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by Yanik M.

HiTOP



Hierarchisches Modell

HiTOP geht davon aus, dass psychische Störungen auf kontinuierlichen Dimensionen organisiert sind und sich Symptome zu übergeordneten Spektren bündeln. Transdiagnostische Ansätze greifen diese Logik auf, indem sie diagnoseübergreifende emotionale Prozesse adressieren, etwa folgende 6 Spektren:

  1. Internalisierend/Negative Affektivität (Distress/Fear) Negative Emotionen: Angst, Sorgen, Depression, Traurigkeit

    Unter negativer Affektivität wird eine Neigung zu unangemessenem, intensivem und häufigem Erleben negativer Emotionen zusammengefasst, die emotionale Labilität und schlechte Emotionsregulation, negative Einstellungen sowie ein grundsätzliches Misstrauen, geringes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein einschliesst

  2. Disinhibition (Enthemmung)

    Schwierigkeiten mit Selbstkontrolle und Planung

    Die Enthemmtheit umschreibt impulsives, ablenkbares und risikofreudiges Verhalten, wobei Entscheidungen von Verantwortungslosigkeit, Rücksichtslosigkeit und einem mangelnden Planungsvermögen geprägt sind

  3. Antagonismus

    Feindseligkeit, Rücksichtslosigkeit, Manipulation, Aggressivität

    wenn soziale Interaktionen von Selbstbezogenheit und Mangel an Empathie geprägt sind, was mit der Nichtbeachtung der Rechte anderer Menschen in Verbindung steht. Dissozialität zeigt sich zudem häufig in einer Kombination von manipulativem, feindseligem und gefühllosem Verhalten gegenüber andere

  4. Thought Disorder (Denkstörung)

    Ungewöhnliche Wahrnehmungen, bizarre Gedankeninhalte

    Die Domäne Psychotizismus bezeichnet eine formal und inhaltlich ungewöhnliche und seltsam exzentrische Art des Denkens und Handelns

  5. Detachment (Verschlossenheit/Distanziertheit)

    Soziale und emotionale Rückzugstendenzen

  6. Somatoform

    Körperliche Beschwerden ohne ausreichende medizinische Erklärung

Subfaktoren sind: Sexuelle Probleme, angst, Stress, Manie…

Fragebögen: PID5BF+ (Auswertung)


HiTOP ersetzt kategoriale Diagnosen durch kontinuierliche Dimensionen psychischer Merkmale. Diese dimensionalen Beschreibungen sind klinisch informativer als klassische Diagnosen, da sie näher an der Symptomebene ansetzen und Unterschiede im Schweregrad besser abbilden können. Dadurch geht weniger Information verloren als bei der reinen Entscheidung „Diagnose ja oder nein“.

Ein weiteres zentrales Problem der traditionellen Nosologie sind die willkürlichen Kategoriengrenzen. Feste Schwellenwerte führen dazu, dass Personen mit ausgeprägter, aber knapp unter der Schwelle liegender Symptomatik häufig aus dem Diagnosesystem herausfallen oder als subthreshold gelten. Dies wiederum begünstigt unspezifische NOS- bzw. NNB-Diagnosen. HiTOP reduziert dieses Problem, indem es psychische Symptome als kontinuierlich verteilt betrachtet.

Auch das Phänomen der Komorbidität spielt eine zentrale Rolle. In ICD und DSM treten viele Diagnosen gemeinsam auf, was häufig als diagnostisches Problem gesehen wird. HiTOP interpretiert Komorbidität hingegen als Hinweis auf übergeordnete psychopathologische Dimensionen, die mehrere Störungen zugleich erklären. Untergeordnete Überschneidungen einzelner Diagnosen lassen sich so auf höhere Ebenen der Hierarchie zurückführen.


Symptom ⟶ Syndrom ⟶ Spectra ⟶ Superspectra

Dominantes Spektrum - Zentrale Subdimensionen


iterativen Hypothesenbildung (IHT)


abei lernen die Studierenden, Verdachtsdiagnosen schrittweise zu formulieren, gezielt nach bestätigenden und widerlegenden Symptomen zu suchen und so Diagnosen systematisch zu überprüfen. Dieser Prozess umfasst vier Phasen:

(1) Sammlung vielfältiger Informationen mithilfe offener Fragen und Gesprächstechniken,

(2) Bildung erster Hypothesen,

(3) gezieltes Überprüfen durch weitere Fragen sowie Anwendung von Expertenwissen, und

(4) die Festlegung auf eine vorläufige Diagnose einschließlich Differenzialdiagnosen, Zusatzuntersuchungen und Therapieplanung.

