Biodiversität: 3 Ebenen
Was passiert, wenn eine Art im Nahrungsnetz wegfällt?
Störung des Systems
Dauer der Störung hängt von Resistenz und Resilienz ab
direkte Effekte:
Räuber verlieren Beute / Beute verliert Räuber → Populationsgrößen verschieben sich
indirekte Effekte (Kaskaden):
Arten sind über viele Nahrungsbeziehungen verbunden („trophische Interaktionen“)
Änderungen können auf mehreren Stufen passieren (Nahrungsnetz-Kaskaden)
Änderung von Artenzusammensetzung & Funktion:
Artverlust kann Ökosystemfunktionalität verringern (Degradation)
mehrere Arten erfüllen dieselbe Funktion
Wegfall einer Art kann teilweise kompensiert werden → Funktion bleibt stabil
fällt Keystone species weg, sind Effekte oft überproportional groß: definiert als stark interagierende Art mit großem Top-down-Effekt auf Artenvielfalt und Konkurrenz im Verhältnis zu ihrer Biomasse-Dominanz
kann leichter zu Kaskaden, starker Umstrukturierung des Netzes und deutlicher Funktionsänderung kommen
manche Arten verändern physische Ressourcenverfügbarkeit für andere Organismen
Wegfall kann deshalb ebenfalls viele Arten indirekt treffen
Zusammenhang Biodiversität & Biomasse
Biomasseproduktion
hängt eng mit Primärproduktion zusammen (Nettoprimärproduktion = Bruttoprimärproduktion minus Atmung)
hohe Biomasseproduktion der Produzenten ermöglicht hohe Biomasse in höheren trophischen Ebenen
Grasland (Experiment: Cedar Creek):
Zusammenhang zwischen Biodiversität und Biomasse
Primär-/Biomasseproduktion ist ressourcen-limitiert -> Zusammenhang unterschiedlich stark
Wald:
Artenverlust kann Produktivität (Biomasse) deutlich senken
wichtig: nicht immer „mehr Arten = mehr Biomasse“
funktionelle Redundanz
Keystone-Arten
Optimum bei mittlerer Diversität
Vergleiche sind kontextabhängig
Zusammenhang Biodiversität & Fläche (Species-Area-Realtionship)
Beziehung zwischen Fläche und Artenzahl ist eines der grundlegendsten Prinzipien in der Ökologie
Anzahl Arten (S) auf einer Insel steigt mit deren Größe (A):
c und z sind Konstanten, wobei z die Steigung und c den Achsenabschnitt bestimmt
Beispiel: Artenzahl auf karibischen Inseln steigt mit Größe
Species-area relationship kann genutzt werden, um Auswirkung von Habitatverlust vorherzusagen: Rückgang der Habitatfläche führt zu Verlust von Arten
Habitatverlust durch Landnutzungsänderungen (z.B. Entwaldung, Urbanisierung) ist aktuell stärkster Treiber des Biodiversitätsrückgangs in terrestrischen Lebensräumen weltweit
Rückgang der Waldfläche erklärt Rote Liste Status von Wirbeltieren
Habitatfragmentierung vs. Habitatverlust
Habitatfragmentierung -> Prozess besteht aus zwei Komponenten:
Rückgang der Habitatfläche = habitat loss
Zunahme der Distanz zwischen Flächen = fragmentation per se
beide Prozesse sind i.d.R. stark korreliert
Was passiert, wenn eine Art ausstirbt – Folgen für Menschen?
direkte Nutzung fällt weg (z. B. Nahrung, Rohstoffe)
indirekt: Ökosystemfunktionen/Leistungen sinken (Bestäubung, Wasserreinigung)
Selbstreinigung von Ökosystemen – was ist dafür verantwortlich?
