1 Lern- und Leistungsstörungen
1.1) Erläutern Sie, wie im pädagogischen Kreislauf ein Teufelskreis der Lernstörung vermieden werden kann.
Nach einer schwachen Leistung reagiert die Umwelt (Lehrkräfte, Eltern) mit Verständnis, indem hilfreiche Instruktionen und passende Methoden angewendet oder auch realistische Erwartungen geäußert werden. Dies kann die Basis für künftig bessere Leistungen sein.
1.2) Bringen Sie die Begriffe Underachiever und Overachiever mit den Begriffen Fähigkeit und Leistung in Beziehung.
Underachiever: bessere Fähigkeit; schwächere Leistung
Overachiever: schwächere Fähigkeit; bessere Leistung
1.3) Ein Lernender erzielt in Mathematik durchgängig schwache Noten. Benennen Sie Erklärungen, die Sie hierfür geben können.
Das hat nichts mit purem Desinteresse an der Mathematik oder mit Faulheit zu tun. Das Erlernen arithmetischer Inhalte kann durch die Beeinträchtigung verschiedener kognitiver Faktoren gestört sein.
2 Störungen des Sozialverhaltens, der Kommunikation und Persönlichkeitsstörungen
2.1) Erklären Sie, was unter „Disziplin“ zu verstehen ist. Gehen Sie dabei auf die Etymologie des Wortes ein.
disciplina“ (lat.) bedeutet Lehre, Unterweisung, Bildung, Fach und Gehorsam, Zucht.
Disziplin ist eine Grundvoraussetzung, damit es zu Lernprozessen seitens der Schülerin oder des Schülers kommen kann.
2.2) Erläutern Sie, was unter Bullying verstanden wird.
Unter Bullying wird ein aggressives Verhalten gefasst, bei dem ein(e) Schüler(in) wiederholt und über einen längeren Zeitraum den schädigenden Handlungen von Mitschüler(inne)n ausgesetzt ist.
3 Tägliche Belastungen im Schulalltag – ein Fallbeispiel
Ausgangssituation (Studienbrief 5 SPK, S. 28)
Original-Ton einer Lehrerin einer achten Jahrgangsstufe:
„Es wird immer versucht, die Verantwortung auf andere abzuschieben. Das reicht bis ins Elternhaus hinein. Ein Beispiel: Es ist schon fast eine Selbstverständlichkeit geworden, dass die meisten Schüler ihren Müll einfach auf den Boden fallen lassen. Eine Schülerin hatte ihr Heft nicht dabei; sie schrieb nicht mit, und ihre Jacke lag vor ihr auf dem Tisch. Deswegen habe ich sie ermahnt, dass sie auf einem Blatt Papier mitschreiben sollte. Ein anderer Schüler sagte dann, dass die Schülerin eine Mandarine esse, die sie hinter der Jacke versteckt halte und dass sie die Schalen auf den Boden geworfen habe. Die Schülerin behauptete, die Schalen seien nicht von ihr. Da diese schon vertrocknet waren, habe ich ihr geglaubt, sie aber aufgefordert, sie trotzdem aufzuräumen. Da es bei uns einen Schülerputzdienst gibt, der am Ende der sechsten Stunde putzt, hätten bestimmt schon andere Schüler Müll von ihr aufgeräumt. Ich sagte zu ihr, dass ich möchte, dass sie die Schalen aufhebt, wenn ich sie darum bitte. Daraufhin wurde sie sehr aggressiv, und es kam zu einer Auseinandersetzung. Dann gab ich ihr einen Verweis, weil sie sich ganz massiv meiner Anweisung widersetzt hat. Als die Schülerin behauptete, ich würde sie mobben und ‚auf dem Kieker haben‘, ging ich einfach aus dem Klassenzimmer. In der nächsten Stunde hat sie sich entschuldigt. Daraufhin habe ich sie aufgefordert, darüber nachzudenken, was sie eigentlich gesagt und mir unterstellt hatte. Wenn die Schüler persönlich werden, dann trifft mich das immer. Das Gute bei uns im Kollegium ist, dass wir miteinander reden. Das ist nicht überall so. Für jemanden, der neu da ist oder Probleme hat, ist es sehr schwierig, wenn er nicht im Kollegium darüber reden kann. Schon das Wissen, dass sich die Schüler auch bei anderen Lehrern so aufführen, ist beruhigend und hilft einem“ (Kiel et al., 2011, S. 82).