Im Vergleich dazu wird beim IHT der Fokus Primär auf persönliche Geschichten, Ressourcen und Erleben des Patienten gerichtet. Durch offene Fragen, die zum Erzählen anregen sollen, werden vielfältige Informationen gesammelt, woraus eine generierte Hypothese abgeleitet wird. Der Ansatz fördert eine gute Arzt-Patient-Beziehung und verbessert die Erfassung komplexer Störungsbilder wie Suizid. Die tiefe Analyse geht über die Kriterienerfüllung hinaus und kann die Grundlagen für das Störungsbild besser erfassen. Jedoch besteht die Gefahr, dass durch das offene Fragen, wichtige diagnostische Kriterien übersehen werden können, was zu Unvollständigkeit führen kann. Ebenfalls setzt es Erfahrung voraus und erfordert die Fähigkeit, schnell Hypothesen zu bilden und zu prüfen.


Die Ergebnisse zeigten, dass beide Gruppen die Hauptdiagnose Major Depression korrekt erkannten. Die IHT-Gruppe schnitt jedoch bei klinisch wichtigen Zusatzaspekten besser ab: Sie erkannte häufiger akute Eigengefährdung, diagnostizierte mehr komorbide Störungen und fragte insgesamt mehr diagnostische Kriterien ab.

Hier zeigt sich die besondere Relevanz von Strategien wie dem IHT, das eine systematische Verdichtung von Informationen zu überprüfbaren Hypothesen ermöglicht. Der Prozess des hypothesengeleiteten Fragens vergrößert die Datenbasis und führt zu fundierteren diagnostischen Entscheidungen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass IHT die diagnostische Kompetenz insbesondere im Hinblick auf komorbide Störungen und psychiatrische Notfälle verbessert, ohne jedoch das reine Faktenwissen zu erhöhen.

OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik)

Die OPD ist ein psychodynamisch / tiefenpsychologisch fundiertes Diagnosesystem. Im Unterschied zu ICD oder DSM dient sie nicht primär der Klassifikation, sondern dem klinischen Verständnis, der Behandlungsplanung und der Therapieindikation.

Sie ergänzt die kategoriale Diagnose durch eine mehrdimensionale, prozessorientierte Beschreibung.

Die 5 Achsen der OPD

Achse 1: Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen

Diese Achse beschreibt, wie Patient:innen ihre Erkrankung subjektiv erleben und welche Voraussetzungen sie für eine psychotherapeutische Behandlung mitbringen.

Zentrale Fragen sind:

  • Wie wird die Krankheit wahrgenommen und erklärt?

  • Welche Erwartungen bestehen an Behandlung und Therapeut:in?

  • Wie hoch sind Motivation, Leidensdruck und Veränderungsbereitschaft?

  • Gibt es Ressourcen oder Hindernisse (z. B. Abwehr, externalisierende Haltungen)?

➡️ Diese Achse ist besonders wichtig für Therapieplanung und Prognose.

Achse 2: Beziehung

Hier geht es um das typische Beziehungserleben und -verhalten der Patient:innen.

Untersucht werden:

  • wiederkehrende Beziehungsmuster

  • typische Interaktionsdynamiken

  • konkrete Beziehungsepisoden aus der Biografie

  • das aktuelle Beziehungsgeschehen zwischen Therapeut:in und Patient:in

Ein zentrales Konzept ist dabei die Übertragung und Gegenübertragung.

➡️ Die Achse hilft zu verstehen, wie Beziehungsschwierigkeiten psychische Symptome mitaufrechterhalten.

Achse 3: Konflikt

Diese Achse beschreibt unbewusste, lebensbestimmende innere Konflikte, die das Erleben und Verhalten strukturieren.

Typische Konfliktpaare sind z. B.:

  • Individuation vs. Abhängigkeit

  • Unterwerfung vs. Kontrolle

  • Selbstwertkonflikt

  • Versorgungs- vs. Autarkiekonflikt

Diese Konflikte können:

  • aktiv oder passiv ausgelebt

  • überkompensiert oder vermieden sein

➡️ Die Konfliktachse beantwortet die Frage: „Worum geht es innerlich immer wieder?“

Achse 4: Struktur

Die Strukturachse beschreibt das psychische Funktionsniveau, also wie stabil und integriert das psychische System arbeitet.

Beurteilt werden u. a.:

  • Selbstwahrnehmung

  • Objektwahrnehmung (Wahrnehmung anderer)

  • Selbstregulation (Affekte, Impulse)

  • Bindungsfähigkeit

  • Kommunikation nach außen

Es geht um den Grad der Ich-Integration, nicht um Inhalte.

➡️ Diese Achse ist entscheidend für:

  • Wahl des Therapieverfahrens

  • Therapierahmen

  • Intensität und Struktur der Behandlung

Achse 5: Psychische und psychosomatische Störungen

Hier erfolgt die klassifikatorische Diagnose nach ICD oder DSM.

Zentrale Frage:

  • Welche Störung steht aktuell klinisch im Vordergrund?

➡️ Diese Achse stellt die Anschlussfähigkeit an das Gesundheitssystem sicher, ist aber nicht leitend für das psychodynamische Fallverständnis.

Einordnung im Vergleich zu ICD / HiTOP / AMDP

  • ICD/DSM: Was liegt vor? (Klassifikation)

  • AMDP: Wie zeigt es sich psychopathologisch?

