Was unterscheidet Epos, Lyrik und Drama als klassische literarische Gattungen?
Epik: Erzählt von Ereignissen und Figuren. Typisch sind Erzähler, Handlung und erzählte Welt. → z. B. Roman, Novelle, Epos
Lyrik: Verdichtet Sprache und Ausdruck; häufig mit Rhythmus, Klang, Vers und lyrischem Ich. → z. B. Gedicht, Ode, Sonett
Dramatik: Ist grundsätzlich für die Darstellung auf der Bühne angelegt und entwickelt Handlung vor allem durch Figurenrede und szenisches Geschehen. → z. B. Tragödie, Komödie
Die Grenzen sind allerdings nicht immer scharf: Moderne und ältere Literatur kombiniert häufig verschiedene Formen.
Was ist eine Tragödie?
Eine Tragödie ist eine dramatische Form, in der eine ernste Konflikt- und Handlungssituation auf eine katastrophale oder zumindest tiefgreifende Lösung zuläuft.
In der antiken griechischen Tragödie stehen häufig Konflikte zwischen Mensch, Göttern, Schicksal, Familie und gesellschaftlicher Ordnung im Zentrum.
Aristoteles beschreibt in seiner Poetik die Tragödie als Darstellung einer bedeutenden Handlung, die beim Publikum insbesondere Furcht und Mitleid hervorruft und zu einer Katharsis führt.
Was bedeutet Katharsis bei Aristoteles?
Katharsis wird in der Poetik im Zusammenhang mit der Wirkung der Tragödie beschrieben: Die Tragödie soll durch die Darstellung von Furcht und Mitleid eine bestimmte Form der „Reinigung“, Klärung oder Verarbeitung dieser Affekte bewirken.
Was Aristoteles mit katharsis genau meint, ist allerdings bis heute umstritten. Es gibt keine völlig unumstrittene Übersetzung oder Interpretation
Was kennzeichnet die Aufklärung als literarische Epoche?
Die Literatur der Aufklärung ist stark von Vernunft, Kritik an Autoritäten, individueller Selbstbestimmung und Bildung geprägt.
Ein berühmtes Ideal formuliert Immanuel Kant 1784:
„Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
In der Literatur entstehen unter anderem Formen, die Leserinnen und Leser moralisch, politisch oder gesellschaftlich zur selbstständigen Urteilsbildung anregen.
Ein wichtiges Beispiel im deutschen Sprachraum ist Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“.
Was kennzeichnet Sturm und Drang?
Sturm und Drang bezeichnet eine literarische Bewegung der etwa 1760er bis 1780er Jahre, die sich gegen eine als zu rationalistisch und regelgebunden empfundene Literaturauffassung richtet.
Typische Motive sind:
Gefühl und Leidenschaft
Individualität
Natur
Genie und schöpferische Freiheit
Konflikt mit gesellschaftlichen Normen
Rebellion gegen Autoritäten
Ein Schlüsselwerk ist Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774).
Was ist mit Weimarer Klassik gemeint?
Die Weimarer Klassik bezeichnet eine literarisch-kulturelle Epoche bzw. Konstellation um Goethe und Schiller, insbesondere in ihrer Weimarer Zeit.
Ein zentrales Ideal ist die Harmonie von Vernunft und Gefühl, Freiheit und Ordnung, Individuum und Gemeinschaft.
Dabei spielt die Auseinandersetzung mit der Antike eine große Rolle.
Wichtige Werke sind beispielsweise:
Goethes Iphigenie auf Tauris
Goethes Faust
Schillers Maria Stuart
Schillers Wilhelm Tell
Was ist ein Bildungsroman?
Ein Bildungsroman erzählt die Entwicklung einer Persönlichkeit über einen längeren Zeitraum.
Im Zentrum steht häufig ein junger Mensch, der sich mit sich selbst, anderen Menschen und der Gesellschaft auseinandersetzt und dabei seine Identität entwickelt.
Das klassische deutsche Beispiel ist Goethes:
„Wilhelm Meisters Lehrjahre“
Auch wenn die Entwicklung nicht immer harmonisch verläuft, steht die Frage im Zentrum:
Wie wird ein Mensch zu dem Menschen, der er ist?