Resistenz = wie stark das Ökosystem durch die Störung überhaupt „aus der Spur“ gerät
Stärke der Degradation hängt von Resistenz ab
Resilienz = wie schnell und ob es nach der Störung seine grundlegende Funktionalität wiedererlangt, statt in einen anderen Zustand zu kippen
Dauer der Degradation hängt von der Resilienz ab
Resilienz ist Fähigkeit, Funktionalität zu behalten
Primärproduktion: Hauptfunktion von Pflanzen im Ökosystem
Produzenten machen aus anorganischen Kohlenstoff -> organisches Material, indem sie Lichtenergie in chemische Energie umwandeln
Typisch (Photosynthese)
Bruttoprimärproduktion (BPP/GPP): gesamte Umwandlungsrate von Energie in organisches Material durch Autotrophe
Nettoprimärproduktion (NPP): BPP – Energieverlust durch Atmung der Produzenten
a) Wie misst man Primärproduktion (einfach)?
b) Einschränkungen bei der Messung von Primärproduktion
a)
über Biomassezuwachs (Ernte/Standing crop)
oder Gaswechsel/CO₂-Aufnahme (je nach Methode)
b)
Pflanzen atmen selbst (Brutto vs. Netto)
Herbivorie/Abwurf/Export von Biomasse
zeitliche Dynamik, Speicherorgane
Invasive Arten: Definition
gebietsfremd eingeführt
etablieren sich, breiten sich aus
verursachen (potenziell) ökologische/ökonomische/gesundheitliche Schäden
Invasionskonzept (Modell)
Introduced (eingebracht)
Casual (nicht dauerhaft selbsterhaltend)
Naturalized (dauerhaft, selbsterhaltend)
Invasive (Ausbreitung + Wirkung)
a) Archäobiota vs. Neobiota
b) Beispiele (einfaches Schema)
Archäobiota: alteingeführte Arten (historisch, „früh“ eingewandert)
Neobiota: neu eingeführte Arten (später/modern, oft durch globalen Handel)
Pflanzenbeispiel (invasiv): z. B. schnellwachsende, konkurrenzstarke Neophyten
Tierbeispiel (invasiv): z. B. aquatische Neozoen über Schifffahrt
Welche Faktoren beeinflussen, ob eine Art invasiv wird?
Ressourcenverfügbarkeit & Effizienz der Ressourcennutzung
physiologische Toleranz/Plastizität & genetische Anpassungsfähigkeit
Aufenthaltsdauer (Residence time)
biotische Interaktionen: Feinde, Krankheitserreger, Herbivoren; bestehende Artengemeinschaft
Störungsgrad
kultureller/ökonomischer Einfluss, regionale Geschichte, soziale Aktivitäten
Filtermodell zur Etablierung lokaler Artengemeinschaften (3 Filter)
Dispersal filter: kommt die Art überhaupt hin?
Environmental filter: passen Standortbedingungen?
Interaction filter: setzen sich Interaktionen durch (Konkurrenz, Prädation, Mutualismus)?
Interaction Filter: welche Interaktionen beeinflussen Etablierung?
Konkurrenz
Prädation/Herbivorie
Parasitismus/Pathogene
Mutualismus (z. B. Bestäuber, Symbiosen)
Environmental Filter: außer Mikroklima – was noch?
Habitatstruktur (z. B. Totholz)
Boden/Salinität/pH, Nährstoffe, Störung, Hydrologie
Wozu brauchen xylobionte Arten Totholz?
Ressource (Nahrung/Substrat)
Habitat/Brutraum/Schutz
fördert Mikrohabitat-Vielfalt
Schädliche Substanzen für Biodiversität – Beispiele
Mikroplastik
Schwermetalle
Pharmazeutika/Kosmetikreste
Abwasser/Einträge aus Kläranlagen
Welche Probleme verursachen Schadstoffe (typische Wirkpfade)?
Toxizität/Letalität
Reproduktion/Entwicklung gestört
endokrine Effekte (Hormonsystem)
Selektion/Resistenzentwicklung
teils genetische/epigenetische Effekte
Internationale Abkommen gegen Schadstoffbelastung (Beispiele)
Stockholm-Konvention (POPs)
Minamata-Konvention (Quecksilber)
Basel-Konvention (Abfälle)
Wirkung von Pharmazeutika in Gewässern (typisch)
hormonelle Wirkungen (z. B. Verweiblichung bei Fischen)
Verhaltensänderungen, Immun-/Stressreaktionen
chronische Effekte bei niedrigen Konzentrationen
Invasive Arten & „optimale Verteidigung“ (Optimal Defense Theory) – Kernidee
Organismen investieren Abwehr dort, wo sie am meisten „lohnt“
kann erklären, warum manche Arten in neuem Gebiet anders verwundbar/erfolgreich sind
Weiße / graue / schwarze Liste: worauf beziehen sie sich?
