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planungstheorien Vorlesung 8_ 9_ 11

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von Kiana B.


welche arten von theorie gibt es überhaupt ?


1. Normative Theorien

Frage: Wie sollte etwas sein?

Sie geben Vorstellungen darüber,

was sein sollte.

Beispiel:

„Planung sollte das Gemeinwohl fördern.“

Das ist eine normative Aussage, weil sie ein gewünschtes „Soll“ formuliert.

2. Präskriptive Theorien

Frage: Wie soll man etwas erreichen?

Sie beschäftigen sich mit den Mitteln und Vorgehensweisen, durch die ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll.

Also:

Ziel → Welche Methode / welches Vorgehen führt dorthin?



Hier geht es nicht mehr darum, was sein soll, sondern darum, was tatsächlich passiert und warum.

3. Empirische Theorien

Sie

  • erklären und interpretieren Prozesse,

  • untersuchen insbesondere kausale Zusammenhänge,

  • arbeiten mit Hypothesen,

  • und diese Hypothesen sollen überprüfbar sein.

Also beispielsweise:

Welche Faktoren führen dazu, dass sich eine bestimmte Stadtentwicklung ergibt?


4. Modelle

Ein Modell ist eine vereinfachte Repräsentation der Realität.

Es bildet also nicht die gesamte Realität ab, sondern bestimmte relevante Aspekte.

Wichtig auf der Folie:

Überprüfbarkeit

Ein Modell muss überprüft werden können.

5. Konzeptueller Rahmen

Ein konzeptueller Rahmen liefert

  • Perspektiven

  • oder Formen zur Konzeptualisierung

eines Untersuchungsgegenstandes und kann diesen systematisieren.

Vereinfacht:

Ein konzeptueller Rahmen hilft mir, ein komplexes Untersuchungsobjekt gedanklich zu ordnen.


6. Theoretisierung

Das bedeutet:

Reflexion über Ideen oder Theorien.

Man denkt also darüber nach, wie bestimmte theoretische Vorstellungen entstehen, funktionieren oder miteinander zusammenhängen.



->Normativ:

Planung soll rational sein. Ist Planung rational?

Erklärend:

Welche Art von Rationalität verfolgt Planung?

Erklärend/kritisch:

Entspricht diese Rationalität den gesellschaftlichen Erwartungen?

Was soll Planungstheorie leisten?




wichtige Unterscheidung von Faludi (1973):

Prozedurale vs. substantielle Theorie

Die beiden Fragen sind: Was wird geplant? vs. Wie wird geplant?


1. Was wird geplant? → Substanz

Das sind die „theories in planning“.

Sie beschäftigen sich mit den Inhalten der Planung.

Dafür braucht Planung Wissen aus verschiedenen Fachgebieten.

Zum Beispiel können für Stadtplanung relevant sein:

  • Ökonomie

  • Soziologie

  • Verkehr

  • Umwelt

  • Architektur

  • Geografie usw.

👉 Planung braucht also interdisziplinäres Wissen, weil ihre Inhalte nicht aus einer einzigen Disziplin stammen.




2. Wie wird geplant? → Prozess

Das sind die „theories of planning“.

Hier geht es darum,

  • wie Planungsprozesse ablaufen,

  • welche Methoden verwendet werden,

  • wie Entscheidungen getroffen werden

  • und welche Methoden der Entscheidungsfindung bevorzugt bzw. gerechtfertigt werden.

Einfaches Beispiel

Stell dir vor, eine Stadt möchte eine neue Straße planen.

Was wird geplant?

→ Verkehrsinfrastruktur, Standort, Flächennutzung etc.

= Substanz / theories in planning

Wie wird geplant?

→ Wer wird beteiligt? → Welche Informationen werden berücksichtigt? → Wie werden Alternativen bewertet? → Wie wird entschieden?

= Prozess / theories of planning





Folie 6/7 – Präskriptive Theorien

Hier wird das Ganze mit Taylor (1980) verbunden.

Präskriptive Theorien beschäftigen sich mit:

Wie soll geplant werden?

Also nicht nur:

„Wie läuft Planung tatsächlich ab?“

sondern:

„Wie sollte ein guter Planungsprozess aussehen?“

Erklärende Theorien

Daneben steht:

Warum wird wie geplant?

Jetzt wird Planung selbst zum Untersuchungsgegenstand.