Was ist der Unterschied zwischen Roman und Novelle?
Der Roman ist eine umfangreiche epische Form, die meist mehrere Figuren, Handlungsstränge und Entwicklungsebenen umfassen kann.
Die Novelle ist deutlich konzentrierter. Typisch sind:
eine relativ überschaubare Handlung
eine außergewöhnliche oder konfliktreiche Begebenheit
straffe Komposition
häufig ein zentrales Motiv oder Dingsymbol
Goethes Novelle, Storms Der Schimmelreiter und Kellers Kleider machen Leute sind bekannte Beispiele aus der deutschsprachigen Literatur.
Was ist ein unzuverlässiger Erzähler?
Ein unzuverlässiger Erzähler vermittelt eine Geschichte so, dass Leserinnen und Leser seinen Darstellungen nicht vollständig vertrauen können.
Das kann beispielsweise daran liegen, dass er:
bewusst lügt,
sich selbst täuscht,
Informationen nicht versteht,
Dinge falsch erinnert,
oder die Ereignisse nur aus seiner begrenzten Perspektive kennt.
Ein berühmtes Beispiel ist der Ich-Erzähler in Vladimir Nabokovs „Lolita“.
Entscheidend ist dabei die Differenz zwischen Erzählstimme und rekonstruierbarer Wirklichkeit.
Was ist ein Leitmotiv und was ist ein Symbol?
Ein Leitmotiv ist ein wiederkehrendes inhaltliches, sprachliches oder bildliches Element, das verschiedene Stellen eines Werkes miteinander verbindet.
Ein Symbol ist ein konkretes Zeichen oder Bild, das über seine unmittelbare Bedeutung hinaus auf etwas Abstrakteres verweist.
Beispiel: In Kafkas „Die Verwandlung“ ist Gregor Samsas Verwandlung in einen Käfer nicht einfach nur ein fantastisches Handlungselement. Sie kann im Zusammenhang des Werkes etwa Fragen von Entfremdung, Familie, Arbeit und menschlichem Wert sichtbar machen.
Wichtig: Ein Symbol besitzt nicht zwangsläufig eine einzige „richtige“ Bedeutung. Literarische Interpretation untersucht gerade die verschiedenen Bedeutungszusammenhänge.
Gilgamesch-Epos
Unbekannter Verfasser · Mesopotamien · ca. 2. Jahrtausend v. Chr.
König Gilgamesch verliert seinen Freund Enkidu und begibt sich auf die Suche nach Unsterblichkeit. Er muss erkennen, dass der Tod zum Menschsein gehört.
Themen: Freundschaft, Sterblichkeit, Sinn des Lebens
Ilias
Homer zugeschrieben · ca. 8. Jh. v. Chr.
Im Trojanischen Krieg zieht sich der Krieger Achilleus nach einem Streit aus dem Kampf zurück. Der Zorn des Helden und seine Folgen stehen im Mittelpunkt.
Themen: Zorn, Ehre, Krieg, Schicksal
Odyssee
Odysseus irrt nach dem Trojanischen Krieg zehn Jahre über das Meer, begegnet Ungeheuern und Göttern und versucht, nach Hause zu seiner Frau Penelope zurückzukehren.
Themen: Heimkehr, List, Treue, Abenteuer
König Ödipus
Sophokles · 5. Jh. v. Chr.
Ödipus versucht, eine Seuche in Theben aufzuklären. Dabei entdeckt er, dass er unwissentlich seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hat.
Themen: Schicksal, Schuld, Erkenntnis
Die göttliche Komödie
Dante Alighieri · ca. 1307–1321
Dante reist durch Hölle, Läuterungsberg und Paradies. Die Reise wird zu einer Suche nach Erkenntnis, Erlösung und der göttlichen Ordnung.
