Epistemologisch / Epistemologie
Die Erkenntnistheorie betreffend.
Sie beschäftigt sich mit der frage, wie und unter welchen Bedingungen Wissen über die Realität zusatnde kommt und begründet werden kann.
Ontologisch / Ontologie
Die Seinslehre betreffend.
Sie befasst sich mit der Frage nach der Beschaffenheit und der tatsächlichen Existenz der Wirklichkeit (z.B.: Existiert “die Gesellschaft“ als eigenständiges Ding?)
Paradigma
Ein grundlegendes theoretisches Denkmodell, eine Denkschule oder eine dominierende wissenschaftliche Weltsicht, die in einer bestimmten Zeit den Rahmen für Forschung vorgibt.
Postulieren
Etwas theoretisch notwendig, wahr oder gegeben voraussetzen; eine Behauptung oder These aufstellen, die als Grundlage für die weitere Argumentation dient.
Methodologischer Individualismus
Ein Forschungsgrundsatz (z.B. im Weberschen oder Rational-Choice-Ansatz), der besagt, dass alle gesellschaftlichen (Makro-) Phänomene letztendlich auf das handeln einzelner Individuen zurückgeführt und erklärt werden müssen.
Reduktionistisch / Reduktionismus
Der methodische Versuch, komplexe Phänomene vollständig durch ihre einfachsten Bestandteile zu erklären(z.B. Soziologie auf Psychologie oder Biologie zu reduzieren)
Makrostrukturell / Makroebene
Bezieht sich auf die übergeordnete Ebene der Gesamtgesellschaft oder großer sozialer Gebilde (z.B. Institutionen, Normsysteme, Kulturen).
Mikroebene / Mikrosoziologie
Bezieht sich auf die unterste Ebene sozialer Prozesse, also die Ebene der einzelnen Akteure (Individuen) und deren unmittelbare Interaktionen.
Kausal / Kausalität
Einen ursächlichen Zusammenhang betreffend (das Prinzip von Ursache und Wirkung)
Abwärtskausalität (Downward Causation)
Die Annahme, dass übergeordnete Strukturen (das Makrophänomen) eine ursächliche, verändernde oder einschränkende Wirkung auf die einzelnen Teile (die Mikroebene/Individuen) ausüben.
Aggregation
Die bloße Anhäufung oder Summierung von Einzelteilen (z. B. vielen individuellen Entscheidungen) zu einem kollektiven Gesamtergebnis.
Determinieren
Etwas zwingend festlegen, vorherbestimmen oder bedingen. Ein vollständiger Determinismus ließe dem Individuum keinen freien Willen mehr.
Agency (Handlungsmacht / Handlungsfähigkeit)
Das Vermögen von Individuen oder Gruppen, innerhalb von (oder trotz) gesellschaftlichen Strukturen eigenständig, reflexiv und zielgerichtet zu handeln.
Sui generis (lat. “eigener Art“)
Ein Phänomen, das einzigartig ist, für sich selbst steht und nicht aus etwas anderem abgeleitet oder darauf reduziert werden kann (bei Durkheim: die Gesellschaft als Realität sui generis)
Soziale Tatbestände (faits sociaux)
Nach Émile Durkheim kollektive Gegebenheit (wie Recht, Sitte, Sprache), die außerhalb des Individuums existieren und einen zwingenden Einfluss auf dessen Handeln ausüben.
Kollektive Representationen
Ein von Durkheim geprägter Begriff für geteilte Werte, Mythen, Symbole und Überzeugungen, die den sozialen Zusammenhalt einer Gruppe stiften und das Denken prägen.
Autopoiesis / Autopoietisch (Aus dem Griechischen: “Selbsterschaffung“)
Ein zentraler Begriff der Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Er besagt, dass sich soziale Systeme aus ihren eigenen Elementen (Kommunikationen) heraus immer wieder selbst neu produzieren und erhalten.
Operativ geschlossen
Ein Merkmal autopoietischer Systeme. Das System reagiert zwar auf Störungen aus der Umwelt, bestimmt seine internen Abläufe, Strukturen und Bedeutungen aber ausschließlich nach seinen eigenen, inneren Regeln.
Kritischer Realismus
Eine wissenschaftstheoretische Position (geprägt von Roy Bhaskar), die davon ausgeht, dass eine von unserer Wahrnehmung unabhängige Realität existiert - einschließlich sozialer Strukturen, die zwar oft unsichtbar sind, aber messbar Wirkungen entfalten.
Analytischer Dualismus
Ein methodischer Kunstgriff im Kritischen Realismus (Margaret Archer). Er trennt Struktur und Handlung (Agency) gedanklich streng voneinander, um untersuchen zu können, wie sie sich im Zeitverlauf gegenseitig beeinflussen.
Morphogenetischer Ansatz
Archers Theorie zur Erklärung des sozialen Wandels. Er beschreibt einen Zyklus: Bestehende Strukturen prägen das Handeln der Individuen; durch dieses Handeln werden die Strukturen in einem nächsten Schritt entweder reproduziert (Morphostase) oder verändert (Morphogenese).
Analytische Soziologie
Eine Strömung, die gesellschaftliche Phänomene präuise erklären will, indem man sie die konkreten sozialen Mechanismen und Netzwerke identifiziert, die individuelle Handlungen auf der Mikroebene zu Makroeffekten transformieren.