Dabei geht es auch um die Auseinandersetzung mit

  • der Disziplin,

  • philosophischen Theorien

  • und gesellschaftlichen Bedingungen.

Sehr wichtig ist Taylors Unterscheidung:

Die normativ-ideologische Komponente der Planung muss von der rein empirischen Untersuchung von Planungunterschieden werden.

Das bedeutet:

Man darf nicht einfach vermischen:

„Wie sollte Planung sein?“

mit

„Wie funktioniert Planung tatsächlich?“

Beispielen der Stadtsanierung


Synoptisch= Die Stadt soll möglichst umfassend analysiert werden und anschließend soll eine möglichst optimale Gesamtlösung geplant werden.


Die Planung erfolgt dabei stark:

  • wissenschaftlich

  • rational

  • umfassend

  • von oben nach unten (Top-down)

Man geht davon aus, dass man eine Stadt bzw. ein Problem ausreichend analysieren kann und daraus eine optimale Lösung ableiten kann.


Ziel der Sanierung: „Beseitigung der städtebaulichen Missstände“

Das ist sehr wichtig.

Die Planer sahen bestimmte Stadtquartiere als städtebaulich problematisch an.

Dazu gehörten beispielsweise:

  • schlechte Bausubstanz

  • enge Bebauung

  • schlechte hygienische Verhältnisse

  • fehlende Infrastruktur

  • schlechte Wohnverhältnisse

Aber die Kritik der Folie geht noch weiter.



Soziale Missstände

Die Sozialstudie von 1969 beschreibt beispielsweise ein:

„Milieu von Armut, Alter und Unbildung“

Das bedeutet: Das Problem wurde nicht nur baulich, sondern auch sozial gesehen.

Und genau hier entsteht ein Problem:

Wenn man einfach die Gebäude abreißt und neue Gebäude baut, verschwinden dadurch nicht automatisch die sozialen Probleme.

Die Folie formuliert:

Wenn die Gebäude erneuert werden, kann die Sanierung die sozialpolitischen Ziele nicht erreichen.

Was ist also die Kritik?

Die Planung konzentriert sich auf die physische Stadt:

Gebäude schlecht → Gebäude abreißen → neue Gebäude bauen

Aber:

soziale Probleme ≠ automatisch durch neue Gebäude lösbar



„Kahlschlagsanierung“

Das ist ein wichtiger Begriff.

Kahlschlagsanierung = großflächiger Abriss bestehender Bebauung und anschließender Neubau.

Also nicht:

vorhandene Strukturen vorsichtig verbessern

sondern eher:

Abriss → komplette Neuordnung → Neubau

Das passt zum modernen Planungsverständnis:

Modernität + umfassende Planbarkeit

Und deshalb steht auf der Folie auch:

Top-down

Die Entscheidungen werden überwiegend von Planungsinstitutionen bzw. staatlichen Akteuren von oben getroffen.

Die Bewohner sind nicht diejenigen, die die Planung maßgeblich bestimmen.





Bisher:

Rationalismus / Synoptische Planung / Comprehensive Planning

→ ungefähr ab den 1950er Jahren

Dann:

Inkrementalismus → stärker pragmatisch, schrittweise

Dann: Advocacy Planning / Equity Planning / Just City → stärkere Beschäftigung mit:

  • Macht

  • Gerechtigkeit

  • sozialer Ungleichheit

  • Repräsentation

Dann: Kommunikatives Planungsparadigma

→ Beteiligung → Kommunikation → unterschiedliche Perspektiven → gemeinsames Aushandeln

Und dann kommen neue Krisen

Auf der Folie werden besonders hervorgehoben:

2007: globale Finanzkrise

Die Finanzkrise zeigt, dass die starke Orientierung an Finanzmärkten und Finanzkapital erhebliche Auswirkungen auf Städte und Gesellschaften haben kann.

Das passt zu dem vorherigen Thema:

Neoliberalismus + Finanzialisierung

Bewusstsein für die Klimakrise

Die Klimakrise stellt die Stadtplanung vor neue Herausforderungen:

  • Wie sollen Städte mit Klimawandel umgehen?

  • Wie kann Stadtentwicklung ökologisch verträglich werden?

  • Wie können Ressourcen verteilt werden?

  • Wer trägt die Kosten?

  • Wie kann Stadtentwicklung langfristig funktionieren?