3.1) Beschreiben Sie, mit welchen Schwierigkeiten die Lehrkraft konfrontiert wird.
Eine Schülerin widersetzt sich der Aufforderung, Mandarinenschalen vom Boden aufzuheben, wobei unklar ist, ob die Schalen von ihr stammen. Die Schülerin reagiert zunehmend aggressiv und wirft der Lehrkraft Mobbing vor.
3.2) Betrachten Sie den Fall noch einmal, indem Sie den Diagnosebogen einbeziehen. Beschreiben Sie, wie die beschriebene Situation aus Ihrer Sicht interpretiert werden kann.
Bitte beachten Sie: Allein auf Basis der beschriebenen Situationen können die Unterrichtsstörungen kaum abschließend interpretiert werden, da einige Angaben fehlen bzw. Kontextbedingungen oder auch vorausgehende Vorfälle nicht klar erkennbar sind. Es handelt sich an dieser Stelle entsprechend um mögliche Lösungsräume.
Formen von Störungen
• Disziplinstörung (Regeln werden nicht eingehalten)
• Provokation und Aggression
Ebene, auf der die Störung als solche definiert wird
• Lehrkraft
• Beeinträchtigung des Lehr-Lern-Prozesses (Lehrkraft verlässt Klassenzimmer)
Störungsrichtung
• Schüler(in) – Lehrer(in)
• Schüler(in) – Norm
Störungsfolgen
• Unterbrechung, andere Folgen (z. B. auf das Klima in der Klasse) nicht klar erkennbar ...
Mögliche Ursachen
Denkbar: Langeweile, pubertäres Verhalten, Einfluss durch Peergroup, mangelndes Durchsetzungsvermögen der Lehrkraft, geringe Zusammenarbeit im Kollegium ...
3.3) Interpretieren Sie das Verhalten der Schülerin unter Berücksichtigung der Reaktanztheorie, die im Folgenden erläutert wurde.
Im Umfeld der Schule sind im Sinne der Reaktanztheorie relativ viele „Freiheiten“ durch Regeln beschränkt. Ganz allgemein wird die Freiheit der Schülerin bzw. des Schülers durch die Schulpflicht eingeschränkt.
Die Schülerin zeigt in der Situation oppositionelles Verhalten (Aggression gegen Lehrkraft), da ihr Handlungsspielraum eingeschränkt wird (Aufforderung zum Aufheben der Mandarinenschalen).
3.4) Bewerten Sie das Verhalten der Lehrerin.
Die Lehrerin entscheidet sich für eine Bestrafung (Verweis) und versucht so, die Situation zu beenden. Der Widerstand der Schülerin wird geweckt, woraufhin die Lehrerin die Klasse verlässt. Der Konflikt wird durch die Bestrafung eher verschärft als gelöst. Die Lehrerin riskiert, dass sich die Beziehung zwischen ihr und der Schülerin verschlechtert. Sie versucht zwar einerseits, konsequent auf die Einhaltung von Regeln zu drängen, jedoch um den Preis, dass eine Fortführung des Unterrichts kaum mehr möglich erscheint.
3.5) Beschreiben Sie die Handlungsoptionen, welche die Lehrerin vor dem Hintergrund der Theorie „Freiheit in Grenzen“ hat, die im Folgenden erläutert wurde?
Das Konzept „Freiheit in Grenzen“ ist im Sinne einer erzieherischen Grundhaltung auch auf das Verhältnis Lehrerin – Schülerin anwendbar. Es geht darum, der Schülerin sowohl hohe Wertschätzung entgegenzubringen und Eigenständigkeit zuzulassen als auch klare Grenzen zu ziehen.
Hohe Wertschätzung: Einzelgespräch außerhalb des Unterrichts, kooperative Strategien etc.
Hohes Maß an Fordern und Grenzen setzen: gegebenenfalls Tadel, Androhung von Konsequenzen, Hinweis auf Regeln etc.
Hohes Maß am Gewähren von Eigenständigkeit: selbstgesteuertes Lernen ermöglichen, demokratische Klassenführung etc.
3.6) Überlegen Sie, wie eine wirksame Intervention im beschriebenen Fall aussehen kann.