Epistemische (oder schwache) Emergenz
Die Annahme der Analytischen Soziologie, das Phänomene oft nur deshalb als “emergent“ und rätselhaft erscheinen, weil wir die komplexen Interaktionen, die sie hervorbringen, noch nicht vollständig durchschaut haben.
Makro-Mikro-Makro-Modell (Colemansche Badewanne)
Ein Erklärungsmodell, das dasrstellt, wie eine Ausgangssituation auf der Makroebene die Bedingungen für das Individuum auf der Makroebene die Bedingungen für das Individuum auf der Mikroebene setzt (Logik der Situation) und wie sich diese Handlungen zu einem neuen Makrophänomen zusammenfügen (Logik der Aggregation)
Emergenz (allgemein) (lat. emergere: “auftauchen“, “hervortreten“)
Das Phänomen, dass ein komplexes System Eigenschaften aufweist, die seine isolierten Bestandteile nicht besitzen,
Starke Emergenz
Die ontologische Position, dass emergente Makrostrukturen eine vollkommen eigenständige Realität bilden, sich prinzipiell nicht auf die Mikroebene reduzieren lassen und eine eigenständige abwärtsgerichtete KAusalität (Downward Causation) entfalten (vertreten z.B. im Kritischen Realismus)
Beispiel:
Beispiel aus der Makrosoziologie (Émile Durkheim): Die Konstanz von Suizidraten. Durkheim demonstrierte empirisch, dass die Selbstmordrate einer Gesellschaft Eigenschaften aufweist, die unabhängig von den individuellen psychologischen Motiven der Betroffenen existieren. Die gesellschaftliche Integrations- und Regulationsdichte (etwa der Grad der Anomie) zwingt sich dem Individuum als sozialer Tatbestand (fait social) auf und strukturiert die Wahrscheinlichkeit individuellen Handelns.
Beispiel aus der Systemtheorie (Niklas Luhmann): Das Wirtschafts- oder Rechtssystem. Die Operationen des Rechts (Kommunikationen über Recht/Unrecht) emergieren zwar historisch aus individuellen Sprechakten, verselbstständigen sich aber zu einem autopoietischen, operativ geschlossenen System. Kein menschliches Bewusstsein kann die Evolution dieses Systems direkt steuern; stattdessen zwingt das emergente System den Individuen (bzw. psychischen Systemen) seine binäre Codierung auf, wenn diese rechtlich relevante Handlungen vollziehen wollen.
Schwache (epistemische) Emergenz
Die Annahme, dass das Makrophänomen lediglich aufgrund unserer noch unzureichenden analytischen Modelle und Rechenkapazitäten überraschend wirkt, ontologisch aber vollständig auf die Interaktion der Mikroteile rückfhürbar ist (vertreten in der Analytischen Soziologie).
Beispiel der Analytischen Soziologie: Das Schelling-Modell der residentiellen Segregation. Individuen treffen auf der Mikroebene Entscheidungen basierend auf einer sehr schwachen, toleranten Präferenz (z. B. "Ich möchte lediglich, dass ein Drittel meiner Nachbarn denselben ethnischen oder sozialen Hintergrund hat wie ich"). Obwohl absolut kein Akteur eine vollständige Trennung der Gruppen beabsichtigt, führt die nicht-lineare Aggregation dieser Mikrokalküle (und die Kettenreaktionen bei Umzügen) auf der Makroebene zu einer strikten Ghettoisierung. Das resultierende Makrophänomen wirkt emergent, lässt sich durch die Rekonstruktion des sozialen Mechanismus aber restlos entmystifizieren.
Beispiel aus der Wirtschaftssoziologie: Eine Finanzpanik oder ein Bank Run. Jeder Akteur handelt auf der Mikroebene aus individueller Rationalität (Sicherung der eigenen Einlagen). Erst die Aggregation dieser isolierten, rationalen Entscheidungen führt zum Kollaps des Bankensystems auf der Makroebene – ein unintendierter, systemischer Effekt, der auf purem methodologischen Individualismus basiert.
System (soziologisch)
Sinnzusammenhang, der sich durch spezifische Operationen von seinen Umwelt abgrenzt.
Umwelt (systemtheoretisch)
Alles, was nicht Teil des operativ geschlossenen Systems ist; stets komplexer als das System
Kommunikation (als Systemoperation)
Bei Luhmann: dreistellige Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen; Element sozialer Systeme.
Psychische Systeme
Das individuelle Bewusstsein; operieren autopietisch aus Basis von Gedanken
Biologische Systeme
Organisch-körperliche Ebene (Stoffwechsel, Neurobiologie); ebenfalls Umwelt der Gesellschaft.
Intransparenz
Innere Abläufe komplexer Systeme sind von außen nicht vollständig einsehbar/steuerbar.
Segregation (lat. segregare: “absondern“)
Räumliche/ soziale Entmischung von Bevölkerungsgruppen
Schelling-Modell
Formales Modell: schwache individuelle Präferenzen führen als Aggregationseffekt zu fast vollständiger Wohnsegregation
Sozialer Mechanismus
Schrittweise Benennung des kausalen “Zahnradwerks“, das erklärt, wie A zu B führt (vs. bloße Korrelation)
Transformationsregeln
Institutionelle Rahmenbedingungen (Wahlsysteme, Marktgesetze), die definieren, wie sich Handlungen zum Makro-ERgebnis aufsummieren.
Korrelation (lat. correlatio: “Wechselbeziehung“)
Statistisch messbarer Zusammenhang
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