken.
Digitale Entscheidungsumgebungen sind Nutzeroberflächen (z. B. webbasierte Formulare, Smartphone-Einstellungsmenüs), die Menschen zu Urteilen oder Entscheidungen zwingen.
Beispiele:
Security & Privacy
Beispiel: Anzeige der Stärke eines gewählten Passworts
Effekt: Organisational und/oder gesellschaftlich
Social Media
Beispiel: Anreize (z. B. Badges) für Teilen oder andere Aktivitäten
Effekt: Gesellschaftlich
E-Business & E-Commerce
Beispiel: Anzeige begrenzter Zimmerverfügbarkeit beim Hotel-Buchungsprozess
Effekt: Organisational
Zähle verschiedene Arten von cognitive biases auf die fürs digitale Nudging genutzt werden
cognitive biases - Digital Nudging
Salience Bias
Default Bias
Framing Effect Bias
Social Proof
Scarcity Bias
Decoy Effect
Erkläre den Salience Bias
XSalience Bias
Die Tendenz, sich auf Informationen/Elemente zu konzentrieren, die auffälliger und markanter sind.
Beispiel: Ist einer von zwei Buttons durch Größe/Farbe auffälliger, zieht er mehr Aufmerksamkeit auf sich und wird wahrscheinlicher gewählt.
Erkläre den Default Bias
XDefault Bias
Eine Default-Option ist die Option, die eine Person automatisch erhält, wenn sie keine aktive Entscheidung trifft. Menschen wählen mit höherer Wahrscheinlichkeit die voreingestellte Option.
Beispiel: Opt-in vs. Opt-out bei Organspende.
Erkläre den Framing Effect Bias
XFraming Effect Bias
Kognitive Verzerrung, bei der Entscheidungen davon beeinflusst werden, wie Informationen präsentiert ("gerahmt") werden, statt nur durch die Information selbst.
Menschen bevorzugen positiv formulierte Optionen oder Optionen mit höheren Zahlen.
Erkläre Social Proof als Bias
XSocial Proof
Psychologisches und soziales Phänomen, bei dem Menschen annehmen, dass die Handlungen anderer korrektes Verhalten widerspiegeln.
Eine Form der Konformität (Herdenverhalten)
Bei Unsicherheit über das richtige Verhalten suchen Personen Hinweise bei anderen
Erkläre den Scarcity Bias
XScarcity Bias
Definition: Menschen bewerten ein knappes Objekt höher und ein reichlich verfügbares niedriger.
Kann zu System-I-Entscheidungen führen (z. B. Impulskäufe), die eigentlich nicht gewollt waren.
Erkläre den Decoy Effect
XDecoy Effect
Kognitive Verzerrung, bei der sich die Präferenz zwischen zwei Optionen ändert, wenn eine dritte, weniger attraktive Option (der Decoy) eingeführt wird – dadurch wirkt eine der ursprünglichen Optionen vergleichsweise attraktiver.
Grundlage: Bei mehreren Optionen suchen unsere Gehirne natürlich nach Vergleichspunkten zur Wertbestimmung.
Welche positiven und negativen Effekte haben Digitale Nudges auf die User Experience?
User Experience - Digitale Nudges
Kernspannung: Nudges im Sinne von Libertarian Paternalism dienen dem Nutzer – Dark Patterns dem Anbieter. Ethisches Design ist aktive Verantwortung, kein Nachgedanke.
Positive Effekte:
Reduzierter Entscheidungsaufwand (Pre-Filtering senkt kognitive Last)
Verbesserte Entscheidungsqualität (kleinerer Optionsraum → Fokus auf relevante Alternativen)
Reibungsloses Onboarding & Prozessführung (sinnvolle Defaults, Fortschrittsanzeigen)
Vertrauensaufbau via Social Proof (Bewertungen, Zertifikate, Badges)
Wohlfahrtssteigerndes Verhalten (z. B. datenschutzfreundliche Defaults, Organspende-Opt-out)
Negative Effekte:
Manipulationsrisiko & Dark Patterns (versteckter "Ablehnen"-Button, künstliche Verknappung)
Reduzierte Nutzerautonomie (unbewusster System-I-Einfluss)
Unbeabsichtigte Impulskäufe (Countdown-Timer, "Nur noch 2 verfügbar")
Vertrauensverlust bei Entdeckung von Manipulation
Datenschutzbedenken durch Personalisierungs-Nudges (umfangreiche Datensammlung/Profiling)
Welche 4 Schritte umfasst das Design digitaler Nudges? (Weinmann et al., 2016)
XSchritte - Design digitaler Nudges
Ziel definieren
E-Commerce (Umsatz steigern)
Online-Steuerangaben (Ehrlichkeit steigern)
Crowdfunding (Zusagen steigern)
Nutzer verstehen
Entscheidungsprozess verstehen
Nutzerziele verstehen
relevante Heuristiken/Biases bestimmen
Nudge gestalten
geeignete Intervention wählen
Designs/Interventionen entwickeln
UI umsetzen
Nudge testen
Versuchsdesign wählen
Verhalten tracken
A/B-Testing
Beispielstudie 1: eID-Verifizierung – Forschungsfrage und Nudge
Studie: Schneider, Klumpe, Adam & Benlian (2020), Electronic Markets.
Forschungsfrage: Können Defaults und Social-Proof-Hinweise die Auswahlwahrscheinlichkeit der eID-Verifizierung (z. B. für Führerschein-Erneuerung) auf einem E-Government-Portal erhöhen?
Hypothesen:
1. Nutzer wählen eID-Verifizierung eher, wenn sie als Default vorausgewählt ist.
2. Nutzer wählen eID-Verifizierung eher, wenn sie durch Social Proof unterstützt wird.
Nudge: vorausgewählte Default-Option, Social-Proof-Statistik
Zugrunde liegende Biases: Default Bias, Social Proof
Nenne dieses Beispiel als Referenzstudie zu Default Bias/Social Proof, ohne Details der Ergebnisse zu erklären.
Beispielstudie 2: Seed Stage Referrals im Website-Onboarding – Forschungsfrage und Nudge
Studie: Koch & Benlian (2015), Journal of Interactive Marketing.
Forschungsfrage: Wie beeinflussen Scarcity- und Personalisierungs-Cues Seed-Stage-Weiterempfehlungen im Website-Onboarding?
1. Konsumenten empfehlen eine Promo-Kampagne eher bei hoher (vs. niedriger) nachfragebasierter Knappheit.
2. Konsumenten empfehlen eine personalisierte eher als eine nicht-personalisierte Promo-Kampagne.
Nudge: Personalisierung, Scarcity-Cue
Zugrunde liegender psychologischer Effekt: Soziale Normen, Verlustaversion (Loss Aversion)
Nenne dieses Beispiel als Referenzstudie zu Scarcity/Personalisierung, ohne die Ergebnisse im Detail zu erklären.
X Lernziele
Definiere System I & II thinking
Erkläre ihre Unterschiede
Definiere Nudging
Nenne Beispiele und Anwendungsfälle
Definiere verschiedene Arten kognitiver Verzerrungen (Cognitive Biases)
Wie werden sie bei digitalen Nudges genutzt werden
Beschreibe wie digitale Nudges gestaltet und evaluiert werden
Zuletzt geändertvor 15 Tagen