Nachrichtenauswahl und Nachrichtenwert
In der Welt geschehen täglich so viele Ereignisse, dass niemand über alles berichten und niemand alle Informationen konsumieren könnte.
Diese grundlegende Begrenzung gilt unabhängig davon, wie leistungsfähig Medien sind.
Der bekannte Satz von Niklas Luhmann
„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien“ (1996)
relativiert diese Annahme nicht.
Er macht deutlich, dass Medien zentral für unsere Wirklichkeitswahrnehmung sind, hebt aber die Notwendigkeit von Selektion und Filterung nicht auf.
Medien erfüllen deshalb eine wichtige Funktion: Sie helfen Menschen, Komplexität zu reduzieren, und zwar in Bezug auf:
die Menge von Informationen (Quantität),
die Vielschichtigkeit von Informationen (Komplexität),
sowie deren Bedeutung und Relevanz (Qualität).
Trotzdem bleibt jede Medienberichterstattung notwendigerweise selektiv.
Nachrichtenauswahl und das G-U-N-Prinzip
Sowohl die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (2002) als auch der Deutscher Presserat(2006) benennen bei den Grundsätzen der Nachrichtenauswahl das sogenannte G-U-N-Prinzip.
Dieses Prinzip beschreibt zentrale Nachrichtenfaktoren, die darüber entscheiden, ob ein Ereignis zur Nachricht wird oder nicht.
Ein Ereignis besitzt Gesprächswert, wenn:
darüber gesprochen wird,
diskutiert wird,
man sich darüber ärgert oder freut.
Ein hoher Gesprächswert liegt insbesondere dann vor, wenn folgende Faktoren zutreffen:
Außergewöhnlichkeit: Alltägliches ist keine Nachricht. Klassiker: „Hund beißt Mann“ → keine Nachricht „Mann beißt Hund“ → Nachricht
Personenbezug: Über bekannte Personen wird häufiger berichtet. Handlungen prominenter Personen haben einen höheren Nachrichtenwert als identische Handlungen unbekannter Personen.
Negativität „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.“ Je dramatischer oder schlimmer ein Ereignis, desto wahrscheinlicher wird darüber berichtet.
Nähe: Vor allem geografische Nähe erhöht den Nachrichtenwert. Ereignisse im eigenen Umfeld interessieren stärker als räumlich entfernte Geschehnisse.
Auch der Unterhaltungswert eines Ereignisses beeinflusst dessen Nachrichtenwert.
Ein Ereignis gilt als besonders nachrichtenwürdig, wenn es:
einen Bezug zur eigenen Lebenswelt hat,
überrascht,
verblüfft oder amüsiert.
Dabei spielt die Nähe zu:
eigenen Wünschen,
Sehnsüchten,
Alltagserfahrungen eine entscheidende Rolle.
Sogenannte Boulevardthemen (z. B. Sex and Crime) erzielen besonders hohe Aufmerksamkeit und sind vor allem für Medien wichtig, die stark vom Kioskverkauf abhängig sind.
Ein Ereignis wird umso eher zur Nachricht, je:
unerwarteter
und ungewöhnlicher es eintritt.
Ein überraschendes Ereignis besitzt einen höheren Nachrichtenwert als routinemäßige oder regelmäßig stattfindende Ereignisse. Beispiel: Der Rücktritt einer Ministerin ist nachrichtenwürdiger als eine regelmäßig stattfindende Pressekonferenz.
Nachrichtenfaktoren als Steuerungssystem
Unstrittig ist:
Nachrichtenfaktoren sind das Steuerungssystem journalistischer Redaktionen.
Sie fungieren als:
Code für Relevanz
und Code für Ignoranz.
In den vergangenen Jahren haben sich in diesem Bereich wesentliche Veränderungen vollzogen.
Journalisten berichten immer über:
etwas, das bereits geschehen ist, oder
etwas, das live passiert.
Andere Möglichkeiten existieren nicht.
Die zentrale Leitfrage lautet daher:
Warum berichten Journalisten über bestimmte Ereignisse – und über andere nicht?
Eine einzelne wissenschaftliche Annahme, die diese Frage vollständig und eindeutig beantwortet, existiert nicht.
Nachrichtenwertforschung
Seit Mitte der 1960er-Jahre hat sich in Europa ein kontinuierlich arbeitendes Forschungsfeld etabliert, das sich mit:
journalistischer Nachrichtenauswahl
und später auch mit der Nachrichtenrezeption durch Leser und Zuschauer beschäftigt.
Dieses Forschungsfeld ist die kommunikationswissenschaftliche Nachrichtenwertforschung.
Innerhalb der Kommunikationswissenschaft werden mehrere Forschungsrichtungen unterschieden (u. a. Ruhrmann; Kunczik & Zipfel):
Gatekeeperforschung (u. a. White; Gieber; Shoemaker & Reese) → untersucht individuelle und organisationale Selektionsentscheidungen
Nachrichtenwertforschung (u. a. Ruhrmann et al.) → analysiert Merkmale von Ereignissen, die Nachrichtenwert erzeugen
News-Bias-Forschung (u. a. Etterman; Kepplinger) → beschäftigt sich mit systematischen Verzerrungen in der Berichterstattung
Framing-Ansatz (u. a. Scheufele) → untersucht Deutungsrahmen und Interpretationsmuster in Medieninhalten
2.1 Gatekeeper- und Nachrichtenwertforschung
Die Gatekeeper-Forschung entstand in den USA und stellt zunächst den Journalisten als handelnde Person in den Mittelpunkt der Analyse.
Gefragt wurde, wie und nach welchen Kriterien Journalisten entscheiden, welche Informationen veröffentlicht werden und welche nicht.
Die theoretische Grundlage lieferten sozialpsychologische Studien von Kurt Lewin.
Lewin untersuchte das Einkaufsverhalten von Hausfrauen und stellte die Frage: Was kommt in den Einkaufswagen – und was nicht?
Diese Fragestellung wurde 1949 von David Manning White auf den Journalismus übertragen.
White untersuchte eine kleine US-amerikanische Zeitungsredaktion und analysierte, welche Meldungen aus dem Fernschreiber vom Nachrichtenredakteur:
ausgewählt
oder verworfen wurden.