  • OPD: Warum und wie funktioniert es psychodynamisch?

  • HiTOP: Wo liegt es dimensional im Spektrum?


Gedanken-Stop

Gedanken-Stop ist eine Technik, um wiederkehrende oder belastende Gedanken bewusst zu unterbrechen. Ziel ist es, Kontrolle über störende Gedanken zu gewinnen und sie nicht unkontrolliert weiterlaufen zu lassen.

Schrittweise Instruktion:

  1. Gedanken identifizieren: Der Patient erkennt einen wiederkehrenden oder störenden Gedanken.

  2. Gedanken bewusst auslösen: Der Gedanke wird absichtlich „heraufbeschworen“, um ihn trainierbar zu machen.

  3. Stopp-Signal setzen: Therapeut oder Patient sagt laut „Stopp!“, klatscht, ruft oder visualisiert ein Stoppschild – alles, was das bewusste Unterbrechen des Gedankens unterstützt.

  4. Aufmerksamkeit umlenken: Direkt danach wird die Aufmerksamkeit gezielt auf neutrale oder alternative Gedanken gelenkt, z. B. Entspannungsbilder oder rationale Gedanken.

  5. Inneres Anwenden: Später wird die Technik ohne äußere Hilfsmittel im Kopf angewendet – man „stoppt“ den Gedanken innerlich.

Wirkung und Hinweise:

  • Studien zeigen, dass reines Unterdrücken von Gedanken oft das Gegenteil bewirkt – sogenannte Rebound-Effekte (z. B. „white bear effect“: je mehr man einen Gedanken unterdrückt, desto häufiger taucht er auf).

  • Deshalb wird Gedanken-Stop heute meist kombiniert mit anderen Methoden angewendet:

    • Kognitive Umstrukturierung: Den Gedanken hinterfragen und realistischer bewerten

    • Achtsamkeit: Gedanken beobachten ohne zu urteilen

    • Exposition: Sich gezielt angstauslösenden Situationen aussetzen

  • Kurzfristig kann Gedanken-Stop helfen, Kontrolle und Distanz zu gewinnen.

  • Langfristig ist die Evidenz für eine dauerhafte Reduktion von Zwangsgedanken oder Ängsten geringer, wenn die Technik allein angewendet wird.


Therapie ASSIP

ASSIP ist eine manualisierte Kurztherapie für Menschen nach einem Suizidversuch. Sie umfasst drei bis vier Sitzungen sowie einen regelmäßigen brieflichen Kontakt über zwei Jahre.

ASSIP vereint Elemente aus:

  • Handlungstheorie (Verstehen des suizidalen Handelns als zielgerichteten Prozess),

  • Bindungstheorie (stabile therapeutische Beziehung),

  • Kognitiver Verhaltenstherapie (Analyse, Prävention, Bewältigungsstrategien).

Zielsetzung

  • ASSIP ist kein Ersatz für eine längerfristige Psychotherapie,

  • sondern ein spezifisches, niedrigschwelliges Angebot zur:

    • Klärung der individuellen Hintergründe des Suizidversuchs,

    • Entwicklung konkreter Maßnahmen zur Vorbeugung weiterer suizidaler Krisen.

Aufbau der Kurztherapie

  • 3 Sitzungen (in Studien), strukturiertes Vorgehen

  • Zentrale Inhalte:

    • narrative Rekonstruktion des Suizidversuchs,

    • Identifikation persönlicher Warnzeichen,

    • Entwicklung individueller Sicherheitsstrategien,

    • schriftliche Vereinbarung von Bewältigungsschritten.

  • Anschließend: regelmäßige, personalisierte Briefe über 24 Monate zur Aufrechterhaltung der therapeutischen Beziehung.

Empirische Evidenz (Gysin-Maillart et al., 2016)

Kontrollierte Studie – Zentrale Ergebnisse

  • Deutliche Reduktion wiederholter Suizidversuche im Vergleich zur Kontrollbedingung.

  • Während des Follow-ups:

    • Je 1 Todesfall pro Gruppe

    • 5 Suizidversuche in der ASSIP-Gruppe

    • 41 Suizidversuche in der Kontrollgruppe

  • Risikoreduktion für erneute Suizidversuche um ca. 80 %

  • ASSIP-Teilnehmer:innen verbrachten 72 % weniger Tage in stationärer Behandlung während des Follow-ups.

Zentrale therapeutische Differenzierung

ASSIP arbeitet explizit mit der Unterscheidung zwischen:

  • Reasons for Living (RFL) – Gründe zu leben

  • Reasons for Dying (RFD) – Gründe zu sterben

Ergebnis: Nach ASSIP zeigt sich eine deutliche Abnahme der Reasons for Dying, signifikant stärker als in der Kontrollgruppe. → Ziel ist nicht primär „mehr Lebensgründe“, sondern eine Reduktion suizidaler Motivationen.

Author

Yanik M.

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