Pandemie

Auch die Pandemie stellt bestehende Vorstellungen von Stadt und Planung infrage.

Zum Beispiel:

  • Nutzung des öffentlichen Raums

  • Mobilität

  • Wohnen

  • Dichte

  • Gesundheit

  • soziale Infrastruktur

->entstehen immer neue gesellschaftliche Probleme, auf die Planung reagieren muss.

Deshalb steht später:

„und nun?“


—> Die gesellschaftliche Realität ist so komplex, dass möglicherweise verschiedene neue Planungsansätze notwendig sind.


—> Beim synoptischen Denken:

Es gibt ein Problem → wir analysieren es umfassend → wir finden eine rationale Lösung.

Hier dagegen:

Gesellschaft ist vielfältig, konfliktreich und veränderlich → deshalb gibt es unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Planungsansätze.




Konflikte sind inhärent zur Stadtentwicklung.

„Inhärent“ bedeutet hier:

Konflikte gehören grundsätzlich zur Stadtentwicklung dazu.

Also nicht:

Konflikte sind ein Fehler, den gute Planung beseitigen muss.

Sondern:

Unterschiedliche Interessen und Machtpositionen führen zwangsläufig zu Konflikten.


Das ist ein wichtiger Unterschied zur kommunikativen Planung.

Kommunikative Planung

vereinfacht:

Wir bringen unterschiedliche Gruppen zusammen und versuchen, gegenseitiges Verständnis und möglichst Konsens herzustellen.

Agonistische Planung

sagt:

Wir müssen nicht unbedingt Konsens herstellen. Konflikte können produktiv sein und sollen sichtbar gemacht werden.


Warum?

Die Folie sagt:

Konflikte entlarven (raumbezogene) Interessen und Machtpositionen.

Das ist entscheidend.

Stell dir beispielsweise eine Stadtfläche vor, auf der Wohnungen gebaut werden sollen.

Es gibt:

Investor → möchte wirtschaftlich bauen

Stadt → möchte Wohnraum schaffen

Anwohner → möchten vielleicht Freiraum erhalten

Mieterinitiativen → wollen bezahlbaren Wohnraum

Naturschutzgruppen → wollen Grünflächen erhalten

Es gibt also unterschiedliche Interessen.

Die agonistische Planung würde nicht so tun, als könnten diese Interessen einfach verschwinden.

Sie macht den Konflikt sichtbar und politisch verhandelbar.


„Planung wird als grundsätzlich politisch verstanden“

Das ist ein Satz, den du dir merken solltest.

Denn:

Wenn unterschiedliche Interessen miteinander konkurrieren, muss entschieden werden, welche Interessen wie berücksichtigt werden.

Damit ist Planung immer auch eine politische Tätigkeit.


Aber Achtung:

Die Folie sagt auch:

„doch in der Praxis vergleichbar mit kommunikativer Planung, obwohl ‚Macht‘ explizit gemacht wird“

Das bedeutet:

Die Vorgehensweise kann weiterhin ähnlich sein:

Akteure zusammenbringen → diskutieren → Interessen aushandeln

Der Unterschied liegt vor allem darin, dass:

kommunikative Planung

stärker auf Verständigung/Konsens setzt,

während

agonistische Planung

Konflikt, Macht und unterschiedliche Interessen ausdrücklich anerkennt.



„Rationale“ Planung vor dem 2. Weltkrieg

Hier kommt:

Le Corbusier – „Plan Macià“ für Barcelona, 1932

Das ist ein besonders radikales Beispiel moderner Stadtplanung.

Die bestehende Stadt wird nicht einfach nur schrittweise verändert.

Stattdessen wird eine umfassende neue räumliche Ordnung entworfen.


Das passt zur Rationalität:

Die Stadt soll nach bestimmten Prinzipien:

  • geordnet

  • funktional

  • effizient

  • systematisch

organisiert werden.


-Staatliche Steuerung und statistische Entwicklung

als Motor einer:

auf wissenschaftlichen Grundlagen basierenden Stadtplanung

Warum ist Statistik wichtig?

Weil man mit statistischen Daten versucht, die Stadt messbar zu machen.