Den untersuchten Journalisten nannte White „Mr. Gate“, in Anlehnung an den Begriff des Gatekeepers(Türhüter/Pförtner).
Zentrale Annahme dieses Ansatzes:
Die Nachrichtenauswahl erfolgt auf Basis subjektiver, individueller Kriterien.
Der Journalist entscheidet weitgehend allein.
Andere Einflussfaktoren werden ausgeblendet.
Dieser Ansatz wird deshalb auch als Persönlichkeitsansatz bezeichnet. Er basiert auf einer einseitigen Persönlichkeitspsychologie, nach der der
„Journalist mehr oder weniger allein arbeitet“ (Bonfadelli & Wyss, 1998).
Erweiterung: Sozialpsychologische und organisationale Perspektiven
In späteren Gatekeeper-Studien erkannte man, dass diese Sichtweise zu kurz greift. Die Nachrichtenauswahl wird nicht nur individuell bestimmt, sondern auch durch:
sozialpsychologische Faktoren → der Journalist als Träger einer Berufsrolle
soziologische Faktoren → Strukturen und Funktionen der Gesamtredaktion
Ein wichtiger Vertreter dieser Weiterentwicklung ist Warren Breed.
Breed zeigte, dass Journalisten im Verlauf ihrer beruflichen Sozialisation:
redaktionelle Normen,
Werte,
Blattlinie,
Blattpolitik erlernen und übernehmen (Breed, 1955).
Weitere Studien (u. a. Pamela Shoemaker & Reese) machten deutlich, dass die Nachrichtenauswahl außerdem beeinflusst wird durch:
handwerkliche Kriterien,
Produktionszwänge (Zeitdruck, Platzmangel, Redaktionsschluss),
politische und ideologische Orientierungen,
redaktionelle Gruppennormen,
Wertorientierungen der Berufsgruppe.
Diese organisationstheoretische Perspektive berücksichtigt, dass Gatekeeper keine isolierten Individuen, sondern in bürokratisch organisierte Institutionen eingebunden sind (Bonfadelli & Wyss, 1998).
Redaktionelle Routinen und Entscheidungsprogramme
Die Soziologin Gaye Tuchman entwickelte den institutionellen Ansatz weiter zur Theorie der redaktionellen Entscheidungsprogramme bzw. Routinen.
Für den deutschsprachigen Raum griff Ulrich Saxer diesen Gedanken auf.
Grundannahme: Die Nachrichtenauswahl erfolgt mehrstufig und routinisiert:
Strukturelle Vorselektion
Zugänglichkeit der Informationsquellen
Beschaffungsaufwand
Zeit- und Platzmangel → Einschränkung der Menge berichtenswerter Themen
Ressort- und Rubrikenzuordnung
Themen werden bestimmten Ressorts zugewiesen
Nachrichtenwertprüfung
Informationen müssen journalistischen Kriterien genügen
sie müssen Nachrichtenwerte verkörpern (Bonfadelli & Wyss, 1998)
➡️ An diesem Punkt setzt die Nachrichtenwertforschung an und untersucht die Merkmale von Ereignissen, über die berichtet wird.
Der kybernetische Ansatz
Der kybernetische Ansatz betrachtet Medien nicht primär als redaktionelle Organisationen, sondern als Unternehmen, die um ihr Überleben kämpfen.
Ein Medium wird hier verstanden als:
geschlossene Organisation,
funktionierend wie ein Organismus,
evolutionsfähig,
ständig gezwungen, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen.
Zentrale Annahme:
Nachrichtenselektion dient der Systemstabilisierung.
Jedes Medium handelt aus einem Überlebenstrieb heraus.
Nachrichtenauswahl wird abhängig von:
Zielgruppen,
Marktbedingungen,
wirtschaftlichem Erfolg.
Beispiel Zeitung:
Eine Zeitung muss ihre Zielgruppe zufriedenstellen, um Auflage, Einnahmen und damit ihr eigenes Überleben zu sichern.
Auch individuelle Interessen spielen hinein:
Mitarbeiter wollen ihren Arbeitsplatz sichern oder verbessern.
Sie handeln im Sinne des Unternehmens, um dessen Erfolg zu steigern.
➡️ Die Folge ist eine variable Nachrichtenauswahl:
Themen, die früher aussortiert wurden, können später relevant werden,
weil sich Lesergewohnheiten verändern.
Im Hörfunk zeigt sich der kybernetische Ansatz besonders deutlich:
Morgens und mittags werden selten „harte Themen“ gesendet.
Ziel:
Hörer nicht zu schockieren,
Umschalten zu vermeiden,
Einschaltquoten stabil zu halten,
Werbepreise zu sichern.
➡️ Der Zeitpunkt der Nachrichtenübermittlung wirkt hier systemstabilisierend.
Verantwortung wird weder:
dem Individuum,
noch der Gesellschaft zugeschrieben.
Entscheidende Rolle spielen:
Systemlogiken,
Produktionsroutinen,
Gruppen,
Anpassung an Umweltbedingungen.
Eine der ersten Forscherinnen dieses Ansatzes war Gertrude Joch Robinson.
Der integrative Ansatz (Shoemaker)
Die Abbildung zeigt die chronologische Entwicklung der Gatekeeper- und Nachrichtenwertforschung und mündet im integrativen Ansatz.
Historische Wurzeln → Kurt Lewin (1951)
Individualistischer Ansatz → David Manning White (1950)
Institutioneller Ansatz → Warren Breed (1955) → Walter Gieber (1956)
Kybernetischer Ansatz → Gertrude Joch Robinson (1980)
Diese Ansätze werden im integrativen Ansatz von Pamela Shoemaker (1991) zusammengeführt.
Der integrative Ansatz geht davon aus, dass Nachrichtenauswahl nur erklärbar ist, wenn man alle Ebenen gemeinsam betrachtet:
individuelle Faktoren (Journalisten),
organisationale Strukturen,
institutionelle Routinen,
systemische und ökonomische Bedingungen.
➡️ Nachrichtenselektion ist somit kein eindimensionaler Prozess, sondern das Ergebnis mehrerer ineinandergreifender Einflussfaktoren.
2.2 Die Entwicklung der Nachrichtenwerttheorie (mit Tabellen/Abbildungen)
Der Grundgedanke der heutigen Nachrichtenwerttheorie geht auf Walter Lippmann (1922) zurück.