Lehrer(innen) zentrierte Strategien bei akuten Vorfällen, jeweils in Abhängigkeit von der Schwere der Störung, zum Beispiel durch:
Nonverbale Signale
Bewusstes Ignorieren
Direkte Aufforderung an die Schülerin, das unerwünschte Verhalten nicht zu zeigen
Tadeln, Androhung von Strafe
Hinweis auf Regeln
Sitzordnung ändern
Klasse oder einzelne Schülerin nach möglichen Lösungen fragen
Arbeiten mit Anreizen
Einzelgespräch außerhalb des Unterrichts
Kooperative Strategien (im Vordergrund stehen kollektive, also die Klasse betreffende Probleme und kollektiv ausgerichtete Strategien der Problemlösung):
Konfliktlösungsgespräche (bilateral)
Kooperative Verhaltensänderung (u.a. den Konflikt zum Thema eines Klassengesprächs machen)
Konstruktives Konfliktgespräch nach Gordon („Lehrer-Schüler-Konferenz“)
Elterngespräch über den Konflikt
Gegebenenfalls Schulpsychologen/Schulsozialarbeit hinzuziehen
3.7) Wie können Lehrkräfte, Kollegium oder Schulgemeinschaft präventiv vorbeugen? Sammeln Sie weitere Möglichkeiten der Prävention.
Lehrperson:
Grundsätze des Klassenmanagements beachten, z.B. breite Aktivierung, Vorbereitung von Unterrichtsabläufen, Unterrichtsfluss herstellen, Abwechslung
Regeln gemeinsam festlegen
Meta-Kommunikation bei starken Störungen
Schule/Kollegium:
Regeln, Schulvertrag, Schulklima, Schulentwicklung
4 Umgang mit problematischem Verhalten von Schülerinnen und Schülern sowie problematischen Situationen
Beispiel:
„In der Berufsfachschule sollen die Auszubildenden sich paarweise zusammenschließen, um zu üben, einen Verband anzulegen. Die Gruppen bilden sich schnell, am Ende ist noch ein Auszubildender übrig, der verloren auf seinem Platz sitzt und auch keine Initiative gezeigt hat, eine Gruppe zu bilden. Dennis ist ein eher zurückhaltender Schüler. Die Lehrerin sagt zu Dennis: ‚Sag mal, hast du Angst mit den anderen zusammenzuarbeiten? Geh rüber zu Gizem und Anna, ihr macht einfach zu dritt eine Gruppe.‘“
2. Das Schema aus Tabelle 4.1: Vier Münder und vier Ohren (Studienbrief 5, S. 41)
Aspekt
beim Sender als Mund
beim Empfänger als Ohr
Sachinhalt
Worüber ich inhaltlich informiere
Was ich inhaltlich von dir erfahre
Selbstoffenbarung
Wie es mir geht, was ich fühle, denke oder will
Wie es dir geht, was mit dir los ist
Beziehung
Was ich von dir halte
Wie ich mich behandelt fühle
Appell
Was ich von dir erwarte
Was du von mir erwartest
3. Die Tabelle 4.2 aus dem Studienbrief (S. 42)
In Tabelle 4.2 wird analysiert, wie Dennis die vorherige Aussage der Lehrerin verstanden hat:
beim Sender als Mund (die Lehrerin)
beim Empfänger als Ohr (Dennis)
Die Mitschülerinnen beißen dich nicht. Sie sind bereit, eine Gruppe mit dir zu bilden.
Sie glaubt wohl, dass ich Angst vor den Mitschülerinnen habe.
Mich ärgert dein Verhalten. Zieh dich nicht immer zurück.
Die Lehrerin merkt wohl gar nicht, wie unangenehm es mir ist, mit den Mitschülerinnen zusammen zu sein.
Du gehst mir auf die Nerven.
Die Lehrerin mag mich nicht. Das nervt mich.
Mach jetzt gefälligst mit!
Ich soll ohne Widerrede in die Gruppe.
4.1) Betrachten Sie das Beispiel, das in Tabelle 4.2 schematisiert wird. Dennis antwortet auf die Frage der Lehrerin, ob er Angst habe, dass die Mitschülerinnen zusammenzuarbeiten, mit der Aussage: „Ich habe Kopfschmerzen.“ Was könnten nach dem Muster aus Tabelle 4.1 die vier Münder von Dennis wohl sagen?
hier vier Möglichkeiten:
Sachaspekt: Bevor ich mit Mädchen in die Gruppe gehe, mach ich lieber gar nichts.
Selbstoffenbarungsaspekt: Es ist mir lästig, ich habe dazu keine Lust.
Beziehungsaspekt: Wenn meine Lehrerin mich nicht verstehen will, dann bin ich trotzig.
Appellaspekt: Lassen Sie mich endlich in Ruhe!
Zuletzt geändertvor 8 Tagen