Beispielsweise:

  • Bevölkerungsdichte

  • Bevölkerungsverteilung

  • Verkehrsströme

  • Nutzungen

  • räumliche Verteilung

Dadurch entsteht:

Wissen über die Stadt

und dieses Wissen kann wiederum Grundlage für Planung werden

-Kette:

Daten sammeln

→ analysieren

→ Stadt verstehen

→ Planungsentscheidung treffen


-wissenschaftliche rationalität und zonierung

„Zoning“ (land-uses, Funktionstrennung)

Also:

Zonierung = räumliche Trennung verschiedener Nutzungen

beispielsweise:

  • Wohnen

  • Arbeiten

  • Gewerbe

  • Verkehr

  • Erholung

werden räumlich getrennt.

—>Warum rational?

Die dahinterstehende Vorstellung lautet:

Wenn wir die unterschiedlichen Funktionen der Stadt erkennen und räumlich ordnen, können wir die Stadt effizienter organisieren.

Das ist typisch für das rationalistische Denken.





Rationalität = effiziente Stadtentwicklung

Rationalität: Effiziente Stadtentwicklung / Bebauung / Stadttechnik

Die Bilder zeigen wieder moderne, systematisch gedachte Stadtstrukturen.

Die zentrale Idee:

Stadt kann durch rationale Ordnung effizienter funktionieren.







– Naturwissenschaftliche Perspektive

Jetzt wird erklärt, wie Rationalität konkret gedacht wird.

Planung soll: rationalen, sachlichen, objektiven und wissenschaftlichen Kriterien genügen.

Rational nachvollziehbare „richtige“ Entscheidung

Hier entsteht eine wichtige Unterscheidung:

Nicht: gut / schlecht

sondern: richtig / falsch

Die Vorstellung ist: Wenn wir genügend objektives Wissen besitzen, können wir feststellen:

Welche Entscheidung ist sachlich richtig?

Befreiung von subjektiven Strukturen

Die Idee:

Menschen sollen nicht einfach aufgrund von:

  • Emotionen

  • Vorurteilen

  • subjektiven Vorstellungen

entscheiden.

Stattdessen sollen Entscheidungen: nachvollziehbar und plausibe sein.


Substanzielle und prozedurale Objektivität

Hier wird zwischen zwei Arten von Objektivität unterschieden.

1. Substanzielle Objektivität

Objektives Wissen durch das Zusammentragen verfügbarer Informationen und Fakten.

Frage: Ist das Wissen über die Rahmenbedingungen und Ziele objektiv und „richtig“?

Also: Wir versuchen herauszufinden: Was ist tatsächlich der Fall?

Beispiel:

  • Wie viele Menschen wohnen dort?

  • Wie viel Wohnraum gibt es?

  • Wie hoch ist die Verkehrsbelastung?

  • Wie groß ist die Fläche?

2. Prozedurale / formale Objektivität

Hier geht es um den: Entscheidungsprozess

Frage: Ist die Entscheidungsfindung objektiv?

Also nicht nur: „Sind unsere Daten richtig?“

sondern: „Haben wir aus diesen Informationen rational und nachvollziehbar entschieden?“

⭐ Unbedingt unterscheiden:

Substanzielle Objektivität → betrifft Wissen / Fakten / Inhalt

Prozedurale Objektivität → betrifft Entscheidungsverfahren / Prozess

Ziel

Die Entscheidungen sollen:

hinsichtlich ihrer möglichen Konsequenzen nachvollziehbar sein.

und: die richtige Entscheidung unter den gegebenen Umständen ermöglichen



Idealer Planungsprozess

Ziel-Mittel-Schema

Der Ausgangspunkt:

Gegenwart / Status quo

Das Ziel: Zukunft / gesellschaftliche Ziele

Dazwischen: Planung als Mittel zur Umsetzung

Also: Status quo—> Planung

gesellschaftlich gewünschte Zukunft

Planung als linearer, geschlossener Prozess

Das ist entscheidend. Beim synoptischen Modell denkt man:

Es gibt einen Ausgangspunkt und ein Ziel.

Dann geht man systematisch Schritt für Schritt dorthin.

Nicht ständig zurückspringen oder das gesamte Ziel verändern.

Demokratische Verankerung

Die Planung ist außerdem in die:

demokratische Staatsstruktur

eingebunden.

Auf kommunaler Ebene beispielsweise:

Gemeinderat

Folie 25 – Idealer Planungsprozess

Jetzt wird der Prozess in 10 Schritte aufgeteilt.

Das solltest du tatsächlich können.