Er argumentiert, dass es wegen der Komplexität der Umwelt unmöglich ist, durch Nachrichten ein direktes Abbild der Wirklichkeit zu vermitteln („All the reporters… could not witness all the happenings…“).
Daraus folgt die praktische Notwendigkeit, Informationskomplexität zu reduzieren: Nur ein Bruchteil der weltweiten Ereignisse kann zur Nachricht werden.
In diesem Zusammenhang führt Lippmann den Begriff „news value“ (Nachrichtenwert) ein. Nachrichtenwert meint die Publikationswürdigkeit von Ereignissen, die sich aus einer Kombination von Merkmalen ergibt, die Journalisten den Ereignissen zurechnen.
Nach Lippmann wird der Nachrichtenwert u. a. bestimmt durch:
Ungewöhnlichkeit
Bezug zu bereits etablierten Themen
Entfernung des Ereignisorts zum Verbreitungsgebiet des Mediums
zeitliche Begrenzung
Einfachheit
Konsequenzen
Beteiligung einflussreicher oder bekannter Personen
US-Perspektiven auf Nachrichtenauswahl und -inhalte (Shoemaker & Reese, 1996)
In den USA ist die Problematik der Nachrichtenauswahl stärker mediensoziologisch und kommunikatorzentriert sowie praxisorientiert eingebettet. Shoemaker & Reese (1996) nennen mehrere Perspektiven:
Spiegel-/Verzerrungsdebatte: Seit den 1930er-Jahren wird angenommen, Nachrichten reflektierten soziale Wirklichkeit relativ unverzerrt. Gegenargument: Nachrichten können Wirklichkeit in Richtung dominanter Werte bzw. Stereotype verzerren (z. B. im Umgang mit Minderheiten).
„Social construction of reality“ (seit den 1980er-Jahren): Unterschieden werden soziale Wirklichkeit, mediale Wirklichkeit und individuell rekonstruierte mediale Wirklichkeit.
Einfluss von Sozialisation, Einstellungen und Organisationsroutinen: Diese beeinflussen wesentlich Form und Inhalte der Nachrichten.
Determinierung durch ökonomische, technische und politische Prozesse: Machtvolle Gatekeeper moderieren Nachrichtenauswahl nach politischen Interessen; die Problem- und Lösungsinterpretation beeinflusst eher Themen/Inhalte als den Beachtungsgrad der Meldung.
Ideologische Funktionen von Nachrichten: Nachrichteninhalte sind Funktion ideologischer Positionen, fördern den status quo und können zur Herstellung „öffentlicher Hegemonie“ beitragen.
Diese kommunikatorzentrierten Ansätze führen in den 1970er-/1980er-Jahren zu vielen Studien zur Nachrichtenproduktion; in Deutschland legt Weischenberg entsprechende Studien zur journalistischen Aussagenproduktion vor.
Europäische Forschungstradition: Östgaard (1965)
Ausgehend von Lippmann begründet Einar Östgaard (1965) die europäische Tradition. Er bündelt auswahlentscheidende Nachrichtenfaktoren in drei Kategorien:
Meldungen werden eher ausgewählt, wenn sie einfach aufgebaut sind. Unübersichtliche Geschehnisse werden tendenziell vereinfacht dargestellt.
Es gibt eine Tendenz, vertraute/bekannte Ereignisse zu thematisieren. Identifikation entsteht z. B. durch:
große geografische, kulturelle oder zeitliche Nähe zum Publikum,
Status der Ereignisnation,
Prominenz beteiligter Personen,
hohen Grad an Personalisierung.
Über dramatische und emotionalisierende Ereignisse wird eher berichtet, weil sie Aufmerksamkeit anziehen. Besonders betroffen: Meldungen über Konflikte, Katastrophen, Unfälle.
Galtung & Ruge (1965): 12 Nachrichtenfaktoren + Hypothesen
(Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge entwickeln ein erstes umfangreiches Konzept zur Bedeutung von Nachrichtenfaktoren (Auslandsberichterstattung; Kontext: Kongo-Krise). Nachrichtenfaktoren verstehen sie als kognitionspsychologisch ableitbare Mechanismen, die sowohl in der journalistischen Auswahl als auch in der Rezeption wirken.)
Sie beschreiben Nachrichtenauswahl als mehrstufigen Selektionsprozess:
Stufe 1: Nachrichtenfaktoren lenken die Wahrnehmung der Journalisten und prägen das Nachrichtenbild.
Stufe 2: Rezipienten wählen aus dem medialen Angebot Inhalte aus – auch ihre Auswahl wird von Nachrichtenfaktoren beeinflusst.
8 kulturunabhängige Faktoren: Dauer, Schwellenfaktor, Eindeutigkeit, Bedeutsamkeit, Konsonanz, Überraschung, Kontinuität, Komposition/Variation
4 auf die ‚nordwestlichen‘ Kulturen bezogene Faktoren: Betroffenheit von Elite-Nationen, Betroffenheit von Elite-Personen, Personalisierung und Negativismus
Additivitätshypothese: Je mehr Nachrichtenfaktoren zutreffen, desto größer die Chance, dass ein Ereignis zur Nachricht wird.
Komplementaritätshypothese: Schwache/fehlende Faktoren können durch starke Ausprägung anderer Faktoren ausgeglichen werden.
Exklusionshypothese: Treffen zu wenige oder keine Faktoren zu, wird nicht berichtet.
Zentrales methodisches Problem der Nachrichtenwertforschung
Ein grundlegendes Problem ist:
Aus Nachrichtenfaktoren in bereits publizierten Artikeln kann man nicht sicher auf ihre Relevanz im Auswahlprozess schließen, weil Informationen über nicht berichtete Ereignisse fehlen.
Deshalb wird (statt „Auswahl ja/nein“) meist Folgendes gemacht:
Man setzt Vorkommen und Intensität von Nachrichtenfaktoren in veröffentlichten Nachrichten in Beziehung zum Beachtungsgrad der Meldung.