Listen beruhen auf wissenschaftlichen Bewertungen/Risikoanalysen
Ausbreitungspotenzial
ökologische/ökonomische Schäden
Management-/Bekämpfbarkeit
Idee:
Weiße Liste: unproblematisch/geringes Risiko
Graue Liste: unklar / Datenlücken / potenziell riskant
Schwarze Liste: klar invasiv, hohe negative Effekte → Handlungsbedarf
Aufbau einer Aue (Floodplain)
räumliche Elemente:
Flussbett + Uferzone
aktive Aue (regelmäßig überflutet; dynamisch)
Altaue (seltener überflutet; stabiler)
Altarme/Stillgewässer, Seitenarme
Funktionen:
Retentionsraum (Hochwasser)
Nährstoff-/Sedimentrückhalt
Hotspot für Biodiversität
6 Beispiele regulierender Ökosystemleistungen
Klimaregulierung (C-Speicherung)
Wasserreinigung/Filtration
Hochwasserregulation (Retention)
Erosionsschutz
Bestäubung
Schädlings-/Krankheitsregulation (weitere mögliche: Mikroklima, Luftreinigung)
Welche Ökosysteme bieten v. a. Klimaregulierung?
Moore/Feuchtgebiete (sehr hohe C-Speicher)
Wälder (Biomasse + Böden)
Grünland-Böden (Boden-C, wenn dauerhaft)
Auen (Sediment-/C-Rückhalt, hohe Produktivität)
Habitatfaktoren: Beispiele
abiotisch: Licht, Temperatur, Wasser, pH, Nährstoffe, Substrat/Boden, Strömung
biotisch: Konkurrenz, Prädation, Parasiten, Mutualismen
Struktur: Totholz, Vegetationsstruktur, Mikrohabitate
ÖSL & Artensterben am Beispiel Bestäubung
Bestäubung ist regulierende ÖSL → wichtig für Wildpflanzen & viele Kulturpflanzen
Artensterben (Bestäuber) → Bestäubungsleistung ↓
Folgen:
Erträge/Qualität ↓ (bei bestäubungsabhängigen Kulturen)
Pflanzengemeinschaften verändern sich → Kaskaden im Ökosystem
Bioindikatoren: Definition + Beispiele
Arten/Artengruppen zeigen Umweltzustand an (empfindlich gegenüber Stressoren)
Beispiele:
Makrozoobenthos für Gewässergüte
Flechten für Luftqualität
Zeigerpflanzen für Boden-pH/Nährstoffe
Ausbreitungshindernisse nach Eiszeit (Wiederbesiedlung Mitteleuropa)
Barrieren:
Gebirge, große Flüsse/Seen/Meere
ungeeignete Klimaphasen/Standorte
fehlende „Trittsteine“/Habitatkontinuität
biologische Limits:
geringe Dispersionsfähigkeit
Konkurrenz/fehlende Mutualisten
Faktoren nach der Eiszeit + Archäobiota
Einflussfaktoren:
Klimaerwärmung → Vegetationssukzession
Megafauna-Veränderungen
Mensch: Jagd, Feuer, frühe Landwirtschaft/Landnutzung
Archäobiota
Arten, die früh mit dem Menschen (v. a. seit Neolithikum) eingewandert sind
häufig Ackerbegleitflora/„Kulturfolger“
Schadstoffgruppen + Pestizide (Überblick)
Pestizide:
Herbizide, Insektizide, Fungizide
weitere Gruppen:
Pharmazeutika/Hormonaktive Stoffe
Nährstoffüberschüsse (N, P) als „Belastung“
Wirkungen:
Toxizität, Reproduktion/Entwicklung, Verhaltensänderungen, Nahrungsnetz-Effekte
Anpassungsmöglichkeiten von Arten bei Klimawandel/Habitatverlust
Ausweichen: Arealverschiebung (nach Norden/bergauf), Nutzung von Refugien
Plastizität: Verhalten/Physiologie/Phänologie anpassen
Evolutionäre Anpassung: Selektion → genetische Veränderung (wenn Variation + Zeit)
Einschränkungen:
Barrieren/Fragmentierung
zu schnelle Klimaänderung
fehlende Interaktionspartner (Bestäuber, Symbionten)
Reaktion von Populationen auf Klimawandel; funktionell wichtige Arten
mögliche Reaktionen:
Abundanz ↓/↑, Arealverschiebung, lokale Aussterben
veränderte Phänologie (z. B. Frühling früher)
Anpassung oder „Mismatch“ (z. B. Nahrung nicht synchron)
funktionell wichtige Arten:
Keystone / „Schlüsselarten“ → Veränderungen wirken stark auf Gemeinschaft/ÖSL
Waldarten: wie breiten sie sich aus?