1. Problemwahrnehmung

Es wird erkannt: Es gibt ein Problem.

2. Problemdefinition

Was genau ist das Problem?

3. Zielformulierung

Was wollen wir erreichen?

4. Beschaffung von Informationen

Welche Daten und Fakten benötigen wir?

5. Verarbeitung von Informationen

Die Informationen werden analysiert.

6. Entwicklung von Alternativen

Welche verschiedenen Lösungen gibt es?

7. Bewertung der Alternativen

Welche Alternative ist besser geeignet?

8. Auswahl einer Alternative

Man entscheidet sich für eine Lösung.

9. Vollzug

Die ausgewählte Lösung wird umgesetzt.

10. Erfolgskontrolle

Man überprüft:

Hat die Maßnahme funktioniert?

⭐ Das gesamte Modell als Kette

Problem

→ Problem definieren

→ Ziel festlegen

→ Informationen sammeln

→ Informationen analysieren

→ Alternativen entwickeln

→ Alternativen bewerten

→ beste Alternative auswählen

→ umsetzen

→ Erfolg kontrollieren

Das ist die klassische synoptische Planung.

Und das Wort synoptisch bedeutet: umfassend / einen Gesamtüberblick herstellend



– Kritik des Rationalismus: Begrenzte Rationalität

-> Mangelnde Praktikabilität


In der beobachtbaren, empirischen Realität scheitern synoptische Planungen regelmäßig.

Das bedeutet:

Das Problem ist nicht nur, dass eine umfassende Planung möglicherweise zu viel Macht konzentriert.

Es gibt auch ein ganz praktisches Problem:

Eine vollständige, umfassende und vollkommen rationale Planung ist in der Realität kaum umsetzbar.

Warum?

Weil die Realität viel zu komplex ist.

Man kann nicht:

  • alle Informationen kennen,

  • alle zukünftigen Entwicklungen vorhersehen,

  • alle möglichen Alternativen untersuchen,

  • alle Konsequenzen berechnen.



—>Bounded Rationality – begrenzte Rationalität

Hier kommt Herbert A. Simon ins Spiel.

Was bedeutet „Bounded Rationality“?

Wörtlich: begrenzte Rationalität

Aber ganz wichtig: Begrenzte Rationalität ≠ Irrationalität


Der Mensch versucht durchaus, rational zu handeln.

Aber seine Rationalität ist begrenzt. Zum Beispiel durch:

  • begrenzte Informationen

  • Kosten der Informationsbeschaffung

  • Unsicherheit

  • Ungewissheit

  • begrenzte Zeit

  • begrenzte menschliche Verarbeitungskapazität

Was macht man deshalb?

Entscheidungen werden durch Gliederung in überschaubare Teilprobleme in ihrer Komplexität reduziert.

Also nicht:

„Wir lösen die gesamte Stadtplanung auf einmal.“

Sondern:

Gesamtproblem

↓ zerlegen

kleinere Teilprobleme

↓ bearbeiten

Teilentscheidung

Und jetzt kommt etwas sehr Wichtiges:

Durch die Zerlegung können die:

Entscheidungsfolgen im Entscheidungsprozess rückgekoppelt werden.

Das ermöglicht:

adaptives Lernen

Also:

Entscheidung treffen

→ Wirkung beobachten

→ daraus lernen

→ nächste Entscheidung anpassen.

Das ist ein entscheidender Unterschied zur synoptischen Planung.

3. Synoptisch vs. begrenzte Rationalität

Synoptische Planung:

„Wir müssen möglichst alles wissen, bevor wir entscheiden.“

Bounded Rationality:

„Wir können nicht alles wissen. Deshalb bearbeiten wir überschaubare Probleme und lernen aus den Folgen.“

Das ist die theoretische Grundlage für den:

Inkrementalismus




1a vs. 1b – Ziele und Problembeschreibung

Synoptisch – 1a:

Umfassende Ermittlung von Werten und Zielformulierungen

Die Ziele werden möglichst klar formuliert.

Die Problembeschreibung kommt grundsätzlich vor der empirischen Untersuchung und politischen Alternativen.

Also: erst Ziele → dann Untersuchung

Inkrementalistisch – 1b:

Zusammenhang von Problembeschreibung und empirischer Analyse. Hier gehen: Ziele + Mittel Hand in Hand.