Beachtungsgrad wird (z. B. im Fernsehen) operationalisiert über:
Umfang/Länge der Meldung
Platzierung
Ankündigung vor Sendebeginn
Die dahinterliegende Annahme: Beiträge mit vielen bzw. stark ausgeprägten Faktoren erhalten höhere Medienbeachtung – und Faktoren, die hohe Beachtung erzeugen, führen tendenziell auch zur Veröffentlichung.
Weitere Studien
Schulz (1976) wendet als erster Forscher im deutschsprachigen Raum die Nachrichtenwerttheorie an.
Neben Zeitungen und Hörfunksendungen analysiert Schulz die Hauptnachrichten von ARD und ZDF, „Tagesschau“ und „heute“, und schließt auch unpolitische Meldungen in die Analyse mit ein.
Bei einzelnen Nachrichtenfaktoren kann Schulz zwischen verschiedenen Themen sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede feststellen (siehe Abbildung).
In einer zweiten Studie analysiert Schulz (1982) die Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF, die Berichterstattung der Bild-Zeitung und die der Mainzer Allgemeinen Zeitung.
Es zeigt sich, dass bei der Berichterstattung über politische Themen fast alle codierten Nachrichtenfaktoren wirksam sind.
Dabei wirken die Faktoren ‚Elite-Personen‘, ‚Tragweite‘ und ‚Vorhersehbarkeit‘am stärksten auf den Umfang der Berichterstattung,
gefolgt von den Faktoren ‚Kontroverse‘, ‚Betroffenheit‘, ‚Emotionen‘ und ‚Stereotypisierung‘.
Kausalmodell vs. Finalmodell
Seit Galtung & Ruge gehen viele davon aus, dass die Kombination/Ausprägung von Nachrichtenfaktoren, die ein Ereignis aufweist, seinen Nachrichtenwert bestimmt
Diese Bedeutung kann wiederum an der Aufmerksamkeit (Platzierung, Länge des Beitrags usw.) gemessen werden, die Journalisten diesem Thema widmen.
Da also ein kausaler Zusammenhang zwischen den Nachrichtenfaktoren eines Ereignisses und seinem Nachrichtenwert angenommen wird, bezeichnet man das diesen Studien zugrundeliegende Modell auch als ‚Kausalmodell‘.
Abbildung 2:
Finalmodell:
Alternativ dazu hat Staab (1990, S. 207) ein ‚Finalmodell‘ postuliert.
Er geht davon aus, dass die Nachrichtenfaktoren erst durch die journalistische Bearbeitung betont und so sichtbar werden
Je stärker ein Journalist ein Ereignis herausstellen möchte, desto mehr Raum und Beachtung wird er einem Beitrag einräumen.
Um diese Entscheidung zu legitimieren, muss er entsprechend viele Nachrichtenfaktoren im Beitrag unterbringen.
Staab (1990): politische TV-Berichterstattung und Konflikte
—> nochmal nachlesen
Staab findet differenzierte Zusammenhänge je Berichterstattungsfeld:
Innenpolitische TV-Berichterstattung: Nur Kontroverse wirkt positiv auf den Umfang.
Internationale Politikberichterstattung: Möglicher Schaden und Etablierung der Themen wirken positiv auf den Umfang.
Nachrichten zu vier politischen Konflikten: Zusammenhang mit Umfang bei: Personalisierung, Reichweite, Kontroverse, möglicher Schaden, tatsächlicher Nutzen, tatsächlicher Schaden, Prominenz, Aggression, persönlicher Einfluss.
Abbildung 3 konkretisiert das für einzelne Themenfelder (x-Markierungen):
Kontroverse: Nationales; 35-Stunden-Woche; Spendenaffäre; Mittelamerika
Möglicher Schaden: Internationales; 35-Stunden-Woche; Spendenaffäre
Etablierung: Internationales
Personalisierung: 35-Stunden-Woche; Ausländer in der BRD
Tatsächlicher Nutzen: 35-Stunden-Woche
Tatsächlicher Schaden: 35-Stunden-Woche; Spendenaffäre
Prominenz: Spendenaffäre
Reichweite: Spendenaffäre
Aggression: Mittelamerika
Persönlicher Einfluss: Mittelamerika
Staab fasst zudem medienspezifische Unterschiede zusammen (Straßenverkaufszeitungen, Hörfunk, dpa-Basisdienst, Fernsehnachrichten).
Diese Unterschiede werden als Ergebnis verschiedener Einflussgrößen beschrieben, die auf Gesellschafts-, Mediensystem-, Organisations- und Individualebene wirken.
Die jeweilige Kombination bestimmt, welche Aufmerksamkeitskriterien/Selektionsregeln in einem Medium maßgeblich sind und welchen Faktoren besondere Bedeutung zukommt.
Eilders (1997): wichtige Faktoren für Beachtungsgrad
In einer umfangreichen Zeitungsanalyse schätzt Eilders die Faktoren:
Etablierung
Reichweite
Prominenz
Kontroverse als besonders wichtig für den Beachtungsgrad ein.
Dagegen zeigen:
Überraschung
Faktizität (= Ereignishaftigkeit) einen negativen Effekt: Journalisten weisen lang eingeführten Themen, prominenten Personen, hoher Reichweite, vielen Betroffenen und kontroversen Inhalten hohe Bedeutsamkeit zu, während überraschenden und stark ereignishaften Beiträgen eher geringe Bedeutung zugewiesen wird.
Beim Beachtungsgrad zeigen sich besonders starke Zusammenhänge über:
Überschriftengröße
Platzierung der Meldung.
Nachrichtenwerte in deutschen TV-Nachrichten (Ruhrmann et al. 2003)
In der (laut Text) bislang komplexesten empirischen Langzeitstudie zu Nachrichtenwerten in deutschen TV-Nachrichten analysieren Ruhrmann et al. (2003) erstmals den gesamten Nachrichtenprozess mithilfe eines analytischen Modells.
Dabei werden drei Perspektiven bzw. Datenquellen zusammengeführt:
Nachrichtenfaktoren der Journalisten (ermittelt durch Befragung)
Nachrichtenfaktoren der Nachrichten selbst (ermittelt durch Inhaltsanalysen)
Nachrichtenfaktoren der Rezipienten (ermittelt durch Befragungen mit Erinnerungsanalysen: „aided recall“und „unaided recall“)
Die Abbildung visualisiert den Nachrichtenprozess als Zusammenspiel von Ereignissen, Journalisten, Nachrichten und Zuschauern:
Ereignisse bilden den Bezugspunkt, aus dem Journalisten auswählen.
