Professionelles Selbstverständnis & Begriffsgeschichte
Weshalb ist eine begriffsgeschichtliche Betrachtung des Lebenslangen Lernens auch heute noch wichtig? Denken Sie dabei auch an sich als Akteurin bzw. Akteur, Ihre spätere berufliche Rolle sowie ihr Fach!
Eine begriffsgeschichtliche Betrachtung ist für mich als zukünftige Lehrerin an einer ATA/OTA-Schule in den Fächern Ethik und Recht deshalb so wichtig, weil sie die Grundlage für mein professionelles Selbstverständnis bildet. In einem hochtechnisierten und oft ökonomisch unter Druck stehenden Umfeld wie dem Operationssaal hilft mir das Wissen über die Wurzeln von Begriffen wie „Volksbildung“ oder „Weiterbildung“, die heutige Dominanz von Verwertbarkeitsgedanken kritisch zu hinterfragen.
Gerade in meinem Fach Recht muss ich verstehen, dass Bildung heute oft nur noch als Ressource zur Machtsteigerung und Marktradikalisierung gesehen wird. In der Ethik kann ich durch die Begriffsgeschichte aufzeigen, dass der Mensch mehr ist als ein „lernender Entrepreneur“ oder eine „Kompetenzschablone“ für betriebliche Ziele. Die historische Analyse gibt mir das theoretische Rüstzeug, um meinen Schülern zu vermitteln, dass lebenslanges Lernen nicht nur Anpassung an den Arbeitsmarkt bedeutet, sondern auch Emanzipation und die Entwicklung einer eigenen, reflektierten Haltung.
Biographizität & Eigene Lerngeschichte
Denken Sie an ihre eigene Lerngeschichte zurück? Welche Personen, Ereignisse und Zeitspannen waren für ihr eigenes Lernen bzw. ihre künftige Arbeit mit Menschen von besonderer Bedeutung? An was machen Sie das fest?
In meiner Lerngeschichte war vor allem mein Lehrer an der weiterführenden Schule prägend. Ich mache die Bedeutung dieser Person daran fest, dass er Lerninhalte so vermittelte, dass Lernen verständlich und motivierend wurde, was heute meinen eigenen Anspruch an gute pädagogische Arbeit definiert. Er hat mir gezeigt, dass Lernen ein aktiver Prozess ist, der die kognitive und affektive Struktur des Individuums ansprechen muss.
Ein weiteres Schlüsselereignis war die Unterstützung einer Mitschülerin beim Lernen. Hier habe ich gemerkt, dass es mir Freude bereitet, Menschen dabei zu helfen, über sich hinauszuwachsen. Ich mache die Bedeutung dieser Erfahrung an der Veränderung von Deutungsmustern fest: Ich habe gesehen, wie durch meine Hilfe Verständnis, Motivation und Selbstvertrauen entstanden sind.
Diese biographischen Erfahrungen fließen direkt in meine künftige Arbeit an der ATA/OTA-Schule ein. Sie bilden meine Grundlage für „Biographizität“ – also die Kompetenz, Wissen mit lebensgeschichtlichen Erfahrungen zu verknüpfen. Ich habe daraus gelernt, dass eine erfolgreiche Lernbegleitung Empathie, Geduld und eine wertschätzende Haltung erfordert, da Bildung immer auch ein Prozess der persönlichen Entwicklung ist.
Zusätzlicher Hinweis für deine Vorbereitung
Da du Ethik und Recht unterrichtest, ist das im Studienbrief erwähnte „Spannungsfeld von Emanzipation und Anpassung“ dein tägliches Brot. Du bereitest Menschen auf einen Beruf vor, der strengen rechtlichen Regeln unterliegt (Anpassung), musst ihnen aber gleichzeitig die moralische Urteilskraft vermitteln, in schwierigen Situationen menschlich und ethisch korrekt zu handeln (Emanzipation). Deine eigenen Erfahrungen mit Empathie sind genau der „rote Faden“, der dein professionelles Handeln leiten wird.
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