Warum?—> Weil man Ziele nicht immer unabhängig von den tatsächlich verfügbaren Mitteln bestimmen kann.

Außerdem: Zielkonflikte sind unvermeidbar.

Die Bedeutung einzelner Werte kann:

  • kontextabhängig

  • veränderlich

  • relativ sein.


2a vs. 2b – Verhältnis von Zielen und Mitteln

Synoptisch:

Zuerst Ziele, danach Mittel.

Ziel → Mittel

Inkrementalistisch:

Mittel und Ziele werden gleichzeitig festgelegt.

Das ist extrem wichtig. Denn manchmal merkt man erst durch die verfügbaren Mittel: welches Ziel überhaupt realistisch erreichbar ist.


3a vs. 3b – Test einer guten Politik

Synoptisch:

Man fragt: Wurden die Ziele erreicht?

und: Wurden die geeigneten Mittel gewählt?

Inkrementalistisch:

Man fragt ebenfalls: Wurden die Ziele erreicht?

Aber: Maßnahmen werden als Teil der Errungenschaften beschrieben. Also der Prozess selbst erzeugt schrittweise Ergebnisse.


Analyse

4a – Synoptisch:

Umfassende Analyse Alles „Wichtige“ soll einbezogen werden.

Außerdem: langfristige Ziele Das entspricht wieder der Vorstellung: möglichst vollständiges Wissen + langfristige Gesamtplanung.

4b – Inkrementalistisch:

Begrenzte Analyse

Die Analyse wird bewusst reduziert.

Man vergleicht beispielsweise: ähnliche bestehende Politiken

und untersucht hauptsächlich: die Unterschiede.

Das nennt Lindblom eine starke Vereinfachung.

Warum?

—> Weil eine vollständige Analyse praktisch unmöglich wäre.


Relevanz und Realismus

Der inkrementelle Ansatz fragt stärker: Was ist tatsächlich machbar?

Nicht: „Welche perfekte Lösung könnten wir theoretisch entwickeln?“

Sondern: „Welche Veränderung können wir unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich erreichen?“


„Maß an Vollständigkeit“

Hier kommt ein interessanter Punkt: In einem System mit verschiedenen Interessengruppen hat jedes Interesse seinen eigenen: „Wächter“

Das bedeutet: verschiedene Akteure achten auf unterschiedliche Interessen. Dadurch entsteht eine Art:

gegenseitige Kontrolle / Anpassung

Die Verhandlung unterschiedlicher Werte erhält dadurch einen:

inkrementellen Charakter.


5a vs. 5b

Synoptisch: „Theoretisch“

Der Politikprozess basiert auf: allgemeinen, abstrakten Grundsätzen.

Inkrementalistisch: Sukzessive Annäherung

Politik nähert sich schrittweise einem gewünschten Zustand.

Wichtig: Vergangene Politik liefert Hinweise auf die zu erwartenden Folgen.

Vergangenheit

→ Erfahrungen

→ nächste Entscheidung

→ neue Erfahrung

→ nächste Entscheidung

Dadurch:

  • werden Erwartungen im nächsten Schritt getestet

  • können Fehler schnell korrigiert werden

  • sind große Schritte nicht notwendig

⭐ Das ist die Stärke des Inkrementalismus:

Lernen durch schrittweises Handeln.



1. Definitive Formulierung ist unmöglich

Man kann ein gesellschaftliches Problem nicht endgültig und eindeutig definieren.

2. Kein Stop-Regel

Es gibt keinen eindeutigen Punkt, an dem man sagen kann:

„Jetzt ist das Problem endgültig gelöst.“

3. Lösungen sind nicht richtig/falsch

Sondern:

gut/schlecht

Warum?

Weil es um Wertentscheidungen geht.

4. Keine unmittelbare und endgültige Überprüfung

Man kann nicht sofort eindeutig feststellen:

„Diese Lösung war definitiv richtig.“

5. Nur ein Versuch

Für die Lösung eines wicked problem gibt es:

nur einen Versuch

Denn man kann gesellschaftliche Realität nicht einfach unter identischen Bedingungen zurücksetzen.

6. Unzählbare Mengen an potentiellen Lösungen

Es gibt nicht:

2 oder 3 exakt definierte Lösungen.

Es gibt viele mögliche Varianten.

7. Jedes Problem ist wesentlich einzigartig

Jedes gesellschaftliche Problem besitzt:

seinen eigenen Kontext.