Journalisten produzieren „Nachrichten“ und greifen dabei auf Nachrichtenfaktoren/-routinen zurück (diese beeinflussen also die Herstellung/Selektion).
Nachrichten stehen im Zentrum: Sie sind das Ergebnis journalistischer Verarbeitung.
Zuschauer nehmen Nachrichten wahr; auf ihrer Seite werden Nachrichtenfaktoren gewissermaßen (re)konstruiert (in der Grafik als „(re)konstruierte Nachrichtenfaktoren“ markiert).
Zusätzlich zeigt die Grafik, dass Wahrnehmungen vom Publikum wiederum in Beziehung zum Prozess stehen (die Öffentlichkeit/Publikumswahrnehmung ist also Teil des Gesamtzusammenhangs).
Die Kernaussage der Modelllogik (so wie sie im Text genutzt wird): Nachrichtenwerte lassen sich nicht nur „im Text“ oder „im Ereignis“ finden, sondern werden im Gesamtprozess sichtbar – bei Journalisten, im Nachrichtenprodukt und bei den Rezipienten.
Längsschnittanalyse 1992–2001: Themen und Nachrichtenfaktoren
Zusätzlich identifiziert die Forschergruppe um Georg Ruhrmann in einer breit angelegten Längsschnittanalyse (über 2.400 Meldungen aus Hauptnachrichtensendungen, Zeitraum 1992–2001) einen weiteren Nachrichtenfaktor:
„Visualität“ (verstanden als Visualisierung eines Nachrichtenthemas)
Es wird sichtbar, dass die Fernsehnachrichten seit 1992 einen Rückgang politischer Berichterstattung verzeichnen – besonders bei den privaten Sendern.
Die Privaten orientieren sich stärker an „Human Touch“; Themen wie Personality oder Kriminalität nehmen zu.
Es zeigt sich eine zunehmend konfliktorientierte Darstellung, besonders in der internationalen Berichterstattung.
Innenpolitische Ereignisse erhalten einen hohen Nachrichtenwert, wenn prominente oder einflussreiche Personen beteiligt sind.
Insgesamt wird die Berichterstattung:
inhaltlich-thematisch differenzierter,
zugleich aber auch selektiver und dynamischer.
Die Fortsetzungsstudie von Maier, Ruhrmann und Klietsch (2006; Ruhrmann 2006b) bestätigt im Wesentlichen die bisherigen Ergebnisse.
Unpolitische Themen nehmen in den Hauptnachrichtensendungen noch weiter zu – jetzt nicht mehr nur bei den Privaten.
Internationale Politik (mit und ohne deutsche Beteiligung) wird nur noch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ungefähr auf einem ähnlichen Niveau wie 1991 berichtet.
Bei den privaten Anbietern wird dieser Themenbereich teilweise mehr als halbiert.
Visualität wird im Vergleich zu 2001 noch wichtiger.
Zusätzlich gewinnt die „bildliche Darstellung von Emotionen“ an Bedeutung.
Wichtig ist hier auch die Veränderung in der Erklärungsleistung:
2004 lassen sich bei unpolitischen Themen erstmals Umfang, Platzierung und Ankündigung von Themen (diese drei Größen „machen den Nachrichtenwert aus“) auf Nachrichtenfaktoren zurückführen.
2001 konnten Nachrichtenfaktoren den Nachrichtenwert statistisch nur bei internationalen Themen erklären.
Diese Befunde stützen (laut Text) erneut die Annahme einer Tendenz zur „Boulevardisierung“ (Krüger, 2001) in deutschen Fernsehnachrichten – insbesondere bei den privaten Sendern.
Differenzierungen und Kritik an der Nachrichtenwertforschung
Die Kommunikationsforscherin Eilders (1997) kritisiert, dass viele Studien zu Nachrichtenfaktoren nicht untersuchen, ob über ein Ereignis berichtet wird, sondern wie darüber berichtet wird.
Der Fokus liegt vor allem auf inhaltsanalytischen Untersuchungen, die den Einfluss von Nachrichtenfaktoren auf den medialen Beachtungsgrad erfassen
Der Beachtungsgrad wird operationalisiert über:
Umfang der Berichterstattung
Platzierung der Meldungen
Ankündigung von Themen (z. B. Schulz, 1976; Staab, 1990)
Grundlage der Analysen sind Meldungen, nicht die Ereignisse an sich.
Entscheidend ist: Den Analysen liegen Meldungen zugrunde, nicht die Ereignisse selbst. Damit bleibt offen, welche Ereignisse gar nicht zur Nachricht wurden.
Der „Doppelcharakter“ der Nachrichtenfaktoren
Nach Eilders (1997) und Ruhrmann (2005b) besitzen Nachrichtenfaktoren einen theoretisch diskutierten Doppelcharakter:
1. Theoretische Perspektive
Nachrichtenfaktoren gelten als kognitiv wirksame Auswahlkriterien.
Sie lenken die Aufmerksamkeit von Individuen.
Vertreter dieser Sichtweise:
Walter Lippmann (1922/1998)
Östgaard (1965)
Johan Galtung & Ruge (1965)
2. Empirische Perspektive
In Studien werden Nachrichtenfaktoren als Merkmale bereits berichteter Ereignisse erhoben.
Implizite Annahme:
Nachrichtenfaktoren wirken als kognitive Selektionskriterien (Nachrichtenfaktoren sind gedankliche Auswahlregeln, mit denen entschieden wird, welche Ereignisse als berichtenswert wahrgenommen werden.)
Sie steuern journalistische Berichterstattung.
Fazit:
Gemessen werden damit nicht die selektiven Wahrnehmungsmechanismen selbst, sondern die Ergebnisse ihres Einflusses auf die Berichterstattung (z. B. bessere Platzierung, größerer Umfang).
Was sind „selektive Wahrnehmungsmechanismen“?
Gemeint sind innere, kognitive Prozesse, zum Beispiel:
Wie Journalisten Ereignisse wahrnehmen
Welche Ereignisse ihnen auffallen
Welche sie als wichtig oder relevant einschätzen
Nach welchen Kriterien sie auswählen, worüber berichtet wird
Was wird in der Forschung tatsächlich gemessen?
