Definition
= Injizierte Flüssigkeit läuft ins Gewebe statt ins Blutgefäß. Es ist entweder versehentlich direkt ins Gewebe injiziert worden oder aus einem Gefäß in das umliegende Gewebe ausgetreten.
Geschätzte Häufigkeit
bis 6,5% aller Gaben
Typische Zeichen einer Zytostatika-Paravasation
- Stichartige Schmerzen und Brennen an der Injektionsstelle, kein Kältegefühl
- Rötung
- Schwellung
- Widerstand bei der Injektion und Abnahme der Infusionsgeschwindigkeit
- Keine/Geringe Aspiration von Blut möglich
→ Symptome treten direkt nach Injektion
DIfferentialdiagnosen
- Thrombophlebitis (= Entzündung oder Thrombose oberflächlicher Venen)
- Lokale/Systemische Hypersensitivitätsreaktion (Erythem über Urtikaria bis zum anaphylaktischen Schock)
- Recall Phänomen (= Erneute Hautreaktion trotz jetzt korrekter Applikation)
-Sonnenbrand
Wirkstoff-Einteilung
1. Non Vesicans = Nicht gewebsschädigend = keine lokalen Reizungen/Schädigungen
→ Beispiele: Cytarabin, Etoposidphosphat, MTX
2. Irritans = Gewebsreizend = Kann Schmerzen verursachen, führt aber nur selten zu anhaltenden Entzündungen oder Gewebeschäden.
→ Beispiele: 5-FU, Pacli, Eto, Benda
3. Vesicans = Gewebsnekrotisierend = Rötung, Blasenbildung, Gewebsnekrose bis Amputation. Hier muss immer ein (plastischer) Chirurg konsultiert werden!
→ Beispiele: Anthrazykline, Vincaalkaloide, Cisplatin > 0,4mg/ml, Trabectedin
Präventionsmaßnahmen
- Patienten über typische Zeichen einer Zytostatika-Paravasation aufklären
- Gefäßzugang in Unterarmmitte legen
- Flexible Kanülen verwenden und diese sicher fixieren, Lage anschließend kontrollieren durch Aspiration bzw. Röntgenkontrolle (ZVK)
- Applikation in Ruhe
- Nachspülen nicht vergessen
- Vesikans möglichst zu Beginn einer Polychemotherapie
- Dauerinfusion oder Perfusor nur über ZVK
Allgemeine Maßnahmen
- Diagnose sicherstellen
- Sofort Injektion/Infusion stoppen, i.v. Zugang belassen, Spritze/Infusionsleitung sorgsam entfernen
- Paravasate Notfallset holen und Zytohandschuhe anziehen
- Paravasatgebiet mit dauerhaftem Stift markieren
- Mit einer 10ml Spritze möglichst viel aspirieren, dabei keinen Druck auf das Paravasate ausüben
- Kanüle/Port unter Aspiration entfernen
o Bei Vesicans + Port: Sofort Not-OP
o Bei Vesicans + Blasen mit Zytostatikainhalt: Mit Tuberkulinspritzen und kleiner Kanüle (G26) aspirieren. Bei jedem Aspirationsversuch neue Kanüle nehmen. Aspiriertes Volumen merken und später notieren.
- Extremität hochlagern und ruhigstellen
- Substanzspezifische Maßnahmen + ggf. Schmerzmittel
- Dokumentation
- Patientenaufklärung und Aufforderung zur Selbstbeobachtung/Wiederholte Kontrollen mit Dokumentation/Chirurgisches Konsil innerhalb von 3 Tagen
Trockene Kälte
→ Vasokonstriktion der Blutgefäße, verhindert weiteres Ausbreiten des Paravasats, verhindert Mazeration
- 4x täglich 15-20min lang für 1-2 Tage
Wirkstoffe: Arsentrioxid, Cabazitaxel, Cetuximab, Cisplatin (<0,4mg/ml), Cladribin, Docetaxel, (liposomales) Irinotecan, Nab-Paclitaxel, Streptozosin, Topotecan,
DMSO
= 99%ige Dimethylsulfoxid-Lösung = Radikalfänger
→ In Kombination mit trockener Kälte angewendet.
Anwendung: Alle 8h mit einem sterilen Watteträger ohne Druck lokal auftragen und an der Luft trocknen lassen für 7-14 Tage
Bei folgenden Wirkstoffen: Amsacrin, Cisplatin (<0,4mg/ml o. 20ml extravasales Volumen), Dactinomycin, 5- FU (unverdünnt, gr. Paravasat), Mitomycin, Mitoxantron (gr. Paravasat), Pentostatin (gr. Paravasat), Treosulfan (gr. Paravasat)
Hyaluronidase
→ Verbessert die Verteilung und Adsorption des Paravasats im Gewebe durch Auflösen von Bindegewebe
Anwendung: Sternförmige s.c. Umspritzung (5-7 Injektionen mit jeweils neuer Kanüle) des Paravasats mit 1500IE Hyaluronidase (1500IE/10ml NaCl 0,9%) - kann je FI unterschiedlich sein
NW: Kann brennende Schmerzen verursachen (lokale Analgesie mit Lidocain 1%)
Danach trockene Kälte: Paclitaxel (Anwenung Hyaluronidase kein Muss!)
Danach trockene Wärme: Brentuximab Vedotin, Polatuzumab Vedotin, Vincaalkaloide
Trockene Wärme: Vasodilatation der Blutgefäße, sodass Paravasat schneller übers Blut aus dem Gewebe abtransportiert wird, verhindert Mazeration
→ Anwendung: 4x täglich 15-20min lang für 1-2 Tage
Savene
= Dexrazoxan = EDTA-Analogon und Topoisomerase-2-Hemmer
→ Angewandt in Kombi mit trockener Kälte bei Anthrazyklinen
Anwendung: 3 Gaben an Tag 1-3, Dosis nach KOF
Tag 1: 1000mg/m² i.v. über 1-2h in andere Stelle als Paravasat (vorher 15min kühlen; max. 6h nach Paravasat sonst stattdessen DMSO)
Tag 2: 1000mg/m²
Tag 3: 500mg/m²
Paravasat-Behandlung: Spezialfälle
Dacarbazin: Paravasat vor Licht schützen
Oxaliplatin: Keine Kälte, nicht mit Kochsalz spülen
Chirurgische Therapie
Bei Vesicans-Wirkstoffen
Bei beginnenden Nekrosen oder Kompartment-Syndrom
Bei anhaltenden/zunehmenden Schmerzen
Bei Versagen konservativer Therapien
→ SWOP(Saline wash out procedere): Meist nur an versierten Zentren durchgeführt und bei Port-Paravasaten
Antibiotische Therapie
→ Bei großflächigen Paravasaten mit viel Substanzverlust oder großflächiger Blasenbildung
Wirkstoffe: Clindamycin/Amoxicillin
Was ist im Paravasate-Notfallkoffer
- Einmalspritzen + Kanülen
- Warm-Kompressen
- Mulltupfer/-kompressen
- Stift + Maßband
- Zytostatika-Handschuhe
- Antidote (Savene, DMSO)
- Dokumentationsunterlagen
- Tabelle allgemeine + substanzspezifische Maßnahmen
→ Kühlschrank: Kältekompressen, Hyaluronidase-Ampullen
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