8. Problem kann Symptom eines anderen Problems sein

Ein Problem kann wiederum durch ein anderes Problem verursacht werden.

9. Wahl der Erklärung bestimmt die Lösung

Wie man ein Problem interpretiert, beeinflusst:

welche Lösung man überhaupt entwickelt.

10. Der Planer hat kein Recht, unrecht zu haben

Das klingt zunächst komisch, ist aber wichtig.

Der Planer trägt Verantwortung für Entscheidungen, obwohl es bei Wicked Problems keine absolute Sicherheit gibt.

⭐ Die 10 Punkte als Lernformel

kein eindeutiges Problem

→ kein Stop

→ nicht richtig/falsch

→ nicht endgültig überprüfbar

→ nur ein Versuch

→ viele Lösungen

→ jedes Problem einzigartig

→ Problem kann Symptom sein

→ Definition beeinflusst Lösung

→ Planer trägt Verantwortung

Woher bezieht planerisches Handeln seine Legitimation?

-> einteilung in zwei kathegorien




A. Substanzlegitimation

Frage:

Was wird geplant?

bzw.

Wie ist der Eingriff inhaltlich zu rechtfertigen?

Die Planung soll:

  • fachtechnisch sinnvoll sein

  • erforderlich sein

  • dem Bedarf entsprechen

  • verhältnismäßig sein

  • dem Wohl der Allgemeinheit dienen

B. Prozesslegitimation

Frage:

Wie wurde geplant?

Das Verfahren soll:

  • repräsentativ-demokratisch legitimiert sein

  • Gleichbehandlung gewährleisten

  • nicht willkürlich sein

  • auf Neutralität der Planenden beruhen

  • Interessen berücksichtigen

  • Partizipation ermöglichen

Der entscheidende Unterschied:

Substanz = WAS wird entschieden?

Prozess = WIE wird entschieden?


Problem:

Berücksichtigung von Interessen, Partizipation → reicht für eine Demokratisierung?“

Denn:

Beteiligung allein bedeutet noch nicht automatisch demokratische Planung.

Warum?

Stell dir vor:

100 Menschen dürfen ihre Meinung sagen.

Aber am Ende entscheidet trotzdem jemand vollständig anders.

Dann gab es zwar:

Partizipation

aber die Frage bleibt:

Wie viel tatsächliche Mitwirkung hatten die Beteiligten?


Begriffe ergänzt

—> Substanzlegitimation

→ Rechenschaft: Planende bzw. politische Akteure müssen ihre Entscheidungen begründen können.

Prozesslegitimation

→ Kontrollinstanzen: Es muss Möglichkeiten geben, Entscheidungen zu überprüfen.

→ Transparenz: Der Entscheidungsprozess soll nachvollziehbar sein.

→ Mitwirkung: Betroffene bzw. Interessierte sollen beteiligt werden können.

Das bedeutet:

Legitime Planung benötigt nicht nur eine gute Entscheidung.

Sie braucht auch Strukturen, durch die nachvollziehbar und kontrollierbar ist:

wer entschieden hat, wie entschieden wurde und warum.



—> „Planung muss dem Gemeinwohl dienen.“

Aber:

Wer entscheidet, was Gemeinwohl ist?

->

Beispiel

Eine Stadt möchte ein großes Einkaufszentrum bauen.

Für manche bedeutet Gemeinwohl:

Arbeitsplätze + Steuereinnahmen + Versorgung.

Andere sagen:

Grünfläche erhalten + weniger Verkehr + kleine Geschäfte schützen.

Welche Definition ist nun:

„das Gemeinwohl“?

Genau hier beginnt die theoretische Problematik.











Phasenmodell (Albers) und Schichtenmodell (Selle)


-> ① Phasenmodell nach Albers

Hier wird Planung als:

Abfolge verschiedener Entwicklungsphasen

verstanden.

Auf der Folie erscheinen:

Anpassungsplanung

↓

Auffangplanung

↓

Entwicklungsplanung

↓

Perspektivplanung

Das bedeutet:

Die Planung entwickelt sich historisch von einer eher reaktiven Funktion hin zu stärker zukunftsorientierten Formen.

Anpassungsplanung

Planung reagiert auf bestehende Probleme.

Beispielsweise:

  • Mindeststandards

  • Brandschutz

  • Hygiene

  • Versorgung

  • Freiraumsicherung

Also:

Probleme bewältigen, die bereits vorhanden sind.