In Inhaltsanalysen wird nicht untersucht:
was Journalisten gedacht haben
wie sie Ereignisse wahrgenommen haben
welche inneren Kriterien sie angewendet haben
Stattdessen misst man sichtbare Merkmale der Berichterstattung, z. B.:
Platzierung einer Meldung (Titel, Aufmacher, Randnotiz)
Umfang (Länge, Anzahl der Beiträge)
Häufigkeit oder Ankündigung
-> Gemessen werden nicht die kognitiven Selektionsprozesse, sondern deren sichtbare Resultate in der Berichterstattung.
Genau darin liegt der Kern der Kritik von Eilders:
Theorie behauptet kognitive Wirkung
Empirie misst mediale Darstellung
Kepplingers Zwei-Komponenten-Modell der Nachrichtenauswahl
Hans Mathias Kepplinger argumentiert, dass jede journalistische Publikationsentscheidung auf zwei Faktoren beruht.
Er schlägt deshalb ein Zwei-Komponenten-Modell der Nachrichtenauswahl vor:
Merkmale der aktuellen Ereignisse und Themen
Nur bestimmte Ereignisse kommen überhaupt für eine Publikation infrage.
Journalistische Selektionskriterien
Kriterien, die diesen Ereignismerkmalen Bedeutung für die Publikationsentscheidung verleihen.
→ Erst das Zusammenwirken beider Komponenten erklärt journalistische Selektion.
-> Nachrichtenauswahl ist also weder allein durch Ereignisse noch allein durch journalistische Routinen erklärbar, sondern entsteht aus deren Zusammenspiel.
Medienspezifische Gewichtung von Nachrichtenfaktoren
Wenn Nachrichtenfaktoren in allen Medien gleich gewichtet würden:
würden alle Medien gleich berichten
In der Realität:
unterscheiden sich Medien deutlich in der Gewichtung einzelner Faktoren
Beispiel:
Der Nachrichtenfaktor „Prominenz“
ist für TV-Boulevardmagazine wichtiger
als für die Tagesschau
Folge:
Über Ereignisse mit prominenten Beteiligten wird
wahrscheinlicher in Boulevardmedien
berichtet als in klassischen Nachrichtensendungen
Inhaltsanalysen zeigen:
Es gibt medienspezifische Aufmerksamkeits- und Selektionskriterien
Unterschiede bestehen:
in der Anzahl der einflussreichen Nachrichtenfaktoren
darin, welche Faktoren überhaupt relevant sind (Maurer & Reinemann, 2006)
Thematische Abhängigkeit
Die Relevanz von Ereignismerkmalen hängt auch vom Themenfeld ab, z. B.:
Innenpolitik
Außenpolitik
unpolitische Ereignisse
Sport
politische Konflikte
Beispiel Staab:
Der Einfluss der Nachrichtenfaktoren war
in der Konfliktberichterstattung am höchsten
Trends der Nachrichtenforschung
Ruhrmann & Göbbel (2007) fassen die bisherigen Erkenntnisse zu Entwicklung von Nachrichten und Nachrichtenforschung in neun Trends zusammen:
Die journalistische Nachrichtenproduktion, besonders im Fernsehen, ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark kommerzieller geworden.
Fernsehen entwickelt sich – auch auf Druck der EU – teilweise
von einem Kulturgut
zu einer Dienstleistung.
Nachrichten richten sich zunehmend nach:
Service-Nutzen
Konsuminteressen
Erwartungen der Zuschauer
Die Nachrichtenauswahl und -produktion ist geprägt von starker Konkurrenz.
Diese äußert sich in einem steigenden Aktualitätsdruck.
Bei gleichbleibenden oder sinkenden:
finanziellen
technischen
personellen Ressourcen entsteht ein Zwang zur schnellen Berichterstattung.
Nachrichten im dualen System sind formal und inhaltlich dynamischer, komplexer und vielfältiger geworden.
Das Nachrichtenangebot hat sich quantitativ und qualitativ vervielfältigt und thematisch stark differenziert.
Fernsehnachrichten sind insgesamt unpolitischer geworden, besonders bei großen und kleineren privaten Sendern.
Stattdessen gewinnen Human Touch und Angstthemen an Bedeutung, vor allem in wirtschaftlich benachteiligten Regionen (z. B. Ostdeutschland).
Nachrichtenfaktoren wie Personalisierung, Konflikt, Gewalt/Aggression, Emotionen und Visualisierung steigern bei vielen Themen (inbesondere unpolitischen) den Beachtungsgrad und können unter bestimmten Bedingungen Depolitisierung verstärken.
Nachrichten repräsentieren den rapiden sozialen Wandel (Globalisierung, Ökonomisierung, Technisierung, Bürokratisierung, Individualisierung) und werden zugleich von diesen Trends in Form und Inhalt beeinflusst.
„News Bias“-Forschung: politisch und unpolitisch
Der englische Begriff „bias“ bedeutet u. a. Hang, Vorliebe oder Tendenz. Die News-Bias-Forschung untersucht:
Unausgewogenheiten,
Einseitigkeiten,
politische Tendenzen in der Medienberichterstattung sowie deren Ursachen.
Im Mittelpunkt steht der Zusammenhang zwischen:
den Einstellungen der Kommunikatoren
und ihrer Nachrichtenauswahl.
Die Forschung hat ihre Wurzeln in den USA der 1930er- und 1940er-Jahre.
Zu den unpolitischen Bias-Formen zählen u. a.:
Accuracy Bias (mangelnde Sorgfalt),
Racial Bias,
Crime Bias.
Eine der ersten Studien zum politischen Bias stammt von Malcolm W. Klein und Nathan Maccoby. Sie untersuchten die Berichterstattung im US-Präsidentenwahlkampf 1952.
Zentrale Befunde:
Pro-republikanische Medien berichteten häufiger über Eisenhower.
Pro-demokratische Medien stellten Stevenson stärker heraus.
Unterschiede zeigten sich in:
Aufmachung,
Platzierung,
Überschriftengröße,
Auswahl der Argumente.