Ausbreitungswege:
Wind (leichte Samen: z. B. Birke)
Tiere (Nüsse/Beeren: Eichelhäher, Säuger)
Wasser (Auenarten, Drift)
Mensch (Pflanzung, Verschleppung)
Geschwindigkeit abhängig von Samenbiologie + Landschaftskonnektivität
Folgen von Waldverlust (Bäume/Arten/Boden)
Biodiversität:
Habitatverlust/Fragmentierung → Spezialisten verlieren Lebensraum
Klima/C:
C-Speicher ↓ (Biomasse + Boden), Mikroklima verändert
Boden:
Erosion ↑, Nährstoffverluste ↑, Wasserhaushalt verändert (Infiltration/Abfluss)
Filtermodell: Art einem Filterschritt zuordnen
Dispersal filter: kommt die Art überhaupt an? (Barrieren, Distanz, Vektoren)
Environmental filter: passen Standortbedingungen? (Klima, Boden, Struktur, Totholz)
Interaction filter: biotische Wechselwirkungen (Konkurrenz, Prädation, Mutualismus)
Zuordnungsregel:
Problem = „kommt nicht hin“ → Dispersal
Problem = „überlebt nicht“ → Environmental
Problem = „wird verdrängt/gefressen“ → Interaction
Ökosystemdienstleistung von Totholz
direkt lebensnotwendig: obligat xylobionte Arten nutzen es als Lebensraum und Ressource
indirekte Vorteile (fakultativ xylobiont): Totholz liefert Struktur, Schutz, Mikroklima und Nahrung
hohe Naturschutzrelevanz: 28% der >1000 Totholzkäferarten in Deutschland stehen auf der Roten Liste
Abbau von organischem Materials führt zur Rückführung von Nährstoffen (Mineralisation)
Prozesse sind stark abhängig von Zersetzergemeinschaften und der Region
holzzersetzende Pilze können baumarten-spezialisiert sein
entscheidender Steuerfaktor im Zusammenhang mit Kohlenstoffspeicherung im Boden und Wasserhaushalt in naturnahen Buchenwäldern
Beziehungen im Nahrungsnetz
Produzenten bauen durch Primärproduktion organische Substanz auf („Basis“ des Netzes)
Konsumenten (Chemoheterotrophe) nutzen Biomasse; hohe Produzenten-Biomasse ermöglicht hohe Biomasse in höheren trophischen Ebenen
-> trophische Ebenen
Herbivorie (Pflanzenfressen)
Prädation: Räuber–Beute-Beziehungen
Parasitismus: Parasit nutzt Wirt (meist ohne sofortige Tötung)
Trophische Beziehungen wirken in beide Richtungen:
Bottom-up: Ressource/Primärproduktion bestimmt, wie viel „nach oben“ möglich ist
Top-down: Räuber/Parasiten regulieren darunterliegende Ebenen und verändern dadurch indirekt Pflanzen
Herbivorie: Auswirkungen top-down und bottom-up
Weil viele Arten mehrfach verknüpft sind, gibt es Kaskaden-Effekte:
Beispiel top-down cascade Yellowstone:
Wiedereinführung (Prädatoren) → Rückgang/Verhaltensänderung von Herbivoren → geringerer Verbiss → Zunahme der Vegetation
Störungen können auch Kaskaden auslösen
Keystone species = Arten mit großem Top-down-Effekt auf Artenvielfalt/Konkurrenz relativ zu ihrer Biomasse-Dominanz
entlang trophischer Ebenen kann es zur Bioakkumulation/Biomagnifikation kommen
Last changed3 days ago