Auffangplanung

Planung fängt Entwicklungen auf, die bereits stattfinden.

Entwicklungsplanung

Planung versucht stärker:

zukünftige Entwicklungen aktiv zu gestalten.

Perspektivplanung

Jetzt geht es um:

langfristige Zukunftsperspektiven.

Also:

Wo soll sich die Gesellschaft bzw. Stadt langfristig hin entwickeln?

② Schichtenmodell nach Selle

Das ist etwas anderes.

Hier werden nicht einfach alte Phasen durch neue ersetzt.

Stattdessen:

Neue Formen von Planung lagern sich über ältere Formen.

Das ist mit dem Begriff:

Schichten

gemeint.

Das ist sehr wichtig!

Die Folie will zeigen:

Planung „schreitet“ nicht einfach linear von A nach B.

Alte Aufgaben verschwinden nicht vollständig.

Sie bleiben bestehen und werden durch neue Planungsformen ergänzt.

Beispiel:

Eine Stadt braucht weiterhin:

Brandschutz / Hygiene / Mindeststandards

aber gleichzeitig:

strategische Planung

und:

kooperative Prozesse

und:

Marktsteuerung

usw.

⭐ Unterschied:

Phasenmodell:

A → B → C → D

Schichtenmodell:

A bleibt bestehen + B kommt dazu + C kommt dazu + D kommt dazu.

Das ist ein sehr guter Klausurunterschied.





Planung als Projekt der Moderne

Jetzt kommt die Kritik am Fortschrittsgedanken.

Die Folie sagt:

Infolge des 1. und 2. Weltkriegs wird der Fortschrittsgedanke zunehmend infrage gestellt.

Besonders: ab den 1970er Jahren wird diese Kritik stärker.

Warum?

Die Moderne hatte stark an: Wissenschaft

→ Technik

→ Rationalität

→ Fortschritt

→ bessere Gesellschaft

geglaubt.

Aber die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zeigen:

Wissenschaft und Technik führen nicht automatisch zu einer besseren Gesellschaft. Technischer Fortschritt kann beispielsweise auch:

  • Zerstörung

  • Krieg

  • Herrschaft

  • Ausbeutung ermöglichen.

Hegel

Die Folie nennt Hegel: Fortschritt folgt Zwecken und Interessen.

Also: Fortschritt ist kein Naturprozess.

Und:Rückschritt ist ebenfalls möglich.

Das ist sehr wichtig.

Denn wenn Fortschritt kein Naturgesetz ist, kann man nicht einfach sagen: „Die Geschichte wird automatisch immer besser.“

Seit den 1970er Jahren

Die Folie verbindet die Kritik mit drei Strömungen:

Postmoderne

→ Kritik an der Moderne und damit auch an ihrem Fortschrittsprojekt.

Poststrukturalismus

→ Kritik an vermeintlichen:

Grundwahrheiten

Postkolonialismus

→ Kritik am: „Fortschrittsprojekt“ des globalen Nordens

insbesondere an der Vorstellung, dass der Entwicklungsweg des globalen Nordens universell für alle Gesellschaften gelten müsse.

Und jetzt schließt sich der Kreis zu Folie 13

Auf Folie 13 stand: „Wohl der Allgemeinheit → Wie wird das definiert?“

Später wurde daraus:

Gemeinwohl → Fortschritt

Aber dann wird zunehmend gefragt: Wer definiert Fortschritt?

Und: Warum soll genau dieser Entwicklungsweg der richtige sein?

Der Zusammenhang mit Legitimation

Die letzte Folie zeigt deshalb wieder:

Substanzlegitimation

Was geplant wird, muss:

  • fachtechnisch sinnvoll

  • erforderlich

  • verhältnismäßig

  • gemeinwohlorientiert

sein.

Aber jetzt steht:

„dient dem Wohl der Allgemeinheit → definiert durch Fortschritt (zunehmend in Frage gestellt)“

🔥 Das ist einer der wichtigsten Sätze der gesamten Vorlesung.

Denn ursprünglich:

Gemeinwohl = Fortschritt

Aber:

Was ist Fortschritt?

Wenn Fortschritt nicht objektiv definiert werden kann, wird auch die Berufung auf:

„Gemeinwohl“

problematisch.

Author

Kiana B.

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