Es lassen sich zwei grundlegende Vorgehensweisen unterscheiden:
Experimentelle Studien
Nachrichtenauswahl oder Berichterstattung wird simuliert
Journalisten oder andere Versuchspersonen treffen Entscheidungen
Inhaltsanalysen
Analyse journalistischer Texte
häufig kombiniert mit Befragungen von Journalisten
Ziel: Zusammenhang zwischen politischer Einstellung von
Journalisten,
Verlegern,
Herausgebern und der Berichterstattung
Typische Untersuchungsanlässe:
Wahlkämpfe
Ruth C. Flegel und Steven H. Chaffee kombinierten Inhaltsanalyse und Befragung:
Befragt wurden:
9 Journalisten einer progressiven Zeitung
8 Journalisten einer konservativen Zeitung
Themen: 13 Konfliktthemen
Ergebnisse:
Journalisten gaben an, Nachrichten nach Kriterien wie Relevanz oder lokale Nähe auszuwählen.
Gleichzeitig räumten sie ein, dass ihre eigene Meinung einen stärkeren Einfluss habe als:
vermutete Verlegermeinungen
vermutete Lesermeinungen.
Die Inhaltsanalyse bestätigte:
einen starken Einfluss der Journalistenmeinungen auf die Inhalte.
Nur bei progressiven Zeitungen ließen sich zusätzlich auch die vermuteten Verleger- oder Lesermeinungen in den Texten nachweisen.
Framing – ein Interpretationsrahmen
Framing bezeichnet in der Medienwirkungsforschung den Prozess, bei dem (politische) Ereignisse und Themen in bestimmte Deutungsraster eingebettet werden.
Ziel ist es, komplexe Informationen zu selektieren und zu strukturieren, sodass bestimmte Aspekte hervorgehoben werden.
Dadurch werden:
eine Problemdefinition
eine Ursachenzuschreibung
eine moralische Bewertung
und/oder eine Handlungsempfehlung besonders betont.
Zentrale Definition nach Robert Entman
Framing bedeutet, bestimmte Aspekte der wahrgenommenen Realität auszuwählen und sie in einem Kommunikationstext salient (hervorgehoben) zu machen.
Dies geschieht, um:
eine bestimmte Problemdefinition
eine kausale Interpretation
und/oder eine Handlungsempfehlung zu fördern.
(Entman, 1993)
Arten von Frames
Was sind Frames?
Frames = Interpretationsrahmen
Sie sind:
kognitive Strukturen
Bündel von Schemata
Frames stellen eine Verbindung zwischen dem Medium und seinem Inhalt (Darstellung) und dem Rezipienten (Schema) her.
Sie strukturieren die (wahrgenommene) Realität, indem sie:
Probleme definieren,
bewerten,
Ursachen zuschreiben
und ggf. Handlungsempfehlungen ableiten.
(vgl. Unz, 2008)
1) Media Frames
Entstehen durch:
journalistische Normen,
Selektion,
Hervorhebung oder Betonung bestimmter Realitätsausschnitte.
Die „Rahmung“ ergibt sich aus organisatorischen Festlegungen des Mediums.
Media Frames dienen der schnellen Identifikation und Klassifizierung von Informationen.
Drei Formen der Klassifizierung (am Beispiel sozialer Bewegungen):
a) Diagnostic Framing
Eine Situation wird als problematisch oder änderungswürdig dargestellt.
Gleichzeitig werden Verantwortliche bzw. Schuldige für den Zustand benannt.
Beispiel: Darstellung einer „Flüchtlingswelle“ als gesellschaftliches Problem.
b) Prognostic Framing
Neben der Problemursache werden Lösungen und Prognosen zur Behebung des Problems aufgezeigt.
Wichtig für Selbsterhalt und langfristigen Erfolg sozialer Bewegungen.
Beispiele:
Antidiskriminierungsgesetz
Gender-Richtlinien
c) Motivational Framing
Begründet, warum aktives Mitwirken an gesellschaftlichen Bewegungen notwendig ist.
Ziel: Sicherstellung von (ehrenamtlichem) Engagement.
Moralisierung von Handlungsbedarf und -bereitschaft
besonders in der Weihnachtszeit oder bei Katastrophen.
2) Audience Frames
Audience Frames sind gespeicherte Ideengebilde beim Rezipienten.
Sie steuern die individuelle Informationsverarbeitung und wirken als Interpretationsraster.
Je früher diese Raster verinnerlicht werden:
desto schwieriger sind sie zu verändern
und an neue Realitäten anzupassen.
Gatekeeping im digitalen Zeitalter
Im Zuge der weiteren Entwicklung digitaler Medien, insbesondere des Internets, verändert sich das Gatekeeping grundlegend.
Die frühere Deutungshoheit klassischer Medien im Sinne von „one to many“ wandelt sich zu einer Meinungsmacht vieler („many to many“).
Dieser Prozess wird als Demokratisierung der Medien beschrieben.
Dadurch wird ein Agenda-Setting von unten möglich.
Menschen schließen sich:
langfristig oder
temporär zu Interessensgruppen („Communities“) zusammen.
Auch Einzelpersonen besitzen heute die Möglichkeit,
Öffentlichkeit herzustellen
und Themen zu setzen – vergleichbar mit einem Medienkonzern.
Durch Audio- und/oder Videoblogs gelangen Themen in die Öffentlichkeit,
die nicht selten von klassischen Medien als Quelle der Berichterstattung genutzt werden.
Digitale Plattformen bieten Raum für kostenfreie Meinungsäußerung, z. B.:
Facebook
Twitter
YouTube
Einschränkung: Diese Meinungsfreiheit besteht nicht, wenn Plattformen in Diktaturen gesperrt sind.
Ein bekanntes Beispiel ist der frühere US-Präsident Donald Trump.
Er nutzt Twitter-Einträge, um:
nicht über klassische Medien zu kommunizieren,
sondern seine Themen autark zu bestimmen.
Dieses Prinzip gilt grundsätzlich für jedermann:
Mit resonanzfähigen Informationen/Nachrichten kann jeder Aufmerksamkeit erzeugen.
Das digitale Zeitalter führt zu Unübersichtlichkeit:
Die Menge an Text-, Bild- und Video-Informationen ist extrem groß.
Dadurch steigt die Notwendigkeit der Selektion.