Themen: Sünde, Erlösung, Jenseits, Moral
Don Quijote
Miguel de Cervantes · Teil I 1605, Teil II 1615
Ein Mann hält sich für einen Ritter und zieht mit seinem Knappen Sancho Panza aus, um Abenteuer zu erleben. Dabei prallen seine idealisierte Fantasiewelt und die Wirklichkeit aufeinander.
Themen: Idealismus, Wirklichkeit, Wahnsinn, Humor
Hamlet
William Shakespeare · um 1600
Prinz Hamlet erfährt vom Geist seines Vaters, dass dieser ermordet wurde. Er ringt mit der Frage, wie er Rache üben soll – und ob er überhaupt handeln kann.
Themen: Rache, Zweifel, Tod, Handeln
Faust
Johann Wolfgang von Goethe · Teil I 1808, Teil II 1832
Der Gelehrte Faust schließt einen Pakt mit Mephisto, weil ihn sein Wissen nicht erfüllt. Sein Streben nach Erfahrung und Erfüllung führt zu tragischen Folgen, besonders für Gretchen.
Themen: Erkenntnisdrang, Verführung, Verantwortung
Frankenstein
Mary Shelley · 1818
Victor Frankenstein erschafft künstliches Leben, weist sein Geschöpf jedoch zurück. Die einsame Kreatur sucht Zugehörigkeit und wird zunehmend von Rache bestimmt.
Themen: Wissenschaft, Verantwortung, Ausgrenzung
Stolz und Vorurteil
Jane Austen · 1813
Elizabeth Bennet und Mr. Darcy beurteilen einander zunächst falsch. Durch Begegnungen und Selbsterkenntnis überwinden sie ihre Vorurteile.
Themen: Liebe, Klasse, Geschlechterrollen, Vorurteile
Les Miserables
Victor Hugo · 1862
Der ehemalige Sträfling Jean Valjean versucht, ein neues Leben zu führen. Dabei gerät er in Konflikt mit einer Gesellschaft, die Armut und Gesetzesbruch hart bestraft.
Themen: Gerechtigkeit, Armut, Gnade, soziale Ungleichheit
Schuld und Sühne
Fjodor Dostojewski · 1866
Der verarmte Student Raskolnikow ermordet eine Pfandleiherin und versucht, seine Tat ideologisch zu rechtfertigen. Schuld, Angst und Gewissen treiben ihn in eine psychische Krise.
Themen: Schuld, Moral, Gewissen, Verantwortung
Die Verwandlung
Franz Kafka · 1915
Gregor Samsa wacht eines Morgens als ungeheures Ungeziefer auf. Seine Familie wendet sich zunehmend von ihm ab, während er seine Rolle als Ernährer verliert.
Themen: Entfremdung, Familie, Ausgrenzung, Identität
1984
George Orwell · 1949
Winston Smith lebt in einem totalitären Staat, der Gedanken überwacht, Sprache kontrolliert und die Vergangenheit manipuliert. Sein Versuch, sich der Herrschaft zu widersetzen, scheitert.
Themen: Überwachung, Propaganda, Macht, Freiheit
Der kleine Prinz
Antoine de Saint-Exupéry · 1943
Ein kleiner Prinz reist von Planet zu Planet und begegnet sonderbaren Erwachsenen. Durch seine Freundschaft mit einem Fuchs entdeckt er, was Liebe und Verantwortung bedeuten.
Themen: Freundschaft, Liebe, Verantwortung, Lebenssinn
Alles zerfällt
Chinua Achebe · 1958
Der Roman erzählt vom Leben Okonkwos in einer Igbo-Gemeinschaft im heutigen Nigeria. Die Ankunft der britischen Kolonialmacht und christlicher Missionare verändert die Gesellschaft grundlegend.
Themen: Kolonialismus, Kultur, Tradition, Wandel
Hundert Jahre Einsamkeit
Gabriel García Márquez · 1967
Über mehrere Generationen verfolgt der Roman das Schicksal der Familie Buendía in der erfundenen Stadt Macondo. Geschichte, Erinnerung und fantastische Ereignisse verschränken sich miteinander.
Themen: Familie, Zeit, Einsamkeit, Geschichte
Zuletzt geändertvor 6 Tagen