Online-Suchmaschinen übernehmen die Rolle neuer Gatekeeper.
Die Reihenfolge der Suchtreffer basiert auf:
der Popularität von Websites
einem geheimen Algorithmus der Suchmaschinenanbieter
sowie einem „Klick-Ranking“ der User, das den Selektionsprozess mitbeeinflusst.
Die Glaubwürdigkeit und Glaubhaftigkeit digitaler Informationen ist schwerer zu beurteilen.
Besonders Menschen mit gering ausgeprägter Medienkompetenz:
unterliegen einer erhöhten Manipulationsgefahr.
Lernkontrollfragen
Aufgabe 2.1
Wofür steht das Akronym „GUN-Prinzip“?
Das Akronym steht im Zusammenhang mit Grundsätzen für die Nachrichtenauswahl und verbindet die drei Worte:
G: für Gesprächswert (also eine Wert, den ein Ereignis hat, über das man spricht, diskutiert, sich ärgert oder sich freut),
U: für Unterhalt (ein Ereignis, das in Verbindung mit der eigenen Lebenswelt steht, das verblüfft oder amüsiert). Ausschlaggebend ist die Nähe zur eigenen Lebenssituation, den eigenen Wünschen und Sehnsüchten.
N: für Neuigkeit (bzw. Überraschung, je unerwarteter ein Ereignis eintritt, desto eher wird es zur Nachricht).
Aufgabe 2.2
Benennen Sie die wesentlichen Forschungsrichtungen zur Darstellung und Erläuterung der Nachrichtenauswahl.
Zu den wesentlichen Forschungsrichtungen zählen die Gatekeeperforschung, die Nachrichtenwertforschung, die News-Bias-Forschung und der Framing- Ansatz.
Aufgabe 2.3
Wodurch unterscheidet sich der Ansatz der Gatekeeper-Forschung von David M. White von nachfolgenden Schwerpunkten?
Leitender Gedanke war die Annahme, dass der Journalist nach subjektiven, individuellen Kriterien seine Entscheidung(en) trifft.
Dieser Persönlichkeitsansatz isolierte alle anderen denkbaren Faktoren bei der Gatekeepertätigkeit.
Man stellte einseitig auf eine Persönlichkeitspsychologie ab, die besagt, der Journalist arbeite mehr oder weniger allein.
Aufgabe 2.4
Welche Hypothesen zur Überprüfung der Wirkungsweise bei der journalistischen Nachrichtenvermittlung formulierten Galtung und Ruge?
Um ihre Wirkungsweise bei der journalistischen Nachrichtenvermittlung zu überprüfen, formulieren Galtung und Ruge die Additivitätshypothese (Nachrichtenfaktoren wirken additiv und komplementär; demnach ist die Chance für ein Ereignis, zur Nachricht zu werden, umso größer, je mehr Nachrichtenfaktoren auf ein Ereignis zutreffen),
die Komplementaritätshypothese (das Fehlen oder die zu geringen Ausprägungen von einem oder mehreren Nachrichtenfaktoren sollte dadurch auszugleichen sein, dass das betreffende Ereignis andere Kriterien umso stärker erfüllt)
und die Exklusionshypothese (wenn auf das Ereignis zu wenige oder gar keine Nachrichtenfaktoren zutreffen, dann wird nicht darüber berichtet).
Aufgabe 2.5
Was versteht man unter dem ‚Kausalmodell‘ in der Nachrichtenwertforschung?
Die Grundannahme lautet: Die spezifische Kombination und Ausprägung von Nachrichtenfaktoren, die ein Ereignis aufweist, bestimmt seinen Nachrichtenwert.
Es wird also ein kausaler Zusammenhang zwischen den Nachrichtenfaktoren eines Ereignisses und seinem Nachrichtenwert angenommen.
Aufgabe 2.6
Was versteht man unter dem ‚Finalmodell‘ in der Nachrichtenwertforschung?
Die Grundannahme lautet: Die Nachrichtenfaktoren werden erst durch die journalistische Bearbeitung betont und so sichtbar.
Journalisten wählen Ereignisse und Meldungen nicht nur deshalb aus, weil sie bestimmte Eigenschaften (Nachrichtenfaktoren) besitzen, sie sprechen auch Ereignissen oder Meldungen, die sie aufgrund ihres instrumentellen Charakters auswählen, diese Eigenschaften erst zu oder heben sie besonders hervor.
Aufgabe 2.7
Benennen Sie Trends in der Nachrichtenforschung.
Ruhrmann und Göbbel fassen u.a. folgenden Trends zur Entwicklung der Nachrichtenforschung zusammen:
Trend der Kommerzialisierung,
politische Tendenzen der Regulierung,
service- und konsumbezogene Zuschauerorientierung,
gesteigerter Aktualitätsdruck,
„Human Touch“ und „Angstthemen“ werden wichtiger
Aufgabe 2.8
Was versteht man unter „News Bias“-Forschung?
Neben dem englischen Wort „news“ für Nachricht bedeutet „bias“ Hang, Vorliebe, Neigung oder auch Tendenz.
Die „News-Bias“-Forschung will Unausgewogenheiten, Einseitigkeiten und politische Tendenzen in der Medienberichterstattung messen sowie Aufschluss über deren Ursachen erlangen.
Im Vordergrund steht dabei der Zusammenhang zwischen den Einstellungen von Kommunikatoren und deren Nachrichtenauswahl.
Es wird zwischen unpolitischen und politischen News Bias unterschieden.
Aufgabe 2.9
Wodurch unterscheidet sich Media Frames von Audience Frames?
Media Frames entstehen durch journalistische Normen, Selektion, Hervorhebung oder Betonung bestimmter Ausschnitte der Realität durch die Medien.
Die ‚Rahmung‘ entsteht durch organisatorische Festlegungen des Mediums.
Die ‚frames‘ dienen zur schnellen Identifikation und Klassifizierung von Informationen.
Audience Frames stellen gespeicherte Ideengebilde beim Rezipienten dar, die die individuelle Informationsverarbeitung lenken, welche dann zu Interpretationsrastern werden.
Je früher man derartige ‚Raster‘ verinnerlicht hat, umso schwerer ist es, diese zu verändern bzw. an Realitäten anzupassen.
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